Berichte 15.05.2015 | 10:44von Colin McGourty

GP Chanty (1): Schon wieder Tomashevsky

Evgeny Tomashevsky weigert sich, das Leben seiner illustren Grand Prix-Kollegen einfacher zu machen. Der Spitzenreiter der Serie schien in Runde 1 in Chanty-Mansijsk schon tot und begraben, erzielte dann jedoch einen Sieg gegen Baadur Jobava in einer Partie, die Jan Gustafsson für chess24 analysiert hat. Dmitry Jakovenko war der einzige andere Sieger und bestrafte eine etwas lockere Spielweise von Anish Giri gnadenlos. Nach den Partien äußerte Hikaru Nakamura einige interessante Gedanken über die Grand Chess Tour, während Fabiano Caruana über seinen Wechsel zu den USA sprach.

Manchmal lügt die Körpersprache nicht - Evgeny Tomashevsky und Baadur Jobava nach ihrer Partie | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Webseite

Chanty-Mansijsk GP Runde 1 (klickt auf ein Ergebnis, um die Partie mit Computeranalyse nachzuspielen)

Vachier-Lagrave Maxime27541/2 – 1/2Gelfand Boris2744
Jobava Baadur26990 – 1Tomashevsky Evgeny2749
Grischuk Alexander27801/2 – 1/2Svidler Peter2734
Caruana Fabiano28031/2 – 1/2Dominguez Perez Leinier2734
Jakovenko Dmitry27381 – 0Giri Anish2776
Karjakin Sergey27531/2 – 1/2Nakamura Hikaru2799

Mit zwei Siegen und vier Remis war die erste Runde von Chanty-Mansijsk nicht gerade ein Thriller, aber das Turnier als Ganzes könnte trotzdem ein Klassiker sein. Wie wir in der Vorschau anmerkten, sehen wir alle Bewerber um einen der Qualifizierungsplätze für das Kandidatenturnier in Aktion, und Peter Svidler verglich das Event mit dem Kandidatenturnier 2013 in London:

Es hat das Potential, für die Zuschauer ein sehr sehr interessantes und aufregendes Turnier zu werden.

Das war das Urteil, das er zusammen mit Alexander Grischuk fällte, obwohl ihre Partie in der ersten Runde kein leuchtendes Beispiel dafür war. 

"Was kann man da schon machen?" Svidler und Grischuk in der Pressekonferenz nach der Partie | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Webseite

Der russische Star humpelte über die erforderliche 30-Zug-Marke, nachdem Svidler eine Variante des Angenommenen Damengambits spielte, die ihm bereits (gegen Aronian und Cheparinov) zwei einfache Schwarzsiege eingebracht hatte. Er erklärte:

Die Variante ist absolut nicht so sicher, wie sie in diesen Partien aussieht… Es ist gut, gegen Leute zu spielen, die die Grünfeld erwarten!   

Immerhin konnte Peter Svidler dann als Kommentator dienen: er fasste sowohl Baadur Jobava als Spieler zusammen als auch den Verlauf seiner Eröffnung mit Weiß gegen Evgeny Tomashevsky:

Er ist im aktuellen Kreis der Turnierteilnehmer einer der Spieler mit dem größten, natürlichen Talent, aber wenn es bei ihm anfängt, schiefzulaufen, kann eben alles ganz stark den Bach heruntergehen… Aber wenn das nicht besser für Weiß ist, dann weiß ich auch nicht!

Jan Gustafsson erklärt, warum für Jobava trotzdem alles in die Hose ging:


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Jakovenko lachte zuletzt | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Webseite

In der einzigen anderen entschiedenen Partie schlug Anish Giri, der manchmal für eine zu solide Spielweise kritisiert wird, gegen Dmitry Jakovenko alle Vorsicht in den Wind. Um fair zu sein, wurde es nach 19.c4 aber auch schon schwierig:


Den Bauern mit 19…Sxc4? zu nehmen, stellte sich schnell als Fehler heraus, da das Endspiel nach dem quasi-forcierten 20.Tc1 b5 21.Lxc4 bxc4 22.f3 Sf6 23.Txc4 De6 24.Lxf6 Dxf6 25.Dxf6 gxf6 sehr hässlich war.


Vielleicht enden alle Turmendspiele in Remis, aber gestern war das nicht der Fall, und Dmitry Jakovenko ist plötzlich zum vierten Bewerber im Drei-Pferde-Rennen um die zwei Plätze im Kandidatenturnier aufgestiegen 

Für Boris Gelfand geht es nie nur um die Ergebnisse. "Ich will eine Partie spielen, die Teil der Schachgeschichte wird" - so beschrieb er seine Herangehensweise an das Schachspiel in einem kürzlich erschienenen TV-Interview. Seine Partie gegen Maxime war tatsächlich recht außergewöhnlich... | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Webseite

Die restlichen Remis waren alle nicht alltäglich. Maxime Vachier-Lagrave wartete mit der einfallsreichsten Sequenz des Tages auf, als sein Turm gegen Boris Gelfand Opferrandale machte:


18.Txf6! d4 19.Txc6! Leider endete es alles mit einem Mehrbauern für Weiß in einer Stellung, in der er nur noch ein Dauerschach erzwingen konnte, um ein Matt auf g2 zu verhindern.

Wie man den dritten Platz der Weltrangliste mit den schwarzen Steinen hält? Man spielt die Berliner Verteidigung und betet! | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Webseite

Caruana hat sich einen Ruf als größte Bedrohung der Schachwelt für die Berliner Verteidigung erworben, aber obwohl er gegen Leinier Dominguez Druck zu machen schien ...

‌"Neuer Top-Schachspieler der USA, Fabiano Caruana, manövriert und versucht den Springer auf d5 zu bringen, schafft es und ist DEFINITIV froh darüber."

...verlief das Ganze im Sande und endete im Remis:

‌"unerwartet schnelles Remis @FabianoCaruana, es sah für Schwarz eher nach einer Tortur aus."

Das war der Auftakt für eine interessante Pressekonferenz, in der Fabiano Caruana erklärte, wie es zu seinem Wechsel vom Italienischen Verband zum US-Schachverband kam. 

Fabiano ist noch nicht ganz ein US-Spieler | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Webseite

Anscheinend hatte er diese Idee als Erster.

Ich hatte immer die Option, Verband zu wechseln, da ich sowohl einen italienischen als auch einen amerikanischen Pass habe. Letztes Jahr in St. Louis kam mir diese Idee und viele andere Leute schienen ebenfalls ein großes Interesse daran zu haben, dass ich in den US-Schachverband eintrete. Ich bin sehr begeistert davon und freue mich darauf, in Mannschaftsevents für die USA zu spielen.

Er wurde gefragt, ob der Grand Prix eines seiner letzten Events als italienischer Spieler sein würde, da in der Ankündigung seines Wechsels erwähnt wurde, dass er eventuell vor dem Sinquefield Cup im Herbst wechseln würde:

Ich weiß nicht, welches mein letztes Event sein wird, da ich noch einen Vertrag mit dem Italienischen Schachverband habe, aber nächstes Jahr spiele ich definitiv unter der Flagge der USA. Es war toll – ich spielte zehn Jahre lang für Italien und wurde von dem Schachverband und von den Schachfans in Italien sehr unterstützt, was mir geholfen hat, als Spieler zu wachsen. Ich ging mit 13 Jahren als FIDE-Meister dorthin, also ja, es war eine lange Reise.

Während der Pressekonferenz kommentierte Hikaru Nakamura im chess24 Chat:


‌"Der Verbandwechsel wird so schnell nicht stattfinden, da Caruana in Italien einen Vertrag bis Dezember hat."

In seiner eigenen Partie gegen Sergey Karjakin spielte er die Drachenvariante der Sizilianischen Verteidigung und die Spannung stieg, als Sergey fast 18 Minuten für 19.g5 brauchte:


Nakamura erklärte, dass der Computer es bevorzugt hatte, zunächst auf g6 zu nehmen, und brachte 34 Minuten mit dem Gegenzug zu, nämlich 19…Se5. Teimour Radjabov stand wieder einmal zur Verfügung und erklärte das Ganze auf Twitter:

‌"Karjakin-Nakamura, typisch ausgeglichenes Endspiel in der Drachenvariante, könnte so oder so ausgehen, kommt drauf an, wer im Harakiri-Modus ist, aber schwer zu verderben mit Schwarz."

Leider war aber noch niemand im Harakiri-Modus und im 30. Zug wurde ein Remis vereinbart. In der Pressekonferenz wurde Sergey Karjakin gefragt, warum er nicht bei Norway Chess spielt, obwohl er das Event die letzten beiden Jahre gewann:

Natürlich wollte ich dort spielen und wurde zunächst auch eingeladen, aber sie änderten das Format. Ok, mein Rating ist nicht gut genug, um dort zu spielen, aber ich hoffte auf eine Nominierung... die kam aber nicht. Ok, das ist eine Frage für die Organisatoren, nicht für mich.

Nakamura und Karjakin während einer lebhaften Pressekonferenz, in der es fast so schien, als würde Hikaru versuchen, Sergey über sein Fehlen bei der Grand Chess Tour hinwegzutrösten! | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Webseite 

Hikaru Nakamura qualifizierte sich sehr wohl für die Grand Chess Tour und sagte, er freue sich darauf, gegen die Topspieler der Welt anzutreten, aber…

Was die Tour selbst angeht, so sehe ich keinen Sinn darin. Ich weiß, dass alle daraus eine große Sache machen, aber man schaut sich die drei existierenden Turniere an und ich denke, jedes Turnier hatte vor dieser Grand Tour etwas Einzigartiges zu bieten. In London zum Beispiel waren es nur fünf oder sechs Runden (oder sieben Runden vor ein paar Jahren), es war also etwas kürzer, aber es gab immer spannende Spieler, einige Briten und auch ein paar jüngere Spieler. Das war immer sehr nett. St. Louis - ich denke, die Bedingungen waren vielleicht ein bisschen besser als bei einigen anderen Turnieren und jetzt hat man im Grunde einheitliche Bedingungen. Wenn man sich Norway anschaut: sie hatten einen großen ersten Preis und jetzt ist er kleiner.

Natürlich denke ich, dass es interessant wird, aber ich bin kein großer Fan. Das ist einfach meine Einstellung. Und noch etwas: ich denke, es könnte interessant sein, wenn es mehr Turniere gibt, aber bis es ein weiteres Turnier gibt, in Indonesien oder so, ist es für mich im Grunde einfach ähnlich wie der Grand Prix.

Der Unterschied beim Preisgeld von Norway Chess besteht darin, dass Sergey Karjakin letztes Jahr 100.000€ gewann (ungefähr 114.000$), während der Sieger dieses Jahr 75.000$ bekommt, zudem gibt es für den Gesamtsieger der Grand Tour ebenfalls 75.000$ zu gewinnen.

Im Moment konzentriert sich die Aufmerksamkeit aber noch auf den Grand Prix in Chanty-Mansijsk und in den nächsten 10 Runden hat jeder Spieler noch die Chance auf den Sieg. Runde 2 beginnt heute, am Freitag, den 15. Mai um 12:00 MESZ und ihr könnt natürlich wie immer alle Partien live hier auf chess24 verfolgen. Außerdem habt ihr über unsere kostenlosen Handy-Apps Zugang zur Übertragung:

         

Siehe auch:


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