Berichte 16.12.2019 | 11:15von Colin McGourty

GP Jerusalem VF: Navara bricht den Bann

Der Kampf um den vorletzten Platz für das Kandidatenturnier beim Grand Prix in Jerusalem geht am Montag in die nächste Runde.  Nach schnellen Remis bei MVL-Andreikin und So-Nepomniachtchi muss dort genauso ein Stechen entscheiden wie bei Karjakin-Wei Yi, wo nach einem achtzügigen Remis am Samstag gestern immerhin einiges geboten wurde. Nur David Navara hat es geschafft, seinen Gegner im Turnierschach zu eliminieren, nachdem er Dmitry Jakovenko in der zweiten Partie von Beginn an unter Druck setzen konnte.

David Navara ist der erste Spieler, der sich beim Grand Prix in Jerusalem für das Viertelfinale qualifizieren konnte | Foto: Niki Riga, Turnierseite 

Alle Partien aus Jerusalem könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Bilder von der Live-Übertragung der zweiten Viertelfinalbegegnungen in Jerusalem:

Maxime Vachier-Lagrave 1:1 Dmitry Andreikin

Maxime Vachier-Lagrave hat dem Druck bisher gut standgehalten | Foto: Niki Riga, Turnierseite 

“Bei diesem Turnier kann ich nicht für Unterhaltung sorgen, zumindest nicht, wenn dies meine Chancen reduziert,” meinte Maxime Vachier-Lagrave, der sich voll und ganz auf die Qualifikation für das Kandidatenturnier konzentriert. Wildcard Dmitry Andreikin räumte ein, dass er mit seinen Gedanken schon bei der Schnellschach- und Blitz-WM sei, die vom 26. bis 30. Dezember in Moskau stattfindet. Das hat er mit einem niederländischen GM gemein:

"Mit fast allen Top-Leuten (incl. der Nummer 1 Nakamura) verspricht dies ein heißes Turnier zu werden. Ich freue mich!"

Die erste Turnierpartie konnte man getrost vergessen, denn in einem Abtausch-Franzosen wurde nach 20 Zügen Remis vereinbart. Die zweite Partie war kaum besser, aber MVL merkte an, dass diese Englisch-Variante mittlerweile eine französisch-russische Spezialität sei! Andreikin meinte, er hätte nach 11…f6, womit MVL letztens beim Sinquefield Cup Ian Nepomniachtchi schlug, eine Verbesserung parat gehabt, doch der Franzose spielte dieses Mal 11…e6. Die Partie wandelte auf den Spuren des berühmten Duells zwischen einem anderen Franzosen, Joël Lautier, und einem anderen Russen, Garry Kasparov, aus dem Jahr 1997. FM Joachim Iglesias besprach diese Partie in seinem Artikel über Unnötige Aufgaben als Beispiel für einen Remisschluss in gewonnener Stellung:


Alle französischen Spieler, zumindest die ab einem gewissen Alter, wissen, dass Joël Lautier im klassischen Schach eine positive Bilanz gegen Garry Kasparov (+2, -1, =7) hatte. Doch diese hätte auch durchaus ausgeglichen sein können, da Kasparov nach 20.Tc7?? ein Remisangebot annahm. Stattdessen hätte er 20…c5! spielen können, was den b4-Bauern gewinnt, da 21.bxc5?? Tb8 den Läufer verlieren würde. Das geringere Übel wäre 21.b5 Tb8 mit Mehrbauer für Schwarz.

In Jerusalem wiederholte sich die Geschichte nicht, da Andreikin statt 20.Tc7? das bessere 20.Kf1 Tb8 21.Tc7 (erst jetzt!) 21…Lxb4 23.Txc6 Lxc3 24.Txc3 spielte und sich dann mit MVL auf Remis einigte. Dass MVL nun in den Stichkampf muss, beeinträchtigt seine Qualifikationschancen für das Kandidatenturnier nicht, da keiner seiner Rivalen einen Bonuspunkt für den direkten Einzug ins Halbfinale kassierte.

Wesley So 1:1 Ian Nepomniachtchi

Es sagt fast alles über diese beiden Partien aus, dass Wesley So am Ende jeweils mehr Zeit auf der Uhr hatte als zu Beginn. Nur an zwei seiner 40 Züge überlegte er länger als 30 Sekunden, während Ian Nepomniachtchi zwar ein wenig mehr nachdenken musste, aber nie in Gefahr geriet.

Sergey Karjakin 1:1 Wei Yi

An einem Tag mit lauter Kurzremis ragte das achtzügige Remis zwischen diesen beiden Kontrahenten noch heraus!

Vielleicht ist übertriebene Kritik jedoch gar nicht angebracht, da Wei Yis 6…g5! ein interessanter Beitrag zur Schachtheorie zu sein scheint:


Karjakin dachte elf Minuten nach, bis er 7.f3 Tg8 (7…g4 geht auch) 8.Sc4 spielte, worauf sein Remisangebot angenommen wurde. Später erklärte er:

Es gab mehr oder weniger zwei Gründe, warum ich so schnell Remis gemacht habe. Erstens hatte ich gestern ein schwieriges Match, und außerdem war mein Gegner in einer Nebenvariante gut vorbereitet.

Karjakin kannte 6…g5 (immerhin empfiehlt der Computer diesen Zug!), meinte aber, ein “Freund” habe ihm gesagt, “er solle sich keine Sorgen machen, der Zug würde nicht kommen!”

Wei Yi hat zwar nicht die von vielen Schachfans erhofften Fortschritte gemacht, er ist aber weiterhin ein gefürchteter Taktiker | Foto: Niki Riga, Turnierseite 

Karjakin hat in Jerusalem mittlerweile 11 Remis in Folge auf dem Konto, doch über das in der zweiten Partie kann man sich kaum beschweren. In einem Nimzo-Inder spielte er  nicht wie Anish Giri gegen Hikaru Nakamura beim Sinquefield Cup 2019 12…Sxg4, sondern 12…Sd7!? Der Russe strebte f5 oder h5 an, aber nach 35 Minuten beschloss Wei Yi, seinen Gegner dafür zu bestrafen, dass er den Springer nicht abgetauscht hatte:


13.Sh6+! Es ging weiter mit 13…gxh6 14.Dg4+ Kh8 15.Df5 Sf6 16.Sxd5!


Wegen der Mattdrohung auf h7 kann der Springer auf f6 nicht ziehen, was fatal wäre, wenn 16…Sxd4! nicht ginge. 

Die zweite Partie hatte es in sich, nachdem die erste kaum zu erklären war! | Foto: Niki Riga, Turnierseite 

Chaotisch ging es weiter mit 17.Dxf6+ Dxf6 18.Sxf6 Sf3+! 19.gxf3 Tg8+:


Karjakin hatte das alles im Voraus gesehen und meinte, er stünde auf Gewinn, da Weiß schnell Matt gesetzt wird, wenn er auf g8 schlägt. Dann aber stellte er überrascht fest, dass der Chinese 20.Sg4! hatte, was stark Lc3+ droht. Karjakin war danach froh, dass er die Verteidigung 20…Le5! fand, und nach 21.Le2 Lxb2 schien sich die Lage zu beruhigen. Weit gefehlt, der nächste Blitz aus heiterem Himmel folgte sogleich!


22.Txc5! bxc5 23.Tb1! und der Doppelangriff auf beide Läufer brachte Wei Yi eine Stellung ein, in der er mit seinem Läuferpaar und den Bauern noch Druck machen konnte. Am Ende gab Karjakin aber die Qualität zurück und erreichte nach 40 Zügen das Remis.

David Navara 1,5:0,5 Dmitry Jakovenko

David Navara ließ in Jerusalem nichts anbrennen! | Foto: Niki Riga, Turnierseite 

Der einzige Spieler, der bereits im Halbfinale steht, ist David Navara. Auch sein Match gegen Dmitry Jakovenko begann mit einem 18-zügigen Italienisch-Remis ruhig. In der zweiten Partie wurden nach 14 Zügen die Damen getauscht, doch dank des großen Raumvorteils und seiner gut postierten Figuren hatte Navara gewinnträchtigen Vorteil. Jakovenko versuchte in seiner schwierigen Stellung mit 24…g5?! Gegenspiel zu bekommen, der Schuss ging aber nach hinten los:


25.d6! kostete David 15 Minuten, doch sein Zug war genauso natürlich wie stark, und als Jakovenko später auf einen notwendigen Turmtausch verzichtete, landete er in dieser hoffnungslosen Stellung:


Anstatt den (relativ) langsamen Tod zu wählen, entschied sich Jakovenko für 33…Txc7?! 34.dxc7 Txd1 35.c8=Q Lxb4, doch zwei Züge später sah er ein, dass diese Stellung mit Turm und Läufer gegen Dame nicht zu halten war, und gab auf.

Dmitry Jakovenko warf Mamedyarov raus, doch Navara war zu stark | Foto: Niki Riga, Turnierseite 

Damit trifft Navara auf den Sieger von Karjakin-Wei Yi, aber die Konzentration richtet sich natürlich auf die anderen beiden Duelle. Der Spieler, der bei So-Nepomniachtchi ausscheidet, hat keine Chance mehr, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren, während MVL sogar nach einer Niederlage gegen Dmitry Andreikin weiter hoffen kann (seine Chancen sind größer, wenn So gewinnt). Natürlich sieht MVLs Plan aber vor, Andreikin zu schlagen und dann den Sieger von So-Nepo zu besiegen, um den Sack zuzumachen.

Die Entscheidung könnt ihr ab 14 Uhr live auf chess24 verfolgen!

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