Berichte 12.06.2019 | 12:46von Colin McGourty

Goryachkina trumpft beim Kandidatenturnier auf

Aleksandra Goryachkina beherrscht das Kandidatenturnier der Damen in Kazan bisher nach Belieben. Mit ihren 7,5 aus 9 und einer Elo-Leistung von 2804 liegt sie fünf Runden vor Schluss stolze 2,5 Punkte vor der Zweitplatzierten Kateryna Lagno und kann nicht mehr eingeholt werden, wenn ihr in den letzten fünf Partien jeweils ein Remis gelingt. Nur ein überraschender Einbruch kann also dafür sorgen, dass jemand anders als Goryachkina im kommenden Jahr Herausforderin von Ju Wenjun wird.

Aleksandra Goryachkina spielt bisher das Turnier ihres Lebens | Foto: Turnierseite

Das Kandidatenturnier der Damen im russischen Kazan ist zweifellos das stärkste Frauen-Rundenturnier aller Zeiten, weshalb man im Vorfeld davon ausgehen musste, dass es eine ganz heisse Kiste wird. Doch bisher ist das genaue Gegenteil eingetreten: Mit einer der besten Leistungen aller Zeiten hat die an Nummer 5 gesetzte Aleksandra Goryachkina das Feld dominiert und mit ihren 7,5 aus 9 einen Start hingelegt, der allenfalls mit Fabiano Caruanas Siegesserie von sieben Partien beim Sinquefield Cup 2014 vergleichbar ist:


Mit sechs Siegen hat Goryachkina ihre Konkurrentinnen zu Statistenrollen verdammt. Hätte Kateryna Lagno in der 9.Runde gegen Alexandra Kosteniuk verloren, was zwischenzeitlich durchaus möglich war, wäre Goryachkina die einzige Spielerin gewesen, die eine positive Bilanz aufzuweisen hat. Wie stark das Turnier besetzt ist, sieht man daran, dass die Muzychuk-Schwestern mit -2 in den ersten vier Runden starteten (aktuell stehen sie beide bei 50 Prozent) und die mehrfachen russischen Meisterinnen Alexandra Kosteniuk und Valentina Gunina gemeinsam auf dem letzten Platz liegen:


Bisher haben nur Mariya und Anna Muzychuk noch nicht gegen Goryachkina verloren | Foto: Turnierseite

Goryachkinas sensationeller Lauf hat ihr aktuell einen Elo-Zugewinn von 31,1 Punkte eingebracht, womit sie sich in der Frauen-Live-Eloliste hinter Hou Yifan und Ju Wenjun auf Platz 3 verbessert hat:


Die Russin hat sich nur als Ersatz für die Nummer 1 der Frauen-Weltrangliste, Hou Yifan, qualifiziert, die Chinesin studiert aktuell in Oxford University und verzichtete auf einen Start. Goryachkina erklärte Live-Kommentatorin Elisabeth Pähtz (die auch noch als Übersetzerin tätig war, da die Russin kein Englisch spricht), dass die späte Einladung für einen vollen Terminkalender sorgte:

Im Spielerprofil von chess24 über Aleksandra Goryachkina heißt es am Anfang, “Goryachkinas stürmische Entwicklung innerhalb der Juniorenszene lässt sie offensichtlich als zukünftige Kandidatin für den Weltmeistertitel erscheinen.” 2011 holte sie bei der U14-WM der Mädchen 9 aus 9 und gewann 2013 und 2014 jeweils die Juniorinnen-WM U20. Bereits mit 16 Jahren gewann sie 2015 die Russische Meisterschaft und wiederholte diesen Triumph 2017. 2016 überschritt sie als 17-Jährige erstmals die Schallmauer von 2500, ehe sie nach einer Konsolidierungsphase nun den Sprung geschafft hat, den man von ihr erwarten konnte.

Aleksandra Goryachkina bei ihrem ersten Russischen Meistertitel mit 16 Jahren - Evgeny Tomashevsky gewann damals das offene Turnier | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Diese Leistungssteigerung hatte sich in diesem Jahr bereits angedeutet. Bei der Mannschafts-WM der Frauen in Astana etwa holte sie 8 aus 9 für das russische Team:


Und bei ihren 6,5 aus 11 bei der Europameisterschaft in Skopje feierte sie einen Sieg gegen Rauf Mamedov


Zwar verlor sie einige Elo-Punkte bei der russischen Einzelmeisterschaft der Damen, doch dafür überragte sie wieder beim Halbfinale der Russischen Mannschaftsmeisterschaft: 


Die schwere Konkurrenz bei den Turnieren zuvor scheint Goryachkina die nötige Turnierhärte für Kazan eingebracht zu haben, und nach einer verpassten Siegchance in Runde 1 setzte sie in Runde 2 einen echten Glanzpunkt. Die begeisternde Partie gegen Valentina Gunina schien auf ein Remis hinauszulaufen, als Goryachkina im 72. Zug einen Geniestreich auspackte:

Der Zug erschließt sich mit der Variante 72…Txh4 73.Ta4+! – und nach dem Turmtausch zieht der Bauer ein – aber man muss sie erst einmal sehen! Ein schwerer Schlag für Gunina, deren Interview nach der Partie Ian Nepomniachtchi zu folgendem Kommentar animierte:

"Ich hoffe, die FIDE und die Presseleute sehen ein, dass man Spielerinnen und Spieler, die ihre Partie verloren haben, nicht zu Interviews zwingen sollte."

Goryachkina zog danach einsam ihre Kreise, rang in der nächsten Runde Kateryna Lagno im Endspiel nieder und gab nur gegen Anna und Mariya Muzychuk Remis ab. Die vielleicht wichtigste Partie spielte sie in Runde 6.

Nana Dzagnidze hätte mit einem Sieg wieder die Führung übernommen, aber nachdem sie ihre Chance verpasst hatte, war Goryachkina nicht mehr aufzuhalten | Foto: Turnierseite

Nana Dzagnidze hatte zu Beginn mit 3,5 aus 4 Führung gelegen und hätte nach einer Niederlage gegen Kosteniuk in Runde 5 mit einem Sieg gegen Goryachkina nach 6 Runden wieder die Führung übernehmen können. Der war durchaus möglich, da sie bis zum 48. Zug auf Gewinn stand:


Dzagnidze verteidigte schnell ihren g-Bauern mit 48.Kh3!?, doch mit dem kaltblütigen 48…Dxc6! hätte sie ihren Vorteil behalten. 48…Dxg4+ sieht danach extrem gefährlich aus, doch ist es nicht mehr als ein Schach. In der Partie eroberte Schwarz den Bauern auf andere Weise und stand dann schon klar besser:


Goryachkina brachte die Partie nach Hause und geriet in den anderen Partien fast nie in ernste Verlustgefahr – nur gegen Mariya Muzychuk musste sie eine komplizierte Stellung mit Minusbauer halten:

Goryachkina gewann gegen Valentina Gunina beide Partien | Foto: Turnierseite

Das Sahnehäubchen war dann die 9.Runde, in der Valentina Gunina 15.b4?! einen Tick zu aggressiv vorging: 


Nach dem Damenmanöver 15…Dd8! 16.Lb3 Dh4+ stand Weiß nach 17.Kd1? bereits auf Verlust:


Goryachkina fand zwar nicht die tödlich lange Rochade, gewann nach dem völlig ausreichenden 17…Td8 und einem Verzweiflungsangriff von Gunina aber trotzdem sicher.

Kateryna Lagno hielt gegen Alexandra Kosteniuk nach heroischem Kampf remis, und liegt 2,5 Punkte hinter der Führenden | Foto: Turnierseite

Fünf Runden vor Schluss kann nur noch ein schwerer Einbruch den Sieg von Goryachkina verhindern. Werden die Nerven so kurz vor dem Ziel eine Rolle spielen? Bald wissen wir mehr, denn in Runde 10 treffen Lagno und Goryachkina aufeinander. Kateryna Lagnos Trainer Vlad Tkachiev bittet im Vorfeld um Unterstützung:

"Wer ihr die Daumen drückt, kann den Beitrag gern teilen und liken. Ein bisschen moralischer Auftrieb ist vonnöten. Wirklich."

Alle Partien könnt ihr hier nachspielen:

Wenn Ihr mögt, könnt ihr jeden Tag ab 14 Uhr dabei sein, wenn Elisabeth Pähtz und Evgeny Miroshnichenko LIVE hier auf chess24 kommentieren!

Weitere Links:


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