Berichte 05.07.2019 | 14:14von Colin McGourty

GCT Zagreb, R8: Carlsens “spezieller” Sieg gegen Ding

Magnus Carlsen nutzte in der Runde 8 der Grand Chess Tour Zagreb eine bisher unter Verschluss gebliebene Variante seiner WM-Vorbereitung, um Ding Liren zu besiegen. Der Chinese überstand zwar das Mittelspiel, konnte die Partie im Endspiel aber nicht mehr retten. “Ein Sieg ist ein Sieg, aber dieser ist sicher speziell”, meinte Magnus, der gegen Ding noch nie eine Turnierpartie gewonnen hatte und nun sogar die Live-Elo-Marke von 2880 geknackt hat. Ebenfalls Siege feierten Anish Giri (gegen Mamedyarov) und Wesley So (gegen Hikaru Nakamura), womit So drei Runden vor Schluss nur einen halben Punkt hinter Magnus liegt.

Ding Liren ist das nächste Opfer, das auf der Liste von Magnus Carlsen steht| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien der Grand Chess Tour Zagreb könnt ihr hier nachspielen:

Natürlich beginnen wir unseren Rückblick mit dem nächsten Glanzlicht des Weltmeisters:

Ding Liren 0-1 Carlsen

Alle sieben bisherigen Turnierpartien dieser beiden Kontrahenten endeten remis, wobei der Chinese zumindest in den beiden letzten Duellen reelle Gewinnchancen hatte. In Zagreb befanden sich beide Spieler zuletzt in Topform und da Ding Weiß hatte, schien die Ausgangslage ausgeglichen, doch dann schlug das Pendel in der Eröffnung zugunsten von Carlsen aus. 

Wie alles begann... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

9…Sd5 war bereits das erste Anzeichen, das etwas im Busch war, denn Carlsen wich damit vom Hauptzug 9…c6 ab, wie er etwa bei Ding-Nakamura in Abidjan oder Gelfand-Dubov vergangene Woche in Netanya aufs Brett kam. Daniil Dubov zählte wie Jan Gustafsson immerhin zu Carlsens Sekundanten, und Letzterer zeichnete während der Live-Übertragung nach Dings 10.Sxc4 schon ein paar Pfeile ein:

Diese Pfeile erwiesen sich als Prophetie, denn wenig später kam 10…c5 11.dxc5 La6!? aufs Brett. In Kombination waren diese beiden Züge noch nie auf dem Brett gewesen, und obwohl der Computer die weiße Stellung mag, war Ding in eine Eröffnungsfalle getappt. Carlsen bestätigte dies nach der Partie:

Ja, das war eine der vorbereiteten Ideen, die im WM-Kampf nicht aufs Brett kamen. Die Lage wird schon sehr, sehr kritisch für Weiß.

Ding verbrauchte 20 Minuten für 11.dxc5 und investierte weitere 18 Minuten für 12.Se3, was offenbar der beste Zug ist. Magnus bezeichnete Dings Spielweise als “eine sehr solide Variante”, doch selbst als dessen Bauer auf c7 auftauchte, war klar, dass Weiß ohne Vorbereitung aufgeschmissen war. Das zeigt sich insbesondere in der Stellung nach 17…g5:

"Ding Liren hat in einer angsterregenden Stellung eine Stunde weniger auf der Uhr, nachdem er in eine Neuerung des Weltmeisters gerannt ist, hat es bisher aber geschafft, auf keine Mine zu treten."

Hier verbrauchte Ding weitere 6 Minuten, obwohl die Computer 18.Le5! als einzigen Zug ansehen. Eine Pointe besteht darin, dass 18.Lxg5?, was nach 18…Lxg5 19.Dxc5 Lxd2 20.Tfd1! spielbar wäre, da Weiß die Mehrfigur nicht behalten kann, an …b3! scheitert. Der Unterschied ist, dass Schwarz nach 19.Dc1 wieder 19…Lxg5 20.Dxc5 Lxd2 21.Tfd1 spielt, die weiße Dame nach 21…Txc7 aber nicht mehr das Feld a5 hat.


Ding Liren operierte am Abgrund, schaffte es aber um ein Haar, diese Stellung zu überleben. Magnus bezeichnete 27…Te8! als “wichtig”, aber hier und einige Züge später hätte sich Ding das Leben leichter machen können:


Hier konnte er mit 28.Dc6! Dxc6 29.Sxc6 den Damentausch auf c6 erzwingen und mit dem Springer zwei Bauern angreifen, wonach es nach Tc1 so aussieht, als sollte Weiß einen davon gewinnen. Stattdessen spielte Ding in der Partie 28.Db7!?, und nach 28…Dxb7 29.Sxb7 Lf8 bestand die beste Chance, die Partie zu retten, in dem trickreichen 30.Sd8!, was laut Magnus die Tatsache ausnutzt, dass der schwarze Turm an die Verteidigung des Läufers auf e2 gebunden ist. Nach 30.Lc6!? Te7 jedoch gab es keinen klaren Weg für Ding, und seine Leichtfiguren waren gegen das schwarze Läuferpaar klar im Nachteil.

Natürlich ist Magnus nach drei Siegen in Folge zufrieden | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Der Rest der Partie zeigte wieder einmal, dass Magnus zwar mittlerweile auch ein gefürchteter Angriffsspieler geworden ist, aber immer noch zu den besten Endspielexperten aller Zeiten zählt. In einer annähernd perfekten Partie des Weltmeisters wurde der Chinese letztlich niedergerungen.


GM Pepe Cuenca hat sich die Partie für euch angesehen:

Und Tarjej Svensen hat sich mal wider die Statistik angeschaut!

Selbst der Weltmeister ist überrascht, wie gut es läuft:

Angesichts von zwei Schwarzpartien gegen zwei Spieler der Tabellenspitze dachte ich, dass es hart werden würde, daher ist es ein absoluter Traum, zwei Punkte aus diesen beiden Partien zu holen… Heute hatte ich das Glück, eine interessante Eröffnungsidee anwenden zu können, die ihn viel Zeit gekostet hat. Er bekam zwar keine schlechte Stellung, aber er hatte immer weniger Zeit und verbrauchte mehr Energie als ich.

Wie ordnet er diese Partie innerhalb seiner Gewinnpartien in Zagreb ein?

Ein Sieg ist ein Sieg, aber dieser ist natürlich speziell, da ich Ding bisher im Turnierschach noch nicht besiegen konnte. Ich werde mich zwar mit Urteilen zurückhalten, wie gut diese Partie war, aber ich denke, es war ein großartiger Sieg!

Hier der Weltmeister im Interview:

So 1-0 Nakamura

Noch ist aber nichts entschieden, denn Wesley So hat nur einen halben Punkt Rückstand und spielt selbst ein grandioses Turnier. Der Weltmeister meint dazu:

Wegen Wesley ist es immer noch eine richtig knappe Sache…. Normal sollte man mit +4 nach acht Runden klar vorn liegen, aber er hat noch alle Chancen. In ein paar Tagen habe ich gegen ein Schwarz, womit noch alles offen ist, aber mehr konnte ich bis hierhin nicht erwarten!

Plötzlich läuft es wieder bei Wesley So, der zuletzt ein wenig den Anschluss an die absolute Weltspitze verloren zu haben schien | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

So hat nach drei Siegen und fünf Remis 17,6 Elo-Punkte gewonnen und sich wieder unter die Top 5 der Welt vorgeschoben, nachdem er seinem Landsmann Hikaru Nakamura gestern den Unabhängigkeitstag verdarb. Zumindest teilweise wurde auch diese Partie in der Eröffnung entschieden:


Nakamura kannte diese Stellung aus der Berliner Verteidigung mit 5.Te1 aus Schnellschach- und Blitz-Partien gegen Anand, Giri und Caruana, den Zug 12.Lb5 hatte aber keiner seiner Kontrahenten gespielt. Diese Neuerung war sicher nicht bahnbrechend, aber Nakamura spielte danach langsam, während So seine Züge aufs Brett schleuderte. Recht schnell kam So in Vorteil und gewann nach einem Zentrumsdurchbruch einen Bauern. Nakamura wickelte in ein Bauernendspiel ab, um den Bauern zurückzugewinnen, doch das war eine riskante Entscheidung. War die Stellung überhaupt remis, dann nur bis zum 47. Zug:


Wie es aussieht, wandelt Weiß nach 47…a6! 48.Ke3 a5 49.Kf3 Kd4 50.Kf4 seinen h-Bauern einen Zug früher um als Schwarz seinen c-Bauern, wonach Letzterer gute Remischancen behält. In der Partie jedoch stand Weiß nach 47…Ke6? 48.Kf4! Kf6 49.a3! a6 50.b4! c4 (andere Züge helfen auch nicht) 51.a4! auf Gewinn, obwohl Nakamura das offenbar erst realisierte, als auf 51…Ke6 52.Ke3! folgte:

Bittere Endspielniederlage für Hikaru Nakamura | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Wesley So machte fast alle einzigen Züge a tempo und demonstrierte ausgezeichnete Form.

Anand ½-½ Caruana

Magnus verfolgte, wie Fabiano Caruana seinen Eröffnungsansatz vom Vortag kopierte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Fabiano Caruana brauchte einen Sieg, um mit seinen Rivalen in Zagreb mitzuhalten, aber sein Versuch, wie Carlsen gegen Nepomniachtchi eine wacklige Stellung anzustreben und damit auf Gewinn zu spielen, endete fast mit einer Katastrophe:

"Die Struktur ähnelt sehr stark der gestrigen Partie Nepo gegen Carlsen." 

Fabiano bezeichnete die Entscheidung, auf 8.h4 mit 8…Nf6?! 9.Nd5 Nxd5 zu reagieren als “einfach grausam”, und wünschte, er hätte h6 gespielt, um auf h5 mit g5 reagieren zu können. Seine Zusammenfassung lautete:

Ich war während der Partie sehr niedergeschlagen. Ich hatte diese Eröffnung gewählt, weil ich einen Kampf wollte, und dann landete ich in einer Stellung, in der ich während der gesamten Partie keine Gewinnchancen hatte. Der Schuss ging also nach hinten los!

Schon nach sechzehn Zügen waren verzweifelte Maßnahmen nötig:


16…c4!? 17.dxc4 Sc5 sorgte dafür, dass Anand einen Bauern ohne Kompensation mehr hatte, aber Fabi hielt dagegen und schaffte es schließlich, sich im Endspiel zu retten:


Das Schlimmste war hier schon überstanden, und den Rest erledigte Fabis Springer: 42…Sxb2! (überraschenderweise bringt kein weißer Abzug mit Angriff auf den Springer etwas) 43.Sxd5 Nc4+ 44.Kc3 Sxa3 45.Tb3 Tc6+ 46.Kd4 Sc2+ 47.Ke5 Sxe3! und mit dem Verschwinden des letzten weißen Bauern war sein Werk vollendet! Vishy Anand verzichtete in der Folge darauf, das Remisendspiel mit Turm und Springer gegen Turm weiterzuspielen.

Dieses Mal holte sogar Maxime Vachier-Lagrave nichts gegen die Berliner Mauer heraus | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Über die beiden anderen Remis gibt es nicht viel zu schreiben. Ian Nepomniachtchi stoppte seine Negativserie gegen Levon Aronian, während Sergey Karjakin sich mit der Berliner Mauer erfolgreich gegen Maxime Vachier-Lagrave zur Wehr setzte und mühelos remis hielt.

Damit bleibt noch eine Partie übrig:

Giri 1-0 Mamedyarov

"Ich habe das Gefühl, mein Gehirn arbeitet jetzt ein bisschen besser, und ich hoffe, ich kann daraus Kapital schlagen" meinte Anish Giri nach seinem Sieg gegen Mamedyarov | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

“Versucht das nicht daheim – wenn man als Schwarzer eine dubiose Variante spielen will, sollte man sie gut kennen!” so fasste Anish Giri die Eröffnungswahl seines Gegners Shakhriyar Mamedyarov zusammen. Erneut erlitt Mamedyarov in Zagreb ein Desaster in der Eröffnung, wobei ein Zug an allem schuld war. 12…Lxf3! war notwendig, während Schwarz nach 12…Lh5?! 13.g4 Lg6 14.Sxd5 Dxd5 15.Lg2! bereits ernste Probleme hatte:


15…Le4? war laut Giri vermutlich von Mamedyarov geplant, verliert aber auf der Stelle wegen 16.Txe4! Dxe4 17.Se5, weil die Dame gefangen ist. Fast genauso schlecht war aber Shaks Plan B mit …0-0-0? . Nach 16.Se5 Dxd4 17.Df3! war der Springer auf e5 wegen der Mattdrohung auf b7 nicht zu schlagen, und trotz 27-minütigem Nachdenken konnte Mamedyarov keine Lösung finden, weil es schlicht keine gab.

In der Folge war die Frage nur noch, wann und wie Giri gewinnen würde. Nach 24.Txc6+! Kd7 hatte er die Wahl:


25.Td1! ist gemäß Computer tödlich, aber ist es verständlich, dass man Angst hat, sich zu verrechnen. Stattdessen schlug Giri mit 25.Txa6!? (es ist nicht schwer zu sehen, dass 25…bxa6 26.Dc6+ Ke7 27.Lg5+ gewinnt) einen Bauern:

Mein Trainer hat sich sehr über Txa6 geärgert, aber ich hielt den Zug für sehr schön! Td1 war vermutlich genauer, aber ich wollte nichts opfern, sondern Material gewinnen. Selbst wenn ich in fünf Zügen mattsetzen gekonnt hätte, wollte ich einen Bauern gewinnen und meinen Mehrbauern im Endspiel verwerten.

Die Partie hätte noch länger dauern können, wenn Mamedyarov die besten Züge gefunden hätte, aber so ging er mit fliegenden Fahnen unter. Der Aseri spielt nicht sein erstes schlechtes Turnier in diesem Jahr. Am 1.Januar war er mit 2817 Elo die Nummer 3 der Welt, nun aber ist er mit 2750 auf Platz 15 zurückgefallen! Zumindest hat Mamedyarov auf dem letzten Platz Gesellschaft in Form von Nakamura, während Carlsen und So das Feld anführen:


Levon Aronian ist einer von drei Spielern mit 1,5 Punkten Rückstand, aber mit einem Sieg gegen Magnus Carlsen in Runde 9 könnte sich das dramatisch verändern. Wesley So hat als Schwarzer gegen Ian Nepomniachtchi ebenfalls eine schwere Aufgabe.

Wie immer könnt ihr ab 16:30 Uhr alle Partien live auf chess24 verfolgen!

Weitere Links:


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