Berichte 21.04.2019 | 11:47von Colin McGourty

GRENKE Chess Classic, R1: Carlsen ringt Keymer nieder

Weltmeister Magnus Carlsen ist in Runde 1 der GRENKE Chess Classic mit einem Sieg gestartet, aber es dauerte 6 Stunden, 40 Minuten und 81 Züge, bis er den Widerstand der großen deutschen Nachwuchshoffnung Vincent Keymer gebrochen hatte. Carlsen attestierte seinem Gegner „einen großen Kampf“, nachdem er diesen nach einer Achterbahnfahrt niedergerungen hatte. Die anderen Duelle endeten remis, wobei es bei Svidler-Caruana noch am spannendsten zuging. Aufs Brett kam dieselbe Stellung wie in der achten WM-Partie Carlsen-Caruana, allerdings mit vertauschten Farben.

Magnus Carlsen musste alles geben, um Vincent Keymer zu besiegen | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess  

Alle Partien der GRENKE Chess Classic könnt ihr hier nachspielen:

Und hier noch einmal die gesamte, fast siebenstündige Live-Übertragung mit Jan Gustafsson und Peter Leko als Kommentatoren:

Carlsen 1:0 Keymer: Ein großer Kampf

Keymer hat zwar verloren, aber weitere Fans dazu gewonnen | Foto: Georgios Souleidis, GRENKE Chess  

Vincent Keymer hatte schon im Vorjahr am Ende des GRENKE Chess Opens auf der Bühne in Karlsruhe gesessen, aber natürlich ist es noch einmal etwas anderes, dem Weltmeister im Scheinwerferlicht etlicher Journalisten gegenüber zu sitzen, wenn der FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich symbolisch den ersten Zug ausführt. Magnus meinte hinterher:

Von Anfang an war klar, dass er etwas nervös war. Er verbrauchte viel Zeit für vergleichsweise simple Züge, doch dann arbeitete er sich in die Partie hinein und bot mir einen großen Kampf.

Diese Video mit den Eröffnungszügen vermittelt einen Eindruck, wie es dem Youngster ergangen sein muss:

Magnus derweil hatte ein anderes Problem, da er selbst mit den schwarzen Steinen aufgrund des Elo-Unterschieds von 329 Punkten auf Gewinn spielen musste:

Das ist schwer, denn er ist natürlich ein guter Spieler, wenn man sich seine Ergebnisse aus dem Vorjahr ansieht, wo er Leute wie Boris Gelfand geschlagen hat. Er spielt solide, und mit Schwarz ist er nicht leicht zu schlagen.

Benoni mit 3…g6 hatte Magnus zuvor nur in einigen Blitzpartien gegen Ding Liren in St. Louis gespielt, und er hatte insofern Erfolg, als Vincent bereits über seinen 4.Zug 14 Minuten nachdachte. Carlsen wich dann mit 7…e5 ab, und obwohl er damit natürlich ein bewusstes Risiko einging, haben auch Botvinnik, Tal, Petrosian, Spassky und Korchnoi bereits so gespielt.

Keymer behandelte die anschließende Manövrierphase in beeindruckender Weise und ging dann sogar in die Offensive:


Er spielte 28.g4! Sd7 29.g5! Da5 30.g6!?, und Fabiano Caruana und Peter Svidler diskutierten darüber, ob Carlsen die Umsetzung dieses Plans hätte verhindern können, und Svidler meinte:

Die Stellung sah für mich zunächst danach aus, als hätte Magnus auf Gewinn spielen können, und dann weiß ich natürlich nicht, ob er Vincent wegen seiner schlechten Zeit locken wollte oder ob er schlicht g4-g5 zulassen musste, aber nach g4-g5 kann vermutlich nur Weiß auf Gewinn spielen – die Stellung ist jedoch sehr konkret.

Bei g4 hatte Vincent noch 12 Minuten auf der Uhr, während Carlsen noch 39 hatte, und als er g6 spielte, war sein Vorrat auf vier Minuten geschmolzen. Svidler erklärte:

Natürlich werden wir Vincent nicht kritisieren – das ist uns allen schon passiert, und er spielt seine erste Partie gegen Magnus, aber es ist wichtig, die Uhr im Auge zu behalten, um nicht in so einer Situation zu landen.

30.g6!? war bereits riskant (30.h4 schlug Vincents Trainer Peter Leko vor), doch erst als der Youngster zwei Tempi dafür investiert hatte, seinen König von f2 nach d2 zu überführen, verlor er den Faden:


Nach 34…Sf8! unterbrachen Caruana und Svidler ihre Diskussion über die Vorzüge der weißen Stellung, da der g6-Bauer kaum noch zu halten ist. Für h4 ist es zu spät, daher hätte der Bauer nur noch mit dem hässlichen 35.Lh5!? verteidigt werden können. Svidler sah dies aber als den besten Versuch an, da “Du verlierst langsam, aber sicher, wenn du g6 hergibst”. Vincent versuchte stattdessen 35.Lf2!? De7 36.Ke3?! Df6 37.Kd2 Sxg6, und hier sagte Peter Leko seinem Schützling einen harten Abend voraus.

Ein schwerer Auftakt für den Weltmeister | Foto: Georgios Souleidis, GRENKE Chess  

Es blieb aber spannend. Lange Zeit gelang es Magnus nicht, Fortschritte zu machen, und gerade als sich das zu ändern schien, bot er mit 56…Tg7? Turmtausch an:


Wieder blieben Vincent nur noch 4 Minuten bis zur Zeitkontrolle, doch seine Erleichterung war spürbar, als er schnell 57.Txg7! Kxg7 58.Dg3+! Kh8 59.Dg6! ziehen konnte. Magnus hatte offenbar angenommen, dass sein a-Bauer die Partie leicht gewinnen würde, doch die Computer zeigen hier bereits 0,00 an, zumal Weiß Dauerschachideen hat.

Magnus musste die Partie also noch einmal gewinnen, zeigte dann aber seine ganze Klasse. Er blendete aus, was passiert war, und übte maximalen Druck aus. 63…Dg7! war eine deutlich bessere Variante des Tauschangebots auf g7:


Der Damentausch ist erzwungen, doch danach steht Weiß nur ein schmaler Pfad zum Remis zur Verfügung. Zunächst fand Vincent die korrekten Züge: 64.Dxg7+ Kxg7 65.Lxf5! Sf6 66.Kxa3! Sxc3, doch dann griff er fehl:


Der einzige Zug war 67.Kb3!, wonach der weiße König nach 67…Se2 68.Lxf6+ Kxf6 69.Lxe4 Sxf4 70.Lf3 rechtzeitig zum Bauern auf d6 kommt, wenn Schwarz nach h5 geht. “Man braucht dafür eine Stunde auf der Uhr,” meinte Leko, während Keymer mit wenigen Minuten 67.Lf2? Se2 68.Ka4 Sxh5 spielte, wonach die schwarzen Springer und Freibauern das Kommando übernahmen. Danach gab es keine Wende mehr, und Magnus brachte die Partie nach Hause:

Der vierte Sieg in Folge fiel dem Weltmeister aber nicht leicht:

Ich habe heute nicht besonders gut gespielt. Ich habe zu viel auf Tricks gespielt, mein Kopf war etwas schwerfällig, und er hat einen großen Kampf geliefert. Es ging ehrlich gesagt nur darum, ihn auszusitzen, mehr war da nicht. Man muss bis zum Ende kämpfen, und manchmal wird man belohnt. Ehrlich gesagt, war das qualitativ keine tolle Partie. In puncto Kampf auf jeden Fall, aber das Wichtigste ist der Punkt und die Führung in der Turniertabelle.    

Hier das ganze Interview mit dem Weltmeister:

Und hier die Zusammenfassung des ersten Tages der GRENKE Chess Classic:

Bei den anderen Partien passierte nicht viel. Bei MVL-Anand kam Caro-Kann aufs Brett, und als nach 20 Zügen der Remisschluss durch Zugwiederholung erfolgte, hatten die Spieler noch einen einzigen eigenen Zug gemacht.

Bei Meier-Vallejo verbrauchten die Spieler schon für die ersten drei Züge jeweils fast eine halbe Stunde, doch auch hier wurden bald die Züge wiederholt. Aronian-Naiditsch dagegen brachte mehr Kampf. Arkadij spielte Najdorf und folgte bis zum 15.Zug einer Schnellschachpartie aus dem Jahr 2013, die er damals gegen Leko gewinnen konnte. Schwarz kam in Vorteil, doch als unsere Kommentatoren davon ausgingen, dass Naiditsch das Endspiel noch ein oder zwei Stunden weiterspielen würde, bot er nach 41 Zügen Remis an.

Das interessanteste Remis boten Svidler-Caruana, denn Sie wiederholten die ersten 18 Züge der achten WM-Partie Carlsen-Caruana. Magnus war damals froh “diese überstanden zu haben”, nachdem er mit 18…g5? das starke 19.c4! zugelassen hatte. Dieses Mal hatte Fabi Schwarz und umging den Fehler mit 18…Lf6! 19.c3 g5!

Im Anschluss bekannte Svidler, dass er 20.Le2!? mit der Idee gespielt hatte, 20…f4 mit 21.c4? zu beantworten, dann aber das starke 21…f3! sah. Er investierte 17 Minuten, um stattdessen 21.Sxc8 spielen, wonach beide Spieler ihre Stellung als leicht schlechter einschätzten. Wenn überhaupt, war aber Schwarz leicht im Vorteil, ehe die Partie nach 40 Zügen remis endete.

Es gibt wenige Turniere, die mit dem GRENKE Chess Open und den GRENKE Chess Classic in Karlsruhe mithalten können! | Foto: Eric van Reem, GRENKE Chess

Damit liegt Magnus Carlsen vor der 2.Runde am Sonntag in Führung, wo er erneut mit Schwarz gegen Paco Vallejo antreten muss. Nicht einfacher wird es für Vincent Keymer, der gegen Vishy Anand ebenfalls Schwarz hat.

Ab 15 Uhr könnt ihr wieder dabei sein, wenn Jan Gustafsson und Peter Leko live auf chess24 kommentieren.   

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