Berichte 28.04.2019 | 18:59von Colin McGourty

GRENKE Chess R7: Carlsen überrennt Aronian

Weltmeister Magnus Carlsen kam gegen Levon Aronian in der siebten Runde der GRENKE Chess Classic zu einem leichten Sieg und machte damit einen großen Schritt, um sein drittes Superturnier in diesem Jahr zu gewinnen. Lediglich Fabiano Caruana ist noch in Reichweite, nachdem die Nr. 2 in einem taktischen Schlagabtausch Arkadij Naiditsch über das Ohr gehauen hatte. Peter Svidler und MVL trennten sich remis und sind nun 1,5 Punkte zurück, während Vishy Anand aus dem Rennen ist, nachdem er in einer bereits kniffligen Stellung gegen Georg Meier fehlgriff und seine zweite Partie in Folge verlor.

Carlsen-Aronian war Einbahnstraßen-Schach | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

Alle Partien der GRENKE Chess Classic kannst du hier nachspielen:

Anerkennung sollte auch den Jungs von E&R Solutions zukommen. Denn sie produzieren all die qualitativ hochwertigen Videos der GRENKE Chess Classics. Hier kannst du zum Beispiel den letzten Clip ansehen, der einen Eindruck von der Atmosphäre während der siebten Runde gibt:

Und hier fasst Jan in kurzer Weise das Schach des Tages zusammen:

Carlsen 1-0 Aronian: Spielen wie im Fluss

Nach der Partie erklärte Magnus, dass er es paradoxerweise einfacher findet, gegen Spieler aus der Weltspitze zu spielen anstatt gegen die Außenseiter des Turniers:

Es ist viel einfacher gegen die Spieler zu spielen, gegen die ich schon öfter angetreten bin. Es fühlt sich einfach nach weniger Druck an und du kannst wie im Fluss spielen. Gegen die schwächeren Spieler denke ich über viele Entscheidungen viel zu oft und lange nach. Gegen die Besseren spiele ich wie im Fluss. Ich glaube, das hilft und ich habe mich gestern nach der Partie auch gut erholt. Dort war ich vor der Partie ein wenig besorgt, denn "wie besiegt man Georg Meier"? Als ich es dann aber geschafft hatte, war ich irgendwie entspannt und mit einem Punkt Vorsprung hat es sich gut angefühlt, heute zu spielen.

Es hilft natürlich auch, wenn du eine Neuerung parat hast, und man konnte sehen, wie entspannt er war. Nachdem er der erste Spieler auf der Bühne war, entschied er sich, diese wieder für ganze drei Minuten zu verlassen, nachdem er 1.d4 Nf6 2.c4 gespielt hatte:

Nein, das war natürlich noch nicht die Neuerung . Diese kam in einem der Hauptabspiele der Wiener Variante des Damengambits:


Wie Jan in seiner Videoserie herausstellt, ist die Stellung nach 9...Da5 sehr dynamisch, denn zwei weiße Bauern und der Lg5 sind angegriffen. Weiß hat in dieser Stellung typischerweise drei Züge: 10.Lb5+, 10.Lxf6 (wie kürzlich von Nigel Short gegen Jan in Thailand gespielt) sowie 10.Sb5, was du auch sehen kannst, wenn du in unserer Übertragung auf den Eröffnungsbaum klickst:


An dieser Stelle spielte Magnus allerdings 10.Ld2, eine an sich moderne Eröffnungsidee. Objektiv gesehen ist es vermutlich nichts dramatisches, aber es hat die zwei Vorteile, dass es einerseits zu einer absolut spielbaren Stellung führt und andererseits den Gegner aus dem Buch wirft. Oder wie Jan es ausdrückt: "Es sieht so doof aus, dass ich nicht sicher bin, ob irgendwer jemals viel Zeit hierauf verwandt hat!"

Jeder, wie du annehmen kannst, außer Magnus und Jan, der als Magnus' Sekundant während den letzten beiden Weltmeisterschaften für genau dieser Art von Ideen verantwortlich war. Während des Broadcasts hat er nichts verraten, aber sicherlich sollten die Konsequenzen von 10...Sxe4!? in einiger Tiefe analysiert werden. Levon dachte 9 Minuten nach, bevor er sich für das pragmatische 10...0-0 entschied. Aber hier war es schon klar, dass alle folgenden Entscheidungen erst nach qualvollem Nachdenken getroffen wurden.

Es sollte ein guter Tag für Magnus an seinem Arbeitsplatz werden | Foto: Oliver Koeller

Magnus wiederholte ständig das Wort "unangenehm", um die schwarze Stellung zu beschreiben, während er fühlte, dass sich die weiße Seite wie von allein spielte:

Es ist sehr, sehr seltsam: Du machst all diese natürlichen Züge, aber dann geht es irgendwie nicht weiter. Ich bin mir sicher, dass objektiv gesehen die Stellung für Schwarz ok sein muss. Aber meine Züge kommen so natürlich. Ich weiß, was ich spielen sollte und für ihn ist es viel schwieriger. Überall siehst du kleine Probleme.

Es gab sicherlich hier und da Finessen, aber Magnus beschrieb sein 22.Dd2 (anstatt des sofortigen Db2) als "im Prinzip nur ein Trick":


Sein Ziel war - und das erreichte er - durch das Androhen von c5 Levon zu provozieren, 22...f6!? zu spielen. Danach hatte Magnus das Gefühl, dass Schwarz nicht länger Gegenspiel mit Ld3 und Dg6 aufziehen konnte.

Levon versuchte schlussendlich, sich mit 26...f5?! zu befreien, hatte zu diesem Zeitpunkt aber nur noch 6 Minuten auf der Uhr.

chess24: Ist Magnus nah dran, einen weiteren Sieg in einem Superturnier für sich zu reklamieren? Er steht mittlerweile viel besser gegen Aronian, der nur noch 6 Minuten für 14 Züge hat!

Anish Giri: Superturnier?

Er nutzte fast seine komplette verbliebene Zeit für 27...e4?!. Doch in der Folge beschleunigte die Zeitnot nur den Kollaps der schwarzen Stellung. Das muss Magnus sehr gefallen haben vor dem Hintergrund, dass es bei der nächsten WM erst mit dem 61. Zug ein Inkrement geben wird! Der Rest war einfach für Magnus, der nach sechs langen, harten Partien endlich auch mal als Erster fertig war:

chess24: Selbst mit Inkrement tyrannisiert Carlsen Aronian mit der Bedenkzeit und der Stellung auf dem Brett. Er steht nun bei +4 bei den GRENKE Chess Classics und sein Live-Rating ist 2867,7 Elo!

Der Großmeister Pepe Cuenca erklärt uns die ganze Partie:

Und hier spricht Magnus zu Jan und Peter im Anschluss an die Partie:

Der Weltmeister hatte verständlicherweise gute Laune. Seine Resultate nach dem WM-Kampf werden einfach immer besser und besser...

Tarjei J. Svensen: Zeit für ein Update zu Carlsens derzeitiger Performance in 2019: Performace: 2925. Score: 74,1% (+14 =15 -0), Performance mit Weiß: 3016 (+8 =5 -0), Performance mit Schwarz: 2860 (+6 =10 -0). Partien seit der letzten Niederlage: 57

.. und es gibt nur noch einen Spieler, der einen Punkt weniger er hat bei noch zwei ausstehenden Runden:

Caruana 1-0 Naiditsch

Caruana ist schon wieder Carlsens Hauptrivale | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

Arkadij Naiditsch ging in die Partien mit zwei Siegen aus den letzten drei Runden, aber vermutlich trieb ihn das Adrenalin auf die schiefe Bahn. Gegen Fabis Katalanen stand er lange gut, bis zu 17.Lf4:


Hier hätte er mit 17....Td5 alles unter Kontrolle halten können, auch 17...a6 war möglich oder der Zug, den Magnus in Sekundenschnelle sah, da er an seinem Brett sich über nichts Gedanken machen musste: 17...Sxb3! Die Idee liegt daran, dass 18.Sxb3 in 18...Td5! läuft, wenn Weiß vermutlich sofort die Figur mit 19.Sc5 zurückgeben wird, weil 19.Dc4 mit 19...Tc8 gekontert wird. Danach könnte nur Schwarz besser stehen.

Magnus hoffte darauf, dass das aufs Brett kommen würde, aber stattdessen folgte 17…Lc3?! 18.Tac1 a6?! 19.De5! (keine Angst vor Gespenstern!) 19…Lxf3?! 20.Lxf3 Lxd4 21.Dxa5 und Weiß kam aus den Komplikationen mit einem gesunden Mehrbauern und besser postierten Figuren. Für Arkadij ging es vom Regen in die Traufe und er hatte mit Zug 33 aufzugeben:

chess24: Caruana schlägt Naiditsch und behält die Chance, seinen Titel beim GRENKE Chess zu verteidigen. Er liegt einen Punkt hinter Magnus bei noch zwei ausstehenden Runden!

Die andere entschiedene Partie war ein Schocker:

Anand 0-1 Meier

Georg Meier hat nun gegen Vishy Anand einen positiven Score | Foto: Georgios Souleidis, GRENKE Chess 

Es war eine harte Partie für Vishy Anand, der nach seiner Niederlage gegen Naiditsch nun gegen Georg Meiers Rubinstein-Franzosen völlig den Faden verlor und in große Schwierigkeiten geriet. Es schien so, als ob er der Rettung bereits nahe war, aber gerade in dem Moment, wo er einen schönen Zeitvorsprung auf der Uhr hatte und er näher am Remis als an der Niederlage war, entschied er sich für 35.Td4?!, was einen groben Fehler einleitete nach 35…Tg1+ 36.Kc2??

Howard Staunton: Als unser Freund seinen Zug spielte, erinnerte uns seine Contenance an Socrates, wie er eine Tanne zum Umfallen bringt.

Es folgte 36...Tgb1! und Vishy gab auf, weil er zu seinem Schrecken realisieren musste, dass das beabsichtigte 37.Txc4 seine Probleme aufgrund von 37...T7b2+ 38.Kd3 Td1+ 39.Ke3 Te1+ 40.Kd4 Td2+ nicht löst, da Weiß den Turm auf e5 verliert. Andere Varianten sind gleichsam traurig. Pointiert fasste Jan das so zusammen: "Vishy hat einen Turm in einem Doppelturmendspiel verloren. Das sind schlechte Neuigkeiten."

Für Meier war das der erste Sieg nach drei Remis gegen den fünffachen Weltmeister, gegen den er nunmehr einen positiven Score hat. Nicht schlecht für einen Amateur, denn Georg offenbarte in der post-mortem-Analyse, dass er mittlerweile in Baden-Baden wohnt und als "Risk Controller" für die GRENKE Bank, den Sponsor des Turniers, arbeitet.

Die beiden verbliebenen Partien endeten Remis, aber keine davon war ein typisches Großmeister-Remis. In beiden Aufeinandertreffen war es zudem der Außenseiter, der echte Gewinnchancen hatte. Dem 14-jährigen Vincent Keymer ist mittlerweile ein respektables Ergebnis in diesem Turnier garantiert. Nachdem er gegen Georg Meier gewann, erspielte er sich noch zwei Remis. Eines gegen Levon Aronian, das andere gegen Peter Svidler.

Es war eine etwas unrunde Partie für Peter Svidler | Foto: Oliver Koeller

Der kuriose Moment kam nach 23…a5:


Keymer konnte hier 24.Txd8+ Txd8 25.Db5! spielen, was einen Bauern gewinnt. Auch wenn Schwarz möglicherweise genug Kompensation dafür bekommen hätte, um mittels 25...Td2 remis zu machen, wäre es an Svidler gewesen, das auch nachzuweisen. Stattdessen aber spielte Vincent 24.a3?! und wenn hier irgendwer schlechter stand, dann eher Weiß. Das Remis mit Zug 42 war aber nie wirklich in Gefahr.

Maxime und Paco sollten die längste Partie des Tages spielen | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

MVL – Vallejo hing ebenso an einem einzigen Halbzug:


Hier spielte Paco Vallejo 27…h5!?, und nach 28.g5 war die Struktur geschlossen und konnte mehr oder weniger nicht mehr bis zum Ende der Partie geöffnet werden, auch wenn Maxime versuchte, das Bauernopfer f5 spielbar zu machen. Falls Paco das Remis gegen einen starken Gegner haben wollte, war 27…h5 ein guter Zug. Die Computer allerdings proklamieren, dass Schwarz großen Vorteil hat, wenn er die Stellung mit 27...g5!? oder dem vorbereitenden 27...Teg8 aus dem Gleichgewicht bringt.

Die Partie wurde stattdessen zur längsten Partie des Tages und endete erst nach 57.Th2:


Nicht eine einzige Figur wurde abgetauscht!

Bei noch zwei ausstehenden Runden sieht die Tabelle damit so aus:


Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob nur noch Fabiano Caruana realistische Chancen darauf hätte, Magnus am Turniersieg zu hindern. Zumindest solange, bis man realisiert, dass Svidler und MVL nur 1,5 Punkte zurück liegen und das die beiden Spieler sind, gegen die Magnus in Baden-Baden noch spielen muss. Insbesondere Peter könnte seinen Kollegen behilflich sein, wenn er Magnus in der achten Runde mit den weißen Steinen schlägt, während Caruana (Schwarz gegen Meier) und MVL (Weiß gegen Keymer) sicherlich auf volle Punkte aus sein werden.

Verpasse nicht die letzten beiden Runden aus Baden-Baden! | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

Die ganze Action beginnt um 15:00 Uhr MEZ und Jan Gustafsson und Peter Leko werden wieder live auf chess24 kommentieren.   

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