Berichte 14.10.2019 | 12:13von Colin McGourty

Grand Swiss 4: Carlsen am Rande der Niederlage

Magnus Carlsen hat seine ungeschlagene Serie in der 4.Runde des FIDE Chess.com Grand Swiss auf 94 Turnierpartien und 439 Tage ausgebaut, aber so knapp wie gestern konnte er sich in diesem Zeitraum nie vor einer Niederlage retten. Gegen den Weißrussen Vladislav Kovalev stand der Weltmeister mehrere Züge lang auf Verlust, zog in dessen Zeitnot aber mit zäher Verteidigung den Kopf aus der Schlinge. Damit liegt Carlsen weiterhin einen Punkt hinter Fabiano Caruana und Wang Hao, die remisierten und nun wie Luke McShane und Parham Maghsoodloo 3,5 aus 4 auf dem Konto haben.

Vladislav Kovalev wäre es um ein Haar gelungen, dem Weltmeister nach 439 Tagen wieder eine Niederlage zuzufügen | Foto: John Saunders, Turnierseite

Alle Partien des FIDE Chess.com Grand Swiss könnt ihr hier nachspielen:

Die Partie, die die Zuschauer in der 4.Runde von den Sitzen riss, war definitiv Kovalev-Carlsen, wo für den Weltmeister zunächst alles nach Plan zu laufen schien. Der 25-jährige Weißrusse Vladislav Kovalev hatte am Tag zuvor acht Stunden am Brett gesessen und war vermutlich unangenehm überrascht, als Magnus ihn nach 1.e4 c5 2.Sf3 mit 2…d6 zum Najdorf-Sizilianer einlud. Nach fast drei Minuten entschied sich Kovalev mit 3.Lb5+ und einer Maroczy-Struktur mit folgendem c4 auf Nummer sicher zu gehen.

Magnus spielte schnell und folgte neun Züge lang einer Blitzpartie gegen Etienne Bacrot (Paris Grand Chess Tour 2017), in der sich ein weißer Freibauer auf d6 als Schwäche entpuppt hatte. Ohne großes Nachdenken spielte Carlsen das provokative f5 und ließ wieder einen weißen Bauern nach d6 kommen, dieses Mal allerdings ohne Unterstützung eines Bauern auf c5. Das war riskant, aber war es auch schlecht?

"Ich bin recht sicher, dass Magnus Carlsen seine Stellung nach 21.Db3+ Kh8 22. Dd5 nicht gefällt."

Nach 23…Tad8?, womit Carlsen ganz offensichtlich den Pfahl im Fleisch beseitigen wollte, gab es schon kein Zurück mehr (23…h6! mit der Idee 24…Df7 war die beste Remischance, während das sofortige 23…Df7 an 25.Dxf7 Txf7 25.g4! scheitert):


Kovalev hatte weniger als 20 Minuten auf der Uhr (während Carlsen mehr als 1 Stunde und 20 Minuten übrig hatte), und es gab nur einen Zug, der seinen Vorteil bewahrte – aber als er 24.f4! fand, stand er nicht nur gut, sondern auf Gewinn!

Vladislav Kovalev hätte auch der erste Spieler mit einer Elo unter 2700 sein können, der Magnus nach fast vier Jahren wieder besiegt... | Foto: John Saunders, Turnierseite

24…Sxd6 25. Sxd6 Le7 war nun keine Option für Schwarz, da Weiß mit 26.fxe5 die Mehrfigur behält, und Magnus versank 22 Minuten lang in tiefes Nachdenken. Objektiv war es schon zu spät, und nach 24…Sxe3!? 25.Txe3 exf4 26.Txf4 h6 konnte Carlsen nur noch auf die schlechte gegnerische Bedenkzeit hoffen. Kovalev verbrauchte die Hälfte seiner Restbedenkzeit für 27.d7 (ein guter Zug, aber 27.Sxf6! hätte ihm das Leben leichter gemacht), und nach 27…Le7 28.Tef3 Txf4 29.Txf4 begann Carlsen mit 29…b5! bereits im Trüben zu fischen!


Dies war vermutlich der Wendepunkt der Partie, da Kovalev einige gute Möglichkeiten hatte. Stockfish mit Sesse-Hardware zeigt 30.h4! mit einem Vorteil von +24.71 an, die Idee ist h5 im nächsten Zug. Weiß kann den Damenflügel vorläufig ignorieren. Ein etwas brutalerer Ansatz war der Plan 30.Tf5! gefolgt von Te5, wonach entweder der Läufer auf e7 verloren geht oder Te6/Te8+ kommt. Auch dagegen kann Schwarz wenig machen.

Stattdessen verbrauchte Kovalev fünf seiner letzten acht Minuten und spielte 30.Sxc5!?, was die Stellung klärt und an der weißen Gewinnstellung nichts ändert, Magnus aber wieder etwas Hoffnung gab. Nach 30…Lxc5 31.Dxc5 Kh7 32.Dd5 zeigte er mit 32…Dg5!, dass er noch am Leben war:


Er bot einem sichtlich erschöpften Kovalev ein verheißungsvolles Turmendspiel an. Wieder war 33.Tf5! mit folgendem Te5 der richtige Weg, aber verständlicherweise hatte Kovalev Angst vor den gegnerischen Schachgeboten. Dazu kam ein weiterer Faktor – um die Partie zu gewinnen, musste er nur bei unveränderter Stellung 40 Züge erreichen, um danach mit frischen 50 Minuten den Sieg zu sichern.

Zu diesem Zweck war es klug, die Züge jeweils zweimal zu wiederholen, aber an dieser Stelle brachte Carlsen seinen Gegner durcheinander. Es ging weiter mit 33.De4+ Dg6 34.Dd5 Dg5 35.Dd6 Dg6 36.Dc7 Dg5 37.Dd6 Dg6 38.Dc7 Dg5 39.Dc6, worauf der Weltmeister es, nachdem er sieben Züge lang seine Dame hin und her gezogen hatte, geschafft hatte!

"Unglaubliche Dramatik, aber wie es aussieht, ist Carlsen Kovalev in dessen Zeitnot entwischt."

Um die Zugwiederholung zu vermeiden, hatte Kovalev 39…De7! 40.Dxb5 Txd7 zugelassen, womit der weiße Vorteil komplett futsch war. Kovalev war verständlicherweise erschüttert:

"Oh mein Gott. Wieso habe ich das nicht gewonnen? Vladislav Kovalev steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben."

Nach der Achtstundenpartie vom Vortag entschied sich der Weißrusse klugerweise dazu, mit seinem Mehrbauern nicht weiterzuspielen, und bot nach 47 Zügen Remis an. Seit seiner letzten Niederlage gegen Shakhriyar Mamedyarov am 31.Juli 2018 in Biel war Carlsen schon öfter in Verlustgefahr – zum Beispiel, als die Computer beim WM-Kampf ein Matt für Caruana sahen oder als er beim Europacup eine Figur gegen Ding Liren verlor – aber so nah dran wie hier war er ihr in letzter Zeit wohl nie. Damit hat er seine Serie fortgesetzt und auf nunmehr 94 Turnierpartien ausgebaut. Danach blieb nur noch die Analyse.

Natürlich wäre Carlsen vor der Partie ein Remis sicher nicht sonderlich recht gewesen, aber immerhin liegt er nach dem Remis zwischen Fabiano Caruana und Wang Hao nur einen Punkt hinter der Spitze. Caruana probierte es gegen die Russische Verteidigung des Chinesen mit einem Zug, den Peter Svidler bereits 2007 gegen Vassily Ivanchuk gespielt hatte. Wir kamen dieses Jahr in unserem Artikel über die 2.Runde des Tata Steel darauf zu sprechen, als Anand Svidlers Zug kopierte:

“Einer der seltenen Fälle, in denen ich und die Jungs Arbeit geleistet haben, die sich bewährt hat,“ meinte Svidler, als Anand zu Beginn des Jahres 17.Lf4 spielte. Nun folgte Caruana diesem Vorbild und wich erst nach 20 Zügen von Svidler-Ivanchuk ab.“ 

Fabi versäumte es womöglich, Svidlers Idee mit 27.b4! oder 28.b4! unterzubringen und brachte sich im Gewinnstreben eher in Verlustgefahr, ehe nach 46 Zügen das Remis unterschriftsreif war. Später meinte er, er habe in einem Open mehr Grund, Risiken einzugehen, da „die Wahrscheinlichkeit nicht so hoch sei, bestraft zu werden“.  

Der 19-jährige Iraner Parham Maghsoodloo stand zuletzt ein wenig im Schatten seines Landsmanns Firouzja, aber bisher läuft es für ihn | Foto: John Saunders, Turnierseite 

Dieses Remis gab den Verfolgern die Chance aufzuschließen, und der noch amtierende Junioren-Weltmeister (die diesjährige Junioren-WM beginnt morgen!) Parham Maghsoodloo nutzte sie gegen Vidit mit erstaunlicher Leichtigkeit. Mit großem Selbstvertrauen steuerte Maghsoodloo ein Endspiel mit verschiedenfarbigen Läufern an und wies dann nach, dass er es zu Recht als gewonnen eingeschätzt hatte.

Ebenfalls auf dem geteilten 1.Rang befindet sich nun Luke McShane, der dieses Mal mit Weiß den Glanzzug f5 ausführte!


Es ging weiter mit 17…Te8 18.fxe6 fxe6 19.e5! und der Angriff gegen den Inder Adhiban lief wie am Schnürchen. In Runde 5 muss der Brite nun gegen Caruana ran.

Auch Adhiban konnte Luke McShane nicht stoppen | Foto: John Saunders, oTurnierseite

Nikita Vitiugov hätte ebenfalls zu den Führenden aufschließen können, doch er ließ Ivan Cheparinov im Stile Carlsens entwischen:


Vitiugov hatte als Schwarzer zuvor alles richtig gemacht und musste hier mit 32…Dh6! 33.Tg2 erzwingen, um dann 33…Te3! folgen zu lassen. Stattdessen spielte er er überstürzt 32…Te3, und nach 33.Tff3! mündete die Partie in ein Endspiel mit verschiedenfarbigen Läufern. Vitiugov versuchte, 87 Züge lang, seinen Vorteil zu verwerten, doch am Ende war alle Mühe umsonst.

Nikita Vitiugov hätte um ein Haar zur Spitze aufgeschlossen | Foto: John Saunders, Turnierseite

Wie immer kann das Geschehen nicht komplett zusammengefasst werden, daher sei in Kürze angemerkt, dass Sergey Karjakin und Levon Aronian mit Siegen gegen Anton Demchenko und Sam Sevian weiter auf dem Vormarsch sind und nun bei 3 aus 4 stehen. Gleich viele Punkte hat auch Boris Gelfand, der den Ägypter Adly Ahmed schlug und nun auf Alexey Dreev trifft. Ebenfalls 3 aus 4 hat Matthias Blübaum, der den anderen Ägypter Bassem schlug und nun auf Kirill Alekseenko trifft. 

Kurios verlief die Partie Ponomariov-Jobava, wo Ex-Weltmeister Ruslan Ponomariov mit 16.Sg6! eine Neuerung brachte, die er nach seinem Ausscheiden beim Weltcup schon ausgeplaudert hatte:

"16.Sg6 ist die Neuerung, die Ponomariov beim Weltcup gegen Esipenko vergessen hatte."

Ob Baadur Jobava das nicht mitbekommen hat oder einfach die entstehende Stellung mochte, ist ungeklärt. Sicher ist aber, dass er danach eine böse Niederlage einstecken musste!

Peter Leko gewann eine schöne Partie gegen das indische Wunderkind Nihal Sarin und muss in Runde 5 "zur Belohnung" gegen seinen 14-jährigen Schüler Vincent Keymer ran, der gegen Eljanov remisierte!

"Bin überrascht, dass Peter Leko bei der Junioren-WM mitspielt!"

Vincent hat mit Remis gegen Kryvoruchko, Saric und Eljanov und einem Sieg gegen Sjugirov einen hervorragenden Start hingelegt und ist auf dem besten Weg, seine letzte GM-Norm unter Dach und Fach zu bringen. Wird Leko seine Chancen schmälern? Oder kann Vincent sogar die Außenseiterchance seines Trainers, sich noch einmal für das Kandidatenturnier zu qualifizieren, zunichte machen? Wir setzen unser Geld auf ein ruhiges Remis der beiden Spieler, die zu viele Geheimnisse des anderen kennen.

Die anderen Paarungen lauten McShane-Caruana und Wang Hao-Maghsoodloo an der Spitze, während Magnus mit Weiß an Brett 11 auf Ganguly trifft. Ihr könnt wieder ab 16 Uhr live dabei sein, wenn chess24 alle Partien überträgtT!

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