Berichte 17.10.2019 | 08:33von Colin McGourty

Grand Swiss 6: Die Stars lassen die Muskeln spielen

Magnus Carlsen, Fabiano Caruana, Levon Aronian, Vishy Anand und Hikaru Nakamura konnten vor dem gestrigen Ruhetag allesamt ihren Elo-Vorteil nutzen und ihre Partien in der 6. Runde des FIDE Chess.com Grand Swiss auf der Isle of Man gewinnen. In Führung liegen nun Caruana, der souverän Vladimir Fedoseev besiegte, und Wang Hao, der Luke McShane nach dessen verpasstem Sieg gegen Caruana auf dem falschen Fuß erwischte. David Anton und Parham Maghsoodloo sind die einzigen Spieler mit einer Elo unter 2700 in der siebenköpfigen Verfolgergruppe, nachdem Kirill Alekseenko die Schallmauer vor seinem Aufeinandertreffen gegen Carlsen in Runde 7 durchbrochen hat!

Mit seinem zweiten Sieg in Folge hat Magnus wieder alle Chancen beim Grand Swiss | Foto: John Saunders, Turnierseite

Alle Partien des FIDE Chess.com Grand Swiss könnt ihr hier mit Computeranalyse nachspielen:

Bei der Auslosung der Paarungen der 6.Runde wurde es kurios und unheimlich, denn die Zahl 2664 ist schlicht die Engels- oder Teufelszahl 666 multipliziert mit 4!

Es war dieses Mal aber nicht der Tag der Außenseiter, da zwei der genannten Spieler verloren, und die Favoriten sieben der zehn Spitzenpaarungen gewannen und man bis zum 14.Brett herunterscrollen musste, um auf eine Überraschung zu stoßen – Vladislav Kovalev überspielte Harikrishna in einem klassischen Spanier. Selbst hier kann man über das Wort Überraschung diskutieren, da Kovalev bereits gegen Yu Yangyi remisierte und gegen Magnus Carlsen sogar auf Gewinn stand.

Harikrishna konnte sich gegen Kovalev nicht retten | Foto: John Saunders, Turnierseite

Am Spitzenbrett holte Fabiano Caruana einen sehr überzeugenden Sieg gegen Vladimir Fedoseev, der im Rossolimo-Sizilianer 1.e4 c5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 g6 spielte, aber bereits nach 5 Zügen überrascht schien, als Fabi statt 5.Te1, was er im WM-Kampf gegen Carlsen gespielt hatte, 5.c3 folgen ließ. Fabi kommentierte die Stellung nach 9.Ld6 so:


Er hatte sich auf diese Variante, die sehr gefährlich für Schwarz ist, nicht sehr gut vorbereitet - nach Ld6 hat Weiß großen positionellen Druck und der schwarze König steht unsicher.

Nach der Partie gegen McShane meinte Fabiano Caruana, "Ich war auf diese Partie nicht sonderlich stolz", aber gegen Vladimir Fedoseev spielte er fehlerlos | Foto: John Saunders, Turnierseite

Caruana hielt 9…0-0 “bereits für nicht sehr genau”, wobei es sich immerhin um den meistgespielten Zug in dieser Variante handelt. Dasselbe gilt für 10.Sbd2 (119 Mal gespielt), wofür er 21 Minuten investierte. Der weiße Vorteil wurde in der Folge sukzessive größer, wobei die Nummer 2 der Welt hinterher darauf hinwies, dass 22…Sb6! statt 22…d5? Immer noch zu einem Kampf geführt hätte. Später fragte man sich als Betrachter, warum Fedoseev mit einem Turm weniger weiterspielte, aber Caruana zeigte, dass ein plausibler Zug wie 37.Sg5? nach 37…Se3! zum Remis geführt hätte.

"Nach seinem Sieg gegen Vladimir Fedoseev zeigte Fabiano Caruana, warum es so gefährlich ist, sich zu früh zurückzulehnen."

Dank gefährlich wirkender, aber offenbar ausgezeichneter Vorbereitung erreichte Parham Maghsoodloo schon nach 24 Zügen ein Remis gegen Alexander Grischuk, während Wang Hao durch einen Sieg gegen Luke McShane zum führenden Caruana aufschließen konnte. In dieser Partie stand McShane mehrmals kurz vor dem Ausgleich, doch dann landete er ohne Kompensation in einem Endspiel mit einem Minusbauern und wurde nach 63 Zügen niedergerungen. Wang Hao steht damit kurz vor dem Sprung unter die Top 20 der Welt.

Zwei überzeugende Siege in Folge für Magnus Carlsen setzen seine Konkurrenten unter Druck | Foto: John Saunders, Turnierseite

Der letzte Spitzenreiter des Vortags Alexei Shirov hatte die undankbare Aufgabe, mit Schwarz gegen Magnus Carlsen antreten zu müssen. Diese wurde nicht einfacher, als es Magnus gelang, dieselbe Russisch-Variante aufs Brett zu bekommen, mit der Nikita Vitiugov beim kürzlich beendeten Weltcup Wesley So eliminiert hatte:

Erst Shirovs 11…c5 war neu (Wesley So hatte 11…Le6 gespielt), und Magnus kannte die Vorgängerpartie sehr gut:

Das war nichts Neues. Das kam schon beim World Cup in der Partie zwischen Vitiugov und So aufs Brett, wo So lange leiden musste und schließlich verlor.

Shirov, der mit 17…g5!? einen Befreiungsversuch startete, sollte es nicht anders ergehen.

"Shirov spielt g5 und setzt damit das Brett in Flammen."

Anish Giri scherzte auf Instagram, “dass hier jemand Russisch gespielt und dann gemerkt hat, dass er Alexei Shirov ist,” während Magnus darin, “eine gewisse Verzweiflung” sah. Nachdem Schwarz mit 24…Tg8?! einen Massenabtausch auf d4 zuließ, kam der Weltmeister klar in Vorteil. Auf den ersten Blick sieht 27…Lc5 gut für Schwarz aus, aber darauf hatte Magnus eine brillante Antwort vorbereitet:


28.c3! folgte, und nach 28…Lxd4 29.cxd4 Dd7 30.Dd2 lässt sich der Plan d5, e6 und Le5, was Schwarz zu Tg7 zwingt, nicht mehr verhindern.

"Gestern meinte Magnus Carlsen, es sei nie zu spät Feuer zu fangen, und heute zeigte er eine meisterhafte Zugfolge im Mittelspiel, die mit 22.Df2 begann und mit dem prosaischen 28.c3 statt des von ihm übersehenen 28.Dh4 endete."

Ein wenig Zufall war auch dabei, denn Magnus räumte nach der Partie ein, im Vorfeld übersehen zu haben, dass sein ursprünglicher Plan mit 30.Dh4 wegen 30…Dd8 gar nicht sofort gewinnt. Am Ende hatte der Weltmeister aber dennoch ein gewonnenes Damenendspiel mit Mehrbauer auf dem Brett, das nicht mehr lange dauerte. 

Levon Aronian schaffte es mit seinem lila Sakko und seinem grünen Hemd tatsächlich, die Eingangskontrolle zu überwinden |Foto: John Saunders, Turnierseite

Die Favoriten gewannen an diesem Tag nicht nur, sie glänzten auch. Der 50-jährige Russe Alexey Dreev probierte es mit einem sehr einfallsreichen Figurenopfer gegen Levon Aronian, das zumindest fast korrekt war, doch am Ende scheiterte er an einer genialen Verteidigung:


Schwarz stünde auf Gewinn, wenn Weiß nicht 23.Le3! hätte, denn nach 23…Dxe3 24.Dxd3! hat Weiß alle Drohungen im Griff und gewinnt. Alexey versuchte 23…Dxb2, aber nach 24.Sxd3! hatte Weiß alles unter Kontrolle.

Nikita Vitiugovs Läuferopfer im Stile Tals führte zu einem schönen Sieg! | Foto: John Saunders, Turnierseite

Nikita Vitiugov hatte in seiner Partie gegen Matthias Blübaum das Gefühl, dass der Zug 15…Da6?! bestraft werden musste, und behielt auch Recht, aber objektiv war 16.Ld5!? c6 17.Lxf7+!? Kxf7 18.Dh5+ Kg8  19.Te8 nicht die richtige Vorgehensweise:


Als Fiona Steil-Antoni hinterher Vitiugov fragte, was ihm bei dem Opfer auf f7 durch den Kopf gegangen sei, antwortete er: „Dass ich auf Gewinn stehe.“ Es zeigte sich aber, dass 19…Da3! gut für Schwarz gewesen wäre, obwohl Weiß nach dem von Vitiugov geplanten 20.c5! Dxc3 21.Tae1! durchaus gute Kompensation gehabt hätte. “Manchmal ist es besser, optimistisch zu sein!” meinte Vitiugov, und aus praktischer Sicht war das Opfer zweifellos einen Versuch wert. Blübaum musste die die Widerlegung erst einmal finden, und nach 19…Dxc4 war Schwarz bereits hoffnungslos verloren – es ging weiter mit 20.Txf8+ Kxf8 21.Te1 Ld7 22.Dg5! und Schwarz schaffte es nicht mehr, seinen Damenflügel zu entwickeln.

Der 15-jährige Usbeke Nodirbek Abdusattov gönnte Vishy einen scharfen Blick, bekam dann aber eine Lektion erteilt |Foto: John Saunders, Turnierseite

“Nach so einem Fehler kann man nur von Partie zu Partie denken”, meinte Vishy Anand nach seiner Erstrundenniederlage gegen Evgeniy Najer, aber nach seiner strategischen Glanzpartie gegen den 15-jährigen Nodirbek Abdusattorov in Runde 6 steht er jetzt steht er bei +2. Hikaru Nakamura hat nach seiner Kurzpartie gegen Alexander Riazantsevs Caro-Kann gleich viel Punkte auf dem Konto, aber den schönsten Partieschluss zeigte der Spanier David Anton gegen Aleksandr Lenderman:


Dieses Matt war ähnlich schön wie das von Jules Moussard gegen Karen Grigoryan im Geschwätzblitz Cup, aber in einer Turnierpartie sieht man so etwas eher selten!

Anton hat in Runde 7 Weiß gegen Nikita Vitiugov, während der 22-jährige Russe Kirill Alekseenko nun auf Magnus Carlsen trifft. Der junge Russe hat nach seinem guten Abschneiden beim Weltcup und seinem Sieg gegen Vladimir Akopian in Runde 6 mit einem Plus von 28,7 Elo-Punkten die Schallmauer von 2700 durchbrochen:

Bei Peter Svidler ist der Knoten auf der Isle of Man noch nicht geplatzt | Foto: John Saunders, Turnierseite

Wir können diesen Bericht aber nicht abschließen, ohne erneut von der grandiosen Rettung eines Spitzenspielers zu erzählen. Dieses Mal war es Peter Svidler, der im Stile von Magnus und Fabiano in einer verlorenen Stellung landete:


Mit weniger als fünf Minuten auf der Uhr war es für beide Spieler nicht leicht, aber mit 37…Dc7!, wodurch dem weißen König der Fluchtweg abgeschnitten wird, hätte Constantin Lupulescu gewinnen können. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er stattdessen mit 37…Th1+ 38.Kc2 Txa1 39.Lxa1 Dc1+ 40.Kb3 Dxa1 eine Figur gewann. Nach diversen weiteren Abenteuern erwies sich diese Mehrfigur aber als nicht ausreichend und nach 71 Zügen endete die Partie remis.

Peter ist damit wie Wesley So einer der 42 Spieler mit +1 und braucht damit noch einige Siege, um sich fürs Kandidatenturnier zu qualifizieren. Vincent Keymer dagegen verlor gestern seine Partie gegen den Vietnamesen Quang Le Quiem und steht nun bei 50 Prozent.

Hier der Stand an der Spitze.

Rk.SNo NamesexFEDRtgPts. TB1  TB2  TB3 
115GMWang HaoCHN27265,0270520,523,0
22GMCaruana FabianoUSA28125,0267820,523,5
348GMMaghsoodloo ParhamIRI26644,5266317,519,5
439GMAnton Guijarro DavidESP26744,5266317,019,5
51GMCarlsen MagnusNOR28764,5265918,522,0
67GMGrischuk AlexanderRUS27594,5265819,522,5
713GMVitiugov NikitaRUS27324,5265217,020,0
838GMAlekseenko KirillRUS26744,5265117,019,5
98GMAronian LevonARM27584,5264917,019,5
1073GMAdhiban B.IND26394,0270419,019,5
1147GMFedoseev VladimirRUS26644,0269919,521,5
1249GMShirov AlexeiESP26644,0269618,520,5
1384GMJumabayev RinatKAZ26304,0268617,519,5
1434GMMcShane Luke JENG26824,0268320,022,5
1553GMKovalev VladislavBLR26614,0266515,516,5
165GMYu YangyiCHN27634,0265717,520,5
176GMKarjakin SergeyRUS27604,0265219,522,5
1810GMWojtaszek RadoslawPOL27484,0264817,520,0
1912GMNakamura HikaruUSA27454,0264415,518,0
2030GMGelfand BorisISR26864,0263716,519,0
2144GMKryvoruchko YuriyUKR26694,0263317,019,0
224GMAnand ViswanathanIND27654,0262716,018,5
2374GMHovhannisyan RobertARM26394,0256414,016,0

Am heutigen Donnerstag geht es weiter, und ihr könnt wieder alle Partien ab 16 Uhr live auf chess24 verfolgen!

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