Berichte 29.04.2019 | 12:33von Colin McGourty

GRENKE Chess Classic, R8: Carlsen setzt seinen Siegeszug fort

Der sensationelle Lauf von Weltmeister Magnus Carlsen nimmt kein Ende. In der vorletzten Runde des GRENKE Chess Classic setzte der Norweger Peter Svidler nach 33 Zügen matt und verbesserte seine Live-Elo auf 2871,2. Nachdem gleichzeitig Fabiano Caruana seine Partie gegen Georg Meier gewinnen konnte, ist das Turnier streng genommen noch nicht entschieden, da der Amerikaner mit einem Sieg gegen Levon Aronian in der Schlussrunde noch einen Stichkampf erreichen könnte. Dazu müsste Magnus aber gleichzeitig mit Weiß gegen Maxime Vachier-Lagrave gewinnen, der sich mit einem Sieg gegen Vincent Keymer auf Rang 3 verbessert hat.

Svidler war bereits Carlsens fünftes Opfer bei den GRENKE Chess Classic 2019 | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess

Alle Partien der GRENKE Chess Classic könnt ihr hier mit Computeranalyse nachspielen:

Und hier wieder ein kurzes Video, das die Atmosphäre in Baden-Baden während der Runde recht gut wiedergibt (Dank an E&R Solutions für die Produktion der Videos):

Svidler 0-1 Carlsen

Magnus Carlsen meinte am Vortag nach seinem Sieg gegen Levon Aronian, “Heute war ich voller Selbstvertrauen”, während Peter Svidler genau das Gegenteil erlebte. Er beklagte sich, dass er in der Analyse jeden Tag Figuren einstellen würde, und entschied sich daher, gegen Carlsens Sizilianer 3.Sc3 zu spielen:

Ich dachte, dass ich dadurch zumindest eine solide Stellung bekommen kann… Die Stellung war zwar solide, aber spielen musste man sie immer noch!

Peter hatte denselben Aufbau bereits erfolglos im chess24 Geschwätzblitz-Match gegen Magnus versucht, und obwohl der Weltmeister im 4.Zug abwich (und 4…Le7 statt 4…g6 spielte), änderte sich am Partieausgang nichts. Unser Kommentator Peter Leko, der gegen Vladimir Kramnik in Dortmund 2003 zwölf Züge lang selbst so gespielt hatte, gab preis, dass ihm die Stellung am Brett immer weniger gefallen habe und er mit Weiß nur noch auf Ausgleich gespielt habe.

Peter Svidler hat seine positive Bilanz gegen Magnus eingebüßt, aber mit zwei Siegen für beide Spieler und 15 Remis ist diese nach wie vor gut! | Foto: Oliver Köller

Svidler tat bald dasselbe, bereute dann aber seinen Anflug von Inspiration, der zu 19.f4!? exf4 20.Dg5 führte:


Er kommentierte seine “fantasievolle Idee” mit den Worten, “Ich wäre auf die Idee mit Dg5 ziemlich stolz, wenn ich nach Df8 nicht ums Überleben kämpfen würde!” Er erklärte, dass Weiß nach 20…d4 recht gut steht, doch mit 20…Df8!, was er erst sah, als es zu spät war, bereitete Schwarz auf weißes 21.Dxd5 den starken Zug 21…Td8 mit Röntgenblick auf den Bauern d3 vor.

Der Computer zeigt bei großer Rechentiefe immer noch an, dass die weiße Stellung in Ordnung ist, wenn er den d-Bauern mit 22.Dg5 oder 22.Dh5 aufgibt, aber weder die Spieler noch die Kommentatoren konnten das glauben. Stattdessen versuchte Svidler, den Bauern mit 22.Df3?! zu halten, doch nach 22…Se5 23.De4 (Peter stellte hier fest, dass sein beabsichtigter Zug 23.De2? an 23…Sxd3 24.Tcd1 c4! scheitert, da der Bauer wegen Dc5+ nicht geschlagen werden kann) 23…Sg4 24.Tce1 Se3 hatte Schwarz einen sehr starken Springer auf e3 etabliert.


Noch konnte Weiß kämpfen, doch nach 27.Tfe2?, einen Zug, den Svidler “schwer erklären konnte”, endete die Partie abrupt:

"Laut Sesse kann Carlsen mit 27...f3 die Partie für sich entscheiden." 

Nicht zum ersten Mal in Svidlers Karriere ging es ihm irgendwann nur noch darum, die Partie wenigstens ästhetisch zu beenden, und dieses Mal ließ er das Bauernmatt 33…g2# zu.

GM Pepe Cuenca hat sich die Partie für euch angeschaut (auf Englisch):

Magnus fasste das Geschehen so zusammen:

Das war aus meiner Sicht eine sehr schöne Partie. Ich glaube, er hat die Stellung schon früh nicht gut behandelt, und dann hat er Df8 übersehen, wonach sich meine Stellung von selbst spielt – ich kann Se3, g5 und alles andere spielen, daher hat diese Partie heute auf jeden Fall Spaß gemacht. Ich gehe nicht davon aus, dass ich alle Partien so gewinnen kann, aber die letzten Runden waren wirklich großartig!

Er wurde gefragt, wie er nun im Vergleich mit seinem “Lieblingsspieler” abschneide, also mit sich selbt vor ein paar Jahren:

Ich will das gar nicht groß vergleichen, aber ich bin mit dem aktuellen Verlauf sehr zufrieden und glaube nicht, dass ich damals wirklich besser war. Im Moment flutscht es einfach.

Das ganze Interview mit Magnus könnt ihr euch hier ansehen:

Mit seiner aktuellen Live-Elo von 2871,2 fehlen Magnus nur noch 18 Punkte bis zu seinem bisherigen Rekord von 2889,2 und weniger als 11 Punkte bis zu seiner bisherigen offiziellen Bestleistung. Die Zahl, die er heute in der letzten Partie erreicht, wird dann auch in der offiziellen Liste vom Mittwoch zu Buche stehen.

Mehr zur Partie erfahrt im Live-Video von der achten Runde:

Svidler räumte ein, dass Carlsen “sehr gut” gespielt habe, kritisierte sich aber auch selbst mit den Worten, “Man kann mehr Fragen stellen, als ich das heute getan habe”. Damit ist Ian Nepomniachtchi der letzte Spieler mit positiver Bilanz gegen den Weltmeister:

Meier 0-1 Caruana

Fabiano Caruana kann das Turnier noch gewinnen | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

Fabiano Caruana sorgte derweil gegen Georg Meier dafür, dass die Entscheidung über den Turniersieg noch nicht gefallen ist. “Er scheint Sveshnikov zu mögen”, meinte Magnus zu der Tatsache, dass Caruana nach der WM mit Schwarz dieselbe Eröffnung wählte, die Carlsen während der WM angewandt hatte. Georg Meier wählte dieselbe Variante, die auch in den WM-Partien 1 und 3 aufs Brett gekommen war, und recht schnell entwickelte sich eine unklare Partie:

"Einfach chaotisch!"

Caruana meinte zu Jan Gustafsson:

Das war wirklich eine harte Partie. Die Stellung, die wir nach 15…f4 auf dem Brett hatten, ist einfach chaotisch… Ich dachte, ich stehe schlechter, war mir aber nicht sicher. Auf jeden Fall ist die Sache für beide Seiten mit sehr hohen Risiken verbunden. Mein größtes Problem ist, dass er vielleicht irgendwann e5 angreift und ich den Bauern nicht mehr decken kann. Auf der anderen Seite ist sein König dauerhaft in Gefahr.  

Zwei Stellen illustrieren, wie zweischneidig die Stellung war. Caruana dachte, dass Meier 20.Lc3 Dc7 21.d4 versuchen musste, worauf er mit 21…g5!? 22.dxe5 c5!? 23.h4 g4!? opfern wollte:  


Fabiano hielt dies für “sehr gefährlich” für Meier, aber der Computer zählt einfach nur die Bauern und fragt Schwarz, was er eigentlich will!

Nach dieser verpassten Chance übernahm Schwarz das Kommando und führte die Partie zu einem logischen Ende, aber einen Blitz aus heiterem Himmel gab es dann doch noch:


26.Txg6!! Kxg6 27.Sxf4+! Kf7 (natürlich nicht 27…exf4?, da 28.Tg1+ mit einer Katastrophe auf g7 endet) und Fabiano hörte nach eigenen Angaben auf zu rechnen, doch nach 28.Tg1 Lf6 29.Sxe6 Kxe6 musste der Amerikaner überrascht erfahren, dass Weiß nach 30.f4! (oder 30.Db5 Ta8 31.f4!) einfach auf Gewinn steht:


Fabiano bezeichnete die Variante als “Wunder” und fügte hinzu, “Ich war einen Moment unachtsam, glaube aber nicht, dass ich am Brett je gesehen hätte, dass Weiß danach auf Gewinn steht. Man hört in einer Stellung, in der Weiß einen Turm weniger hat, mit dem Rechnen auf”. 

In der Partie verlor Meier in Zeitnot den Faden, und nach der Zeitkontrolle musste Caruana praktisch nur noch die Ernte einfahren. Durch seinen zweiten Sieg in Folge und seinen dritten insgesamt liegt er nur noch einen Punkt hinter Carlsen, hatte seine Chancen auf den Turniersieg aber schon vor der Partie gegen Meier abgehakt:

Ich glaube nicht, dass noch eine Katastrophe passiert, sondern dass Carlsens Gegner sich selbst das Leben schwermachen werden.


MVL 1-0 Keymer

Nach seiner Niederlage gegen Maxime Vachier-Lagrave steht Vincent Keymer bei 0,5 aus 5 gegen die fünf Top-Ten-Spieler, doch sein Schach war vielversprechend | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess  

Der letzte Spieler, der Magnus noch stoppen kann, ist Maxime Vachier-Lagrave. Der Franzose wärmte sich mit einem hart erkämpften Sieg gegen Vincent Keymer für das Schlussrundenduell auf. MVL ging mit der Alapin-Variante 2.c3 Vincents Najdorf aus dem Weg, und der machte bis zum 17.Zug alles richtig:

Vincent konnte in der Eröffnung recht überzeugend ausgleichen, aber dann machte er zumindest im praktischen Sinne einen ungenauen Zug, als er b5 spielte und mir einen Angriff auf seinen König ermöglichte. Er konnte sich zwar behaupten, aber ich hatte langfristiges Spiel gegen seinen König. Am Ende griff er in Zeitnot fehl, wonach die Stellung nur noch schwer zu halten war.

17…b5!? war eine mutige Wahl…


…aber nach 18.cxb5 Sb4 19.Se5 Dxb5 20.Th3! musste sich Schwarz mit Drohungen wie Dh5 nebst Matt auseinandersetzen. Wie in einigen anderen Partien, die Vincent bei den GRENKE Chess Classic verloren hat, gab es auch hier Situationen, über die er sich ärgern konnte:


Mit zwei Minuten auf der Uhr verpasste Vincent die Chance, die Partie mit 37…fxg4! 38.Dxh6 g3! auszugleichen, und nach 37…Tc8?! bekam er keine zweite Chance mehr.

MVL prognostiziert dem Youngster “eine positive Zukunft”, doch seine Konzentration gilt jetzt erst einmal Magnus Carlsen:

Er spielt in den letzten Monaten fantastisches Schach, im Grunde schon seit Beginn des Jahres. Es ist immer schön, gegen den Weltmeister zu spielen, und ich hoffe, im Gegensatz zu bisher mein bestes Schach zeigen zu können. Mein Ergebnis ist in Ordnung, aber ich hätte besseres Schach spielen können.

Das ganze Interview mit MVL könnt ihr euch hier anschauen:

Die beiden anderen Partien der 8. Runde endeten remis, wobei bei Aronian-Anand zwei Schachlegenden offenbar ihre Wunden nach schmerzhaften Niederlagen leckten. Nach kurzer Spannung endete die Partie nach 33 Zügen remis.

Aronian und Anand hielten ihre Verluste in Grenzen | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

Die Partie Vallejo-Naiditsch dagegen dauerte sechs Stunden und 87 Züge, und Paco Vallejo schaffte es nicht, ein kompliziertes Endspiel mit zwei verbundenen Mehrbauern zu gewinnen.

Arkadij Naiditsch hielt mit maximalem Widerstand remis gegen Paco Vallejo | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

Damit sieht der Zwischenstand beim GRENKE Chess Classic eine Runde vor Schluss so aus:


Die große Frage wird sein, ob Carlsen in der Schlussrunde gegen MVL auf Gewinn spielt oder mit einem schnellen Remis den Turniersieg absichert. Wenn die Partie Caruana-Aronian aber mit einem schnellen Remis endet, hat der Weltmeister wie in Shamkir nichts zu verlieren und spielt vielleicht auf Gewinn. Sein Vergleich zwischen den beiden Turnieren fällt bisher so aus:

Ich denke, in Shamkir habe ich noch besser gespielt, aber wir schauen, was morgen passiert, und ziehen dann Bilanz.

Alle Partien könnt ihr wieder ab 15 Uhr mit den Kommentaren von Jan Gustafsson und Peter Leko live auf chess24 verfolgen. 

Weitere Links:


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