Berichte 27.04.2019 | 22:51von Colin McGourty

GRENKE Chess R6: Carlsen führt mit ganzem Punkt vor den Verfolgern

Magnus Carlsen schlägt Georg Meier in Runde 6 und hat damit bereits drei Partien mit den schwarzen Steinen bei den GRENKE Chess Classic gewonnen. Damit vergrößert der Weltmeister seine Führung auf einen vollen Punkt auf nicht weniger als sechs Spieler, nachdem der Co-Führende Vishy Anand ohne große Gegenwehr gegen Arkadij Naiditsch baden ging. Die anderen drei Partien endeten mit Punkteteilungen, wobei der 14 Jahre alte Vincent Keymer beeindruckte, weil sein Gegner Levon Aronian hart daran arbeiten musste, überhaupt diesen halben Punkt mit den weißen Steinen zu bekommen.

Plötzlich hat Magnus einen ganzen Punkt Vorsprung auf einen Tross von sechs Spielern | Foto: Oliver Koeller

Alle Partien der GRENKE Chess Classic 2019 kannst du hier nachspielen:

Und hier findest du den Live-Kommentar von Jan Gustafsson und Peter Leko:

Wenn dir der Sinn eher nach einer schnellen Zusammenfassung steht, lässt Jan Gustafsson hier im Gespräch mit Eric van Reem die Runde kurz Revue passieren:

Meier 0-1 Carlsen: “Heute war es ein absolutes Chaos”

Nach 3 Niederlagen in Folge war Magnus sicher nicht der Gegner, den sich Georg Meier erhofft hatte | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

Wenn irgendwas in Runde 6 sicher war, dann dass Magnus Carlsen mit den schwarzen Steinen sicherlich darauf aus war, seine Partie gegen Georg Meier mit allen Mitteln gewinnen zu wollen, da Meiers Elo um 217 Punkte niedriger liegt und dieser gerade erst drei Partien in Folge verloren hatte. Und bereits der sechste Zug von Magnus Carlsen brachte uns nahezu auf theoretisches Neuland!

chess24: Jan zu 6...b5: "Magnus spielt wie Magnus!"

Peter Leko sollte das später so zusammenfassen:

Das ist eine Partie für das Lehrbuch. Alles, was Schwarz mit 6...b5 erreichen wollte, hat er erreicht!

Schwarz übernahm die Kontrolle, aber es sollte das Thema der Partie werden, dass Meier immer wieder Chancen bekam, sich aus einer unangenehmen Situation zu befreien:


Magnus wies darauf hin, dass 31.Se3! hier funktionierte. Er hatte das Gefühl, dass die Stellung dann dem Remis nahe wäre. Doch Meier, der bereits wenig Zeit auf der Uhr hatte, entschied sich für das, was der Weltmeister "selbstmörderisch" nannte: 31.e3? "Ich denke, e3 öffnet einfach nur die Stellung um seinen König herum und verliert Zeit". Nach 31…Se4! 32.exd4 exd4 33.Sb3 d3! 34.Tc1 merkte Jan an, dass Schwarz möglicherweise schneller mit 34...Lxb4! hätte gewinnen können. Ein geschockter Magnus Carlsen meinte dazu: "Ich hatte an Lg7 und nicht an Lxb4 überlegt, das ist völlig verrückt!"


Nach 34…Lxb4 kann Schwarz erzwingen, dass sein d-Bauer zur Dame geht oder er massiv Material gewinnt, während nach 34…Txc1+ 35.Dxc1 Dxa4 36.Dc4 wie es in der Partie geschah Weiß versuchen konnte, über die nächsten Stunden eine Art von Festung zu errichten. Oder wie es Magnus formuliert: "In der Partie war es ein totales Chaos. Ich glaube, Meier hat sich irgendwo verzettelt und ich hatte ein wenig Glück." 

Magnus sah keinen klaren Gewinn, selbst nicht kurz vor Schluss, wenn Georg 58.Ke3 gespielt hätte. Stattdessen entschied sich der deutsche Großmeister für 58.Kxd2?, was 58…De4! erlaubt:

chess24: Magnus Carlsen holt am Ende doch den Sieg und hat nun einen Punkt Vorsprung auf nicht weniger als sechs Verfolger!

Plötzlich hat Weiß keine andere Wahl als aufzugeben, denn Schwarz droht, die weiße Dame auf a4 mit einem Abzugsschach zu gewinnen - und es gibt nichts, was man dagegen tun könnte. Jan wies darauf hin, dass der Versuch, die Dame mit 59.Da6 zu retten und gleichzeitig das Feld e2 zu decken, den kleinen Schönheitsfehler 59...Sb3 mit Matt aufweist.

Magnus war danach sehr erleichtert:

Ich war einfach mit meinen Kräften am Ende und konnte nicht mehr rechnen. Wäre er passiv geblieben, wäre es wohl remis ausgegangen, aber es ist eine ziemlich knifflige Stellung, die man eine ganze Zeit lang verteidigen muss, insbesondere, wenn man später kaum noch Zeit hat. Ich war nur dankbar, 58.Kxd2 zu sehen, denn man sagt ja, Zentralisation ist die effektivste Angriffsstrategie! Selbst hier am Ende, nachdem ich so lange spielte, konnte ich zumindest das noch tun, aber alles in allem war es heute nur totales Chaos.

In Bezug auf die Turniersituation war es ein großartiges Tag für Magnus, aber er gab zu, dass es auch einen Effekt auf ihn hat, wenn er jede Runde so lange spielen muss:

Mein Spiel hat sich völlig verschlechtert über die letzten Runden hinweg, so fühlt es sich jedenfalls für mich an. So ist es halt. Heute konnte ich es nicht vernünftig zu Ende bringen, deshalb wurde es eine lange Partie, was ein wenig frustrierend ist. Ich habe +3 und ich weiß, ich sollte mich nicht beschweren, aber die Qualität reflektiert nicht ansatzweise meinen Score zum jetzigen Zeitpunkt.

Für Jan war es dann aber gerade noch genug Zeit, eine Frage zu einem viel dringlicheren Thema zu stellen - Magnus' neuer, rasierter Look und wie er die Kritik Anish Giris zu seinem Bart aufgenommen hat:

Dan: Wer ist stärker: Der Magnus mit Bart oder der Magnus mit Brille? DAS WOLLEN DIE MENSCHEN WISSEN, TARJEI!

Anish Giri: Jemand sollte ihn mit einer Heckenschere packen. Sein verrückter Bart ist sonderbar.

Es stellte sich heraus, dass Magnus von Giris Kommentar gar nichts wusste, aber er verfolgt seinen Erzrivalen bei seinen Abenteuern in China:

Magnus: Ich war gestern ziemlich besorgt, als Harikrishna gegen Rapport verlor. Ich dachte, das wird es jetzt sein, er holt sich seinen ersten Sieg in einem Superturnier!

Jan: Zählst du Shenzhen als ein Superturnier?

Magnus: Ja, irgendwie schon. Vielleicht ein "schwächeres" Superturnier, aber es ist dennoch eines, denke ich. Immerhin, Ding spielt mit und er ist die Nr. 3 der Welt... Ich weiß nicht, wie es mit den Tiebreaks aussieht und so. Für morgen bin ich deshalb ziemlich aufgeregt und ein wenig gehässig!

Jan: Du feuerst also Jakovenko an?

Magnus: Auf jeden Fall!

Giri konnte allerdings nicht gestoppt werden, denn er schlug Jakovenko während Harikrishna gegen Ding verlor!

Anish Giri: Glückwünsche an Fabiano Caruana! Ich hatte die Gelegenheit, der amerikanischen Legende kurz nach dem epischen Kampf nahezukommen und ein Selfie zu schießen.

Jan Gustafsson: Zwei meiner Lieblingsspieler: Ihre Turniersiege umfassen das Kandidatenturnier, die Schacholympiade, die London Chess Classics, den Sinquefield Cup, Dortmund, Zürich und Shenzhen!

Die komplette post-mortem-Analyse kannst du dir im folgenden Video anschauen:

Naiditsch schlägt Vishy im Vierspringer-Spiel

Wenn es ein Thema der sechsten Runde gab, dann war es das Vierspringer-Spiel. Sowohl in Vallejo-Caruana als auch in Naiditsch-Anand stand es auf dem Brett.

Jonathan Tisdall: So... Die 1.e4-Spieler wenden sich nun dem Vierspringer-Spiel zu, um in der Russisch- und Berlin-Ära ein wenig Leben in die Bude zu bringen?

Das waren gute Neuigkeiten für eine Hälfte unseres Kommentatoren-Teams, denn Jan hat erst kürzliche eine Videoserie dazu aufgenommen, wie man das Vierspringer-Spiel behandeln sollte. Und es stellte sich heraus, dass der Weg zum Erfolg nur darüber führte, den dort gegebenen Empfehlungen zu folgen!

Selbst wenn Caruana die forcierte Remis-Variante nicht kannte, hat er sie am Brett finden können | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

Paco Vallejo hatte sich mit Weiß spielend vorbereitet und schaffte es, die Nummer 2 der Welt, Fabiano Caruana, in seinem Theoriewissen zu testen:

Ich hatte ein wenig Glück, dass er sich nicht exakt an alles erinnerte, aber andererseits ist er halt auch ein sehr guter Schachspieler, sodass er alle guten Züge am Brett gefunden hat.

Was Fabi (am Brett oder nicht) gefunden hatte, war eine Remis-Variante, in der Schwarz den anfänglichen hohen Computerbewertungen zu Gunsten von Weiß trotzt:

chess24: Vallejo-Caruana endet so, wie es Jan in seiner Video-Serie zum Vierspringer-Spiel gezeigt hat.

Hier spricht Paco über die Partie:

Arkadij Naiditsch hatte sich eine andere Variante mit 5.La4 gegen Vishy Anand ausgesucht. Und bis 8.d3 folgten sie Jans Empfehlung.


Jan empfahl hier 8…Lh5!?:

Hier bin ich mir nicht sicher, ob es eine Neuerung ist, aber mein Computer gibt diesen selten gespielten Zug an. Und der macht meiner Meinung nach sehr viel Sinn, auch wenn er ein wenig unkonventionell aussieht.

Vishy folgte hier allerdings der Hauptvariante mit 8...d5, aber ein paar Züge später entschied er sich, nicht kurz zu rochieren, sondern die weiße Bauernstruktur zu verkrüppeln und lang zu rochieren. Ganz allgemein gesprochen sah das nach einer vernünftigen Entscheidung aus, aber Naiditsch schickte sich in der Folge an, seine Stellung ohne Probleme zu konsolidieren. Danach hatte er schlicht einen Mehrbauern und die besser postierten Figuren.

Arkadij Naiditsch holte einen scheinbar mühelosen Sieg gegen Vishy Anand | Foto: Oliver Koeller

Vishys Versuch, Gegenspiel zu erlangen, endete nur in einer hässlichen Bauernstruktur, die nur darauf wartete, auseinander genommen zu werden:


Schwarz kann sich gar nicht mehr bewegen und nachdem der Springer zur Party eingeladen wurde, kam die Partie schnell zu ihrem Ende: 27.Se2! c5 28.Sg3 Lh7 29.Sh5 Dd8 30.Sxg7 Schwarz gab auf.

Peter Svidler hatte das Gefühl, dass man ihn für diese Leistung früher aus dem Pionierpalast geworfen hätte! | Foto: Oliver Koeller

In den verbliebenen Partien gab es in Svidler-MVL ein theoretisches Duell in einer Stellung, die beide Spieler bereits mit den schwarzen Steinen gespielt hatten. Peter Svidler kommentierte, "ich denke, ich würde hochkant aus dem Pionierpalast fliegen", weil er die Dame und den schwarzfeldrigen Läufer in den ersten 15 Zügen insgesamt 7 mal zog. Die Partie versandete dann allerdings schnell im Remis nach Maximes 18. Zug:


Der Computer weist auf das brillante 18...f5! 19.exf5 Sd5! mit der Drohung Sxe3 hin. Wenn Weiß mit dem Bauern zurückschlägt, würde der schwarze Turm schlicht den weißen Springer auf d2 nehmen. Und wenn Weiß mit der Dame nimmt, folgt Lh6!, was ebenfalls eine Figur gewinnt. Maxime spielte 18...Lh6? sofort, und nachdem Peter die Läufer tauschte, stabilisierte sich die Stellung.

Das längste Remis des Tages gab es in Aronian-Keymer. Partie begann kurios: Vincent Keymer entschied sich für die gleiche Variante nach 1.e4 c5 2.Nc3 a6!? wie er es auch gegen Naiditsch in Runde 4 getan hatte. Für die Eröffnungsbehandlung in dieser Partie bekam Vincent viel Lob von Levon: "So sollte Schach sein, langsam und schön!”

Levon Aronian musste plötzlich ums Überleben kämpfen gegen seinen 14 Jahre alten Gegner | Foto: Oliver Koeller

Levon allerdings investierte trotzdem einiges an Zeit für seine Eröffnungszüge und es sah so aus, als ob er nichts herausgeholt hätte. Doch dann folgte er der alten Weisheit, dass man gegen junge Talente ins Endspiel gehen soll. Diese Masche ging aber nicht wirklich auf gegen den jungen Vincent, der sich anschickte, seinen formidablen Gegner mit einem Mehrbauern zu foltern, auch wenn sich schlussendlich Levons entfernter Freibauer als ausreichende Ressource herausstellte, um das Remis zu sichern:


Ein tolles Resultat für den 14-jährigen, der nun nicht mehr auf dem letzten Platz liegt.

Die Situation an der "Spitze" der Tabelle ist dennoch beeindruckend. Magnus führt nun mit einem Punkt Vorsprung vor sechs Spielern!


Noch sind drei Runden in Baden-Baden zu spielen, wo die Atmosphäre komplett anders als in Karlsruhe zu Beginn des Turniers ist:

Der Klassiker Carlsen-Aronian folgt am Samstag und wieder einmal gibt es auch große Rating-Unterschiede in den Paarungen MVL-Vallejo, Keymer-Svidler, Anand-Meier und Caruana-Naiditsch. Gute Unterhaltung ist also fast sicher garantiert!

Die Action beginnt um 15:00 Uhr MEZ, und Jan Gustafsson und Peter Leko werden live kommentieren hier auf chess24.   

Weitere Links:


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