Berichte 21.10.2019 | 13:42von Colin McGourty

Grand Swiss 10: Caruana führt vor Wang Hao

Mit einem Sieg gegen David Antón hat Fabiano Caruana eine Runde vor Schluss beim FIDE Chess.com Grand Swiss die alleinige Führung übernommen. Da der Amerikaner aber bereits qualifiziert ist, liegt der Chinese Wang Hao im Rennen um den Platz für das Kandidatenturnier nach einem Sieg gegen Vishy Anand ganz vorn. Auch Magnus Carlsen befindet sich in der Verfolgergruppe mit sieben Punkten, nachdem er Maxim Matlakov besiegen und Ding Lirens Serie von 100 Partien ohne Niederlage einstellen konnte. Wenn er in der letzten Runde nicht gegen Levon Aronian verliert, kann der Weltmeister zum alleinigen Rekordhalter werden, aber die entscheidende Frage ist natürlich ob Aronian, Alekseenko, Vitiugov, Nakamura, Howell oder Wang Hao sich den Platz im Kandidatenturnier schnappt.

Wang Hao ist bisher die große Überraschung des FIDE Grand Swiss und nun Favorit auf den Platz im Kandidatenturnier | Foto: John Saunders, Turnierseite

Die vorletzte Runde des FIDE Chess.com Grand Swiss war hart umkämpft, da viele Spieler sich in eine gute Ausgangslage im Kampf um den Platz beim Kandidatenturnier verschaffen wollten. Sieben der acht Spitzenbretter fanden dabei einen Sieger:

Caruana und Carlsen zerstören die Träume ihrer Gegner

Fabiano Caruana und Magnus Carlsen sind nicht in den Kampf um den Platz beim Kandidatenturnier involviert, den es auf der Isle of Man zu gewinnen gibt, können aber die Hoffnungen anderer Spieler beerdigen. In Runde 10 betraf dies den Spanier David Antón und den Russen Maxim Matlakov, und in der Schlussrunde könnten Hikaru Nakamura und Levon Aronian die nächsten Opfer sein.

Fabiano Caruana machte David Antóns Hoffnungen auf das Kandidatenturnier zunichte | Foto: John Saunders, Turnierseite

Fabiano Caruana übernahm die alleinige Führung, nachdem David Antón ihn in einer Englisch-Variante mit einem frühen Damenabtausch überraschte, der Weiß “bequemen Vorteil” einbrachte. Der spanische GM wusste genau, was er tat, aber nach einigen Stolperern (Fabiano gab an, dass 38…b5! wohl zum Remis geführt hätte – und der Computer gibt ihm recht) konnte die Nummer 2 der Welt die Partie nach 58 Zügen gewinnen.

Magnus Carlsen schlug zum zweiten Mal Maxim Matlakov | Foto: John Saunders, Turnierseite

Weltmeister Magnus Carlsen fand sich in einer recht heiklen Situation wieder. Auf der einen Seite bestritt er die 100. Partie seit seiner letzten Niederlage gegen Shakhriyar Mamedyarov in Biel im Juli 2018 und konnte Ding Lirens Serie von 100 Partien ohne Niederlage einstellen, aber andererseits will er natürlich das Turnier gewinnen und musste dazu seine Partie auf jeden Fall gewinnen. Zu letzterem Zweck konnte die Eröffnung gar nicht besser für ihn verlaufen. Maxim Matlakov wiederholte die ultra-scharfe Gambit-Variante im Halbslawisch, die er dieses Jahr bereits gegen Aleksey Sarana bei der Russischen Meisterschaft gespielt hatte, ehe Magnus als Erster mit 9.h4 abwich (Sarana hatte erst 9.Le2 gespielt). Danach ging die Partie bis 14.b3 weiter wie Nakamura 1-0 Ding Liren beim Sinquefield Cup 2016:


Damals analysierte Jan Gustafsson diesen spektakulären Sieg von Nakamura nach cxb3:

Jan war von Ding Lirens 14…cxb3 nicht überzeugt, und tatsächlich scheint Matlakovs 14…Tg8 eine Verstärkung zu sein. Die beiden letzten Züge hatten den Russen aber über 40 Minuten gekostet, und nachdem Magnus 15.Dc2 aufs Brett geschleudert hatte, nahm sich Matlakov weitere 16 Minuten für 15…b4 Zeit. Wie Ding Liren hatte der Russe nach dem Schlagen auf h4 zwei Bauern mehr und stand objektiv offenbar gut:

"Magnus hat mehr als eine Stunde mehr auf der Uhr, aber steckt er in seiner 100.Partie nach seiner letzten Niederlage in Schwierigkeiten?"   

Der große Zeitnachteil war aber ein großes Problem für den Russen, und das zeigte sich spätestens, als er nach 26.f4! nicht den einzigen Zug 26…gxf3, sondern den Verlustzug 26…exf4 spielte. Tarjei Svensen twitterte:

"Matlakov spielt exf4, was ein grober Fehler wegen des Computerzugs e5 ist, aber Carlsen hat ihn nicht gesehen."

Tarjei wurde dafür stark kritisiert und räumte ein, dass “grober Fehler” nicht angemessen und e5 schwer zu sehen war, aber 27.e5! hatte der Weltmeister tatsächlich übersprünglich geplant! Er meinte zu Fiona Steil-Antoni:  

Es gibt viele Gründe, mit dieser Partie unzufrieden zu sein, und der einzige Grund zur Zufriedenheit ist das Ergebnis. Das Problem ist, dass ich 26.f4 berechnet und bei 26…exf4 gedacht hatte, dass nach 27.e5 alles bei ihm zusammenbricht, und dann komme ich vom Klo zurück und spiele nach einer Sekunde 27.Lxf4?, was ich überhaupt nicht geplant hatte. Danach konnte ich mich nicht mehr beruhigen.

Hätte Magnus 27.e5! gespielt, hätte er das ganze Brett dominiert, vor allem weil 27…fxg3 einfach wegen 28.Txf7! mit Damengewinn verliert (28…Dxf7 führt zu einem Matt in sieben Zügen). Stattdessen zeigen die Computer nach 27.Lxf4 Lxf4 28.Txf4 totalen Ausgleich an, aber nur nach dem sofortigen 28…Txd6. Nach 28…c2?! 29.Dxc2 stand Schwarz aufgrund einiger taktischen Nuancen dagegen wieder Verlust. 

Maxim Matlakov zahlte für das lange Nachdenken einen hohen Preis | Foto: John Saunders, Turnierseite

Danach zeigten die Computer klaren Vorteil für Carlsen an, doch die Stellung war keineswegs einfach zu gewinnen. Magnus meinte, er habe einen klaren Gewinnweg gefunden, dabei aber einen Trick seines Gegners übersehen:


Magnus erwartete hier Matlakovs Aufgabe, doch der spielte 39…Dh5+!, und nach 40.Kg1 Ta1+ 41.Lf1 Dxf7 42.Dxf7 La6! ging die Partie weiter und der Weltmeister räumte seinem Gegner plötzlich gute Remischancen ein. Objektiv war dies nie der Fall, doch Matlakov hätte dem Weltmeister das Leben viel schwerer machen können:


Hier regte Magnus 46…g3+! 47.Kxg3 Th1 mit Verteidigung des h-Bauern an. Mit 46…Tb1 47.Dxh5 Kb6 48.Dxg4 Txb3 strebte der Russe eine Festung an, doch dafür hatte er sich den falschen Gegner ausgesucht:

Er wollte eine Festung errichten, aber es gab keine! Das weiß ich schon aus der Schule. Ich wusste, dass es keine Festung ist und wie man sie knackt.

Nach 80 Zügen gab Matlakov schließlich auf, da der Bauer nach 80…Ke4 81.Dd5+ fällt und Magnus mit Dame gegen Turm sicher gewinnen würde.

Nach dieser faszinierenden Partie hat Magnus tatsächlich Ding Lirens Rekord von 100 Partien ohne Niederlage eingestellt und kann ihn nun sogar brechen. Allerdings wird das nicht leicht, da Levon Aronian Weiß hat und einen Sieg braucht. Auch Carlsen muss gewinnen, wenn er Erster werden will, aber Caruana reicht aufgrund der besseren Wertung ein Remis zum Turniersieg. Auch das wird jedoch nicht einfach, da sein Gegner Nakamura als Weißer ebenfalls gewinnen muss!

Spannung im Kampf um den Platz beim Kandidatenfinale

Das Remis zwischen Aronian und Nakamura gibt beiden noch eine Chance auf das Kandidatenturnier | Foto: John Saunders, Turnierseite

Der Grund, warum Nakamura und Aronian gewinnen müssen, ist ihr Remis in der letzten Runde, mit dem die Spieler mit sechs Punkten eine neue Chance bekamen.

Wang Hao ist bezogen auf seine Ambitionen zwar bescheiden, doch gegen den großen Vishy Anand, der ebenfalls gewinnen musste, nutzte er seine Möglichkeiten. Der Ex-Weltmeister rannte geradewegs in die Vorbereitung des Chinesen, der sich für die Partie am Tag zuvor auf den Zug 6.Sc3 im Russisch vorbereitet hatte. Wang Hao wich mit 7…Lb4 von den zuletzt gespielten Vorbildern ab und hatte die Stellung nach eigenen Angaben bis 17.f4 zu Hause auf dem Brett gehabt. Allerdings meinte er, er habe den Zug nur einige Sekunden mit dem Computer überprüft, da er ihm “harmlos” vorkam.

Die Stellung war eigentlich völlig ausgeglichen, doch Vishy wollte auf Gewinn spielen und trieb überambitioniert seine Zentrums- und Königsflügelbauern nach vorn. In einer laut Wang Hao bereits „deprimierenden Stellung“ stellte Weiß dann mit 28.Txe4? die Partie ein, worauf die kalte Dusche 28…Tcf6! folgte:

Plötzlich gibt es gegen Tf1+ mit Matt bzw. Figurengewinn keine Verteidigung mehr, da 29.Te1 an 29…Lc4! scheitert.

Wang Hao wäre mit einem Remis gegen Vishy Anand zufrieden gewesen, doch dann kam es noch besser | Foto: John Saunders, Turnierseite

Dieser brutale Schluss beendete Vishy Anands Hoffnungen, sich zum dritten Mal für einen WM-Kampf gegen Magnus Carlsen zu qualifizieren, während Wang Hao nun gute Chancen hat, als Überraschungsmann zum Kandidatenturnier zu fahren. Enden die anderen Spitzenpaarungen remis (oder Carlsen und Caruana verlieren nicht und Alekseenko-Vitiugov geht remis aus) ist der Chines aufgrund des besten Wertung für das Kandidatenturnier qualifiziert. Und wenn er gegen David Howell mit Weiß gewinnt, ist er sowieso dabei!

David Howell hat von allen Spielern mit 7 Punkten die schlechteste Wertung, da er zu Beginn gegen Baadur Jobava verlor. Er meinte zu Fiona:

In der ersten Runde fühlte ich mich ziemlich eingerostet. Ich hatte eine Gewinnstellung, aber mein Gehirn funktionierte nicht. Ich bin es gewohnt, nur 30 Sekunden auf der Uhr zu haben, aber in der 1.Runde konnte ich keine Variante berechnen. Jetzt ist mein Geist aber wach!

Howell verlor auch noch gegen Adhiban, doch nach seinem Sieg gegen Alexander Grischuk in Runde 10 steht er nun bei vier Siegen in den letzten fünf Runden. Es entspann sich eine Zeitnotschlacht, wie man sie vorher erwarten konnte!

Nach dem überraschenden 22.Db3! beging Grischuk mit 22…T1d6? einen schweren Fehler, richtig wäre das prinzipielle 22…Txc1 gewesen (obwohl auch 22…T8d6 möglich war). David verbrauchte die letzten vier Minuten seiner Bedenkzeit für 23.Se5! und machte die letzten Züge mit acht Sekunden auf der Uhr plus Bonus ohne einen einzigen Fehler, ehe ihm durch den Kopf ging, „was ist hier los, ich stehe ja auf Gewinn“!

Hinterher fragte Fiona ihn, ob er immer noch eine Schachpause einlegen wolle:

In solchen Momenten fange ich an zu glauben, dass ich es als Schachspieler schaffen kann, aber ich weiß es nicht. Ich habe in meiner Karriere um diese großen Pausen gekämpft, und manchmal geht dadurch ein wenig die Motivation verloren.

Howell bereitet sich für einen Topspieler extrem ungewöhnlich vor | Foto: John Saunders, Turnierseite

Bei einer Qualifikation für das Kandidatenturnier, die nicht ausgeschlossen ist, würde er es sich aber sicher anders überlegen. Angesichts seiner schlechten Wertung müsste er gegen Wang Hao gewinnen, während Nakamura, Aronian, Alekseenko und Vitiugov keinen vollen Punkt einfahren dürfen.

Dass alles passieren kann, zeigte der 22-jährige Russe Kirill Alekseenko, der meinte, er sei sehr glücklich gewesen, gegen Sergey Karjakin antreten zu dürfen, aber nie geglaubt habe, diesen mit Schwarz zu schlagen.

Kirill Alekseenko beendete an einem Tag der Vorentscheidung auch die Hoffnungen von Sergey Karjakin | Foto: John Saunders, Turnierseite

Es war eine außergewöhnliche Partie, da Alekseenko als Schwarzer mit 2…Sd7 und 3…Sb6!? für Kopfschütteln bei Leuten wie Anish Giri und Romain Edouard sorgte.

Nakamura schrieb, dass es sich bei dem Springerzug um einen Gewinnversuch handle, er aber glaube, dass "Sergey ihn einfach zerstören werde.” Das war nach 7…f6!? durchaus möglich: 


Hier nahm Karjakin die Herausforderung an und opferte mit 8.cxd5!? fxe5 9.dxc6 eine Figur, doch sagt es einiges über Alekseenkos Talent aus, dass er ab hier bis zum Damentausch im 16.Zug alles gesehen und die Stellung als in Ordnung für Schwarz eingeschätzt hatte! Im weiteren Verlauf übernahm Schwarz sukzessive das Kommando und wich in gegenseitiger Zeitnot korrekt der Zugwiederholung aus. Letztlich reichte die Mehrfigur nach 89 Zügen zum Sieg, womit Karjakins Hoffnungen auf eine Teilnahme am Kandidatenturnier zerstoben sind.

"Zumindest habe ich es versucht!"

Alekseenko hat nach Wang Hao die beste Wertung, und in der letzten Runde tritt er mit Weiß gegen seinen Landsmann Nikita Vitiugov an. Vitiugov hatte schon beim Weltcup die Qualifikation im Blick und besiegte gestern Aleksandr Rakhmanov. Schwarz stand schon schlecht, aber 28…Ta7? ließ einen Blitzeinschlag zu:


29.Txe6! fxe6 30.Dxe6+ Kh7 31.De4+! g6 und danach fielen die weißen Springer beginnend mit 32.Sxg6! über den Schwarzen her. Rakhmanov spielte bis zum 42.Zug weiter, konnte am Ausgang aber nichts ändern.

Le Quang Liem schlug Parham Maghsoodloo, kann sich aber nicht mehr qualifizieren  | Foto: John Saunders, Turnierseite

Zu erwähnen bleibt noch, dass Parham Maghsoodloo als letzter Spieler, der mit sechs Punkten in die Vorschlussrunde ging, gegen Le Quang Liem verlor. Damit sieht es an der Spitze so aus:

Rk.SNo NameFEDRtgPts. TB1  TB2  TB3 
12GMCaruana FabianoUSA28127,5271756,061,0
215GMWang HaoCHN27267,0273956,561,5
338GMAlekseenko KirillRUS26747,0271452,557,0
41GMCarlsen MagnusNOR28767,0269154,559,5
58GMAronian LevonARM27587,0268957,062,0
613GMVitiugov NikitaRUS27327,0266152,056,5
712GMNakamura HikaruUSA27457,0265949,053,5
824GMHowell David W LENG26947,0264947,552,0
939GMAnton Guijarro DavidESP26746,5270855,059,0
10110GMParavyan DavidRUS26026,5267148,051,5
1119GMLe Quang LiemVIE27086,5263549,053,5
1274GMHovhannisyan RobertARM26396,5262846,048,5

Und die entscheidenden Paarungen in der Schlussrunde lauten:


Fabiano Caruana kann den ersten Platz auf der Isle of Man mit einem vollen Punkt absichern und auch ein Remis könnte für den alleinigen Turniersieg schon reichen. Bei Punktgleichheit der ersten beiden würden die Preisgelder von $70.000 und $50.000 allerdings auch bei unterschiedlicher Wertung geteilt.  

Carlsen und Caruana haben ihre Favoritenrolle auf jeden Fall bestätigt | Foto: John Saunders, Turnierseite

In puncto Qualifikation für das Kandidatenturnier würde Wang Hao ein Sieg sicher reichen, und auch ein Remis könnte genügen. Eine spannende Schlussrunde wird es aber allemal.

Die letzte Runde beginnt 90 Minuten früher als sonst um 14:30 MESZ. Alle Partien chess24 könnt ihr wieder live auf chess24 verfolgen!

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