Berichte 07.02.2015 | 14:13von chess24 staff

Gibraltar Masters: Nakamura und Hou Yifan triumphieren

Hikaru Nakamura hat zum zweiten Mal das Gibraltar Masters und den ersten Preis von 20,000£ gewonnen, nachdem er mit Remis in den letzten beiden Runden ein Ergebnis von 8,5/10 verbuchte. David Howell wurde mit einem halben Punkt Abstand alleiniger Zweiter und nimmt 16.000£ mit, nachdem er in einer hochspannenden Partie gegen Hou Yifan Remis spielte. Die Weltmeisterin kann sich jedoch nicht beschweren, da ein geteilter dritter Platz und der Toppreis der Damen ihr insgesamt mehr einbrachten als Nakamura. Wir schauen uns einige andere Gewinner und Verlierer an sowie die wachsende Rivalität zwischen China und Indien.

Hou Yifan verdiente etwas mehr als der deutliche Sieger des 2015 Tradewise Gibraltar Schachfestivals, Hikaru Nakamura | Fotos: Sophie Triay, Offizielle Webseite

Nakamura schafft es wieder einmal

Hikaru Nakamura kann mit seiner Arbeit während der zwei Wochen in Gibraltar sehr zufrieden sein. Ungeschlagen? Check! Klarer Sieger? Check! Wieder Nummer Eins der USA in der Live-Ratingliste vor Wesley So? Check! Nur auf Grundlage der Ergebnisse könnte man annehmen, er hätte sich mit zwei Remis nicht überarbeitet, nachdem er auf 7,5/8 gelangt war. Tatsächlich stand er in Runde 9 mit Schwarz gegen Axel Bachmann aus Paraguay sehr unter Druck und spielte dann in der letzten Runde gegen den Inder Pentala Harikrishna 68 Züge lang weiter, in dem Versuch, einen Mehrbauern auszunutzen

Es hätte eine Zitterpartie werden können, aber Nakamura erreichte schnell eine Stellung, in der nur er gegen Harikrishna gewinnen konnte | Foto: Sophie Triay, Offizielle Webseite

Ein Sieg wäre eventuell nötig gewesen, um eine Entscheidungspartie zu vermeiden - je nachdem, was an Brett Zwei geschah…

Hou Yifan-Howell: Schach mit hohen Einsätzen

Hou Yifan nutzte ihre Glückssträhne in Gibraltar aus: sie überlebte gerade mal so gegen Peter Svidler, und nahm dann das Geschenk einer ganzen Figur von Richard Rapport an. In die letzte Runde ging sie mit 7/9 und wusste, dass sie den ersten Preis der Damen (15.000S£) nur verlieren würde, wenn sie eine Niederlage erlitt und Padmini Rout gewann. David Howell war derweil für sein mutiges Spiel im Turnier belohnt worden und mit 7,5/9 alleiniger Zweiter – der einzige Spieler, der Nakamura hätte einholen können, sollte dieser Remis spielen.

Das war die Partie nach 36...Kg6, als Hou Yifan bereits an der Spitze war - sie spielte 37.Lb1, obwohl 37.Ld5! vielleicht auch ein guter Gewinnversuch gewesen wäre | Foto: Sophie Triay, Offizielle Webseite

Große Preise sind einer der Hauptanreize des Gibraltar Schachfestivals, und in Retrospektive sehen wir genau, was in dieser Partie auf dem Spiel stand:

Für Howell: Sieg - 16.000£ (Zweiter) oder 20.000£ (Erster) nach einer Entscheidungspartie gegen Nakamura, Remis - 16.000£, Niederlage - 5222,22£ für den geteilten dritten Platz (9 Spieler)

Für Hou Yifan: Sieg - 16.000£ (Zweite) + 15.000 Preis der Damen = 31.000£ (!!!), Remis - 5222,22£ + 15.000£ = 20,222,22£, Niederlage - 15.000£ + 100£ = 15.100£

Wie ihr sehen könnt, konnte das Ergebnis der Partie einen Unterschied von um die 15.000£ für beide Spieler ausmachen! Unter diesen Umständen hätte man sich vorstellen können, dass beide Spieler mit einem sicheren Remis zufrieden gewesen wären, aber so war es überhaupt nicht.

Howell spielte mit Schwarz, gewann aber den Eröffnungskampf in der Spanischen Partie und es war klar, dass er dank seiner strahlenden Läufer und der Fesselung auf der d-Linie die besseren Aussichten hatte:


Hou Yifan hielt ihre Stellung aber zusammen und nachdem die Damen getauscht wurden, gelang es ihr plötzlich, mit 33.d6+! die Initiative zu ergreifen (das Problem war der schwache f7-Bauer).


Das Endspiel war jedoch so hart wie das, das die Weltmeisterin gegen Svidler bestehen musste, und sie machte mit 45.g5? einen Fehlgriff.


Nun gab es nach 45…Lc6 46.Te7 den rettenden Zug 46…Tg8!, der nur funktioniert, weil der Bauer auf g5 nicht mehr gedeckt ist. Andere Möglichkeiten für den 45. Zug hätten Hou Yifan gute Chancen darauf gegeben, den Mehrbauern zu konvertieren; so wurde jedoch sofort ein Remis vereinbart, sodass Howell um 10.000£ besser dastand als nach einer Niederlage.  

David hatte sich definitiv einen Drink verdient! | Foto: Sophie Triay, Offizielle Webseite

Hou Yifan sah direkt nach der Partie jedoch auch nicht gerade enttäuscht aus. Das ist angesichts der Tatsache, dass sie mehr Preisgeld als der Sieger des Turniers einheimst, ungeschlagen bleibt und in der Live-Ratingliste auf 2685.7 klettert und damit mehr als 10 Punkte vor Judit Polgar liegt, aber auch mehr als verständlich.

An anderen Brettern waren dieselben wirtschaftlichen Gegebenheiten am Werk. Da so viele Spieler ein Endergebnis von 7,5/10 hatten, betrug der Unterschied im Preisgeld zwischen diesem Score und einem Ergebnis von 7/10 über 5,000£. Das bedeutete, dass es einen starken Anreiz für Spieler mit 6,5/9 gab, am letzten Tag unbedingt auf Gewinn zu spielen und ein Remis um jeden Preis zu verhindern; das funktionierte aber nicht immer so gut.

Der Bulgare Ivan Cheparinov hatte bereits Schwierigkeiten gegen den Inder Adhiban, es wäre aber nicht nötig gewesen, sofort mit 34.Lc3?? zu verlieren:


34…Ld1! gewann eine Figur, oder hätte es getan, wenn nicht sofort die Resignation gefolgt wäre (ihr könnt die Partie hier nachspielen).

Vier Spieler waren auf 6,5/9 und brauchten einen Sieg - nur Veselin Topalov gelang er! | Foto: Sophie Triay, Offizielle Webseite

In der einzigen entschiedenen Partie an den Top 7 Brettern gab es auffällige Parallelen zur zweiten Partie des Weltmeisterschaftsmatches in Sotschi. Der polnische Spieler Mateusz Bartel führte einen ähnlichen Plan gegen Veselin Topalovs Berliner Verteidigung aus wie Carlsen gegen Anand. Hier ist die Stellung nach 18.g4!?, in der der weiße Turm bereit ist, den Schwenk zum Königsflügel zu vollziehen:


Angesichts der Situation im Turnier war es vermutlich genau das, was Bartel wollte, aber es war ein Spiel mit dem FEuer. Eine klare Verteidigung von Topalov und dann eine einzige Ungenauigkeit des Polens reichten aus, um die weiße Stellung zum Einsturz zu bringen und den Setzplatzlistenersten auf den geteilten dritten Platz zu bringen.

Peter Svidler (der sich später beklagte, das Fräulein Hou Yifan sein Turnier ruiniert hätte), Dmitry Jakovenko, Richard Rapport und Yu Yangyi gehörten zu den Starspielern, die letztlich "nichts vom Geld sahen", aber ein aufsteigender Star ließ sich nicht abschütteln! 

Wei Yi sah nicht so aus, als würde er ins Schwitzen kommen | Foto: Sophie Triay, Offizielle Webseite

Wei Yi war vielleicht Anfang 2015 die Story, nachdem er im B-Event des Tata Steel brillierte und dann die Grenze von 2700 durchbrach, ein Jahr, bevor Magnus Carlsen das geschafft hatte. Es ist noch nicht ganz offiziell - die nächste FIDE-Ratingliste gibt es am 1. März - aber Wei Yi liegt nun, nachdem er seine letzte Partie in Gibraltar gewann, bei einer Live-Elo von 2706 und ist Weltranglistenvierzigster. Und das im Alter von nur 15 Jahren!

Wei Yi fasste nach dem Zug 28…Tc2 des Argentiniers Ruben Felgaer einen mutigen Entschluss:


29.Dxc2!? Er bewies daraufhin, dass die alte Weisheit wahr ist: zwei Türme sind besser als eine Dame. Er gewann nämlich letztlich im 86. Zug.

Der 17-jährige designierte deutsche GM Dennis Wagner schaffte ebenfalls den Sprung auf den geteilten dritten Platz, indem er Iturrizaga in der letzten Runde schlug und eine brillante 2757-Performance krönte | Foto: John Saunders, Offizielle Webseite

Ein angesagtes Thema der Schachwelt ist ja, wem die Zukunft des Schachspiels gehört - den Indern oder den Chinesen? Magnus Carlsen sah Wei Yi an der obersten Spitze, sagte aber bei Tata Steel Folgendes über die chinesischen Spieler:

Ich denke, sie sind jetzt schon sehr gut, das sind sie seit Jahren, aber sie tun sich noch schwer, einen Spieler zu finden, der einer der Allerbesten sein wird. Aber ich denke auch, dass Indien mehr Spieler hat als China, besonders auf der Juniorenebene, daher glaube ich, dass es im Moment vermutlich wahrscheinlicher ist, dass Indien dominieren wird anstelle von China. Die Chinesen werden viele Jahre lang da sein und es ist eine nette Ergänzung.

In Gibraltar profilierten sich beide größten Länder der Welt:

Indien

Spieler: 17, 13 GMs, 2 IMs, 2 WGMs, höchste Elo 2723, niedrigste Elo 2346

Highlights

  • Die indische Nummer Zwei, Harikrishna, blieb ungeschlagen, landete auf dem geteilten dritten Platz und hatte die Chance, Nakamura einzuholen - hätte er ihn in der letzten Partie geschlagen.
  • Adhiban befand sich nach sieben Siegen auch auf dem geteilten dritten Platz wieder.
  • Sandipan Chanda und Sengupta Deep verbuchten einen halben Punkt weniger, ihr Ergebnis war 7/10.
  • Trotz einer Niederlage und eines Remis in den letzten beiden Runden landete WGM Padmini Rout auf dem geteilten zweiten Platz für Damenpreis (sodass sie 5250£ bekommt) und erzielte eine GM-Norm.

Das einzige Problem an so vielen Spielern ist, dass man letztlich gegeneinander spielt! Harikrishna schlug Padmini Rout, sie erzielte aber dennoch eine Großmeister-Norm | Foto: Sophie Triay, Offizielle Webseite

China

Spieler: 6, 5 GMs und 1 IM, höchste Elo 2724, niedrigste Elo 2439

Highlights

  • Hou Yifan wurde die Spielerin mit der höchsten Elo, gewann den lukrativen ersten Preis der Damen und teilte sich den dritten Platz (mit einem Score von 7,5/10).
  • Wei Yi überschritt die 2700 und landete ebenfalls auf dem geteilten dritten Platz.
  • Ju Wenjun teilte sich den zweiten Platz der Damen mit einem Ergebnis von 6,5/10.

Wie ihr seht, könnte Carlsen Recht haben. Obwohl die chinesischen Spieler zwei der absoluten Stars des Turniers vorweisen können, war das zahlenmäßige Gewicht (und das Talent), das Indien an die Spitze Südeuropas schickte, sehr beeindruckend. Und wie um das zu unterstreichen, wurde beim Schlussdinner mit Glanz und Gloria verkündet, dass der ehemalige Weltmeister Viswanathan Anand bereits angekündigt hat, dass er das indische Kontingent beim Gibraltar Masters 2016 unterstützen wird! Das Turnier scheint sich immer stärker und besser zu entwickeln.

Hier sind die finalen Topplatzierungen:

Rk.SNoNameFEDRtgPts. TB1 
12GMNakamura HikaruUSA27768.52919
215GMHowell David W LENG26708.02818
313GMHou YifanCHN26737.52772
44GMVitiugov NikitaRUS27357.52770
51GMTopalov VeselinBUL28007.52767
665IMWagner DennisGER25017.52759
712GMWei YiCHN26757.52754
821GMAdhiban B.IND26307.52750
97GMHarikrishna P.IND27237.52748
1022GMBachmann AxelPAR26297.52722
119GMMatlakov MaximRUS26957.52667
123GMSvidler PeterRUS27397.02719
136GMYu YangyiCHN27247.02707
145GMJakovenko DmitryRUS27337.02700
1526GMNaroditsky DanielUSA26227.02698
168GMRapport RichardHUN27167.02677
1736GMNabaty TamirISR25797.02615
1819GMSutovsky EmilISR26377.02605
1941GMBok BenjaminNED25727.02582
2043GMSengupta DeepIND25697.02574
2139GMSandipan ChandaIND25747.02526

Die vorletzte Episode von "The Day's Play" präsentierte eine nette Zusammenfassung des Turniers, mit Interviews von dem Turnierorganisator, Brian Callaghan, und dem Turnierdirektor, Stuart Conquest:

Siehe auch:


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