Berichte 25.05.2015 | 12:11von Colin McGourty

GP Khanty (9): Zweimal Patt in einer Runde

Für Begeisterung sorgten in Khanty-Mansiysk gestern nicht nur die Sieger – Tomashevsky schlug Svidler und Giri gewann gegen Jobava – sondern auch zwei unglaubliche Partien, die nach dramatischem Verlauf jeweils mit einem Patt endeten. Boris Gelfand sprang auf wundersame Weise Dmitry Jakovenko von der Schippe, während der Friedensschluss bei Caruana-Karjakin im Bauernendspiel nicht mit Zugwiederholung, sondern mit einem Patt erreicht wurde.

Baadur Jobava und Hauptschiedsrichter Boris Postovsky hatten vor der Runde beide gute Laune ... wenn sie gewusst hätten! | Foto: Kirill Merkurev, Offiziellen Website

Hikaru Nakamura liegt nach einem 31-zügigen Remis gegen Alexander Grischuks Grünfeld-Indisch, in dem die Partie nie aus dem Gleichgewicht geriet, weiter gemeinsam mit Leinier Dominguez und Fabiano Caruana in Führung.

Karjakin 1/2-1/2 Caruana: Das verspätete Remis

Der Auftakt einer unfassbaren Partie | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Website

Fabiano Caruana ging von einem “recht schnellen” Remis aus, als er 30…h5 spielte:


Stattdessen goss Sergey Karjakin mit 31.a5!? Öl ins Feuer, was Caruana hinterher als “recht unnötig” bezeichnete und einen neutralen Zug wie 31.h3 vorschlug. Karjakin spielte weiter mit dem Feuer und war schließlich froh, als er meinte, im 49.Zug dreimalige Zugwiederholung reklamieren zu können. Seiner Meinung nach war nach dem 37., dem 39. und dem 49.Zug jeweils dieselbe Stellung auf dem Brett:


Seine Vermutung war falsch, da der schwarze König vor den ersten beiden Zügen nicht auf e6, sondern c6 stand. Schiedsrichter Kwai Keong Chan aus Hongkong entschied dennoch auf Remis. 

Schiedsrichter Kwai Keong Chan stand plötzlich im Rampenlicht. | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Website 

Die Verwirrung entstand durch die zweideutige Interpretation von 36…Kc6 auf Karjakins Partieformular.

Karjakins Partieformular, mit dem von uns hervorgehobenen ominösen 36.Zug. | Foto: Russischer Schachverband

Caruana erklärt seine Sicht der Dinge auf der Pressekonferenz:

Ich war sicher, dass es keine Stellungswiederholung gab, war aber plötzlich verwirrt, als wir die Stellung auf dem Brett überprüften und wurde schließlich davon überzeugt, dass eine Stellungswiederholung vorlag. Dann unterschrieben wir das Remis, worüber ich mich ziemlich ärgerte. Aus irgendeinem Grund unterrichtete der Schiedsrichter uns dann aber, dass er seine Entscheidung geändert habe und wir weiterspielen sollten. Das war ein wenig seltsam, aber ich war froh, dass die Partie weiterging.

Am Ende der Pressekonferenz bat Karjakin darum, noch mehr zu dem Thema sagen zu dürfen, und stellte klar, dass er sehr unglücklich über die „unprofessionelle“ Art sei, mit der die Entscheidung, die Partie zu beenden, aufgehoben wurde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Fabiano schon das Partieformular unterschrieben, und danach hatte der Schiedsrichter meiner Meinung nach nicht mehr das Recht, die Partie fortsetzen zu lassen.

Caruana widersprach dieser Version:

Ich akzeptierte die ursprüngliche Remis-Entscheidung des Schiedsrichters, doch dann fragte er mich, ob ich weiterspielen wolle, und ich bejahte.

Hier die Bilder der Pressekonferenz:

Chess-News bat Hauptschiedsrichter Boris Postovsky, der zunächst gar nicht in die Überprüfung der Stellung involviert war, um einen Kommentar. Er erklärte seine Sicht der Dinge ab dem Zeitpunkt, ab dem er ins Geschehen eingebunden war:

Ich fragte Caruana, ob er einverstanden sei. Offenbar waren beide einverstanden, wonach sie beide Sergeys Partieformular unterschrieben. Plötzlich kam aber Chan angerannt und sagte: „Ich habe einen Fehler gemacht – es gibt keine Stellungswiederholung.“ Wie sich herausstellte, hatte zunächst Karjakin und dann er die Notation des 36. Zuges von Schwarz falsch gelesen: 36…Kc6. Die Buchstaben “c” und “e” sehen sehr ähnlich aus, und wenn der König auf e6 gestanden hätte, wäre es tatsächlich dreimalige Stellungswiederholung gewesen.

Das war das entscheidende Missverständnis. Ich fragte Caruana, ob er dennoch mit Remis einverstanden sei, aber er schwieg. Dann erinnerte ich mich an das, was man mir zu Beginn meiner Schiedsrichterkarriere vor 60 Jahren beigebracht hatte – man kann einen Fehler korrigieren! Und ich entschied: „Spielt weiter.“ Das war meine Entscheidung als Hauptschiedsrichter. Keiner der Spieler protestierte, und die Partie wurde fortgesetzt.

Die offiziellen Regeln der FIDE sind hierzu nicht eindeutig:

Nach Ende der Partie unterzeichnen beide Spieler beide Partieformulare mit dem darauf notierten Partieresultat. Diese Resultat bleibt gültig, auch wenn es falsch eingetragen worden ist, außer der Schiedsrichter entscheidet anders.

Klar ist, dass der Schiedsrichter das Ergebnis auf dem Partieformular ändern kann, aber nicht, ob er eine “beendete” Partie fortsetzen lassen kann.

Damit war das Drama aber noch nicht vorbei. Mit seinem Zug 51…a5 spielte Caruana plötzlich auf Gewinn und ab dem 65.Zug zählten die Computer die Züge bis zum Matt des Weißen herunter. Caruana hatte allerdings keine Zeit mehr, um die Varianten zu berechnen und vergab im 74.Zug den möglichen Gewinn.


Hier gewann 74…Kf3 (und auch 74…Dd3, 74…Dd2+ und 74…Dc5+), aber nach 74…De5 ist die Partie remis, wie Karjakin nachwies. Die Endstellung ist das wichtigste Patt der Endspieltheorie:


Nigel Short hat schon länger Probleme damit, dass Patt als Remis gewertet:

"Schwarz sollte in dieser Stellung gewinnen."

Zurück zu normalerem Schach! 

Anish Giri mit zwei Siegen in den letzten drei Runden | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Website

Die erste entschiedene Partie des Tages war sicher keine der besseren Leistungen Baadur Jobavas, der in haarsträubender Geschwindigkeit schreckliche Entscheidungen traf. Sein Französisch mit frühem f6 war dabei nicht der Grund seiner Probleme, wie Anish Giri erläuterte:

Seine Varianten sind nicht so schlecht, wie sie aussehen, und die Computer verstehen sie nicht.

Im 19.Zug kam der erste kritische Moment in der Partie:


Jobava spielte das “sehr, sehr riskante” (Giri) 19…Tf5? nach nur sechs Sekunden und wurde dann böse von 20.f4! überrascht. “Hätte ich diesen Zug gesehen, hätte ich ohne Nachdenken Lf5 gespielt." Womöglich gab es noch weitere Widerlegungen, doch die Partie ging zunächst weiter mit 20…Lb5 21.Dxf5 d3+ 22.Tf2 Tf8 23.Lxd3 Txf5 24.Lxf5, worauf Jobava 24…Qe3?? entkorkte.


Nach diesem wieder sehr schnell gespielten Zug war kein Widerstand mehr möglich, da Weiß mit  25.Le6+ den wichtigen Bauern auf d5 gewann und direkte die schwarze Aufgabe erzwang. Mit Giris Bezeichnung „Fehler“ für diesen Zug war Jobava aber nicht einverstanden:

Das war kein Fehler … Ich weiß nicht, was es ist!

Hier die Pressekonferenz:

Die andere entschiedene Partie war die dritte Niederlage in Folge für Peter Svidler. Sein Gegner, Evgeny Tomashevsky, spielte das aggressivere 13…Lc6 statt 13…Lc8, womit er in Runde 7 gegen Giri verloren hatte. Svidler konnte nicht erklären, warum er nun 25 Minuten nachdachte (und in den folgenden Zügen ebenfalls lange), obwohl er sich die Stellung am Ruhetag ausgiebig angeschaut hatte.

Noch können beide Spieler lachen. | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Website

Schwarz stand rasch gut, doch im 23.Zug ging es mit Svidler bergab.


Die andere entschiedene Partie war die dritte Niederlage in Folge für Peter Svidler. Sein Gegner, Evgeny Tomashevsky, spielte das aggressivere 13…Lc6 statt 13…Lc8, womit er in Runde 7 gegen Giri verloren hatte. Svidler konnte nicht erklären, warum er nun 25 Minuten nachdachte (und in den folgenden Zügen ebenfalls lange), obwohl er sich die Stellung am Ruhetag ausgiebig angeschaut hatte.

Die letzte Partie war der Höhepunkt der Runde und die beste Widerlegung für Nigel Shorts Ablehnung der Pattregel.

Jakovenko 1/2 - 12 Gelfand: Wunder gibt es immer wi

Hier hätte es ein schnelles und blutarmes Remis geben können, wenn Gelfand in dieser Stellung die Züge wiederholt hätte:


Gelfand und sein Sekundant Alexander Huzman hatten diese Position analysiert und festgestellt, dass Schwarz mit 24…Dd7 ins Remis einwilligen musste. Nach 30 Minuten spielte Gelfand dann aber 24…Sd7?, und muss nach 25.Te4! einsehen, dass er “praktisch aufgeben konnte”.

"Gelfands 24...Sd7 ist absolut verrückt. Vor allem, weil 25.Te4 der einzige Zug ist. Nun ist er komplett verloren.

Warum er so spielte, wurde er nach der Partie gefragt:

Unvernunft! Ich übersah 25.Te4 und überlegte, warum ich nicht 24…Sd7 spielen sollte und ich dachte nach 25.Dxa6 Sxe1 26. Lxe1 sei die Stellung mehr oder weniger ausgeglichen, also spielte ich weiter. Das ist eine der Gefahren des modernen Schachs. Der erste Zug nach der Heimanalyse ist oft ein Fehler.

Zum Glück spielte er weiter ... 

Boris Gelfand ist in Khanty-Mansiysk weiter ungeschlagen! | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Website

Tatsächlich war es nicht leicht für Dmitry Jakovenko, den entscheidenden Schlag zu finden, und als er bereits in Richtung Zeitnot driftete, machte Gelfand aus der Not, dass sein König keine Felder hatte, mit 45…Sd3?!! und später 48…g4! eine Tugend.


Erst jetzt erkannte Jakovenko die Pattgefahr, er hatte aber nur noch wenig Zeit. Weiß sollte 49.Ke3 oder 49.Kg3 spielen, aber Jakovenko befürchtete ein Damenschach auf f3 und entschied sich stattdessen für das verhängnisvolle Schlagen auf g4. Nach 49.hxg4 Dg2+ 50.Ke3 Sd5+! (Jakovenko dachte, Schwarz wolle den Springer behalten) 51.Kd4 Df2+ war die Partie vorbei:


Der König kann den Schachs nicht entrinnen (52.Kc4 Sb6+ verliert sogar) und es gibt keinen Grund, der Verfolgung länger zu entgehen, also… 52.Kxd5 Dd4+! 53.Kxd4 1/2-1/2


Eine wunderbare Schlussstellung!

"Boris, du genialer, alter Bescheißer."

Hier die Pressekonferenz:

Hier der Stand vor den letzten beiden Runden. Jakovenko hat seine Chancen vertan, aber Tomashevsky hat mit zwei Siegen noch eine Chance, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren.

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