Meinung 06.11.2014 | 07:13von chess24 staff

GM Tkachiev über Carlsens Alternativen zu Sotschi

Im ersten Artikel seines neuen Blogs ChEsSay fragt Großmeister Vladislav Tkachiev nach den Alternativen für Magnus Carlsen, hätte er nicht den Vertrag für das Rematch gegen Anand in Sotschi unterschrieben. Gab es eine Karotte, die groß genug war, um eine erneute Spaltung der Schachwelt in zwei Lager zu riskieren? Vlads Untersuchung führt ihn von Theorien zu einer Website, die offensichtlich für ein Match zwischen Magnus Carlsen und einem anderen Top 10-Spieler aufgesetzt wurde.

Schach, Geld und zwei rauchende Gewehrläufe

Eine fünfzügige Retroanalyse

von GM Vladislav Tkachiev

Die Eröffnungszeremonie des WM-Kampfes zwischen Carlsen und Anand wird am 07. November in Sotschi stattfinden. Klingt banal, oder? Aber keine Sorge, es kommt noch mehr. Vor zwei Monaten stand die gesamte Schachwelt vor einer abermaligen Teilung. Klingt das interessanter? Im folgenden lest ihr meinen ersten investigativen Artikel zu dieser mysteriösen Episode. Oder vielmehr zu etwas, das niemals stattfand... Am 07. September raffte sich Magnus Carlsen auf und unterschrieb nach Wochen des Zögerns den Vertrag für den zweiten WM-Kampf gegen Vishy Anand mit dem Kommentar:

Übersetzung: "Es war mir eine Freude, den Fans in St. Louis Autogramme zu geben. Nach dem Turnier hatte ich Zeit für ein weiteres." Das klingt fast schon gewollt beiläufig, findet ihr nicht auch? Dieser Tweet markierte den Beginn meiner Recherchen. Am Ende stand die folgende Retroanalyse mit einer unerwarteten, aber völlig logischen Folgerung. Lasst es mich Schritt für Schritt erklären:

1.


Am selben 07. September gab es eine fesselnde Tweet-Serie von Mig Greengard, der sich selbst als "Hand des Königs" (Garry Kasparov) bezeichnet. Dies ist der erste Tweet, direkt nach der Unterzeichnung abgesetzt:

Übersetzung: "Ich frage mich, ob Caruanas Leistung die Situation verändert hat. Carlsen ist nicht mehr der unangefochtene de facto-Champ, falls er den FIDE-Titel verliert." Kurz vorher kam dieser Tweet: 

Übersetzung: "Potenziell großer Tag für die Schachwelt. Weltmeister Magnus Carlsen wird Unterzeichnung des WM-Vertrags für Sotschi unterschreiben, vertagen oder ablehnen." Und ein weiterer Tweet:

Übersetzung: "Weiß nicht genau (Garry ebenfalls nicht). Nach all dem glaube ich nicht, dass Carlsen unterschreibt. Ort, Russland, FIDE, Geld, Gegner: Viel Negatives für ihn." Und mein Lieblings-Tweet:

Übersetzung: "Oder er könnte unterschreiben! Er ist der Favorit und noch jung und hätte vor dem nächsten WM-Kampf mehr Zeit und Einfluss, einen besseren Schritt zu planen."

Am 06. und 07. September retweetete Mig zwei interessante Kommentare bekannter Schachjournalisten:

Übersetzung: "Carlsen auf die Frage, ob er sich als Weltmeister sehen würde, sollte er den FIDE-Titel aufgeben: "Interessante Frage, aber auch eine, die ich nicht beantworten kann."

Und:

Übersetzung: "Seirawan, Rogers und Finegold sagen im Interview mit VG, dass sie nicht in Sotschi gespielt hätten."

Es ist nun an der Zeit sich zu vergegenwärtigen, dass das Carlsen-Team bereits Mitte August Zweifel am Match äußerte. Zu den Gründen zählten die schlechteren finanziellen Bedingungen (1 Mio. Dollar weniger als in Chennai), Sanktionen gegen Russland und der Austragungsort Sotschi. Magnus unterstützte die Kandidatur Garry Kasparovs für die FIDE-Präsidentschaftswahl öffentlich.

2.

Ziehen wir ein paar vorläufige Schlüsse:

  1. Die den 13. Weltmeister umgebende Gruppe - oder auf einfach nur die ihn sympathisierende Journalisten - setzten eindeutig darauf, dass Magnus das Match in Russland ablehnt.
  2. Caruanas Lauf in St. Louis durchkreuzte gewisse Pläne.
  3. In den unter 1. genannten Gruppen gab es Hoffnung, dass Carlsen nach einem Sieg gegen Anand einen besseren "Schritt" vorbereiten könnte, da er dann mehr Zeit und Gelegenheit hätte.

An diesem Punkt der Untersuchung ergeben sich von alleine zwei Schlüsselfragen: Welche Überlegungen wurden von Caruanas Siegesserie in St. Louis durchkreuzt und auf welches Kabinettstück hofft Carlsen in der Zukunft? Oder um es einfacher zu formulieren: Welche Alternativen gab es für Magnus, hätte er die Unterzeichnung des Vertrags abgelehnt und eine Spaltung der FIDE verursacht? Immerhin müsste die Karotte groß und lukrativ genug sein, um Carlsen zu einer Unterzeichnung erst im letzten Moment zu veranlassen. Was Fabiano angeht ist alles eindeutig: Sein Siegeszug bedeutete, dass zum ersten Mal seit Jahren von einem offensichtlichen Kronprinzen die Rede sein konnte. Vorher war Magnus lange Zeit der klare Champ gewesen, während der Thron zwar von einigen Anwärtern umgeben war, von denen aber niemand herausstach. An dieser Stelle sollten wir uns dem nächsten Puzzleteil zuwenden: Durchkreuzte Caruana Pläne Carlsens, den WM-Kampf gegen einen anderen Gegner zu spielen, indem er die Bühne betrat? Das zumindest ist eine sehr logische Hypothese, die allerdings weiterer Beweise und einer Ausweitung der Recherchen bedürfte.

3.

Am 31. August legte ein weiteres Mitglied des Kasparov-Camps - der Norweger Morten Sand - seine Gründe für die Ablehnung eines WM-Kampfes in Sotschi dar:


Übersetzung: "Endlich hat die FIDE die Frist für Magnus verlängert. Die Frage ist allerdings, ob die Verlängerung aus Magnus' Sicht irgendetwas ändert. Ich denke nein. Die politische Situation ist dieselbe, die Konditionen des Matches sind dieselben (?) und Sotschi sieht den Zeitungen zufolge weiterhin wie eine "Geisterstadt" aus. Nur die FIDE könnte profitieren, da sie jetzt argumentieren kann, Magnus mit der Fristverlängerung entgegengekommen zu sein. Magnus ist erneut gezwungen, seine Absichten zu offenbaren. Ich bezweifle sehr, dass er unterschreiben wird, aber man wird sehen. Das Carlsen-Team hat die Magnus-Marke stetig aufgebaut. Ich denke nicht, dass er dieses Match braucht; der langfristige Wert seiner Marke würde auch dann bewahrt, wenn die FIDE ihm den Titel entzieht."

Leider gelingt es diesem Post nicht, weiteres Licht auf die uns interessierende Frage zu werfen. Aber mit einem weiteren Schritt zurück gelang es, den Faden wiederaufzunehmen:

29th August, Leonard Barden, The Guardian:

Wenn Carlsen zurücktritt, werden viele ihn weiterhin als wahren Weltmeister ansehen. Er schmetterte Anand 2013 nieder und ist mit weitem Abstand Nr. 1 der Weltrangliste. Derweil ist Karjakin nur siebter. Carlsen könnte ein Match mit der Nr. 2, Levon Aronian, arrangieren und es könnte eine hochprofitable Serie gegen Hikaru Nakamura, die Nr. 1 der USA und Weltranglistensechster, geben, die von Milliardär und Schach-Mäzen Rex Sinquefield finanziert wird.


Bingo!

4.


Wenn wir uns an den Hype um das Turnier in St. Louis im September erinnern, können wir davon ausgehen, dass sie ernsthaft über ein WM-Projekt Carlsen gegen Hikaru Nakamura nachgedacht haben. Schließlich ist Hikaru ein Mitglied des örtlichen Schachclubs und unterstützte die Kandidatur Kasparovs. Das Match würde von Milliardär Rex Sinquefield finanziert - der Mann, der auch Kasparovs Kampagne finanzierte. Das ist eine hübsche Idee. Und nun wird klar, dass nicht nur Caruanas spektakulärer Aufstieg jemandes Pläne durchkreuzte. Im selben Turnier wurde Nakamura letzter, was nicht besonders gut für einen WM-Anwärter aussieht. Zumindest nicht in der öffentlichen Meinung.

Dennoch passt das Mosaik noch nicht in ein gemeinsames Bild. Wie hätte man Carlsens Entscheidung rechtfertigen können, nicht gegen den legitim qualifizierten Anand zu spielen, sondern gegen die Nr. 6 der Weltrangliste? Gegen Nakamura, der nicht einmal am Kandidatenturnier teilnahm? Am 15. Mai bot die FIDE selbst das nötige Argument:

Am 15. Mai wurden die Ratinglisten der Top 100 für Blitz- und Schnellschach veröffentlicht. Beide Listen wurden von Nakamura angeführt, während Carlsen den 4. Platz belegte. chess24 berichtete:

Falls Garry Kasparov FIDE-Präsident wird, werden wir mehr solcher Fälle bestaunen dürfen, da er die Online-Turniere ebenfalls auswerten lassen möchte.  

Eine der Punkte der Kasparov-Kampagne war die Vereinheitlichung der Ratings verschiedener Zeitkontrollen in einem universalen Rating. Wenn man bedenkt, dass der Amerikaner in zwei Kategorien erster war, könnte man annehmen, dass er in diesem Rating zweiter der Welt gewesen wäre.

Quelle: Kasparovs Programm auf seiner Wahlwebsite

Falls du einwendest, dass dieses Zitat sich nur auf Onlineratings bezieht:

Thomas Richter: Ich bin (auch!?) kein Freund der Pläne Kasparovs, das Ratingsystem zu ändern, weshalb ich ihn bei seiner Pressekonferenz in Wijk aan Zee danach fragte. Fairerweise muss man sagen, dass er anscheinend ("das muss noch entschieden werden" oder so in der Art) Gewichtungen nutzen möchte, so etwas wie 100% für klassische Zeitkontrolle, 30% für Schnellschach und 10% für Blitz.

Als ich mich also nun - nicht ohne Schwierigkeiten - von der Realität dessen, was geschehen war, überzeugt hatte, googelte ich den Begriff “Carlsen – Nakamura 2015”. Und schaut euch an, was mich als Ergebnis erwartete.

5.

Ich musste nun noch feststellen, wer wann diese Seite erstellt hatte…


Dieses Match war höchst wahrscheinlich von Anfang an gedacht, ein Wettbewerb in drei verschiedenen Disziplinen zu sein: Klassisches Schach, Schnellschach und Blitz. Ihr könnt nicht leugnen, dass das eine ziemlich mutige Idee ist. Es wunderte mich nur, wie viel Aufwand ich treiben musste, um sie zu entdecken.

Das Ende?

P.S. Ich möchte sagen, dass ich mit diesem Artikel nicht die Absicht habe, irgendjemanden zu kritisieren oder zu beschuldigen. Ich denke nicht, dass ich von einem moralischen oder legalen Standpunkt aus das Recht dazu habe.

Am Ende des Tages ist es Politik, aber Politik hoch 2: Sowohl Schach- als auch Weltpolitik. Ich fand es einfach eigenartig, das NIEMAND einen genauen Blick auf diese Beinahe-Spaltung der Schachwelt geworfen hat. Die letzte Spaltung dauerte, ihr werdet euch erinnern, von 1993 bis 2006 und damit 13 Jahre.

Mit Genehmigung übersetzt aus dem Russischen Original


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