Interviews 21.03.2016 | 16:11von Colin McGourty

Giri: "Magnus und ich haben einen sehr ähnlichen Stil"

Anish Giri, Nummer Vier der Welt und jüngster Spieler beim Kandidatenturnier 2016, liegt bei noch sechs zu spielenden Runden nur einen Punkt hinter der Spitze und hat noch immer eine echte Chance, sich für das Weltmeisterschafts-Match gegen Magnus Carlsen zu qualifizieren. Bis jetzt war er jedoch wegen seiner übersoliden Herangehensweise überwiegend Kritik ausgesetzt, die zu acht Remisen in ebenso vielen Partien geführt hat. Wie denkt Anish selbst über seinen Stil? Er sprach in einem langen Interview vor dem Turnier darüber.

Anish Giri gelangen in Moskau bislang acht Remisen | Foto: World Chess

Im Interview mit Oleg Bogatov, das für RSport.ru geführt wurde, sprach Giri über seine Erziehung in Russland, Japan und den Niederlanden sowie viele weitere Themen (sein Name bedeutet offenbar "Gott der Götter", oder so ähnlich!), aber wir haben hier den letzten Abschnitt des Interviews übersetzt, in dem das Hauptaugenmerk auf Schach wechselte:


Wie war deine Vorbereitung auf das Turnier - mehr Trainingseinheiten oder Turniere?

Leider war ich einer derjenigen Spieler, die lange Zeit nicht wussten, ob sie teilnehmen können würden oder nicht. Ich habe mich auf Grund meiner Elozahl über das letzte Jahr hinweg qualifiziert. Ich hatte komfortablen Vorsprung auf Vladimir Kramnik, aber es lagen noch einige Monate bis zur endgültigen Abrechnung, und ich wollte meine Vorbereitung nicht beginnen, ehe ich offiziell Teilnehmer des Turniers war. Wie ein russisches Sprichwort lautet, soll man die Haut eines Bären nicht aufteilen, solange er nicht erlegt wurde.

Ich versuchte nicht daran zu denken, aber in diesem Jahr blieb nicht viel Zeit übrig. Mir erscheint es so, dass ich meine Vorbereitung intensiv zu gestalten versuchte, jedoch nicht bis zu einem Grad, nach dem mein Gehirn abschaltet. Der Computer spielt bei der Vorbereitung eine große Rolle, aber dann wird es schwer, davon wegzukommen - beim Umschalten auf das Spielen am Brett. Ich versuchte alles in meiner Macht, und ich bin froh damit, wie es abgelaufen ist. Doch, leider oder zum Glück, ist die Vorbereitung nur ein kleiner Teil des Spiels: das Ergebnis hängt oft von anderen Faktoren ab.

Anish, unter Experten gibt es eine Meinung, dass es beinahe unmöglich ist, Giri zu schlagen, wenn er erst einmal beschlossen hat, eine Partie nicht zu verlieren. Trifft das zu?

Giris Ehefrau Sopiko Guramishvili gibt während der ersten Runde des Kandidatenturniers in Moskau ein Interview

Das stimmt zum Teil. Mein Stil ist als hieb- und stichfest bekannt, aber darauf konzentriere ich mich nicht - es ist rein eine Frage des Stils. Es ist keine Herangehensweise, die ich wähle, aber eine Folge meines schachlichen Stils. Solche Stellungen passen zu meinem Spiel. Ich habe viele Partien gespielt, die ich durch das Ausnutzen eines minimalen Vorteils gewonnen habe, wo viele meiner Kollegen einfach ins Remis einwilligen und nicht an einen Gewinn denken. Das sind rein technische Stellungen, in denen man subtile Entscheidungen treffen muss.

Letztes Jahr habe ich wirklich sehr wenige Partien verloren. Eine davon war das Halbfinale beim Weltcup in Baku mit Weiß gegen Svidler, als ich mich mit dem Entschluss zu einem scharfen Angriff selbst überrascht hatte. Das war ein sehr wichtiger Zeitpunkt, und ein Sieg über Peter hätte die Qualifikation für das Finale und die Teilnahme am Kandidatenturnier bedeutet. Es läuft oft so: wenn du angreifst, aber wegen der Korrektheit nicht sicher bist, entsteht eine Form der Unentschlossenheit, und schlussendlich geht alles schief.

Ja, ich hatte viele Turniere, in denen ich keine einzige Partie verloren habe, und das belastet deine Gegner oftmals: wenn sie im Vorteil sind, haben sie Angst davor, ihn aus der Hand zu geben. Auf der einen Seite ist das gut, aber auf der anderen - ich hatte im Gegensatz zu meinen Kollegen nur sehr wenige Turniere, in denen ich +5 oder +6 erzielen konnte, wie das beispielsweise etwa bei Levon, Hikaru oder Fabiano der Fall war.

Das ist die Kehrseite der Medaille, aber die Statistik wird beim Endergebnis keine entscheidende Rolle spielen - es ist wichtiger, gut in Form zu sein. Es ist wie in jedem Sport, z. B. beim Fußball: es gibt Mannschaften, die nur wenige Tore zulassen, und dann gibt es Vereine, die sich auf den Angriff spezialisieren. Das bestimmt nicht das Endergebnis. Es ist eine Frage des Stiles.

Um bei den Fussball-Vergleichen zu bleiben - ist dir ein 1:0 oder ein 4:3 lieber?

Ja, das kommt in meinen Partien oft vor (lächelt). Ich kann nicht sagen, dass ich mich damit angenehmer fühle, aber das kommt vor und steht in Verbindung mit einigen Schachvorlieben. Es ist eine Frage der schachlichen Erziehung, und nicht meine Wahl.

In Moskau werden +1 oder +2 für einen der Spitzenplätze reichen, aber um das Turnier zu gewinnen, muss man womöglich aggressiver Schach spielen. Musst du dich darauf einstellen?

Ich denke nicht. Immerhin beginnen auch +5 mit +1 an, daher wäre ein erster Sieg kein schlechter Anfang. Wenn ich auf +1 komme, denke ich, dass ich auch einige andere Partien entscheiden kann. Ich denke nicht, dass mich mein Stil vom Erreichen von Erfolgen abhält. Es ist eine andere Angelegenheit, dass gute Form von mir und z. B. Levon ein Vorteil für ihn wäre.

In den letzten Jahren stand ich in vielen Turnieren knapp vor dem Gesamtsieg: so zum Beispiel auf der Grand Chess Tour. Ich erzielte in zwei Turnieren +2, im dritten +1 und stand kurz davor, die ganze Turnierserie zu gewinnen. Und in all diesen Turnieren habe ich trotz meines Stils einige Chancen vergeben. Irgendwo hätte ich +4, woanders +3 erreichen können, daher versuche ich nicht, mich zu verändern und es meinen Kollegen nachzumachen, die ich nicht stärker als mich einschätze.

Du wirst als Anhänger der sowjetischen Schachschule angesehen…

Das ist schwer zu sagen. Ich hatte viel Glück, in Russland mit dem Lernen des Schachs begonnen zu haben. Ich kann nicht sagen, dass meine ersten Trainer sehr namhafte Spieler waren. Zuerst war das Asya Kovalyova, dann Andrei Praslov - sie sind noch immer Trainer an der Sportschule Nr. 2 im Kalininsky-Distrikt St. Petersburgs. Sie waren nicht besonders bekannt, aber sie wussten, welche Bücher Anfänger im Schach lesen müssen, und das ist sehr wichtig. Oftmals sind westliche Trainer, die Internationale und Großmeister sind, klar stärker, aber das richtige Buch mit der Post zuzuschicken oder es über das Wochenende zum Lesen herzugeben, ist für einen Jugendtrainer eine sehr wichtige Eigenschaft.

Ich verfüge über einige sowjetische Schachkultur, aber unlängst hat sich mein Stil verändert und er ist nun sehr technisch geworden: ich drücke in etwas besseren Endspielen auf den Sieg, und ich verteidige mich in schlechteren Stellungen sehr hartnäckig. Aber mir kommt es vor, als ob sich in meinem Alter - 21 - mein Stil jedes Jahr ändert. Und es gibt keine Garantie, dass ich immer so spielen werde. Im letzten Jahr habe ich jedoch sehr technisch gespielt, und es fand auf engem Raum statt: es gibt auf dem Spitzenniveau nur sehr wenige Feuerwerke.

Giris derzeitiger Trainer ist GM Vladimir Tukmakov, den man hier in der ersten Runde neben Silvio Danailov sitzen sieht, und weitere Trainer schauen ebenfalls zu: Rustam Kasimdzhanov (Caruana), Vladimir Potkin (Karjakin) und Grzegorz Gajewski (Anand)

Natürlich habe ich in der französischen Liga rund sechs Partien gewonnen. Wenn man auf Schachspieler trifft, die etwas schwächer sind, wird alles viel einfacher - man wirft den Fehdehandschuh hin (lächelt). Aber den Fehdehandschuh Spielern wie Fabiano Caruana oder Sergey Karjakin hinzuwerfen ist nicht so einfach.

Es gibt weltweit nur zwei Spitzenschachspieler, die in der Lage sind, Blut aus einem Stein herauszupressen - der norwegische Weltmeister Magnus Carlsen und du.

Ja, der Zeitpunkt, an dem viele Schachspieler den Kampf beenden und ins Remis einwilligen, ist für mich der, ab dem ich mich wohl fühle. Magnus und ich sind uns im Stil sehr ähnlich, aber in der Herangehensweise an das Spiel sind wir einander völlig entgegen gesetzt. Magnus versucht, den Akzent rein auf das Spiel zu legen und so von Vorbereitungen wegzukommen, aber für mich spielt die Vorbereitung eine enorme Rolle. Und das nicht nur deshalb, weil ich es liebe, mich vorzubereiten, während Magnus das nicht tut und nur am Brett spielen möchte. Für mich ist das ein riesiger Bestandteil des Spiels, und meine Liebe zum Schach kommt zu einem großen Teil von der Liebe zur heimischen Vorbereitung. Aber bezüglich schachlichen Stils sind wir uns sehr ähnlich.

Wenn ich mich nicht irre, bist du der einzige Schachspieler weltweit, der nicht gegen Carlsen verloren hat und ein positives Ergebnis gegen ihn hat, 1:0…

Ja, wir haben jedoch zwölfmal Remis gespielt, und ich würde keine besonderen Schlüsse daraus ziehen. Natürlich ist das schön und womöglich auch wichtig, dass ich ein positives Ergebnis gegen ihn habe, da ein schlechtes Ergebnis gegen Magnus das Ende bedeutet - man kann sofort sein eigenes Todesurteil unterzeichnen. Wenn einem Gegner etwas Selbstvertrauen fehlt, zerstört ihn Magnus einfach, aber wenn sich Carlsen gegen jemanden unwohl fühlt, dann ist er überhaupt nicht derselbe. Und das ist sehr wichtig.

Betrachtest du jemanden vor dem Beginn des Turniers als Favoriten?

Viele sagen, dass die Chancen ausgeglichen sind, aber ich denke nicht, dass das zur Gänze stimmt. Rein auf dem Papier, unter Berücksichtigung der Turnierergebnisse in den letzten Monaten, ist der Favorit meiner Ansicht nach Fabiano Caruana. Und auch Hikaru Nakamura - auf Grund seiner Ergebnisse.

Caruana war lange Zeit der einzige Spieler, der mit Giri "Schritt hielt" und sieben Remisen in sieben Partien erzielte - ehe er sein Ergebnis "verdarb" und Nakamura in der achten Runde schlug! | Foto: World Chess

Fabiano spielte beim Turnier in Wijk aan Zee im Januar gut und hat Erfahrung darin, solch große Turniere zu dominieren. In einem davon gelangen ihm sieben Siege in Folge - ein fantastisches Ergebnis, und nun wird das Erreichen von 7 aus 7 mit "einen Caruana abliefern" umschrieben. Das ging als eines der besten Resultate bei einem Schachturnier aller Zeiten in die Geschichte ein, und kann womöglich mit einigen Ergebnissen Anatoly Karpovs in früheren Zeiten verglichen werden.

Hikaru hat unterdessen im Vorjahr eine große Anzahl an Turnieren gewonnen. Nakamura leidet jedoch an einem riesigen Magnus-Komplex - sein Ergebnis gegen ihn lautet 0:12; Magnus ist jedoch nicht in Moskau, und das sollte Hikarus Nerven nicht besonders belasten.

Anish, gibt es irgendein russisches Sprichwort, das dir wirklich gefällt?

Ich mag russische Sprichwörter ganz allgemein. Und einen Tag vor dem Beginn des Turnieres hat es mir wirklich gefallen, als alle Spieler zum Roten Platz spazierten und auf Topalov gewartet haben. Einer der Veranstalter sagte dann: "Sieben warten nicht auf einen". Und es war einfach nur amüsant, dass dieser Standardspruch perfekt zu dieser Gelegenheit passte. Es gibt viele großartige russische Sprichwörter, und sie treffen das Ziel öfter, als sie daneben gehen.

Hier geht es zum ganzen Interview bei RSport.ru (auf Russisch)


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