Berichte 24.01.2020 | 00:30von Colin McGourty

Goryachkina schlägt Ju Wenjun und erzwingt den Tiebreak

Das Match der Frauen-Weltmeisterschaft zwischen Aleksandra Goryachkina und Ju Wenjun wird am Freitag im Schnellschach-Tiebreak entschieden, nachdem Goryachkina die letzte Partie zum 6:6 gewonnen hat. Ihre Eröffnungswahl 1.d4 d5 2.Sc3!? erwies sich als inspirierend, da Ju Wenjun fast 20 Minuten für ihren zweiten Zug nachdachte und später in den kritischen Momenten dann wenig Zeit hatte. Wie in den letzten beiden WM-Matches von Magnus Carlsen werden die Tiebreaks aus bis zu vier Schnellschachpartien zu je 25 Minuten bestehen, auf die bei Bedarf erst Blitzpartien und dann möglicherweise ein Armageddon folgen.

Aleksandra Goryachkina ist eine harte Konkurrenz | Foto: Michael Friedman, Turnierseite

Alle Partien des WM-Matchs kannst du hier nachspielen:

Und hier kannst du dir noch einmal die Kommentierung von Hou Yifan und Nigel Short zur alles entscheidenden 12. Partie anhören:

Peter Svidler, der im Team Kramnik im WM-Match 2004 dabei war, wo Vladimir in der letzten Partie Peter Leko zwingend schlagen musste, um seinen Titel zu behalten, würdigte in der Einleitung der heutigen Geschwätzblitz-Show die Leistung von Aleksandra Goryachkina. Sein Lob schloss ein:

Eine ihrer größten Stärken ist, wie unerschütterlich sie ist und wie gut sie mit extremem Druck umgeht.

Svidler erklärte auch, dass Kramnik auch in der vorletzten mehr oder weniger All-in gegangen sei und mit Schwarz Benoni gespielt habe. Goryachkina wählte nach den Niederlagen in den Partien 9 und 10 eine völlig andere Strategie: Sie spielte die grundsolide Berliner Verteidigung und hatte nichts dagegen, dass die 11. Partie mit einem ereignislosen Remis nach 40 Zügen endete - erstaunlicherweise zusammen mit Partie 2 die kürzeste Partie des Matchs!

Ju Wenjun hatte vermutlich nicht die Berliner Verteidigung erwartet, da ihre Gegnerin im Match ja zurücklag | Foto: Michael Friedman Turnierseite

Das bedeutete, dass sie in der finalen Partie alles auf ihren Aufschlag mit Weiß setzte. Aus rein schachlicher Sicht schien das nicht verrückt zu sein, da beide Spielerinnen bereits im Match zweimal mit Weiß gewonnen hatten, während es auch den Druck auf ihre Gegnerin erhöhte. Die Nähe zu einem großen Erfolg kann ebenso schwer zu handhaben sein wie eine Situation, in der man gegen die Chancen kämpfen muss, um ihn zu erreichen. Und zu viel über ein Remis nachzudenken ist oft nicht der beste Weg, um eines zu erreichen.

Und dann war da noch die Eröffnung. Es war klar, dass Goryachkinas 1.d4 d5 2.Sc3!? bereits ein großer Erfolg war, als Ju Wenjun 20 Minuten lang über ihre Antwort nachdachte - ein Traumstart in eine Must-Win-Partie für das russische Team. 

Überraschung! | Foto: Eteri Kublashvili, Turnierseite

Als 2...Sf6 endlich gespielt wurde, kam der Zug 3.Lf4 (und nicht der populärere Veresov-Angriff mit 3.Lg5) nicht mehr als große Überraschung. Goryachkina setzte auf eine Nebenvariante, die von einigen Außenseiterspielern verfochten wird:

Ju Wenjun dachte 20 Minuten am Zug 2...Sf6 nach. Goryachkina antwortete zügig mit dem angesagten 3.Lf4, das schon von Jobava, Rapport und anderen Top-Spielern gespielt wurde.

Was folgte, war eine holprige Fahrt, die an Partie 9 erinnerte, in der beide Spieler feine Züge mit zweifelhaften Entscheidungen mischten. Selbst die Kommentatoren konnten die Dinge nicht zusammenhalten...

Ein GIF fasst Ju Wenjuns Variantenberechnungen in die kritischen zwölften Partie zusammen

Ju Wenjun hatte das Gefühl, dass sich die Partie nach Goryachkinas Vorstoß 27.e4! zu drehen begann.


27...dxe4 mag nicht die beste Reaktion gewesen sein, aber es stellte eine kleine Falle, da 28.Sxe4?? in 28...g5! gelaufen wäre. Stattdessen spielte Weiß 28.Le5!?, wobei die Computer Schwarz nach 28...Txf1! bevorzugen. Die Nr. 2 der Welt wählte stattdessen 28...Tc8?!, den Beginn eines zweifelhaften Plans, der in 30...e3?! gipfelte.

Nach 30...e3?! geben die Computer Goryachkina einen großen Vorteil - sollte sie gewinnt, gibt es morgen einen Tiebreak!

31.Sxc4 Lb5 32.b3 De4 wurde von Ju Wenjun heruntergeblitzt, aber 33.Tf1! war für sie dann vermutlich eine kalte Dusche. Plötzlich, als der Turm bereit war, die schwarze Dame zu verjagen und den e3-Bauern einzusammeln, steht Schwarz nicht nur schlechter, sondern sogar auf verlorenem Posten. Die größte Leistung des amtierenden Champions in den nächsten Zügen war es, nicht vor der Zeitkontrolle bereits aufgeben zu müssen.

Der Wettbewerb hätte danach schnell beendet werden können...

In Bezug auf den Plot ist das WM-Match vermutlich eines der besten der Geschichte

... aber obwohl Aleksandra einen langsameren Ansatz verfolgte, war dies nicht mehr die zögerliche, trostlose Goryachkina, die wir in den Partien 9 und 10 gesehen hatten, sondern eine Jägerin, die ihre Beute mit sichtlichem Vergnügen erlegte. Schwarz streckte im 60. Zug die Waffen:

Aleksandra Goryachkina hat es geschafft! Das WM-Match geht ins Stechen und wird bei mindestens vier Schnellschachpartien morgen entschieden werden

Das bedeutet, dass nicht weniger als die Hälfte der zwölf klassischen Partien einen Sieger gefunden hat, unter anderem 5 der letzten 6:


Genau wie in den Matches von New York 2016 und London 2018 wird eine weitere Weltmeisterschaft durch schnellere Zeitkontrollen entschieden. Wieder einmal beginnen die Spieler mit einem Best-of-4-Schnellschach, bei dem sie mindestens drei Partien mit 25 Minuten + 10 Sekunden spielen werden, die zur üblichen Zeit von 15:30 Uhr Ortszeit, 06:30 Uhr MEZ, beginnen. Bei einem 2:2-Unentschieden würden die Spieler dann zwei 5+3-Blitzpartien spielen, und wenn das Ergebnis danach immer noch ausgeglichen ist, würden sie bis zu vier weitere Blitzmatches zu zwei Partien spielen. Wenn das Match immer noch ausgeglichen wäre, würde es eine Armageddon-Partie geben, bei dem Weiß 5 und Schwarz 4 Minuten hat, wobei ein Remis für Schwarz wie ein Sieg gewertet werden würde.

Wenn Ju Wenjun vergessen kann, was auf dem Spiel steht, sollte die Favoritin sein. Aber das ist einfacher gesagt als getan | Foto: Michael Friedman, Turnierseite

Wer ist jetzt der Favorit? Nun, psychologisch gesehen ist der Schwung vielleicht auf der Seite von Goryachkina, aber Ju Wenjun wird sowohl im Schnell- als auch im Blitzschach um rund 100 Punkte höher bewertet. Beide sind jedoch starke Schnellschachspieler. Ju Wenjun blieb ungeschlagen, als sie bei der Schnellschach-Weltmeisterschaft 2018 mit 10/12 Gold holte. Aleksandra Goryachkina gewann Bronze mit einem Punkt weniger - ihre einzige Niederlage war, wie man sich bereits denken kann, gegen Ju Wenjun!

Verpasse auf keinen Fall also das Finale eines spannenden Matchs! Verfolge die Partien ab Freitag, 6:30 Uhr MEZ hier live auf chess24.

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