Berichte 23.04.2019 | 13:16von Colin McGourty

GRENKE Chess Classic, R3: Svidler holt Carlsen ein

Peter Svidler hat bei den GRENKE Chess Classic durch einen Sieg gegen Georg Meier zu Magnus Carlsen an der Tabellenspitze aufgeschlossen. Der Weltmeister ließ Vishy Anand zweimal entwischen und musste sich nach sechs Stunden erstmals mit einem Remis begnügen. Fabiano Caruana war der andere Gewinner des Tages, doch gegen Vincent Keymer lag sogar eine Niederlage im Bereich des Möglichen, ehe der 14-Jährige in Zeitnot seine Stellung verdarb. Die anderen Partien endeten remis, allerdings nicht ohne Kampf. Derweil holte sich Daniel Fridman mit 7,5 aus 9 und der besten Wertung von acht Spielern (darunter der 12-jährige Gukesh!) das Open und qualifizierte sich für das Classic im nächsten Jahr.

Carlsen-Anand erwies sich für beide Spieler als Achterbahnfahrt  | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess   

Alle Partien des GRENKE Chess Classic 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Carlsen ½-½ Anand: Beim dritten Mal hat Vishy Glück

Bei seiner Gewinnpartie in Wijk aan Zee spielte Magnus Carlsen gegen Anand 1.e4, dann 1.d4 beim Shamkir Chess, daher war in Karlsruhe natürlich 1.c4 an der Reihe! Aufs Brett kam nach 1.c4 e5 die gleiche Englisch-Variante mit frühem 4.e4, die er auch in der Stichkampfpartie bei der WM gegen Fabiano Caruana gespielt hatte. Peter Leko wunderte sich darüber, wie begierig Carlsens Gegner darauf sind, mehr über dessen WM-Vorbereitung zu erfahren, während Jan Gustafsson meinte, Anand habe sich mit der Zugfolge austricksen lassen. Der Inder spielte aber derart schnell, dass es so aussah, als hätte er alles unter Kontrolle:

Peter Svidler verteidigte Vishys Eröffnungswahl:

Ich habe diese Stellung als Weißer in der Bundesliga gegen Tomashevsky ausprobiert. Ich bin zwar nicht Magnus, und er weiß sicher, war er tun hat, aber ich stand nach 15 Zügen schon ein ein wenig schlechter, was bei ihm sicher nicht der Fall war. 

Vishy hatte bis 10…c6? das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben:


Eine Minute lang verlor ich die Konzentration. Sogar h5, h4 und dann c6 wäre besser gewesen als das, was ich spielte. Will ich c6 spielen, kann ich mit h5 beginnen. Das war in so vielen Belangen falsch. Ich habe es aber tatsächlich getan, und in dem Moment, in dem ich c6 gespielt habe, habe ich sein Gesicht gesehen … und dann wurden mir die Stellungsprobleme klar. Danach stehe ich schon fast auf Verlust, und das während der ganzen Partie. 

Magnus überlegte einige Minuten, bis er 11.f4! spielte, worauf eine weiße Bauernphalanx auf den schwarzen König zurollte. Anand hielt erstaunlich lange dagegen, bis Magnus das clevere 52.Kg1! spielte und Vishy mit 52...Sc7? fehlgriff:

"Die alte Geschichte?!? Nach 52...Sc7 zeigt der Computer das Gewinnmanöver 53.Lf2!!, 54.Lg3 für Magnus an!" 

Vishy hätte stattdessen 52…Lxb5! spielen können, unterschätzte aber die Gefahr:

Bei 52…Sc7? übersah ich mit nur noch wenigen Sekunden auf der Uhr komplett 53.Lf2! Ich hatte noch 1 Minute und 28 Sekunden und musste noch sieben Züge machen. An dieser Stelle dachte ich, dass ich wieder auf Verlust stehe.

Carlsens geht schwarzen Schachgeboten mit der Dame auf der h-Linie aus dem Weg und bereitet gleichzeitig das Manöver Lf2-g3 vor. Nach 53…Sb7 54.Lg3 Bxb5 55.cxb5 Dd6 sah es so aus, als würde Magnus gegen Vishy bereits zum dritten Mal in diesem Jahr aus ausgeglichener Stellung heraus besiegen:


Vishy hatte jedenfalls das Gefühl, dass es aus war:

Ich habe offen gesagt keine Verteidigung gegen 56.Kg2 gesehen, da ich mich kaum rühren kann. Er tauscht die Damen und spielt dann Lxe5 und Kf3, wonach ich keine Rettungschancen mehr sehe.

Magnus ist aber offenbar doch ein Mensch, denn mit 56.De2? ließ er 56…Se6! zu, was Vishy nach 26 Sekunden auch spielte. Im Anschluss gab es keine Ausrutscher mehr und Magnus verpasste durch das Remis den sechsten Sieg in Folge.

Hier die gesamte Live-Übertragung der gestrigen Runde:

GM Pepe Cuenca hat sich die Partie angesehen (auf Englisch):

Keymer 0-1 Caruana: Viel Lob, aber keine Punkte

Jan Gustafsson erlaubte sich vor der Runde den Scherz, dass es nun einfacher werde für Vincent Keymer, da sein Gegner in Runde 3 “noch nie Weltmeister war!” Als Nummer 2 der Welt ist Fabiano Caruana aber natürlich ein formidabler Gegner, gegen den Vincent aber durchaus überzeugen konnte. Der Amerikaner meinte in Erinnerung an seine eigene Vergangenheit:

Mit 14 oder 15 bekam ich nur wenige Gelegenheiten, gegen Top-Spieler anzutreten. Normal verlor ich dann ohne großen Kampf, daher ist es ziemlich beeindruckend, dass er in der ersten Partie Magnus und nun mich überspielen konnte. Das zeigt, dass er ein sehr guter Spieler ist. Vielleicht fehlt ihm noch die Erfahrung, und wenn er in Zeitnot gerät, spürt er den Druck und macht schlechtere Züge.  

Die Kommentatoren lobten Keymers Züge und meinten, "so würden Supergroßmeister die Stellung behandeln" | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess

Wie gegen Magnus spielte Vincent mutig und stark, und nach 31…Tf8?! stand Schwarz schon kritisch:


Caruana:

Das war eine sehr schwierige Partie, und an einer Stelle war meine Stellung möglicherweise schon fast verloren, doch dann verlor er den Faden. Sei Zug 32.Tf1 war vermutlich der entscheidende Fehler, der mich in die Partie zurückbrachte. Statt Tf1 hätte Df4 vermutlich schon zu einer Art Gewinnstellung geführt, doch ich kann mich trotz meines Gefühls am Brett auch täuschen. 

Der Computer zeigt tatsächlich an, dass 32.Df4! zu einer weißen Gewinnstellung führt, doch wie in der ersten Runde war das sehr schwer zu sehen. Vincents 32.Tf1! war zudem beileibe kein schlechter Zug. Selbst nach 32…c3 33.Kh2!? (33.Df4!) 33…Ta8 war 34.hxg6, was von den Kommentatoren und Svidler kritisiert wurde, kaum ein ernster Fehler. Richtig schief lief die Partie für Vincent erst nach 35…Lxc6:


36.Df6! erzwingt nun den Damentausch, nach dem Weiß nicht schlechter steht. Doch nach 36.Tc1?! Dxb4! 37.Kg3! Da3 38.Th1? (38.Tc2!) 38…c2! war die Partie gelaufen.

Hier der Sieger mit seinen Gedanken zur Partie:

Unterm Strich hat Vincent damit gegen extrem starke Gegnerschaft 0 aus 3 geholt, doch dürfte es nun leichter werden. Als nächste Gegner warten Naiditsch und Meier auf ihn.

Svidler 1-0 Meier: Harte Arbeit

Bisher läuft es gut für Peter Svidler | Foto: Jakob Baum

Georg Meier spielte wie erwartet Französisch, doch mit 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 anstatt 3…dxe4 (Rubinstein) überraschte er Peter Svidler. Danach verlief die Partie zunächst  wie die Parallelbegegnung Aronian-Vallejo, ehe sich die Wege trennten:

"Vallejo spielte 12...a6, während Meier 12...Lb4 spielte."

Meiers 12…Lb4 wird seltener gespielt, und Svidler fasste die Situation so zusammen:

Es ist keine angenehme Lage, aber wenn dieser Zug so gut wäre, würde ihn jeder ziehen!

Für seinen 18.Zug verbrauchte Meier 46 Minuten, doch scheint es so, als wäre 18…a6 besser als 18…La5 gewesen, was aufs Brett kam. Kritisch wurde die schwarze Lage dann nach 26…f4?! worauf das kraftvolle 27.g3! folgte:


Svidler ging davon aus, dass dies einen Bauern gewinnt, da ihm das Schlagen zu gefährlich erschien, doch Meier „entlarvte den Bluff” mit 27…fxg3?!, und nach 28.Kc1+ Ke8 29.hxg3 Lc6?! 30.Td4! konnte Weiß seinen Turm auf die h-Linie schwenken und den h-Bauern einsammeln. Bei seinem Versuch, das Material zusammenzuhalten, landete Schwarz schließlich in einem Mattnetz:

Damit hat Svidler wie Magnus 2,5 aus 3 und führt das Feld an.

Paco Vallejo spielte in der anderen Französisch-Partie 12…a6 und später 15…Tc8, was auf höchstem Niveau von Alexander Morozevich eingeführt wurde:


Levon Aronian dachte eine halbe Stunde nach, bis er 16.De3!? entkorkte. 16.0-0 hielt er wegen 16…Da3 für schlecht, wobei die meisten Partien in dieser Variante so verlaufen. Die Partie folgte auch so bekannten Vorbildern, wobei Vallejos 23…d4!? zwar keine objektive Verbesserung des bereits gespielten 23…Lf6 zu sein scheint, aber ein spektakuläres Finale ermöglichte:


Weiß wäre nun verloren, wenn er nicht 26.Txd7! Kxd7 27.Tb7+ mit Dauerschach hätte. Der schwarze König kann zwar nach g6 laufen, aber dann stünde höchstens Weiß besser.

Damit bleibt noch eine weitere Remispartie übrig, die aber durchaus spektakulär verlief. Maxime Vachier-Lagrave zeigte einmal mehr, dass er für das bekannte Endspiel der Berliner Verteidigung Gewinnideen parat hat. Nach etwa 20 Zügen sah es tatsächlich so aus, als könne er gegen Arkadij Naiditsch den vollen Punkt holen, doch dann packte er einen erstaunlichen Zug aus:


25.Sf6+!!?

Im ersten Moment zeigt die Computeranalyse an, dass es sich um einen Fehler handelt, doch wenn man die Analyse durchspielt, steht Weiß am Ende auf Gewinn!

"Am Ende der Hauptvariante von MVLs Idee steht Schwarz in einer ewigen Fesselung." 

In der Partie folgte 25…gxf6 26.exf6 Ld6 und niemand wusste, was in dieser Stellung Sache ist. Aronian und Vallejo schauten sich die Stellung eine Weile an und dachten, MVL stünde schlicht auf Verlust, wenn Schwarz den Bauern auf h5 schlägt, aber nach Tg5+ entkommt der schwarze Könige nicht den weißen Schachgeboten. Geht er nach h6, knüpft Weiß mit Tg4! ein Mattnetz, und wenn der König nach vorn marschiert, gibt Weiß ein Abzugsschach, geht mit dem König nach f2 und gibt dann mit dem Turm auf der g-Linie Dauerschach.

Und so sieht die Tabelle nach drei Runden aus:


Daniel Fridman qualifiziert sich für das GRENKE Chess Classic 2020

Daniel Fridman hat 2013 am ersten GRENKE Chess Classic teilgenommen, und er wird auch 2020 dabei sein, nachdem er das GRENKE Chess Open gewonnen hat:


Als entscheidend erwies sich sein Sieg in der 7.Runde gegen Jorden van Foreest. Fridman stand kritisch, doch dann stellte Weiß mit 26.Td3? die Partie ein:


26…De1+! 27.Kh2 Se5! und Weiß gab auf. 28.Te3 scheitert an 28…Sg4+!, denn nach 29.Dxg4 (29.Kh3 Dh1+ 30.Dh2 Dxh2#) 29…Dxe3 30.fxe3 fxg4 hat Schwarz eine Qualität mehr.

Auf dem Weg zum Turniersieg remisierte Fridman gegen den 12-jährigen Inder Gukesh, der am Ende mit einer sensationellen Leistung punktgleich bei 7,5 aus 9 landete:

"Seht ihr den Gewinnzug?"

Fridman hatte die beste Buchholz-Wertung, während Gukesh hinter Anton Korobov, Andreas Heimann und Samvel Ter-Sahakyan, aber vor Matthias Blübaum, Alexander Donchenko und Tamas Banusz Fünfter wurde. 

Fridman mit den anderen Siegern des GRENKE Opens  | Foto: Georgios Souleidis, GRENKE Chess 

Die bemerkenswerteste Leistung der 23 Spieler mit 7 aus 9 zeigte der 15-jährige Iraner Alireza Firouzja, der in Runde 3 kampflos verlor und nach einem bösen Patzer in Runde 4 seine restlichen Partien gewann und seinen Elo-Verlust mit einem Punkt in sehr überschaubaren Grenzen hielt (in der Grafik wird die kampflose Niederlage als gewertet angegeben):


Das Open ist damit beendet, aber das GRENKE Chess Classic geht natürlich weiter. Nach zwei weiteren Runden in Karlsruhe ziehen die Spieler nach dem Ruhetag nach Baden-Baden um. In Runde 4 steht mit Caruana-Carlsen die erste Revanche nach dem WM-Kampf auf dem Programm!

Ab 15 Uhr könnt ihr wieder dabei sein, wenn Jan Gustafsson und Peter Leko live auf chess24 kommentieren.   

Weitere Links:


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