Berichte 24.04.2019 | 10:50von Colin McGourty

GRENKE Chess R4: Vishy holt Magnus ein

Fabiano Caruana und Magnus Carlsen remisierten ihre erste Partie seit dem Londoner WM-Match in einem weiteren Sveshnikov-Sizilianer, in dem es zunächst so aussah, als ob Fabi das Eröffnungsduell für sich entschieden hätte. Am Ende entkam er jedoch nur knapp der Niederlage. Das war auch gleichzeitig das einzige Remis der Runde, denn Vishy Anand konnte Paco Vallejo besiegen und damit zu Magnus in der Tabelle aufschließen. Arkadij Naiditsch fügte Vincent Keymer die vierte Niederlage in Folge mit einem brillant vorgetragenen Angriff zu, während Peter Svidler schon in der Eröffnung patzte und gegen Levon Aronian die Segel streichen musste. Maxime Vachier-Lagrave drückte Georg Meier in einem langen Endspiel langsam aus und sicherte sich so seinen ersten vollen Zähler. 

Vishy führt nun ebenfalls und hat bereits gegen Magnus gespielt - was mehr kannst du dir in einem Superturnier wünschen! | Foto: Oliver Koeller

Alle Partien der GRENKE Chess Classic 2019 kannst du hier nachspielen:

Nachdem das Grenke Chess Open nun zu seinem Ende kam, glich die riesige Karlsruher Halle nahezu einer Wüste und das folgende kurze Video gibt einen guten Eindruck über die neue Atmosphäre:

Wenn du eine kurze Zusammenfassung des Tages haben willst, schau dir das folgende Video an, in dem Jan mit Eric van Reem spricht:

Caruana ½-½ Carlsen: Partie 16 des Matchs

Das war die Partie des Turniers, auf die die meisten Zuschauer hinfieberten - und sie wurden nicht enttäuscht! Nachdem Magnus schon Jorden van Foreest, David Navara und Sergey Karjakin auf der schwarzen Seite des Sveshnikovs geschlagen hatte, hätte man es Magnus nicht verübeln können, wenn er gegen Caruana auf etwas anderes zurückgegriffen hätte, da schon im Londoner Match der Sveshnikov zur Debatte stand. Aber Magnus entschied sich, den theoretischen Kampf des Londoner Matchs gleich wieder aufzunehmen.

Wir könnten auch wieder zurück in London sein! | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess   

Die Partie folgte der 7.Sd5 und 8...Se7 Variante, die wir auch in der finalen Partie des WM-Matchs sowie der zweiten Tiebreak-Partie in London sahen. Und erst mit Zug 14 war es dann aber Fabiano, der von der jüngsten Niederlage Karjakins gegen Carlsen in Shamkir abwich:


Statt 14.Le2 spielte Fabiano 14.Da4 Ld7 15.Dc2. Magnus kann sicherlich hier nicht völlig unvorbereitet sein, denn er verbrauchte nur fünf Minuten für 15…Lxb5 16.cxb5 Le7, aber nach 17.Ld3 dachte er für 15 Minuten nach, um mit folgendem Zug aufzuwarten: 17…Sf8!?


Nach der Partie stand die Frage im Raum, wo Weiß seinen offensichtlichen Eröffnungsvorteil verlor, und die vorliegende Stellung mag genau dieser Moment gewesen sein. Caruana sagte, dass er fühlt, dass die Stellung sehr gefährlich für Schwarz sei und dass sein 18.b6!?, was er nach einer halben Stunde spielte, der kritische Zug sein müsste. Es scheint dennoch so, dass dies Carlsens Springerzug 18...Sd7 (was folgte) erst rechtfertigte und in den konkreten Varianten, die folgten, nachdem Weiß auf a7 nahm, war Schwarz in Ordnung. Vielleicht war die Drohung, b6 zu spielen, stärker als ihre Ausführung und ein Zug wie 18.0-0, um die Spannung aufrecht zu erhalten, wäre der richtige Weg gewesen.

Magnus musste bereits von Beginn an viel nachdenken | Foto: Oliver Koeller

So oder so gab es viele knifflige Momente, bei denen es kaum möglich war, sie alle richtig zu entscheiden, bis die Partie schlussendlich sogar zu kippen drohte. Der Punkt, an dem Caruana realisierte, dass irgendetwas schrecklich schief gegangen ist, war nach 30.Dxh5:


Hier erwartete Caruana lediglich 30...Th6 und Weiß bekommt ein Endspiel "mehr Mehrbauern und fragwürdiger Kompensation". Stattdessen aber spielte Magnus 30…g6! 31.Dg4 Dxg4 32.Lxg4 und den ganzen Unterschied macht nun aus, dass Schwarz über die Ressource 32…Tf4! verfügt. Fabi meinte dazu, dass es "seinen Läufer auf ein schreckliches Feld zwingt" (e6). Er fasste zusammen:

Das war eine seltsame Transformation von einer Stellung, in der ich klar besser stehe und es sich so anfühlte, als ob ich keinen groben Bock geschossen hätte hin zu einer Stellung, in der ich forciert ein schlechtes Endspiel bekomme - ein sehr kritisches Endspiel.

Caruana hat mittlerweile große Erfahrung in solchen Situationen, aber:

Ich fühlte irgendwie weniger Druck. Wir spielten zwar die gleiche Variante wie im WM-Match, aber der Druck war irgendwie weg.

Er fand einige präzise Züge und verhinderte, dass die Dinge noch weiter außer Kontrolle gerieten und auch wenn er nicht dazu gezwungen war, in ein reines Turm vs. Turm und Springer Endspiel abzuwickeln, tat er das zuversichtlich. Wie man dieses Endspiel hält, kannst du dir im folgenden Video von Fabi zeigen lassen:

Dieses Remis war die Chance für Peter Svidler, die alleinige Führung im Turnier zu übernehmen. Aber es sollte nicht Peters Tag werden:

Aronian 1-0 Svidler

Levon schnappte sich den ersten Sieg im diesjährigen Event | Foto: Oliver Koeller

In einem Anti-Marshall des Spaniers spielte Aronian die Neuerung 18.Scd2, die sicherlich die ein oder andere versteckte Drohung hatte, weshalb er für 11 Minuten an seinem vorherigen Zug überlegte:


Peter sagte im Anschluss zu Levon, dass er zuvor die Variante 18…Lxb3 19.cxb3 Db5 20.Dxb5 Txb5 analysierte, er das am Brett aber verwarf. Leko konnte das nachvollziehen, da er eingestand, dass er die gleiche Neuerung bereits 2017 spielen wollte (aber weil Harikrishna bis zu diesem Zeitpunkt die Züge verwechselt hatte, kam die Neuerung nie aufs Brett) und dass die Stellung sehr remislich, aber auch "ein Alptraum" für Schwarz sei. Das Problem ist, dass Svidlers improvisierte "Verbesserung", 18...Tfe8, ihn die Partie kostete. Nach 19.Dxa6! Ta8 20.De2 Sxa5 21.Lxe6 fxe6 blieb Svidler auf einer zerrütteten Bauernstruktur sitzen und verfügte darüberhinaus über unkoordinierte Figuren. Das Einstellen eines Bauern zwei Züge später bedeutete lediglich, dass die Partie schnell ein Ende fand und die Kampfhandlungen nur 38 Züge dauerten.

Der Spieler, der einen Vorteil aus Carlsens Remis zog, war Vishy Anand:

Vallejo 0-1 Anand

Keiner sagte, dass es einfach werden würde | Foto: Oliver Koeller

Am zweiten Tag in Folge musste sich Vishy direkt im Anschluss an die Eröffnung einer weißen Bauernphalanx gegenübersehen, die in Richtung seines Königs marschierte. Das sollte auch gleichzeitig die beste Ausrede sein, um auf ein beeindruckendes Video zu verweisen, das die post-mortem Analyse der gestrigen Carlsen-Anand mit entsprechendem Original-Audiounterton zeigt (auch wenn wir natürlich immer noch Jans Lippenlesetechnik vertrauen!):

Dort kannst du sehen, dass Magnus den Gewinnzug am Ende aus einem schlichten Grund übersah: Er dachte, 56.De2 würde gewinnen - doch hatte er 56...Ne6! schlicht nicht gesehen.

Gegen Vallejo sah es ähnlich schlimm aus. Anand sagte dazu:

Ich dachte, ich stände schlicht schlechter, denn ich hatte das Gefühl, sein Angriff ist viel schneller als meiner. Ich kann mir gar nicht erklären, warum ich da hineingeraten bin.

Was ihn rettete war, dass "Paco zu viel Zeit damit verbrachte, etwas forciertes zu finden", während Vishy dachte, er sollte einfach seine Bauern weiter nach vorne bringen und den Springer von f3 über h2 nach g4 transferieren. Das hätte Weiß einen großen Vorteil gegeben:


Stattdessen entschied sich Vallejo, auf Figurenspiel zu setzen, aber in dem Moment, als die Schwarzfelder abgetauscht wurden, war klar, dass Schwarz obenauf ist:


Der Springer auf g5 wurde leicht mittels h6 zurückgetrieben und Vishy meinte nur, dass "dieses Feld auf f4 eine klaffende Lücke" in der weißen Stellung ist. Auch wenn er tatsächlich nie eine Figur nach f4 stellte, er musste es aber auch nicht, weil seine Kontrolle der c-Linie bereits dazu führte, dass Vallejo in einem verzweifelten Versuch Material opferte. Pacos Spiel beschleunigte das Ende nur noch.

Naiditsch 1-0 Keymer

Es war wieder einmal die bekannte Geschichte für den 14 Jahre alten Vincent Keymer. Die frühe Phase der Partie lief sehr gut für ihn, er brachte Arkadij Naiditsch sogar dazu, für seinen dritten Zug 15 Minuten zu überlegen, indem er 1.e4 c5 2.Sc3 a6!? spielte.

Auch sein darauf folgendes Spiel erhielt das höchste Lob von Levon Aronian:

In der Tat denke ich, dass Vincent ein fantastisches positionelles Schach spielt. Man kann diesen Peter-Leko-Touch fühlen - keine positionellen Fehler, alle Figuren streben auf die richtigen Felder.

Levon sagte, er liebt diese Art des "strategischen Kampfs", den man in Naiditsch-Keymer sah, und als Leko das als "armenisches Schach" bezeichnete, erwärmte sich Levon für dieses Thema:

Das erinnert mich ein wenig daran, woher wir eigentlich kommen - Shatranj, Chaturanga. Die Figuren bewegten sich langsam, du konntest den Bauern nicht zwei Felder auf einmal bewegen, sodass du deine Figuren ganz langsam bewegtest. Und der Alfil, der Vorgänger des Läufers, kommt ebenfalls erst langsam ins Spiel. So sollte Schach sein, langsam und wunderschön!

Verpass' nicht das Interview mit Levon (und natürlich den ganzen Live-Kommentar des Tages):

Wir kommen zur brutalen Realität zurück, in der ein Kind bei seinem Debüt in einem Superturnier richtig Lehrgeld zahlen muss. Hier ist die Stellung im 21. Zug:


21…g5! war die Art und Weise, wie Schwarz die Stellung hätte geschlossen halten sollen, mit einem großen Vorteil. Denn auf 21.f6? hätte er cool mit 21…De8 reagieren können und der Bauer auf e5 geht nirgendwo hin. Stattdessen spielte er sofort 21…Scxe5?! und Arkadij konnte auf h6 schlagen und im Anschluss die f-Linie öffnen. Die Partie drehte sich dann nur noch um Naiditschs Angriffswirbel und er beendete die Partie auch sehenswert. Verpass' nicht die Analyse von Pepe Cuenca:

Meier 0-1 MVL

Maxime Vachier-Lagrave konnte ebenfalls seinen ersten Sieg einfahren | Foto: Oliver Koeller

Maxime Vachier-Lagrave wollte natürlich an dem Tag, an dem sich die höher bewerteten Favoriten das Punktekonto füllten, der Konkurrenz in nichts nachstehen. Zwar brachte ihm eine Nebenvariante in der Eröffnung nicht viel ein (die Spieler verließen die Theorie bereits mit Zug 5) und die Partie schien, in einem Remis zu verflachen. Dennoch hielt sich Maxim hartnäckig an seinem Mehrbauern fest und nach 70…Sh2 brach Georg Meier unter dem Druck schlussendlich zusammen:


Der weiße Springer steht auf g2 unglücklich, aber nach 71.Td1! hätte die Partie immer noch remis ausgehen sollen. Nach 71.Ta1 geben die Tablebases aber die hilfreiche Einschätzung, dass Schwarz nach 71…g3+! ein Matt in 31 Zügen auf dem Brett hat. Der Unterschied der Turmzüge liegt darin, dass der König nun gezwungen ist, nach g1 zu gehen, während er nach 71.Td1 auch noch das Feld e2 zur Verfügung gehabt hätte, wonach Tb2+ mit Td2 beantwortet werden kann.

Maxime gab sich in der Folge keine Blöße und mit 83…Kb2! machte er auf wunderschöne Art deutlich, worin das Problem in der weißen Koordination lag:


Der weiße Turm kann die Grundreihe wegen Matt nicht verlassen, aber er steht bereits auf dem einzigen, nicht angegriffenen Feld. Perfekter Zugzwang! Das traurige 84.Tg1 folgte und Maxim demonstrierte mustergültig, wie man mit dem Turm gegen den Springer gewinnt.

chess24: MVL aktiviert seinen inneren Magnus und presst Wasser aus dem Stein gegen Georg Meier, womit Carlsen der einzige höher bewertete Spieler bleibt, der heute nicht gewinnt beim Grenke Chess 2019!

Das Resultat bedeutet, dass Maxime nun Caruana, Aronian und Svidler auf dem zweiten Platz hinter Anand und Carlsen einholt:


Die fünfte Runde ist die letzte vor dem Ruhetag und dem Wechsel nach Baden-Baden, wobei Carlsen-Naiditsch die offensichtliche Partie ist, die Feuerwerke verspricht. Arkadij gewann nacheinander Partien gegen Magnus bei der 2014er Schacholympiade und 2015 beim Grenke Chess Classic, auch wenn der Weltmeister selbst 4 Siege auf seinem Konto sein Eigen nennen kann. Keymer-Meier scheint die beste Chance von Vincent zu sein, endlich selbst Punkte auf sein Konto zu bekommen, bevor er wieder gegen die stärkere Konkurrenz antreten muss.

Sei bei der Action dabei! Sie beginnt um 15:00 Uhr MEZ und Jan Gustafsson wird zusammen mit Peter Leko hier live auf chess24 kommentieren.   

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