Berichte 15.10.2019 | 12:35von Colin McGourty

Grand Swiss 5: Was Magnus kann, kann Caruana schon lange

Fabiano Caruana schaffte es gegen Luke McShane wie zuvor auch Magnus Carlsen, eine völlig verlorene Stellung in Runde 5 beim FIDE Grand Swiss zu retten. Auch die anderen Führenden Wang Hao und Parham Maghsoodloo remisierten in einer umkämpften Partie, was es den Verfolgendern Vladimir Fedoseev, Alexander Grischuk und Alexei Shirov ermöglichte, aufzuschließen. Nun führen also wieder 7 Spieler. Shirov ist der einzige Spieler, der am Dienstag nicht gegen die Führenden gepaart wurde, doch Schwarz gegen Carlsen wird auch kein Zuckerschlecken für ihn werden! Magnus folgte derweil Shirovs Beispiel und besiegte Ganguly in einem messerscharfen Sizilianer.

Nach 7 Stunden und 85 Zügen entkam Fabiano Caruana doch noch Luke McShane | Foto: John Saunders, Turnierseite

Alle Partien des FIDE Grand Swiss kannst du hier nachspielen:

Von der Schippe gesprungen

Die unglaubliche Widerstandskraft der weltbesten Spieler wurde in Runde 5 wieder einmal zur Schau getragen. Bereits in Runde 4 hatte Magnus eine üble Stellung überstanden. Für Fabiano Caruana schien Runde 5 gut zu beginnen. Luke McShane spielte das Spanische Vierspringerspiel mit 4.Lb5 und Fabi antwortete mit 4...Ld6. Diesen Zug besprach Jan Gustafsson in seiner kürlich erschienen Videoserie zum Vierspringerspiel, wobei er denkt, dass der beste Schwarz Zug 4...Sd4 sein sollte. Trotzdem gibt er zu 4...Ld6 eine schöne Zusammenfassung:


Das sieht sehr ungeschickt aus, das muss ich zugeben, aber es ergibt durchaus Sinn. Du deckst den Bauern auf e5, also verhinderst du Lxc6, und dein Plan ist zu rochieren, ...h6 und normalerweise ...Te8 zu spielen, wonach der Läufer nach f8 oder c5 gehen kann. Im Anschluss entwickelst du dich normal weiter. Es stellt sich heraus, dass es nichts allzu Gefährliches gibt, was Weiß in der Zwischenzeit tun kann, so dass ...Ld6 normalerweise zu einem vernünftigen Spiel mit einem Brett voller Figuren führt. Und das Gute ist, dass man bei allem, was ich in den letzten 30 Sekunden gesagt habe, es mehr oder weniger spielen kann - es gibt nicht so viel Theorie, die man kennen müsste!

Tatsächlich folgte Fabiano diesem Plan, während Luke insgesamt eine halbe Stunde nachdachte, mit dem einzigen Unterschied, dass nach dem vielleicht zweifelhaften 8.Lxc6!? Fabiano die Gelegenheit nutzte, ...d5 statt ...d6 zu spielen. Schwarz hatte bald einen klaren Vorteil auf dem Brett und auf der Uhr - bis zum 21. Zug:


Schwarz drückt auf den e5-Bauern und sein einziges Problem ist, dass der Läufer auf h5 nicht so viele Felder hat. Der Computervorschlag lautet 21...f6, wobei auch 21...Lxf3 (Schwarz kann den f7-Bauern für den e5er eintauschen) und 21...Lg6 in Ordnung sind. Doch Fabiano entschied sich für 21...Dd7?!

21...Dd7 ist eine unentschlossene Wahl von Caruana, der anscheinend den Faden zu verlieren droht. Nach 22.g4 Lg6 23.Sg2! finde ich Lukes Stellung schön. Es sollte immer noch ungefähr ausgeglichen sein, aber irgendwie ist es einfacher für Weiß zu spielen

Natürlich geschah auch 22.g4 Lg6 23.Sg2! c4 24.Sf4!, und Fabiano musste plötzlich in einer strategisch kniffligen Stellung auf Tricks spielen. Nach 24…cxd3 25.cxd3 Lb4 26.Td1 gab es einen kritischen Moment:


Weiß greift sowohl den e6-Turm als auch den a7-Bauern an, aber was sollte Schwarz dagegen tun? Eine Möglichkeit liegt darin, 26...c5!? zu spielen und auf das Läuferpaar und die Kontrolle über das Zentrum zu vertrauen, um den Verlust der Qualität zu kompensieren. Die erste Wahl des Computers, und eine, die auf den ersten Blick offensichtlich aussieht, ist der Zug 26...Ta6!, was den Turm dem Angriff des Sf4 entzieht und gleichzeitig a7 deckt. Es ist jedoch nicht ganz so einfach, da 27.e6! dann Schwarz zwingen würde, sowieso die Qualität auf e6 zu geben - der Computer meint, dass die entstehenden Stellungen ungefähr ausgeglichen sind, aber zweifelsohne erfordert solch eine Wahl Mut.

Stattdessen versuchte Fabiano, die Puppen mit 26...T6e7?! zusammenzuhalten und gab den a7-Bauern auf, aber bald darauf begann die schwarze Stellung auseinanderzufallen. Die Parallelen zu Carlsens Partie am Vortag waren unübersehbar, da die Computerbewertungen über +4 kletterten, während Fabianos Hoffnungen in der Tatsache zu liegen schienen, dass Luke in ernsten Zeitschwierigkeiten war. Wieder einmal gab es eine Chance auf Lösung aller Probleme kurz vor der Zeitkontrolle, als McShane mit 15 Sekunden auf seiner Uhr 39.e6? spielte!

Eine verpasste Chance für Caruana, der auf McShanes Zeitnot spielend 39...Dxg5!! 40.exd7 Te4! übersieht

Das Narrativ war hier jedoch etwas anders, denn Fabiano antwortete mit 10 Minuten auf der Uhr schnell, anstatt in die Stellung einzutauchen. 39...Dxg5!! 40.exd7 Te4! hätte ihm drei traurige Stunden erspart, denn nach Damenzügen würde 41...Txg4+! 42.hxg4 Dxg4+ mit Remis durch Dauerschach folgen.

Stattdessen folgte 39…fxe6?! 40.Sxe6 Db8 41.d6! Txd6 42.Sc7+! Tde6 43.Td7! Luke zeigte hier seine Klasse und erreichte eine Gewinnstellung. Der klarste Moment stellt sich dabei ein nach 52…De2:


53.Sc1! ist kein Zug, der einem spontan in den Sinn kommt, aber er gewinnt fast auf der Stelle. Wenn sich die Dame nach b5 zurückzieht (und das muss sie oder der e8-Turm fällt mit Schach), kann der schwarze König nicht gegen alle Drohungen verteidigt werden, die mit Tf4 und Dh5+ verbunden sind (54.Tf4 ist laut Stockfish sogar ein Matt in 20 Zügen). 

Aber auch hier folgte die Partie dem Muster aus Kovalev gegen Carlsen, als Luke, der weniger als 5 Minuten auf der Uhr hatte, auf b4 schlug (Kovalev nahm gegen Magnus auf c5). Die Stellung war immer noch gewonnen, aber ein paar Züge später waren die Damen getauscht worden und was zunächst wie ein leicht zu gewinnendes Endspiel aussah, entpuppte sich als dank präziser Verteidigung von Fabiano als sehr knifflig:

Diese Stellung könnte immer noch für Weiß gewonnen sein (es wurde vorgeschlagen, mit 61.Td3 Lf7 62.Tg3 statt 61.Kg3 wie in der Partie zu beginnen), aber wenn sie es ist, dann ist das fast studienartig - die meisten vom Computer gegebenen Varianten erweisen sich als remis, sobald ein Bauer geschlagen wird und die 7-Steiner Tablebases die Stellung final abschätzen können. Auf jeden Fall ging die Partie noch 25 Züge weiter, bevor das Remis unterschriftsfreif war:

Kampf um die alleinige Spitze

Dieses Remis am ersten Brett bedeutete, dass ein Gewinner in Wang Hao-Maghsoodloo zur Halbzeit des Turniers der alleinige Anführer sein würde, aber eine fantastisch unausgewogene Partie - angeheizt durch ein Qualitätsopfer des Chinesen - endete schließlich friedlich. 

Maghsoodloo und Wang Hao hielten sich nicht zurück und gaben alles | Foto: John Saunders, Turnierseite

Parham Maghsoodloo hat zwar die meisten Chancen, die letzte aber gehörte Wang Hao:


Die Partie versandete nach 46.Td7+, doch nach 46.Dc3+! hätte es keine Antworten mehr auf die gestellten Fragen gegeben! Die Drohung liegt darin, die schwarze Dame mit Ta1 zu fangen und wenn man der Dame mit 46...Tf6 Rückzugsfelder eröffnet, so gewinnt Weiß dank 47.Td7+! Material, gleich was Schwarz antwortet.

Alexander Grischuk spielt wieder mit, weil ihm laut eigener Aussage das Turnier gefällt und nicht, um sich zwingend nur für das Kandidatenturnier zu qualifizieren | Foto: John Saunders, Turnierseite

Die Remisen an den vorderen Brettern stellten die Chance dar für die Verfolger, aufzuschließen. Alexander Grischuk erreichte gegen Ivan Cheparinov Vorteil, nachdem der Bulgare den d5-Konter zu früh setzte. Schlussendlich brachte Grischuk den Punkt im Turmendspiel nach Hause. Nach der Partie antwortete Grischuk in seiner typischen direkten Art, als es um Giris Rückzug vom Turnierging, wie folgt:

Alexander Grischuk zu seiner Entscheidung, auf der Isle of Man zu spielen: "Nicht jeder kann sich zuerst aussuchen, hier zu spielen und entscheidet dann, doch nicht teilzunehmen"

Giri ist vielleicht nicht da, aber seine Frau Sopiko Guramischwili war vielleicht eine hilfreiche Beraterin für Radek Wojtaszek. Der zumeist brillant vorbereitete Pole sah sich mit 4.f3! gegen Nimzoindisch konfrontiert, was der Titel einer chess24-Videoserie von Sopiko ist. Vladimir Fedoseev folgte ihren Empfehlungen und als Radek auf c3 nahm und die Stellung mit 8...b4 verschachtelte, spielte Fedoseev sofort die "sehr wichtige Variante" 10.Le3! (mit der Idee, dass nach ...Sh5 g4 Dh4+ man das Schach mit Lf2 blocken kann). Das war noch nie zuvor gespielt worden, und die Partie wich erst nach 11.cxd5 von ihrer Analyse ab:


Sopiko meint, dass Weiß in dieser Stellung nichts zu befürchten hätte, während Radeks 11...a5 vielleicht ungenau war. 12.a3!? von Fedoseev hat für Weiß nach 12...bxa3!? sicherlich perfekt funktioniert, obwohl 12...Sxe4!? der kritische Test sein könnte.  

Der dritte Spieler, der sich den Führenden anschloss, war Alexei Shirov, der zeigte, dass er auf der Isle of Man in Bestform ist, indem er sah, dass 26...Txf6? (26...gxf6! und Schwarz steht gut) ein Fehler seines armenischen Gegners Gabriel Sargissian war. Der Schlüsselzug konnte auch sofort gespielt werden (mit zusätzlichen Punkten für das Feuerwerk!), aber er war auch nach 27.Txf6 gxf6 noch gut:


28.b4! Dank des ungedeckten Turms auf a8 gewinnt Weiß einen Bauern und das reichte Alexei, um den Sieg einzutüten.

Nach dem glücklichen Remis am Vortag ist Magnus nun 95 Partien in Folge ungeschlagen| Foto: John Saunders, Turnierseite 

Seine Belohnung lag darin, nicht gegen einen der anderen Führenden in Runde 6 gepaart zu werden. Doch nachdem er bereits gegen die Nr. 2 der Welt Fabiano Caruana spielen musste und verlor, geht es nun mit Schwarz gegen Magnus Carlsen! Bisher stehen 6 Siege für Carlsen und 2 für Shirov zu Buche, doch ihre letzte klassische Partie ist 8 Jahre her.

Magnus erkämpfte sich diese Partie gegen Shirov, indem er zuvor mit 8.g4 in einem 6.h3 Najdorf gegen den indischen GM Ganguly zündelte:

Magnus plant sicher nicht, die Dinge nach dem gestrigen Drama ruhig anzugehen!

Kurios dabei ist, dass Shirov der letzte Spieler war, der diesen Zug angewendet hat und damit in 29 Zügen gegen Kirill Alekseenko in der Spanischen Liga am 31. August diesen Jahres gewann. Magnus meinte dazu:

Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen ganzen a4-Kram empfehlen kann. Wenn du a4 und h4 spielst, kannst du kaum rochieren und Königssicherheit ist erdammt wichtig im Sizilianer.

Doch das ist ganz genau, was Shirov tat. Er spielte auch noch g5 und der einzige Unterschied ist vielleicht stilistisch. Alexei gewann eine wunderschöne Opferpartie mit Motiven am Königsflügel:

Alexei Shirov gewann eine wunderschöne Angriffspartie und bescherte seinem Team damit gestern einen wichtigen Sieg in der spanischen Liga.

…während Magnus scheinbar ruhige Züge machte und seine Stellungsvorteile ausbaute, wie der Computer meint. Schlussendlich opferte Ganguly aus Verzweiflung eine Figur, um das Unvermeidliche zu verhindern, ohne dass zuvor große Kampfhandlungen stattgefunden hätten. Die Aufgabe kam mit Zug 41.

Ein guter Tag für die Nummer 1 Magnus Carlsen, der einen lockeren Sieg gegen Ganguly einfährt, während Luke McShane nah dran ist, die Nr. 2 Fabiano Caruana zu schlagen!

An anderer Stelle gab es viele Unentschieden, aber auch einige unvergessliche Momente. Adhiban kam direkt von der Niederlage gegen McShane zurück, indem er Lukes englischen Kollegen David Howell besiegte, während Wesley So und Vishy Anand mit Siegen über den 15-jährigen dänischen IM Jonas Bjerre bzw. Paraguays Axel Bachmann zu Magnus aufschlossen.

Der 13 Jahre alten Sadhwani bleibt nach seinem Remis gegen Pavel Eljanov ungeschlagen | Foto: John Saunders, Turnierseite

In Anands Partie hatten seine heißgeliebten Springer eine Menge Spaß - hier die Stellung nach 22...Sxde3!


Die Springer verschwanden bald beide vom Brett, aber sie hatten ihren Job erledigt. Als nächstes geht es für Vishy gegen den 15 jahre alten Nodirbek Abdusattorov, den man im zukünftigen Kampf um den WM-Titel auf der Rechnung haben sollte:


Wie Carlsen-Shirov beginnen auch die Partien der anderen Führenden in Runde 6 (Caruana-Fedoseev, Maghsoodloo-Grischuk und Wang Hao-McShane) um 16:00 Uhr. Die Spieler können es sich vermutlich leisten, sich voll reinzuhängen, da am Mittwoch Ruhetag ist. Von daher verpasse keine Partie und schalte ab 16:00 Uhr ein!

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