Berichte 25.04.2019 | 12:06von Colin McGourty

GRENKE Chess Classic, R5: Vincent Keymer holt seinen ersten Sieg

Nach vier Niederlagen in Folge hat die deutsche Nachwuchshoffnung Vincent Keymer in Runde 5 des GRENKE Chess Classic seinen ersten Sieg errungen. Dabei zeigte der 14-Jährige gegen Georg Meier eine famose Endspielleistung und fuhr studienartig den Punkt ein. Auch Magnus Carlsen wollte gegen Arkadij Naiditsch den vollen Punkt, musste sich aber nach einem faszinierenden sechsstündigen Kampf mit einem Remis begnügen. Auch bei Svidler-Vallejo ging es heftig zur Sache, während die Spieler sich bei Anand-Caruana und MVL-Aronian bereits auf den heutigen Ruhetag einstimmten.

Das lange Warten ist für Vincent Keymer vorbei! | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

Alle Partien des GRENKE Chess Classic 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Für die 5.Runde diente letztmals Karlsruhe als Spielort, ab morgen werden die Spieler dann in Baden-Baden um Punkte kämpfen. Eindrücke von der Atmosphäre dort und einiges mehr bekommt ihr in diesem Video geboten:

Held des Tages war die größte deutsche Schachhoffnung:

Keymer 1-0 Meier

Geht man rein nach den Ergebnissen, erlebte Vincent Keymer mit 0 aus 4 einen miserablen Start bei seinem ersten Supergroßmeisterturnier, doch das war nur die halbe Wahrheit. Gegen Magnus Carlsen und vor allem gegen Fabiano Caruana stand er mit den weißen Steinen sehr gut und hätte bei präzisem Spiel Gewinnchancen gehabt. Wie Paco Vallejo es aber nach seiner Niederlage gegen den Weltmeister so treffend ausdrückte, “entscheidet beim Schach oft ein schlechter Zug, nach dem man dann verloren ist“. Vincent hatte dennoch Gründe, optimistisch zu sein:

Es war eine wichtige Erkenntnis für mich, dass ich eine Chance habe, obwohl sie sehr stark und grundsätzlich bessere Schachspieler als ich sind.

In Runde 5 traf er auf seinen Landsmann Georg Meier, der schon einige Erfahrung in solchen Turnieren gesammelt hat. Und auch dieses Mal erhielt Vincent ausgangs der Eröffnung eine sehr gute Stellung. Er folgte einer scharfen Variante, mit der Ding Liren bei der Schacholympiade 2018 einen brillanten Sieg gegen Jan-Krzysztof Duda errungen hatte, und brachte früh die Neuerung 12.Sc3 (sein Trainer Peter Leko erwähnte, dass in der Partie Dubov-Matlakov bei der Blitz-WM 2018 12.Td1 gespielt wurde). Meiers Zug 12…h6?!, den er nach 9 Minuten spielte, war bereits ein Fehler (das entschlossene 12…f5!? wäre vermutlich angebracht gewesen):


Meiers Zug war allerdings nicht so unschuldig, wie es scheint, denn Vincent hatte ihn wegen 13.Se4 für nicht spielbar gehalten. Während eines 17-minütigen Nachdenkens wurde ihm aber klar, dass seine Dame nach 13…g5! 14.Sf6+? Lxf6 15.Dxf6 Th7! gefangen worden wäre.


Keymer ging der Falle mit 13.Td1! g5 14.Dg3 0-0-0 15.Le3 aus dem Weg, und Meier räumte ein, dass sein Zug 15…Sb4 bereits “Verzweiflung” war. Keymer spielte stark weiter und fand im 22.Zug die zwingendste Lösung:


22.d5! Sxd5 23.Sxd5 exd5 24.Tac1 Db7:


Wie in seinen anderen Partien griff Vincent aber erneut fehl, als er die Ernte einfahren konnte. Der ruhige Zug 25.b4 oder 25.a4 ist bereits entscheidend, doch stattdessen holte sich der 14-Jährige mit 25.Df5+?! einen Bauern (“Ich habe Df5 gern gesehen, denn das war meine einzige Chance zu überleben” – Meier). Es folgte 25…Kb8 26.Dd7 c5! 27.Dxd5 Dxd5 28.Txd5 und danach war schnell klar, dass ein Remis der wahrscheinlichste Partieausgang sein würde.

Meier klagte hinterher, “Ich war mir sicher, dass die Stellung remis ist, aber ich hätte eben ein bisschen rechnen müssen“, und nach 42…h4?! 43.Lc3! schoss die Computerbewertung nach oben:

"Nach 42...h4? 43.Lc3! sieht es so aus, als könnte Vincent Keymer seinen ersten Sieg holen!"

Schon bald war klar, dass dies eine Stellung war, die nicht nur den Menschen, sondern sogar den Computer durcheinanderbringt, und nur die Tablebases die Lösung kennen. Hier das Urteil der Lomonosov-Tablebase im entscheidenden Moment mit noch sieben Figuren auf dem Brett:


Nach dem sofortigen 50…c4 (eine Pointe dabei ist, dass g1=D mit Schach kommt) oder 50…h3 und perfektem Spiel in der Folge wäre die Stellung remis gewesen, doch Meier spielte 51…g2, wonach er zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen virtuos im Endspiel niedergerungen wurde (MVL war Ähnliches in Runde 4 gelungen). 

Vincent überführte die Dame mit einigen Schachs nach e5 und spielte dann 59.De1!


Häufig wird die Frage gestellt, wie viele Züge Großmeister vorausdenken, und in der Regel lautet die Antwort, dass es um Qualität und nicht um Tiefe geht, oder schlicht „so weit wie nötig“. Hier aber waren es 16 Züge!

Ich habe bis b7 alles berechnet und war mir sicher, dass ich gewinne.

Die Zugfolge begann mit 59…c4 60.b4! c3 61.Kc6 c2 62.Dc1! und endete mit 74.b7:

"Eine neue Studie wurde komponiert."

Der schwarze König kann nicht ziehen, und es gibt keine Damenschachs, daher kann Keymer sich eine neue Dame holen. Sieben Züge später war die Partie dann vorbei: 

Wie man sehen kann, lächelt Keymer am Ende der Partie und zu Beginn seines Interviews mit Eric van Reem:

Und hier sitzen Keymer und Meier nach der Partie bei Jan Gustafsson im Studio: 

Vier Remis, und kein Preis für den, der errät, wer am längsten am Brett saß 

Als Zuschauer hat man nach der Beendigung des Open einen guten Überblick | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

In der letzten Runde, die vor dem Ruhetag in Karlsruhe absolviert wurde, bevor der Tross weiter nach Baden-Baden zieht, wollten einige Spieler lieber nicht zu viel riskieren. Bei Anand-Caruana kam die Berliner Verteidigung mit 5.Te1 aufs Brett, worauf Schachschiedsrichter Chris Bird scherzte:

"Caruana verzichtet zugunsten der langweiligen, ultra-soliden Berliner Verteidigung auf das langweilige, ultra-solide Russisch."

Vishy brachte mit 14.Dd1 eine überraschende Neuerung und wich damit von 14.Sd2 ab, was bei Giri-Caruana im Rahmen der Schach-Olympiade 2018 aufs Brett kam, aber nach einigen präzisen Zügen war das Remis, das nach 40 Zügen schließlich unterschriftsreif war, schon das wahrscheinlichste Ergebnis. Bei MVL-Aronian kam der eigentlich scharfe Marshall-Angriff aufs Brett, doch beide Spieler fanden keinen Weg, in einer komplizierten Stellung in Vorteil zu kommen, sondern begnügten sich nach 25 Zügen mit der Zugwiederholung.

Svidler kam gegen Vallejo in Vorteil, aber nicht zum vollen Punkt! | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess 

Deutlich lebhafter ging es bei Peter Svidlers Partie gegen Francisco Vallejo-Pons zu, nachdem der Spanier im Italienischen den Lieblingszug von Mamedyarov kopierte – das frühe 6…g5!?


Der Spanier meinte hinterher zu Jan:

Wenn man schon -2 hat, hat man nicht mehr viel zu verlieren. Ich dachte mir, okay, spiele ich das, das ist eine sehr riskante Eröffnung, aber auch sehr interessant. So schlecht ist sie nicht. Vermutlich steht Schwarz ein wenig schlechter, doch die Stellung ist sehr komplex und schwierig. Ich dachte mir, warum soll ich solide spielen? Ich bin mit meinen -2 nicht sonderlich zufrieden, also versuche ich entweder auf -1 oder eben -3 zu kommen.

Vallejo täuschte sich, denn obwohl Svidler in Vorteil kam und später einen gefährlichen c-Bauern hatte, war die Stellung immer haltbar. Selbst in der Schlussphase befürchtete der Spanier, dass Svidler mit seinem Mehrbauern auf Gewinn spielen würde, doch stattdessen forcierte der achtfache Russische Meister mit einer kleinen Taktik das Remis:


38.Lxe4 Txc4 39.Txf7+ Kxf7 40.Ld5+ Kg7 41.Lxc4 Lc5 und die Spieler schüttelten die Hände.

Magnus will immer mehr, aber er musste sich dann doch mit dem zweiten Remis in Folge abfinden | Foto: Oliver Koeller

Damit bleibt die Partie Carlsen-Naiditsch übrig, in der zwei der größten Kämpfer, die es in der Weltspitze gibt, nicht enttäuschten. Man kann die Spannung vor Partiebeginn förmlich spüren, als Carlsen ein paar Minuten zu spät am Brett erscheint, aber dennoch erst sein Partieformular sauber ausfüllt und die Figuren zurechtrückt – während er seine Springer gern so hinstellt, dass sie zur Seite schauen, schauen die Springer von Naidisch direkt den Gegner an! 

Mit dem System 1.c4 e5 und frühem Sd5 hat Magnus beim GRENKE Chess Classic 2015 Mickey Adams geschlagen und zuletzt den entscheidenden Sieg bei der Blitz-WM gegen Jan-Krzysztof Duda gefeiert. Naiditsch wich allerdings früh ab und brachte den Weltmeister dazu, 26 Minuten über seinen 8.Zug nachzudenken. Herauskam eine ungewöhnliche und komplizierte Stellung mit nicht weniger als vier isolierten weißen Damenflügelbauern!

"Einige beeindruckende Bauern auf der d-Linie in der Partie Carlsen-Naiditsch. 'Zeit, den Gegner zu quälen', meint Leko."

Eine komplizierte, spielbare Position ist genau das, worauf Magnus aus ist, doch auch Naiditsch zeigte sein ganzes Können und war sogar im Begriff die Initiative zu übernehmen. Erst als die Damen vom Brett verschwanden, sah es so aus, als könnte nur noch der Weltmeister gewinnen:

"Leko meint nach dem Damentausch: 'Das sieht sehr schlecht für Arkadij aus!'"

Naiditsch schaffte es aber, den Laden zusammenzuhalten, und als die Partie sich immer mehr hinzog, verließ Jan Gustafsson das Studio, um einigen aufgebrachten Super-GMs ihre Kino-Tickets für Avengers: Endgame vorbeizubringen!

Arkadij Naiditsch lässt sich nicht so einfach herumschubsen | Foto: Oliver Koeller

Naiditsch zeigte auch im Endspiel bis zum Schluss hohe Präzision:


Spielt Schwarz sofort 57…Txa5, verliert er vermutlich schnell wegen Varianten wie 58.Tb6+ Kh5?? 59.Kf3! und Schwarz wird mattgesetzt, aber nach der Ablenkung des Königs mit 57…d2! 58.Kxd2 blieben ihm diese Probleme erspart. Die Partie endete mit den Zügen 58…Txa5 59.Td7 Kh5 60.Ke3, und der Weltmeister hatte seine ungeschlagene Serie auf 55 Partien ausgebaut:

"Man kann nicht immer gewinnen, und damit ist der 14-jährige Vincent Keymer der einzige Sieger des Tages."

Damit liegen Carlsen und Anand weiterhin zusammen an der Spitze, während Vincent Keymer nun am Tabellenende Gesellschaft bekommen hat!


Am Freitag geht es dann in Baden-Baden mit Runde 6 weiter, und dabei stehen die Partien Vallejo-Caruana, Naiditsch-Anand, Meier-Carlsen und Aronian-Keymer auf dem Programm.

Ab 15 Uhr könnt ihr wieder dabei sein, wenn Jan Gustafsson und Peter Leko live auf chess24 kommentieren.   

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 1

Guest
Guest 7330586161
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options