Features 09.03.2015 | 11:58von chess24 staff

Gibt es die Remisseuche wirklich?

Die Remispraxis bei der Europameisterschaft genießt schon seit langem einen schlechten Ruf – die meisten Spieler sind schlicht darauf aus, einen der ersten 23 Plätze belegen, um sich für den Weltcup zu qualifizieren. Dieses Jahr müssen die Spieler nicht einmal die Sofia-Regel einhalten, was zu etlichen kurzzügigen Remisen führte. Der Sportpsychologe Carlos Martínez hat sich das Thema Remis – und vor allem schnelle Remisen – genauer angesehen und kommt zu dem Schluss, dass den Spielern nichts vorzuwerfen ist. Was ist eure Meinung?

Bittet Svidler um “Vergebung” wegen eines schnellen Remis? | Foto: Maria Emelianova, Grand Prix Tiflis

Die Remisseuche

von Carlos Martínez

Häufig liest oder hört man, wie negativ Remisen für das Image des Schachspiels seien. Problematisch seien vor allem schnelle Remisen, die nach sehr wenigen Zügen vereinbart werden. Schachfans und -experten diskutieren häufig darüber, wie sehr solche Partien dem Ruf und der Verbreitung des Schachsports schaden. Doch ist dies überhaupt angebracht? Schaden diese Remisen wirklich dem Schachspiel?

In diesem Artikel möchte ich näher auf dieses Phänomen eingehen, das einerseits weit verbreitet ist und immer wieder heftige Debatten auslöst. Ich behaupte keineswegs, dass ich über dieses Thema ein endgültiges Urteil fällen kann – vielmehr geht es mir einzig darum, weitere Diskussionen anzuregen, indem ich einige Faktoren unter die Lupe nehme, die für die Spieler ausschlaggebend sind.

Einführung

Behauptet jemand, er sei prinzipiell für oder gegen Remisen, erscheint mir das als pure Ignoranz. Ein Remis ist eher ein mögliches Ergebnis als ein genereller Bestandteil des Sports. Obwohl dies eigentlich offensichtlich ist, wird diese Tatsache oft missachtet. Eine Schachpartie ist sehr kompliziert und hängt von vielen Faktoren ab – sowohl internen (die Stimmung des Spielers, seine Emotionen bezüglich eines Turniers, seine Vorbereitung usw.) als auch externen (seine Platzierung, seine Ziele, sein Gegner usw.). Diese Faktoren und etliche mehr beeinflussen jede Partie. Was aber kann dazu führen, dass ein Spieler mit einem Remis einverstanden ist? Gehen wir der Reihe nach vor.


Ich will bei dieser Vorbemerkung nicht zu sehr ins Detail gehen, aber man muss zwischen schnellen Remisen und ausgekämpften Remisen unterscheiden, auch wenn dies nicht immer eindeutig möglich ist. Bei einem ausgekämpften Remis zum Beispiel handelt es sich um eine Partie, in der die Spieler hart miteinander ringen und nach einer bestimmten Zeit Remis vereinbaren. Dagegen kommt ein schnelles Remis ohne Kampf zustande, weil die Spieler einfach nur einige Züge machen, um sich schnell die Hand reichen zu können.

Dieser Ansatz kann aber auch zu kurz greifen. Zum Beispiel könnte es sein, dass eine Partie 40 Züge und mehrere Stunden dauert, und wir automatisch denken, dass die Spieler um den ganzen Punkt gekämpft haben. Andererseits ist in diesem Fall aber auch möglich, dass die beiden Spieler in einer ausanalysierten Variante (in den letzten Jahren ist exakte Vorbereitung sehr wichtig geworden) gelandet sind und einfach nur viel Zeit verbrauchten, um sich an die richtigen Züge zu erinnern. Schließlich wurde nach korrektem Spiel beider Kontrahenten Remis vereinbart. Dafür gibt es viele Beispiele. Genauso kann das Gegenteil passieren: Zwei Spieler einigen sich recht schnell auf Remis – sagen wir nach 15 Zügen und erst einer Stunde Spielzeit – weil sie in der Eröffnung überrascht wurden und sich unwohl fühlen, obwohl sie vorher eigentlich auf Sieg spielen wollten. Das sind nur zwei Fälle, wie sie in der Praxis vorkommen, und man fragt sich, wer „mehr“ gekämpft hat. Dasselbe kann passieren, wenn man anhand der Bedenkzeit versucht, automatisch zwischen den beiden Begriffen „ausgekämpft“ oder „schnell“ zu unterscheiden. 

Obwohl diese Einschränkungen letztlich unüberwindlich sind, habe ich mich entschlossen, auf Basis einer Festlegung mit diesem Artikel fortzufahren. Mit „ausgekämpften Remisen“ bezeichne ich dabei Remisen, die nach Gewinnversuchen entstanden, weil keiner der beiden Spieler entscheidenden Vorteil erzielen konnte und Remis vereinbart wurde. „Schnelle Remisen“ dagegen sind Remisen, in denen ohne wirkliche Versuche, in Vorteil zu kommen, Remis vereinbart wurde. Schauen wir uns nach dieser Definition einige Beispiele für beide Möglichkeiten an.

Ausgekämpfte Remisen

Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand etwas gegen diese Art von Remisen einzuwenden hat. Die Spieler haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten um den vollen Punkt gekämpft. Allerdings fanden sie nicht den entscheidenden Durchbruch und einigten sich schließlich auf Remis. Diese Partien sind oft sehr spannend, da beide Spieler versuchen in Vorteil zu kommen. Allerdings ist es nicht einfach, eine Partie Schach siegreich zu gestalten, und schon gar nicht, wenn die beiden Spieler etwa gleich stark sind. Ein gutes Beispiel für ein solches Remis ist eine Stellung, in der beide Spieler nur mit sehr hohem Risiko weiterspielen könnten und die Konsequenzen unabsehbar wären.

Carlsen und Vachier-Lagrave trugen das "beste Remis des Jahres 2014" aus.

Schnelle Remisen

Diese Remisen ernten am meisten Kritik. Gelegentlich einigen sich zwei Spieler nach 10 oder 12 Zügen auf Remis, obwohl sie sich gerade erst ans Brett gesetzt haben. Warum machen sie das? Wollen Sie nicht gewinnen? Oder wollen sie nicht kämpfen? In den vielen Jahren, seit denen ich Spieler mental auf eine Partie vorbereite, traf ich noch keinen Spieler, der nicht gewinnen wollte. Vielmehr investieren alle viel Zeit für die Vorbereitung – sowohl technisch als auch psychologisch (allerdings kommt das Letztgenannte seltener vor). Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass ein Schachturnier mindestens eine Woche dauert und die Spieler mindestens sieben Partien austragen. Wieder bediene ich mich eines Beispiels aus der Weltklasse, um dies illustrieren. Vor dem Turnier weiß ein Weltklassespieler, wann er gegen wen spielen muss und wann er einen Ruhetag hat. Diese Informationen sind sehr wichtig, da man sie bei der Festlegung seiner Ziele berücksichtigen muss. Anders gesagt, überlegen sich die Spieler im Voraus, in welcher Runde und gegen welchen Gegner sie aufs Ganze gehen wollen.

Natürlich kann man sich daran nicht sklavisch halten. Manchmal muss man von seinem Plan abweichen, weil sich die Partie anders entwickelt hat und man eine gute Chance bekommt, den ganzen Punkt anzustreben. In anderen Fällen könnte es sein, dass die Partie zwar wie erwartet verläuft, man aber Kraft für die nächste Runde sparen will. Oder zwei Spieler haben sich auf ein anderes Zusammentreffen vorbereitet und wollen sich nicht in die Karten schauen lassen. Möglich ist auch, dass ein Remis beide Spieler ihrem sportlichen Ziel näher bringt.


Fazit

Aus meiner Sicht lautet die Antwort auf all diese Fragen aus rein statistischen Gründen: Nein! Weiter unten habe ich einige Tabellen aufgeführt, die zeigen, wie viele Partien in den letzten Jahren entschieden wurden und wie viele mit einem Remis endeten. Ich habe aber noch eine weitere Kategorie aufgenommen: Schnelle Remisen, die generell als Partien definiert sind, die vor dem 20. Zug mit einem Remis endeten. Dies ist zwar sehr vage und ungenau, doch kann man auf diese Weise eine grobe Vorstellung von der Quote solcher Remisen bekommen. Ich wollte auch herausfinden, wie hoch die Quote von Remisen und schnellen Remisen auf Weltklasseniveau ist. Aus diesem Grund filterte ich alle Spieler mit einer Elo-Zahl von mindestens 2700 heraus. Als Quelle nutzte ich die Megabase von 2013 plus die Datenbank von TWIC und kam dabei auf insgesamt 6.213.774 Partien, und darunter 24.749 Partien mit Weltklassespielern. Dabei kamen einige interessante Erkenntnisse zum Vorschein.

1. Nur 30 Prozent der Partien endeten remis, das heißt, 70 Prozent der Partien wurden entschieden. Schnelle Remisen gab es nur in 6,8 Prozent der Fälle.

Gesamtanzahl der Partien 1-0 0-1 ½
6.213.744 2.385.337 1.913.827 1.910.280
% 38,4 30,8 30,8
% TOTAL 69,2 30,8
Remisen vor dem 20.Zug 424.260 6,8%

Alle Ergebnisse

2. Bei den Weltklassespielern kommt es zu recht vielen Remisen – 52,1 Prozent der Partien endeten so. Schnelle Remisen gab es aber nur in 12,4 Prozent der Fälle.

Gesamtanzahl der Partien 1-0 0-1 ½
24749 7.219 4.631 12.894
% 29,2 18,7 52,1
% von insgesamt 47,9 52,1
Remisen vor dem 20.Zug 1.603 12,4%

Ergebnisse der Weltklasse

3. Untersucht man die jährlichen Ergebnisse der Weltklasse, sind die Schwankungen noch größer, allerdings ist das Remis immer noch das häufigste Resultat (die Werte schwanken zwischen 46,5% im Jahr 2012 bis 55% im Jahr 2011), die Quote schneller Remisen aber immer sehr niedrig (zwischen 9,4% im Jahr 2011 und 4,3% im Jahr 2012). 

4. 2010 endeten nur 38 von 1.000 Partien mit einem schnellen Remis.

Gesamtanzahl der Partien 1-0 0-1 ½
1000 301 207 492
% 30,1 20,7 49,2
% von insgesamt 50,8 49,2
Remisen vor dem 20.Zug 38 7,9

Ergebnisse der Weltklassespieler 2010

5. 2011 endeten nur 45 von 884 Partien mit einem schnellen Remis.

Gesamtanzahl der Partien 1-0 0-1 ½
884 237 161 486
% 26,8 18,2 55
% von insgesamt 45 55
Remisen vor dem 20.Zug 45 9,2

Ergebnisse der Weltklassespieler 2011

6. 2012 endeten nur 23 von 1.131 Partien mit einem schnellen Remis.

Gesamtanzahl der Partien 1-0 0-1 ½
1131 352 253 526
% 31,1 22,4 46,5
% von insgesamt 53,5 46,5
Remisen vor dem 20.Zug 23 4,3%

Ergebnisse der Weltklassespieler 2012

7. 2013 endeten nur 28 von 944 Partien mit einem schnellen Remis.

Gesamtanzahl der Partien 1-0 0-1 ½
944 276 178 490
% 29,2 18,9 51,9
% von insgesamt 48,1 51,9
Remisen vor dem 20.Zug 28 5,7%

Ergebnisse der Weltklassespieler 2013

8. 2014 endeten nur 36 von 1.537 Partien mit einem schnellen Remis.

Gesamtanzahl der Partien 1-0 0-1 ½
1537 486 309 742
% 31,6 20,1 48,3
% von insgesamt 51,7 48,3
Remisen vor dem 20.Zug 36 4,8%

Ergebnisse der Weltklassespieler 2014

Dass die meisten Weltklassepartien mit einem Remis enden, dürfte normal sein: Diese Spieler sind sehr stark, und es ist in der Regel für beide Seiten sehr schwer, in Vorteil zu kommen. Ein Remis an sich bedeutet aber wie erwähnt nicht, dass es sich um eine langweilige Partie ohne Engagement der beiden Spieler handelte. Schach ist viel komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Und bei einem genaueren Blick auf schnelle Remisen stellt man fest, dass diese sehr selten und keineswegs in alarmierender Häufigkeit ohne Kampf vorkommen.

Was aber will ich damit sagen? Will ich, dass es mehr schnelle Remisen gibt? Mag ich lieber Spieler, die schnell remisieren? Nein. Ich habe einfach nur Verständnis und Respekt für diese Vorfälle und möchte die Spieler nicht tadeln, da sie sich messen und in Turnieren gut abschneiden wollen. Sie verbringen viel Zeit, um hart zu trainieren. Sie reisen Tausende von Kilometern und müssen sich schnell an die Zeitverschiebung und das fremde Essen gewöhnen. Sie sind oft weit wenig von ihrer Familie. Und sie erfreuen uns mit interessanten und schönen Partien.

Ich hoffe, Ihr habt diesen Artikel gern gelesen, und freue mich, wenn Ihr über dieses spannende und hochkomplizierte Thema weiter diskutieren wollt!


Carlos Martínez

Carlos ist Psychologe und Experte für Gestalttherapie. Aktuell arbeitet er mit dem Valencianischen und Spanischen Schachverband an Programmen zur technologischen Förderung, Unterstützung und Hilfe für Spieler bei Meisterschaften in Spanien, Europa und der Welt. Wenn ihr ihn kontaktieren wollt, schreibt eine Email an: carlosmartinezpsi@gmail.com



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