Berichte 19.06.2019 | 07:15von Colin McGourty

Goryachkina und Artemiev werden erwachsen

Für den russischen Nachwuchs des Jahrgangs 1998 verliefen die letzten Tage sehr positiv! Die 20-jährige Aleksandra Goryachkina stand bereits zwei Runden vor Schluss als Siegerin des Kandidatenturniers der Damen fest, während ihr ein Jahr älterer Landsmann Vladislav Artemiev trotz seiner ersten Niederlage nach 60 ungeschlagenen Turnierpartien noch den Turniersieg in Poikovsky feiern konnte. In unserer Turnierzusammenfassung blicken wir zudem auf die Asien-Meisterschaft zurück, die  von Quang Liem gewonnen wurde und bei der sich das 15-jährige Wunderkind Alireza Firouzja für den Weltcup qualifizieren konnte.

Vladislav Artemiev und Aleksandra Goryachkina mit den Siegerpokalen | Fotos: Vasily Papin, papinchess.ru/FIDE, fwct2019.com

Die Berichterstattung der letzten Wochen wurde vom Altibox Norway Chess dominiert, aber auch an anderen Orten wurde hochklassiges Schach gespielt. Dabei gab es zwei russische Turniersieger des Jahrgangs 1998, die jeder auf ihre Weise in Magnus Carlsens Fußstapfen getreten sind. Aleksandra Goryachkina verlor wie Magnus in Stavanger nur die letzte Partie beim Kandidatenturnier der Damen, nachdem sie bereits drei Tage vorher als Siegerin festgestanden hatte. Und beim Karpov-Turnier in Poikovsky bestand die Parallele darin, dass Vladislav Artemiev wie Magnus Elo-Punkte verlor, das Turnier aber trotzdem gewann.

Goryachkina (fast) fehlerlos

Im Grunde haben wir bereits in unserem ersten Bericht über das Kandidatenturnier der Damen schon alles über Aleksandra Goryachkinas phänomenale Leistung gesagt, nachdem sie gegen Valentina Gunina gewinnen konnte und sich quasi uneinholbar mit 7,5 aus 9 an die Spitze setzte. Mit 2,5 Punkten Vorsprung reichten ihr in den restlichen Partien fünf Remis zum Turniersieg, und tatsächlich stand sie nach Unentschieden in den nächsten drei Runden bereits vorzeitig als Siegerin fest.

Aleksandra Goryachkina qualifizierte sich vor Anna Muzychuk (2.Platz) und Kateryna Lagno (3.Platz) für das WM-Match gegen Ju Wenjun | Foto: FIDE, fwct2019.com

Ganz so klar, wie es klingt, war die Sache aber nicht. In der 10.Runde hatte Goryachkina gegen die Zweitplatzierte Kateryna Lagno durchaus ihre Probleme, während sie gegen Tan Zhongyi in Runde 12, wie sie später einräumte, nie aus der Eröffnung herauskam. In einer Caro-Kann-Variante, mit der Anish Giri gegen David Navara beim Shamkir Chess 2018 gewonnen hatte, erreichte Tan Zhongyi eine überlegene Stellung, verpasste dann aber einige Chancen, ließ eine Festung zu und am Ende hätte Goryachkina sogar mit 54…Lg4! (auf Dauer fallen die weißen Bauern) gewinnen können.

"Keine Kritik von Jan oder Peter an Goryachkina, dass sie mit Lg4 nicht auf Sieg gespielt hat, da sie keinen klaren Gewinn gesehen hatte und es keinen Grund gab, sich nicht mit einem Remis und damit dem sicheren Turniersieg zufrieden zu geben."

Goryachkina spürte, dass sie vermutlich auf Gewinn stand, aber wie Peter und Jan sah sie ihn nicht auf Anhieb und wickelte liebend gern ins Remis ab, das ihr den Turnierseig sicherte.

Der Beweis, dass auch Aleksandra Goryachkina bei Interviews lächeln kann! | Foto: FIDE, fwct2019.com

In der Vorschlussrunde gab sie gegen Nana Dzagnidze schnell Remis und räumte hinterher ein, dass sie sich nach dem Erreichen des großen Ziels nicht mehr recht motivieren konnte. Goryachkina ist keine große Rednerin, aber manche Interviews mit ihr waren durchaus witzig. Zum Beispiel das mit Anastasia Karlovich nach der 13.Runde:

Karlovich: “Bereitest du dich bereits psychologisch auf den WM-Kampf vor?”

Goryachkina: “Ich bereite mich psychologisch darauf vor, eine Pause einzulegen!“

Ein fast perfektes Turnier von Goryachkina wurde lediglich von Mariya Muzychuk in der Schlussrunde getrübt, denn 24.Ta7!! stellte die Schwarze vor zu viele Probleme:

Für diese Partie Mariya erhielt den Schönheitspreis, hier das Video, in dem sie sie mit Evgeny Miroshnichenko zusammen analysiert:

Im Grunde spielte das keine Rolle, aber wie Magnus in Stavanger ärgerte sich auch Goryachkina:

Natürlich habe ich damit meine gute Leistung verdorben. In fast der Hälfte meiner Schwarzpartien bekam ich unangenehme Stellungen, daher war es allerdings nur eine Frage der Zeit… 

Und was lernt sie daraus?

Ich muss versuchen, die letzte Partie nicht zu verlieren, da das nicht so schön ist!

Goryachkina meinte, das Preisgeld von €50.000 und die noch viel größere Summe, die ihr der WM-Kampf gegen Ju Wenjun einbringt, seien keine motivierenden Faktoren gewesen – “In unserem Haushalt ist meine Mutter für die finanziellen Dinge zuständig!”

Anna Muzychuk erhielt die €40.000 für Platz 2, nachdem sie sich in Runde 12 und 13 nach schwachem Turnierstart mit -2 durch Siege gegen Gunina und Kosteniuk noch auf +2 verbessern konnte:

Einerseits zählt bei diesem Turnier nur der erste Platz, auf der anderen Seite drohte mir nach diesem miserablen Start mit -2 der letzte Rang und dann träumt man allenfalls davon, noch Zweite zu werden. Unterm Strich war es somit okay, und ich konnte vermutlich nicht besser abschneiden.

Kateryna Lagno landete am Ende gemeinsam mit Tan Zhongyi auf dem dritten Platz und zeigte sich erleichtert: "Endlich ist es vorbei." Das wurde umso verständlicher, als sie nach ihren Kindern gefragt wurde:

Sie sehnen sich nach mir, ich sehne mich nach ihnen, und ich möchte im Moment kein Schach spielen und auch nicht meinen Laptop aufklappen. Ich möchte nicht über Eröffnungen sprechen, sondern einfach Mutter sein.

Hier der Endstand:

Artemiev weiter auf Erfolgskurs

Vladislav Artemiev gewann vor Dmitry Jakovenko und Krishnan Sasikiran das Turnier zu Ehren von Anatoly Karpov, der bei der Siegerehrung vor Ort war | Fotos: Vasily Papin, papinchess.ru

2019 verläuft für den 21-jährigen Vladislav Artemiev bisher unglaublich, nachdem er zu Beginn des Jahres die Gibraltar Masters gewinnen konnte. Anschließend triumphierte er bei der Europameisterschaft und holte bei der Mannschafts-WM 6,5 aus 8 für Russland. Und selbst wenn es nach einem ruhigeren Turnierverlauf aussah, wie bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft, wo er mit vier Remis in den ersten fünf Partien startete, holte er zum Schluss noch vier Siege in Folge. Über seine Gegner kann man diskutieren, aber sicher nicht über seine Leistungen:

Damit war Artemiev einer der wenigen Spieler in den letzen Jahren, der zeitweilig in die Top 10 vordringen konnte:

Aktuell ist er wieder aus den Top Ten herausgefallen, da Wesley So sich mit +1 in Stavanger verbessert hat.

Zu diesem Zeitpunkt wussten Sasikiran und Artemiev noch nicht, dass sie auf dem Weg zu einer Glanzpartie waren | Fotos: Vasily Papin, papinchess.ru

Dazu kam, dass Vladislav Artemiev nach zwei Remis zum Auftakt in Poikovsky eine Serie von 60 Partien ohne Niederlage vorweisen konnte. Um ihm eine Niederlage zuzufügen, war eine besondere Leistung nötig - und die zeigte der indische GM Krishnan Sasikiran, indem er in Runde gegen Artemiev die Partie seines Lebens spielte. Sie war so schön, dass Artemiev es sich nicht verkneifen konnte, seinem Gegner die Möglichkeit zu geben, ihn mattzusetzen.


Hier im Video sprechen Jan und Peter während der Live-Übertragung von Norway Chess über diese Partie:

Ein harter Rückschlag für Artemiev, doch er machte diesen mit einem Sieg gegen Anton Korobov in der nächsten Runde wett. Schach war sicher die richtige Wahl gegen Korobov…

Er beendete das Turnier dann mit Siegen gegen Vladislav Kovalev und Vladimir Fedoseev. 44.Lh3! brach Fedoseevs Widerstand:


Artemiev meinte, er habe keine ausreichende Verteidigung für Schwarz sehen können, aber mit 44…Sc5!, was 45.Tf4 Sxd3! vorbereitet, hätte Fedoseev noch Chancen gehabt. Stattdessen folgte 44…Kxh6? 45.Tf4! Se2 46.Tfxa4 bxa4 47.Lxd7, wonach Artemiev eine Figur mehr hatte und am Ergebnis keinen Zweifel mehr ließ.

Wie erwähnt, verlor Artemiev dieses Mal aber ein paar Elo-Punkte...


...setzte sich aber dank der höheren Anzahl von Siegen vor Dmitry Jakovenko an die Spitze:

Ein starkes Ergebnis erzielte auch der 17-jährige Andrey Esipenko, der sich auf einem ähnlichen Weg wie Artemiev vor ein paar Jahren befindet.

Le Quang Liem ist Asienmeister

Le Quang Liem wurde 2018 geteilter Erster, aber dieses Mal reichte es zum alleinigen Sieg  | Foto: cca.imsa.cn

Schauen wir am Ende noch auf die Asien-Meisterschaft zurück, die vom 7.-15. Juni im chinesischen Xingtai stattfand. Als das 15-jährige Wunderkind Alireza Firouzja mit 3,5 aus 4 startete, sah es so aus, als könnte er wie vorher Wei Yi und Magnus Carlsen schon vor seinem 16. Geburtstag die Schallmauer von 2700 durchbrechen. In Runde 5 wurde er aber vom zweimaligen Indischen Meister Karthikeyan Murali mit einem sehenswerten Zug ausgebremst:


Karthikeyan dachte 21 Minuten nach, ehe er das positionelle Damenopfer 9…Dxc3+!! entkorkte. Nicht jeder wurde davon überrascht! 

"Brillantes Damenopfer von Murali Karthikeyan. Natürlich wurde das schon vor zehn Jahren analysiert." 

Nach 10.bxc3 dxe3 11.f3!? Sh5! hatte Schwarz bereits gute Kompensation, und zehn Züge hatte er das Kommando übernommen. Karthikeyan machte sein Meisterwerk perfekt und gewann nach 52 Zügen.

Auch Peter Svidler war das schöne Damenopfer nicht entgangen und er lobte es in vollen Tönen:

Ihr könnt die Partie hier nachspielen.

Firouzja schlug mit einem Sieg gegen Aravindh in der nächsten Runde zurück, verlor aber eine weitere Partie gegen den späteren Sieger Le Quang Liem.


Der Vietnamese holte sich mit 7 aus 9 den ungeteilten Turniersieg:

Rk.SNoNameFEDRtgPts.TB1TB2TB3rtg+/-
12GMLe Quang LiemVIE26947,0257644,549,09,4
216GMKarthikeyan Murali (Q)IND25936,5261044,548,519,5
39GMSethuraman S.P. (Q)IND26136,5260447,051,016,8
412GMNarayanan.S.L (Q)IND26036,5256142,545,513,0
57GMJumabayev RinatKAZ26256,5253942,546,58,2
63GMFirouzja Alireza (Q)IRI26826,0259145,049,02,5
710GMGupta Abhijeet (Q)IND26066,0256544,547,07,5
81GMVidit Santosh GujrathiIND27076,0255441,044,5-4,1
98GMLu ShangleiCHN26246,0253642,046,02,8
1019GMLalith Babu M RIND25716,0253443,047,08,8
1111GMNihal SarinIND26066,0253039,544,04,2

Das Wichtigste bei diesem Turnier war aber nicht der Turniersieg, sondern die fünf Plätze, die für den kommenden Weltcup vergeben wurden. Le Quang Liem hatte sich bereits bei der 2018 Asien-Meisterschaft 2018 qualifiziert, während Rinat Jumabayev sich beim Zonen-Turnier in Usbekistan ein Ticket gesichert hatte, und damit gingen die Plätze an Karthikeyan, Sethuraman, Narayanan, Firouzja und Gupta (hier die Liste der bisherigen Qualifikanten). Die Nummer 1 des Turniers Vidit und Stars wie Adhiban, Praggnanandhaa und Nihal Sarin verpassten die Qualifikation, doch dafür konnte sich Sarin nach der letzten Runde mit einem Turniersieg trösten!

In der nächsten Woche geht es weiter mit dem Stopp der Grand Chess Tour in Kroatien. Außerdem bestreiten Ding Liren und David Navara einen Wettkampf über 10 Partien in Prag (daneben tritt Jan Timman gegen den 17-jährigen Thai Dai Van Nguyen an), während Le Quang Liem mit Shankland, Jones, Howell, Xiong und Swiercz die Summer Chess Classic in St. Louis bestreitet. Außerdem steht mit dem Netanya International Chess Festival in Israel ein neues Turnier an, bei dem Dominguez, Svidler, Dubov, Rodshtein, McShane, Nabaty, Gelfand, Eljanov, Postny und Smirin das Masters bestreiten. Dieses Turnier beginnt am Sonntag.

Artemiev wird Ende des Monats auch in Danzhou dabei sein und gegen Yu Yangyi, Rapport, Wei Yi, Wang Hao, Vidit, Amin und Inarkiev antreten | Fotos: Vasily Papin, papinchess.ru

Mehr Infos findet ihr in unserem Schachkalender 2019, und alle Partien könnt ihr live auf chess24 verfolgen!


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