Berichte 20.10.2019 | 13:38von Colin McGourty

Grand Swiss 9: Vincent Keymer wird Großmeister, Nakamura holt auf

Hikaru Nakamura schloss mit einem Sieg gegen Vladislav Kovalev zu Fabiano Caruana, Levon Aronian und David Antón beim FIDE Chess.com Grand Swiss zwei Runden vor Schluss auf. Das Aufeinandertreffen der Nr. 1 und 2 der Welt, Carlsen-Caruana, war ein dramatisches, wenn auch kurzes Remis, während Wang Hao eine große Chance verpasste, sich in die Pole Position zu bringen. Der Chinese verpasste es, eine brillant geknetete Partie gegen Nikita Vitiugov zum Sieg zu führen. Und aus deutscher Sicht ganz besonders erfreulich: Der 14 Jahre alte IM Vincent Keymer hat (endlich) die dritte GM-Norm unter Dach und Fach gebracht und wird alsbald von der FIDE zum Großmeister ernannt, nachdem er zuvor mehrfach denkbar knapp an der letzten Norm gescheitert war.

Kommt Hikaru Nakamuras Aufholjagd zur perfekten Zeit? | Foto: John Saunders, Turnierseite

Alle Partien des Turniers kannst du hier nachspielen:

Beginnen wir mit der Tabelle zwei Runden vor Schluss. Realistisch betrachtet gibt es nur noch 15 Spieler, die gute Chancen auf den Turniersieg haben. Darunter sind unter anderem Magnus Carlsen und Fabiano Caruana, was bedeutet, dass noch 13 Spieler um einen Platz im Kandidatenturnier kämpfen:

Rk.SNo NameFEDRtgPts. TB1  TB2  TB3 
12GMCaruana FabianoUSA28126,5272345,550,5
239GMAnton Guijarro DavidESP26746,5269644,548,0
38GMAronian LevonARM27586,5268245,550,0
412GMNakamura HikaruUSA27456,5264638,041,5
515GMWang HaoCHN27266,0273646,551,0
638GMAlekseenko KirillRUS26746,0270842,546,0
748GMMaghsoodloo ParhamIRI26646,0269643,547,0
81GMCarlsen MagnusNOR28766,0268843,548,0
995GMRakhmanov AleksandrRUS26216,0268339,042,0
107GMGrischuk AlexanderRUS27596,0268045,049,5
1113GMVitiugov NikitaRUS27326,0266641,545,5
126GMKarjakin SergeyRUS27606,0265643,547,0
1318GMMatlakov MaximRUS27166,0264540,044,5
144GMAnand ViswanathanIND27656,0264341,044,5
1524GMHowell David W LENG26946,0263538,543,0

Die neuen Spieler mit lediglich einem halben Punkt Rückstand auf die Spitze sind Maxim Matlakov, der gegen Boris Gelfand gewann, Alexander Grischuk, der nach einer Niederlage tags zuvor gegen Antón sich mit einem Sieg gegen Alexei Shirov sofort zurückmeldete, David Howell dank eines Siegs gegen Rustam Kasimdzhanov und der 30 Jahre alte russische Großmeister Aleksandr Rakhmanov, der gegen Markus Ragger den vollen Punkt einfahren konnte.

Maxim Matlakov schlägt Boris Gelfand, während Wesley Sos Chancen auf Teilnahme am Kandidatenturnier 2020 jäh endeten nach einem schnellen Remis gegen Luke McShane | Foto: John Saunders, Turnierseite

Diese Spieler mit 6 Punkten werden alle die letzten beiden Partien gewinnen wollen, um eine Chance auf den Platz im Kandidatenturnier zu haben. Auch die Chance auf den geteilten ersten Platz ist damit sehr hoch. In diesem Fall wird es kein Stechen geben, sondern der Hauptpreis und der Platz für das Kandidatenturnier wird durch die Feinwertung "Durchschnittselo der Gegner, wobei der schwächste Gegner nicht miteinbezogen wird" entschieden. Hikaru Nakamura erklärte das System nach seinem dritten Sieg in 4 Runden, da er sich bewusst war, dass sein verhaltener Start auf der Isle of Man bedeutet, dass er nicht über die Zweitwertung gewinnen kann. Die Lösung? Einfach besser abschneiden als alle außer Magnus und Fabiano!

Er setzte sich mit dem Rossolimo-Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 g6) gegen Vladislav Kovalev durch und es hätte nicht besser für Hikaru laufen können. Nakamura kommentierte: "Ich glaube, er versuchte herauszufinden, mit welcher Variante er mich überraschen konnte", da Kovalev während der Eröffnung viel Zeit investierte und das, obwohl die Spieler der Partie Caruana-Nakamura von der US Meisterschaft 2018 bis zum 10. Zug und dann noch der Partie Anand-Gelfand von der Levitov Chess Week bis zum 14. Zug folgten, die Peter Svidler als "theoretisch hochgrad bedeutsam" beschrieb. Vladislav wich dann von Vishys 14.b4 mit 14.Le3!? ab, doch die schwarze Antwort war die gleiche, 14...g5:


Die beste Möglichkeit für Weiß scheint hier zu sein, sich am Extrabauern festzuhalten, auch wenn 15.Ld4 ein wenig gekünstelt aussieht. Nakamura war bereit dafür und sagte im Anschluss: "Ich hätte weiter Züge im Blitztempo spielen können."

Mit nur noch 21 Minuten gegenüber mehr als einer Stunde von Nakamura entschied sich Vladislav für 15.Sh2?!, aber Nakamura fasste das wie folgt zusammen:

Er wollte die Stellung vereinfachen, aber Sh2 vereinfacht eben nichts... das Problem bleibt weiterhin bestehen.

Nach 15…Lxe5 16.Ld4 Lxh2+ 17.Kxh2 Dc7+ 18.Kg1 e5! rollten die schwarzen Bauern durchs Zentrum und ohne große Zeitreserven war Weiß nicht in der Lage, großartigen Widerstand zu leisten.

Levon Aronian musste gedacht haben, dass dies seine große Chance auf das Kandidatenturnier war, doch der junge Spanier wehrte sich tapfer und erfolgreich | Foto: John Saunders, Turnierseite

Der Tag wurde für Nakamura sogar noch besser, da keiner der drei Führenden seine Partie gewinnen konnte. Aronian-Antón war ein heftiger Kampf, bei dem es schwer zu erraten war, wer in der Eröffnung wohl besser präpariert war. Die Spieler debattierten ein aktuelles Opfer auf f2 im Italiener, das Ding Liren in diesem Jahr mit Schwarz sowohl gegen Vishy Anand beim Norway Chess als auch gegen Kirill Alekseenko beim World Cup gespielt hatte. David spielte den ersten neuen Zug (17...c5 statt Ding's 17...Da6), aber Levon zögerte nicht und antwortete schnell. Bald wurde David von einem Läuferopfer auf h3 in Versuchung gebracht, aber schlussendlich wurde damit nur der Bauer h3 gegen den auf c5 getauscht. Das Endspiel mit zwei Leichtfiguren gegen einen Turm bot Levon gewisse Chancen, aber Antón fand eine radikale Lösung für seine Probleme:


44…Txc3! 45.Lxc3 Txc3 46.Se3 Txa3 47.Txb5 und mit nur noch einem weißen Bauern bringt der Mehrspringer nicht viel. Die Partie endete im 61. Zug friedlich.

Wieder einmal konnte Magnus Fabi im klassischen Schach nicht besiegen | Foto: John Saunders, Turnierseite

Vor der Runde lag auch Fabiano Caruana in Führung. Er musste mit Schwarz gegen Magnus Carlsen antreten und seine Gedanken schwirrten ums Überleben.

Heute spielt Magnus Carlsen gegen Fabiano Caruana auf der Isle of Man und der Weltmeister antwortet auf 4...Lc5 mit dem subtilen Anheben der linken Augenbraue und antwortet sofort mit 5.Sxe5, eine Variante, mit der er zuvor in diesem Jahr bereits Erfolg hatte.

Das wurde vor allem klar, als Magnus eine Variante der Englischen Eröffnung wiederholte, mit der er bereits Anish Giri bei der Blitz-WM 2018 besiegte und gegen Ian Nepomniachtchi in einer Blitzpartie in Abidjan in diesem Jahr eine Gewinnstellung erhielt, 8.Df3 Sxc3 9.bxc3:


In beiden Fällen spielte Schwarz 9...Le7!? und befand sich nach 10.Dg3 sofort in Schwierigkeiten, während Fabi stattdessen 9...La5 wählte, da der anhaltende Druck auf c3 bedeutet, dass 10.Dg3 noch nicht droht, den Bauern g7 zu schlagen. Caruana brauchte fast 20 Minuten für seinen Zug und erklärte später, dass es "irgendwie albern" sei, da die Variante keine Überraschung war, aber er "sich an nichts erinnern konnte."

Magnus konnte sich klar daran erinnern, was er tun sollte, und es stellte sich heraus, dass er eine weitere Überraschung im Ärmel hatte. Er antwortete mit 10.Lf4 0-0 11.0-0-0! und wiederholte ein Konzept, das ihm beim Turnier der Grand Chess Tour in Kroatien in diesem Sommer fast gegen Levon Aronian einen Sieg bescherte:

Müssen Schachlehrbücher neu geschrieben und um ein Kapitel "Ruiniere deine Bauernstruktur am Damenflügel und rochiere dann lang" erweitert werden? Magnus tat das bereits gegen Aronian in Kroatien!

Die rückständige schwarze Entwicklung bedeutete, dass der weiße König relativ sicher war, aber Fabiano schaffte es dennoch, Magnus' König ins Visier zu nehmen und Weiß zur Verteidigung zu zwingen: 11…De7 12.Kb2 Tb8 13.Ld3 b5 14.cxb5 Lb7 15.Dh3 g6 16.De3 Tfe8!?


Es war nun auch Zeit für Magnus zum Nachdenken, und hier verbrauchte er 46 Minuten, bevor er die Möglichkeit verwarf, den a7-Bauern zu verhaften. Fabiano hatte das Gefühl, dass Magnus nach z.B. 17.Dxa7 Lb6 18.Da3 Lc5 19.Db3 Lxg2 "vielleicht dachte, es wäre zu schwierig, die Stellung zu kontrollieren, wenn er sie anstreben würde". Es scheint, dass keiner der Spieler realisierte, dass es hier bereits durch 17...Ta8! 18.Dxb7 Lxc3+! 19.Kxc3 Dc5+ 20.Lc4 Ta3+ ein sofortiges Dauerschach gegeben hätte.

Wird Magnus in den letzten zwei Runden Risiken in Kauf nehmen, um das Turnier gewinnen zu können, oder ist ihm der Rekord von 101 ungeschlagenen Partien in Folge wichtiger? | Foto: John Saunders, Turnierseite

In der Partie konnte Fabiano nach 17.The1 direkt gegen den weißen Monarchen vorgehen 17…Lc6! 18.a4 a6!, und nach 19.Lg5 entschied er sich, Magnus nicht das Remis mit 19…Df8 20.Lh6 forcieren zu lassen, sondern es selbst mit 19…Lxc3+! 20.Kxc3 Da3+ in die Hand zu nehmen:

Eine faszinierende Partie, doch das 18. Remis in Folge zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana konnte sie auch nicht verhindern! Das macht 99 ungeschlagene Partien in Folge für Magnus

Keiner der beiden Spieler konnte mit dem Remis allzu unglücklich sein. Fabiano bleibt damit einen halben Punkt vor vielen Verfolgern, während Magnus nur noch eine Partie braucht, um Ding Lirens Serie von 100 Partien in Folge ohne Niederlage einzustellen - und zwei Partien, um ihn zu überbieten!

Wang Hao steht bei einer Turnierleistung von 2849, die problemlos auch hätte höher sein können | Foto: John Saunders, Turnierseite

Einen wichtigen Sieg verpasste allerdings Wang Hao gegen Nikita Vitiugov. Für die meiste Zeit der Partie litt der chinesische Spieler jedoch vor sich hin. Vor 9 Jahren war Wang Hao ein regelmäßiger Teilnehmer bei Eliteturnieren. Ilya Odessky beschrieb beim Tal Memorial seinen Spielstil ähnlich einer Boa Constrictor:

Er spielt ohne äußerliche Einflüsse, aber bemerkenswert effizient. Seine Siege mit Schwarz sind besonders beeindruckend. Sie folgen fast alle dem gleichen Muster: schlechter stehen, ausgleichen, komfortabel ausgleichen, kleiner Vorteil, großer Vorteil und... was hat Weiß eigentlich falsch gemacht, sodass alles so schief ging und er nun aufgeben muss?

So lief es auch in Runde 9. Wang Hao hatte bereits den Großteil der Arbeit hinter sich und ein Turmendspiel mit zwei Mehrbauern auf dem Brett. 69…Tf4! war der sichere Sieg, aber es gab auch noch Chancen nach 72.Kg3:


72…Kf6! ist der einzige Gewinnzug, wonach Schwarz die Opposition einnehmen kann, falls die Türme auf f3 getauscht werden. Wang Hao hatte noch drei Minuten auf der Uhr, spielte aber nach nur sechs Sekunden 72…Td3?, wonach Schwarz nicht mehr auf Gewinn steht. Vitiugov fand die einzige Verteidigung 73.Tf1! Kf5 74.Te1! d5 75.Te8! (oder 75.Te7) und der schwarze König ist erfolgreich abgeschnitten.


Eine hübsche Rettungsaktion, aber ein weiteres kostspieliges Turmendspiel für Wang Hao, der schon eine Remisstellung gegen Levon Aronian verloren hatte. Wenn solche Partien andersherum ausgehen, wäre er der unangefochtene Anführer des Turniers. Doch weil er immer noch eine sehr gute Zweitwertung hat, besitzt er noch eine gute Chance zur Qualifikation für das Kandidatenturnier. Doch nun hat er erst einmal Schwarz gegen Vishy Anand.

Der 13 Jahre alte Raunak Sadhwani ist eines der vielen indischen Schachwunderkinder | Foto: John Saunders, Turnierseite

Der Kampf um das Kandidatenturnier kann nur einen Sieger haben, aber nach neun Runden hatten mehrere Spieler bereits eines der größten persönlichen Ziele eines jeden Schachspielers erreicht - den Großmeistertitel. Wir hatten bereits nach 7 Runden angemerkt, dass der 13-jährige Sadhwani aus Indien der 9. jüngste Großmeister der Geschichte werden würde, wenn seine Gegner in den letzten beiden Runden am Brett erscheinen. Das taten sie, und obwohl Markus Ragger gegen ihn in Runde 8 gewann, schlug Sadhwani zurück und besiegte ehemaligen Europameister Alexander Motylev.

Es wäre ausreichend für den 13 Jahre alten Sadhwani gewesen, dass sein Gegner heute am Brett erscheint, damit er den Großmeistertitel verliehen bekommt, aber er gab sich keine Blöße und besiegte auch noch den ehemaligen Europameister Alexander Motylev

Der 15 Jahre alte dänische Star Jonas Buhl Bjerre hat nun ebenfalls alle Normen erfüllt und wird zum jüngsten dänischen Großmeister aller Zeiten ernannt werden.

Glückwünsche auch an Dänemarks jüngsten GM aller Zeiten, den 15 Jahre alten Jonas Buhl Bjerre!

Zuvor hatte er in diesem Jahr ein Match über zwei Schnellschachpartien gegen Magnus Carlsen gespielt - das beginnt ab 2:44:00 im untenstehenden Video. Kommentiert wird es von Jan Gustafsson. Auch gibt es dort ein Simultan und ein Interview mit Magnus Carlsen:

Seine tragische Jagd nach der letzten Großmeisternorm hat nun auch für Vincent Keymer ein Ende. Der 14 Jahre alte Internationale Meister holte seine erste GM-Norm beim vielleicht größten Sieg eines Junioren in der Geschichte des Schachs: Als er 2018 das Grenke Chess Open mit beeindruckenden 8/9 gewann - und das, obwohl er als Nr. 99 ins Turnier gestartet war.

Vincent Keymer hat es nun endlich geschafft: Er wird Großmeister! | Foto: John Saunders, Turnierseite

Seine zweite Norm holte er beim Xtracon Chess Open im Juli, doch dann war ihm das Glück bei diversen Gelegenheiten nicht hold. In der Bundesliga erzielte er beispielsweise eine Elo-Performance von 2599 Punkten und scheiterte damit denkbar knapp an der letzten Norm. Aber dank seines Remis gegen Vadim Zvjaginsev hat er den Titel nun in der Tasche und sein Trainer Peter Leko und er können Vincents Weg in die Weltspitze nun entspannter angehen.

Glückwünsche an den 14 Jahre alten Vincent Keymer zur Erlangung des GM-Titels nach so vielen knapp verpassten Gelegenheiten in der Vergangenheit!

Denn was wirklich zählt, ist natürlich, wie stark ein Spieler schlussendlich werden kann - und nicht, wie schnell er zu Beginn besser wird.

Damit stehen nur noch zwei Runden auf dem Programm auf der Isle of Man. Und jeder Fehler würde teuer bestraft werden, insbesondere, wenn man vom Kandidatenturnier träumt. In den ersten acht Paarungen geht es um die Fleischtöpfe, wobei Nakamura-Aronian ein wenig heraussticht:


Verfolge alle Partien live bei uns auf chess24!

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