Berichte 31.01.2018 | 15:19von Colin McGourty

Gibraltar, R4-8: Verfolger schließen zu Nakamura auf

Der viermalige Sieger und Titelverteidiger Hikaru Nakamura gewann seine ersten fünf Partien beim Tradewise Gibraltar Masters und lag lange allein in Führung, doch nach acht Runden haben ihn Maxime Vachier-Lagrave, Richard Rapport und Daniil Dubov mit ebenfalls 6,5 aus 8 eingeholt. Der Russe hat dabei mit seiner Auftaktniederlage gegen einen Spieler mit 2340 Elo ein echtes Schweizer Gambit hingelegt. Bei den Damen führt derzeit Nino Batsiashvili mit 5,5 aus 8, neun Konkurrentinnen jagen sie aber mir nur einem halben Punkt Rückstand.

Howell war der erste Spieler, der Nakamura einholte | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Alle Partien des Tradewise Gibraltar Masters könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde nachspielen:

Perfekter Start für Nakamura

Bei unserem letzten Bericht über die ersten drei Runden des Gibraltar Masters lag Hikaru Nakamura mit sechs anderen Spielern mit 3 aus 3 in Führung, doch schon eine Runde überraschte er Nils Grandelius mit 14.Lf2 im Najdorf und setzte sich allein an die Spitze, als der Schwede direkt fehlgriff und auch in der Folge nur wenig Widerstand entgegensetzen konnte. Die Schlussstellung ist recht malerisch, da der „Gegenangriff“ der schwarzen Türme nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat!


Hikaru ließ auch in der nächsten Runde nicht locker und servierte Jan-Krzysztof Duda dasselbe Abspiel der Drachenvariante, das auch Gawain Jones gegen Magnus Carlsen beim Tata Steel Masters aufs Brett gebracht hatte. 

Duda stellte weder ein Figur ein noch gewann er wie der Weltmeister die Partie... | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Nakamura spielte 14…Tb8 statt 14…Te8 und meinte, er hätte “sich besser vorbereitet als Gawain” und fügte hinzu, „Für die Theorie war das vermutlich eine sehr wichtige Partie“. Duda stellte im Gegensatz zum Weltmeister keine Figur ein, und obwohl Nakamura bis zum 22.Zug seiner Vorbereitung folgen konnte, ging er lange von einem Remis aus. Dann aber übersah Duda 28…c5! und reagierte nicht gut auf diesen überraschenden Zug. Das Finale war hübsch:


36…f2! Ablenkung Nr. 1. 37.Lxf2 Te7! Ablenkung Nr. 2, und gut genug für ein baldiges Matt: 38.Dxe7 Dxc3+ 39.Ka3 Da5#

Hier das Interview nach der Partie!

In der Folge wurde der scheinbar unaufhaltsame Nakamura-Express aber von David Howell, Mikhail Antipov und Wang Hao gestoppt, die allesamt remis gegen ihn spielten.

Rapport beendet Howells Lauf

David Howell wurde 2015 beim Gibraltar Masters Zweiter hinter Nakamura, und auch in diesem präsentiert er sich in guter Form, obwohl er laut einigen Angaben müde und ohne Erwartungen zum Turnier antrat. In der 5.Runde spielte er gegen GM Rasmus Svane zum ersten Mal in seinem Leben die französische Abtauschvariante und erklärte seine Wahl so: 

Er ist extrem gut vorbereitet und mag unausgewogene Stellungen, daher wollte ich etwas möglichst Langweiliges spielen, um ihn hoffentlich später zu überspielen!

Das funktionierte prächtig, sodass es in Runde 6 zum Showdown gegen Nakamura kam. Howell ärgerte sich, dass er sich nicht auf Schottisch vorbereitet hatte, und spielte dann das überraschende 4…Df6, auf das auch sein Gegner nicht vorbereitet war. In der Folge wurde es chaotisch, und mit mehr Zeit hätte Howell vielleicht sogar gewonnen:


15…Sxc2! ist die Wahl des Computers, und aus einer scheinbar zufälligen Zugfolge geht Schwarz mit einem Mehrbauern hervor. In der Partie folgte 15…Lxc5, und wenig später war das Remis unterschriftsreif. 

Howell wurde hinterher zu seiner hitzigen Unterhaltung mit Nakamura nach einer früheren Partie der beiden in Gibraltar gefragt. Dazu meinte er:

Das war keine Unterhaltung, sondern er sagte, mein Schachverständnis sei miserabel! 

Howell schloss durch einen etwas glücklichen Sieg gegen Ivan Saric in der nächsten Runde zu Nakamura auf, nachdem er wegen seiner schlechten Zeiteinteilung er bei der ersten Zeitkontrolle fast auf Verlust gestanden hatte. Sein Kommentar:

Fürs neue Jahr hatte ich mir vorgenommen, mir meine Bedenkzeit besser einzuteilen und auch im normalen Leben nicht mehr zu spät zu kommen. Ich komme aber immer noch zu jeder Partie zu spät und meine Zeiteinteilung ist schlechter denn je, daher muss ich damit klar kommen. Hoffentlich erleiden meine Fans keinen Herzinfarkt, wenn sie mir zuschauen!

Publikumsliebling Rapport liegt nun an der Spitze | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

In Runde 8 ging es aber schief, denn Richard Rapport entwickelte einen tollen Plan, als Howell mal wieder in schwerer Zeitnot verkehrte:

"Rapports 36.b4! mit der Idee Ld1-h5 gefällt mir sehr gut!"

Damit schloss Rapport zur Spitze des Feldes mit Schwergewichten wie Nakamura und Maxime Vachier-Lagrave auf. Der Franzose hat alle fünf Weißpartien gewonnen und mit Schwarz dreimal remis gespielt, daher kam sein Kommentar wenig überraschend: „Mit Schwarz wäre ich gern ein wenig gefährlicher, aber mit Weiß kann ich mich nicht beklagen.“

Ebenfalls geteilter Erster und MVLs nächster Gegner ist Daniil Dubov.

Dubovs Schweizer Gambit

Der 21-jährige Russe GM Daniil Dubov verlor in der 1.Runde sensationell gegen IM Gary Quillan (Elo 2340), doch seitdem läuft es:


Nachdem er die nächsten drei Partien gewonnen hatte, meinte er:

Ich hatte gar nicht das Gefühl, dass ich in der ersten Runde so schlecht gespielt habe, Das passiert. Normal passiert es nicht gegen einen Spieler um die 2300, aber auch das kommt vor. Er spielte eine Glanzpartie, also was sollte ich tun?... Ich glaube, er war sehr zufrieden. Ich habe gesehen, wie glücklich er in der Pressekonferenz war, und es ist immer schön, andere glücklich zu machen. Mein einziges Problem war der Verlust von neun Elo-Punkten. Alles andere war okay. Würde ich gegen Topalov oder jemand anders so verlieren, könnte man nichts sagen. In diesem Fall kam die Niederlage etwas unerwartet, aber es war dennoch eine schöne Partie. 

Dubov opferte in Runde 4 die Dame, seinen vermutlich schönsten Zug führte er aber in Runde 7 gegen Lance Henderson de la Fuente aus:


29…Txf2!! “Zu schön, um korrekt zu sein!” war Dubovs erster Gedanke, als er den Zug sah, doch er funktionierte tatsächlich. 30.Txf2 Te1+ 31.Tf1 Dxa4!! und falls Weiß die Dame nimmt, führt 32…Le3+ zu zweizügigem Matt. In der Partie hatte Schwarz nach 32.Dd3 Txf1+ “nur” einen Bauern mehr, aber der reichte im Endspiel zum Sieg!

Ivanchuk und die Glanzpartien der Inder

In Gibraltar wurden bisher mehrere Glanzpartien gespielt, doch die zwei, die herausragten, hatten einiges gemeinsam – bei beiden führte ein indischer GM die weißen Steine und bei beiden saß auf der anderen Seite Vassily Ivanchuk.

Chanda Sandipan gelang eine grandiose Partie | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Partie 1: In der 6.Runde entkorkte Chanda Sandipan nach 35-minütigem Nachdenken eine riskante Neuerung, die er am Brett entdeckt hatte. Als Ausgleich für Materialnachteil erhielt er Initiative am Damenflügel, und recht bald wurde die schwarze Stellung kritisch. Im 21.Zug war 21…Rf8! die einzige Chance des Schwarzen, die Stellung zusammenzuhalten und mit dem König im Zentrum weiterzukämpfen. 


Nach 21…0-0 22.b5 Sa5 23.Tc7 gab Ivanchuk auf, da er zu viel Material verliert. Das Verrückte an der Partie war aber, dass Ivanchuk in der kritischen Stellung die Züge trotz mehr als einer Stunde auf der Uhr herunterblitzte.

Einmal kann so etwas passieren, weil man weit gerechnet hat, keine Hoffnung mehr sieht und es einfach nur schnell hinter sich haben will, doch zwei Runden später geschah dies:

Gupta hatte das Glück, gegen Ivanchuk einen absoluten Traumzug auszuführen | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Partie 2: In der 8.Runde hatte Ivanchuk Schwarz gegen Abhijeet Gupta und blitzte schon die ersten Züge herunter, ehe er im 15.Zug zehn Minuten nachdachte, sonst aber nur Zeit mit dem Herumschlendern im Turniersaal verbrauchte. Den Verlustzug (22…Df7? statt 22…De7) führte er nach 2 Sekunden aus, und 30…Txe6? (30…Dc6! und die Partie geht weiter) war die Frucht von 18 Sekunden Reflexion:


31.Tg8+! ist ein wunderschöner Schlusszug, der Lob von diversen Stellen erhielt…

…aber 31…Kxg8 32.Dxd5 ist ein Zweizüger, den ein Ivanchuk durchaus finden kann. Irgendwas läuft beim Ukrainer schief.

Aronian müht sich ab

Die Nummer 1 des Turniers, Levon Aronian liegt nach einem hübschen Sieg gegen Nigel Short in Runde 7 nur einen halben Punkt hinter der Spitze, doch richtig rund läuft es bisher nicht. Nachdem er in Runde 1 fast gegen Anita Gara verloren hätte, konnte er in Runde 5 froh sein konnte, dass Alexander Huzman sich in deutlich besserer Stellung auf eine Zugwiederholung einließ. Die nächste Partie gewann Aronian und sprach danach darüber, wie stark Spieler unter 2600 heutzutage sind:

Ich verliere eine Menge Elo und kenne den Grund. Der Grund, warum ich so wenig Elo verliere, ist Glück – das Glück, noch immer respektiert zu werden!

Trotz seines bislang dürftigen Abschneidens hat der Armenier aber noch alle Chancen auf den Turniersieg. 

Batsiashvili profitiert von Gelfands Glanzpartie

Nino Batsiashvili ist bisher die beste Dame | Foto: Sophie Triay, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Im Rennen um den Damenpreis von £15.000 liegt derzeit Nino Batsiashvili mit 5,5 aus 8 vorn, und so wie es aussieht, wird sie nun endlich ihre letzte GM-Norm holen (die Verkündung auf der Isle of Man erwies sich als voreilig, da es ein Problem mit einer früheren Norm gab). 

Boris Gelfand richtet sich immer nach den Erfordernissen der Stellung - und die hießen dieses Mal Angriff total! | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Zunächst lag die Georgierin hinter Ju Wenjun, doch in Runde 8 wurde die Chinesin von Boris Gelfand in einer spektakulären Partie besiegt:


Wenjun dachte 46 Minuten über ihren letzten Zug nach, worauf Gelfand mit 15…Txf3!! das Brett in Flammen setzte. Sein Kommentar danach:

An einer Stelle kam ich in Versuchung, alles zu opfern und wie Tal oder Ding Liren im Vorjahr zu spielen, oder wie Morphy und Anderssen, doch dann sah ich, dass alles nicht so klar ist, und gewann einfach die Partie, was auch eine gute Leistung ist.

Hier das gesamte Interview mit Boris Gelfand!

Ju Wenjun steht mit einigen weiteren Damen bei 5/8, darunter Anna Muzychuk, die sogar besser dastehen könnte!

Anna spielte das natürliche 25.Df6, doch es gab einen deutlich besseren Zug: 25.Dxe6!!, wonach Weiß nach 25…fxe6 26.Lb3! einfach gewinnt.

Der Inder Sethuraman versetzte den Hoffnungen seines Landsmanns Praggnanandhaa auf eine GM-Norm einen Dämpfer| Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Zwei Runden vor Schluss sieht es an der Spitze so aus:

Rk.SNoNameFEDRtgPts. TB1 
13GMNakamura Hikaru27816,52850
22GMVachier-Lagrave Maxime27936,52784
312GMRapport Richard27006,52767
415GMDubov Daniil26946,52696
516GMHowell David W L26826,02776
631GMGupta Abhijeet26106,02744
710GMWang Hao27116,02739
824GMGrandelius Nils26476,02736
933GMOparin Grigoriy26076,02717
107GMVitiugov Nikita27326,02707
111GMAronian Levon27976,02706
1214GMGelfand Boris26976,02696
1325GMSethuraman S.P.26466,02678

Kann Nakamura das Tradewise Gibraltar Masters zum vierten Mal in Folge und zum fünften Mal insgesamt gewinnen? Die Entscheidung könnt ihr live um 15 Uhr am Mittwoch und um 11 Uhr am Donnerstag  bei uns verfolgen. Wednesday and 11:00 on Thursday. Das ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

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