Berichte 12.10.2019 | 00:23von Colin McGourty

Grand Swiss 1: Anand verliert, Carlsen im Glück

Vishy Anand fiel in der ersten Runde des FIDE Chess.com Grand Swiss auf der Isle of Man einem brillanten Angriff von Evgeniy Najer zum Opfer. Weltmeister Magnus Carlsen war auch gefährlich nah dran, seine ungeschlagene Serie von 90 Partien zu beenden, bevor Yuriy Kuzubov den Faden und die Partie verlor. Fabiano Caruana, Yu Yangyi, Vladislav Artemiev und Nikita Vitiugov gehörten zu den Top-Spielern, die ihre Partien gewannen, aber Sam Shankland schied nach einer Niederlage gegen Erwin l'Ami aus dem 2700er Club aus. Die größte Überraschung bezüglich des Elounterschieds war der 13-jährige Raunak Sadhwani, der Sanan Sjugirov besiegte.

Najers Sieg ist ein brutaler Rückschlag für Anand | Foto: John Saunders, Turnierseite

Alle Partien kannst du dir hier anschauen:

Vishy Anand von Najer gestoppt

Das Grand Swiss ist nicht ein typisches offenes Turnier, bei dem in Runde 1 fast alle Favoriten ihre viel schlechteren Gegner schlagen. Stattdessen standen die Spitzenspieler nicht nur Großmeistern gegenüber, sondern auch starken Großmeistern, und Vishy Anands Gegner, der Russe Evgeniy Najer, war kein Spieler, den er wahrscheinlich unterschätzen würde. Najer ist ein ehemaliger Europa- und Aeroflot Open-Champion und hat kürzlich Anish Giri im Rahmen des World Cup bis zum Armageddon widerstanden. Er ist dafür bekannt, dass er in hochtaktischen Stellungen brilliert, und er sollte in Runde 1 eine bekommen.

Eine harte Partie für Vishy | Foto: John Saunders, Turnierseite

Najers Weg zu dieser taktischen Position führte über 5.Ld2, ein Zug, den Jan Gustafsson in seiner Videoserie zu Nimzoindisch als "zaghaft" bezeichnete, obwohl er bemerkte, dass er zu einer spielbaren Position mit allen Figuren auf dem Brett führte. Jan kam zu dem Schluss, dass es "leider kein schlechter Zug war, und ich wäre nicht überrascht, wenn er in Zukunft etwas mehr auftauchen würde". Vishy begann bereits nachzudenken, und obwohl seine Stellung objektiv gut aussah, war sie sehr scharf. Erst 17...g6 war ein neuer Zug, und 18.f5! stellte bereits sehr konkrete Fragen:


Evgeniy sagte, dass er dies hauptsächlich aus Intuition spielte. Vishy sollte  mit dem Zug 18...h5! antworten, den er nach der Partie vorschlug, oder 18...Dd5!, aber stattdessen attackierte er den Läufer auf d2 mit 18...Se4?. Das mag bereits der Verlustzug sein, und der russische Großmeister zeigte, warum, indem er den Angriff ignorierte, um einen eigenen Angriff mit 19.Lxd3!! zu starten. Sxd2 20.fxg6!

Ist Vishy Anand in echten Schwierigkeiten?

20...fxg6! war streng genommen ein einziger Zug, aber Vishy brauchte 13 Minuten Bedenkzeit, die er wahrscheinlich damit verbrachte, sich selbst davon zu überzeugen, dass er nichts Besseres als diese schreckliche Fortsetzung hatte. Die Partie wurde fortgesetzt mit 21.Lxg6! Kh8 22. Lxh7! Zu diesem Zeitpunkt zeigte Vishy jedoch seine ganzen Klasse, indem er mit einigen brillanten Ressourcen im Spiel blieb, und es sah so aus, als ob ein leichter Ausrutscher von Najer (27.Dg6 statt 27.Lg6) alles sein könnte, was Vishy zum Überleben braucht. 27....Lxg2+! 28.Kxg2 und Vishy war nah an der Rettung:


Hier musste Vishy erkennen, dass nach 28...Df3+! 29.Kg1 Df4! der stille Damenzug alles zusammenhält, und es scheint, dass Weiß nicht mehr als ein Dauerschach hat. Stattdessen marschierte der König nach 28...Dd5+ furchtlos mit 29.Kh3 über das Brett! 29...Dd3+ 30.Kh4! und anstatt mitanzusehen, wie der König triumphierend auf h5 ankommt, gab Vishy die Partie auf.

Evgeniy Najer gewann spektakulär gegen Vishy Anand, einend er Topfavoriten auf den Platz im Kandidatenturnier!

Eine großartige Partie von Najer, der sich seines Siegs nicht sicher war, bevor Vishy die Hand zur Aufgabe reichte.

Magnus Carlsen bekam den vollen Punkt, aber Kuzubov verpasste eine große Chance | Foto: John Saunders, Turnierseite

Dieses dramatische Ergebnis hätte noch von den Ereignissen in der Partie von Weltmeister Magnus Carlsen überschattet werden können, denn nach einem scharfen und interessanten Auftakt erreichten wir nach 31.Db4? die folgende Stellung:

Nun scheint Magnus in Schwierigkeiten... aber Kuzubov hat wenig Zeit!

Die Verteidigung von d6 mit der Dame macht die Drohung Lf5 real (vorher würde ...Txd6 folgen!), aber es stellte sich heraus, dass der richtige Zug 31.Dc5 war! Nach dem Zug in der Partie war Yuriy Kuzubov auf seine letzten fünf Minuten Bedenkzeit angewiesen, fand aber immer noch die kraftvolle Ablenkung 31...a5! 32.Dxa5 Dxd4 und nach 33.Txd2 hatte er eine flüchtige Chance auf Ruhm:


Magnus Carlsen ist seit 90 Partien in Folge ungeschlagen, aber nach 33...Dxe5! hätte er einen harten Kampf vor sich, um eine Stellung zu vermeiden, in der er einfach nur zwei glatte Bauern weniger hätte. Angesichts der Zeitsituation war es jedoch keine Überraschung, dass Kuzubov sofort mit 33...Lxd2 nahm. Magnus erhielt als Kompensation für den Turm zwei Leichtfiguren und die Hoffnung auf ein positives Resultat. Ein paar Ungenauigkeiten von Schwarz in Zeitnot bedeuteten, dass die meiste Gefahr gebannt war, und allmählich wurde klar, dass der Weltmeister derjenige war, der auf den Sieg hoffte. Die Partie endete abrupt:


Wenn Kuzubov hier die Damen getauscht hätte, hätte die Partie sicher noch ewig gedauert, aber stattdessen hat er zwei Fehler begangen. 52...Td5? erlaubte Magnus, den f7-Bauern nach 53.Df6+ abzuholen, aber die Dinge kamen nie so weit, da Yuriy beim Versuch, den Zug zu machen, auf Zeit verlor!

Der 41 Jahre alte Zhang Zhong spielte eine Dekade für Singapur, ist nun aber nach China zurückgewechselt - er stellte Caruana viele Fragen, über die es Nachzudenken lohnte! | Foto: John Saunders, Turnierseite 

Anderswo setzte sich Fabiano Caruana mit den schwarzen Steinen überzeugend gegen Zhang Zhong in einer sehr unterhaltsamen "Bauernraubvariante" durch, in der die Spieler nach 6 Zügen bereits 1,5 Stunden verbraucht hatten! Auch für die Favoriten Yu Yangyi, Vladislav Artemiev, Nikita Vitiugov, Wang Hao, Bu Xiangzhi, Vidit und Jeffery Xiong gab es überzeugende Siege, aber es herrschte auch viel Frustration. 

Aryan Tari remisierte gegen Levon Aronian | Foto: John Saunders, Turnierseite

Zu den Unentschieden gehörten Wesley So, Levon Aronian und Hikaru Nakamura sowie die russischen Stars Sergey Karjakin und Alexander Grischuk. Grischuk verpasste einen Sieg mit Zug 40 in gegenseitiger Zeitnot, während Sergey 90 Züge versuchte, aber nicht in der Lage war, einen Vorteil von 2 Bauern zu verwerten.

Alexander Grischuk ist einer der 26 Russen im diesjährigen Feld | Foto: John Saunders, Turnierseite

Das diesjährige Grand Swiss hat ein sehr russisches Flair, jetzt, da es sich um ein FIDE-Event handelt, bei dem man sich für das Kandidatenturnier qualifizieren kann. Im Jahr 2018, als es für alle zugänglich war, gab es zweistellige Zahlen von Spielern aus:

  1. Indien: 35
  2. England: 22
  3. Deutschland: 20
  4. Russland: 10

Dieses Jahr nehmen 8 Engländer und 5 Deutsche teil. Zudem:

  1. Russland: 26
  2. Indien: 15
  3. USA: 12 (7 in 2018)
  4. Ukraine: 10 (3 in 2018)

Das Grand Swiss ist für Karjakin besonders wichtig, da es nach seiner letzten Chance aussieht, sich für das Kandidatenturnier im nächsten Jahr zu qualifizieren. Er könnte jedoch eine bessere Chance haben als andere Spieler, denn wenn er knapp unter dem Qualifikationsplatz landen würde, wäre er für die Wildcard berechtigt. In diesem Fall würde man nicht dagegen wetten, dass er ausgewählt wird. Er ist nicht nur der derzeit bekannteste Schachspieler in Russland, sondern hat auch Anfang des Jahres im Rahmen des Eurasia Opens einen Schaukampf gegen Harikrishna gespielt.... in Jekaterinburg, der russischen Stadt, in der das Kandidatenturnier stattfinden wird.

Peter Svidler kam gegen Varuzhan Akobian mit seiner Grünfeldverteidigung nicht über ein Remis hinaus | Foto: John Saunders, Turnierseite

Dennoch ist es nicht allzu schlimm, ein so starkes Turnier mit einem Unentschieden zu beginnen, doch nicht jeder hat das geschafft. Sam Shankland war der einzige Spieler, der außer Vishy als Spieler mit 2700 Elo oder mehr verloren hatte, und es war eine schmerzhafte Niederlage, dank der er nach einem schlechten Jahr aus dem 2700er Club flog. Mit dem berüchtigten Zug 40 ging alles schief:


Einfach 40.Sxf5+ spielen und Sam hätte zusätzliche 50 Minuten (und sogar weitere 15 Minuten bei Zug 60) Zeit, um eine Stellung zu spielen, die sehr remislastig sein sollte. Stattdessen spielte er 40.Sd5? und nach 40...De4! von Erwin l'Ami war Weiß verloren. Die Drohung durch Dh1+ erzwang 41.Kg1 und nach 41...Sd4! muss Weiß ein verlorenes Endspiel akzeptieren, um die Partie zu verlängern. Es gab noch ein paar Wendungen, aber letztendlich gewann Schwarz nach 62 Zügen.

Axel Bachmann schlug beinahe Vorjahressieger Radek Wojtaszek | Foto: John Saunders, Turnierseite

Neben Shankland hätte auch der letztjährige Turniersieger Radek Wojtaszek beinahe verloren, nur dessen grimmiger Wille zur Verteidigung rette ihn gegen den Paraguayer Axel Bachmann, obwohl es für Axel zahlreiche schwierige Möglichkeiten gab, das Endspiel zu gewinnen. Das war eine Erleichterung für den Wojtaszek-Haushalt, denn seine Frau Alina Kashlinskaya, die 2018 den Hauptpreis der Frauen gewann, erlitt einen unglücklichen Zwischenfall gegen Alexei Shirov:


Schwarz stand bereits mi dem Rücken zur Wand, aber 23...Txe1? 24.Tc8+! kürzt das Leiden natürlich dramatisch ab.

Und das war nur der Start in Jobava-Howell... | Foto: John Saunders, Turnierseite

Bei so wenigen schwachen Spielern auf der Isle of Man wird es nicht viel einfacher, wenn man verliert, denn Alina trifft nun in Runde 2 auf den Engländer David Howell. David war anscheinend auf dem Weg zum Sieg gegen Baadur Jobava gewesen, der eine Figur für nebulöse Kompensation opferte:


An diesem Punkt war an 32...gxh6! nichts auszusetzen, obwohl die Berechnung von 33.Txe7 Kxe7 34.Dc7+ bis zum Ende nicht so trivial ist.... besonders wenn man nur noch 3 Sekunden auf der Uhr hat! Howell wählte stattdessen 32...Sh5? und wurde nach 33.Lxg7+ ein widerwilliger Gast auf dem Planeten Jobava! 33...Ke8? (33...Sxg7 34.Txe7 sollte unentschieden enden) 34.Txe7+! Kxe7 35.Dg5+! und der Springer auf h5 geht verloren. Baadur, der nach einem massiven Eloeinbruch von 2700+ auf unter-2600 wieder auf eine ansehnliche Elozahl gekommen ist, machte im weiteren Verlauf des Spiels keinen Fehler, obwohl er danach bemerkte, dass ihn solche Begegnungen Jahre seines Lebens gekostet haben!

Es gibt keine Möglichkeit, alle 77 Spiele aus Runde 1 abzudecken, aber wir müssen die jungen Spieler kurz erwähnen. Der 15-jährige GM Nodirbek Abusattorov aus Usbekistan muss vielleicht ein wenig an seinem Kommentierstil arbeiten, aber sein kürzlicher 9:3-Sieg im Geschwätzblitzcup gegen Diego Flores war schachlich enorm beeindruckend. Er zeigte erneut, was für ein furchterregender Spieler er ist, indem er Gawain Jones in einem Endspiel auf der Isle of Man technisch auseinander nahm.

Der 15 Jahre alte Nodirbek Abdusattorov startet mit einem Sieg über Gawan Jones!

Der 13-jährige indische IM Raunak Sadhwani (2479) ging noch einen Schritt weiter, indem er den russischen Großmeister Sanan Sjugirov (2662) mit einem Mattangriff vernichtete.

Auch die Frauen an den unteren Brettern kamen dem Sieg gegen einige Top-Spieler sehr nahe. So stand Elisabeth Paehtz beispielsweise die meisten der 75 Züge ihres Unentschiedens gegen Junioren-Weltmeister Parham Maghsoodloo strategisch auf Gewinn, während die Eröffnung der Inderin Soumya Swaminathan gegen den Polen Kacper Piorun nicht annähernd so schlimm war, wie sie aussah!

Versucht das nicht zu Hause!

Es stellt sich heraus, dass diese eklatante Missachtung von Figuren gegenüber den Bauern Caro-Kann-Theorie ist, und Soumya hätte das Spiel gewonnen, wenn sie nicht in einen Bluff mit Zug 40 gelaufen wäre!


Soumya hätte einfach den Springer auf e8 nehmen können (sie hatte ihn im vorherigen Zug angegriffen, also war er definitiv in ihrem Blickfeld!). Mit Sekunden auf ihrer Uhr jedoch und vielleicht aus Angst vor einem Dauerschach nach Dc2 spielte sie 40.Tc1?! stattdessen, und nach 40...Dd8 war der Läufer verteidigt. Das war noch lange nicht das Ende der Geschichte, denn 41.d5! mag noch immer gewonnen sein, während 41.Lxe8 nur wegen einer brillanten Verteidigung von Kacper nicht gewann und der Pole zeigte, warum er 5-facher Löseweltmeister ist.

Dinara Saduakassova schaffte ein Remis gegen Pavel Eljanov | Foto: John Saunders, Turnierseite

Die Runde beinhaltete auch eine Reihe von Partien mit über 100 Zügen, die weit über 6 Stunden dauerten, aber das Turnier ist unerbittlich, mit nur einem Ruhetag in den nächsten 11 Tagen. Der 19-jährige russische GM Alexey Sarana steht in Runde 2 vor seinem zweiten Weltmeister in Folge. In Runde 1 war es der 76-jährige Vlastimil Jansa, der als Weltmeister der Senioren 65+ mitspielen darf, während es jetzt niemand Geringeres als Magnus Carlsen ist. Fast alle anderen Matches sind interessant, darunter Caruana-Sevian, Karjakin-Sadhwani und Gelfand-Sarin. Vishy Anand befindet sich an Brett 62, wo er gegen den israelischen GM Tal Baron spielt.

Schau dir die Partien der Runde hier an.

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