Berichte 02.07.2019 | 15:51von Colin McGourty

GCT Zagreb, R6: Carlsen und So holen Nepo ein

Magnus Carlsen hat mit seinem 14. Sieg in einer Turnierpartie gegen Hikaru Nakamura den Führenden Ian Nepomniachtchi eingeholt, der gegen Ding Liren verlor. Ebenfalls zur Spitze aufschließen konnte Wesley So, der Shakhriyar Mamedyarov bezwang, während Fabiano Caruana, der einen Schwarzsieg gegen Maxime Vachier-Lagrave feierte, und Levon Aronian, der Sergey Karjakins Berliner Mauer knackte, mit einem halben Punkt Rückstand folgen. Das einzige Remis der Runde kam zwischen Anish Giri und Vishy Anand zustande.

Ian Nepomniachtchi gibt nach einer Glanzpartie von Ding Liren auf, womit die Karten in Zagreb wieder neu gemischt werden | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Fünf Sieger gab es in einer dramatischen 6. Runde!

Wollten die Spieler vor dem Ruhetag noch unbedingt einen Sieg landen, oder gab es andere Gründe? Hier drei Erklärungen, die Maurice Ashley nach der Runde zu Protokoll nahm:

Magnus schaut zu, wie Aronian die Berliner Mauer von Karjakin quält | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Aronian: Meiner Meinung ist es Zufall. Man kann es schwer sagen, da einige Spieler sichtlich nicht in guter Verfassung sind – man sieht, dass sie müde sind. Und einige Spieler sind ein wenig dumm – damit meine ich auch mich!

Caruana: Ich bin nicht überrascht. Es ist klar, dass alle ein bisschen riskant und unterhaltsames Schach spielen, und da einige Spieler nicht in Form sind, kommen die vielen Gewinnpartien nicht überraschend für mich.

Carlsen: Es ist toll, dass es an einem Tag vier Sieger gab und an einem anderen sogar fünf, während an den anderen immer nur eine Gewinnpartie zu Buche stand. Das zeigt, dass viel gekämpft wird und sich die Spieler mal besser und mal schlechter verteidigen.

Hier unser Überblick:

Carlsen 1-0 Nakamura

Eine scharfe Partie mit dem besseren Ende für den Norweger| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Obwohl sich Hikaru Nakamura in den letzten Jahren stabilisieren konnte, hatte er vor der Partie in Zagreb gegen den Weltmeister mit 13 Niederlagen und nur einem Sieg (2016 beim Bilbao Masters) eine verheerende Bilanz:

"Nakamura ist der Spieler, gegen den Carlsen die beste Bilanz hat, wenn man die Niederlagen von den Siegen abzieht."

Der Amerikaner blieb seiner Hauptwaffe treu und spielte dieselbe scharfe Variante im Abgelehnten Damengambit, mit der er bereits in Runde 1 gegen Fabiano Caruana ein Eröffnungsdesaster erlitten hatte. Auch dieses Mal erwachte die Partie zum Leben, und nach 20…Sxe4!, was Magnus überrascht hatte, folgte mit 21.Td3!? eine leichte Ungenauigkeit (21.De2!):


Dies erwies sich als der kritische Moment der Partie, auf den Magnus hinterher hinweis:

Hier war ich mir sicher, dass er 21…Lf6 spielen würde, und man muss sehen, wie es weitergeht. Als er jedoch 21…Tc8?! spielte, war ich überrascht, da ich dachte, der Zug verliert.   

Magnus entfesselte sich mit 22.Db2!, und plötzlich hat Schwarz nur noch schlechte Züge. Hikaru teilte Magnus hinterher mit, dass er 22…Lxb3 geplant hatte, dann aber 23.Sd5! sah, wonach Weiß eine Figur gewinnt. Carlsen hielt das schlechtere Endspiel nach 22…Txc3 für die beste Lösung, doch das strebt niemand gern gegen den Weltmeister an. Nach 22…Nc5 leistete Nakamura eine Zeitlang großen Widerstand, landete aber dennoch in einer technisch verlorenen Stellung.

Jan Gustafsson hat sich die Partie angesehen:

Und das sagte Magnus zu der Partie:

Ding Liren 1-0 Nepomniachtchi

In jedem Fall ein wichtiger Sieg für Magnus, aber der wurde noch dadurch versüßt, dass Ian Nepomniachtchi gegen Ding Liren verlor. Mit einem Punkt Vorsprung würden die meisten Spieler gegen die Nummer 3 der Welt solide agieren, doch das entspricht nicht der Natur des Russen, der mit dem Feuer spielte.

Nach einem wackligen Beginn ist Ding Liren nun in Zagreb wieder auf Kurs | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Ding meinte:

Ich muss besser stehen, da ich keinen Fehler begangen habe und er einige seltsame Züge gemacht hat, aber die Stellung ist sehr kompliziert.

Eine Ungenauigkeit reichte schon – Ding bezeichnete 17…Dg6?! statt des sofortigen 17…h5 als Tempoverlust – und nach 18…h5 ging Ding zur Vollstreckung über:


19.e4! h4 20.exf5! Dxf5 21.Tae1+ sorgte dafür, dass der schwarze König keinen sicheren Ort mehr fand, und nach 21…Kd8 22.Se4! Dg6 23.Sxd6 cxd6 hatte Ding die Wahl, wie er die Partie beenden wollte:


Er meinte, er habe Angst gehabt sich zu verrechnen, und entschied sich für die “strategische Idee” mit 24.d5! c5 25.a4! Lxa4 26.Da3! Te8 27.b4!, doch wie man sieht, hat Strategie bei Ding auch mit dem zu tun, was bei uns komplizierte Taktik wäre. Der Rest der Partie war eine klare Sache.

Ian Nepomniachtchi vor seiner Stellungsruine (in der 28.bxc5 folgte) | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Der zweite Sieg in Folge für Ding Liren, der meinte: “Nach der gestrigen Partie habe ich mich viel besser gefühlt und war in Kampfeslaune.” Nach seiner Auftaktniederlage steht er nun bei +1!

So 1-0 Mamedyarov

Wesley So ist der einzige Spieler, der Ding bislang in Zagreb besiegen konnte, und er liegt nun sogar mit Carlsen und Nepomniachtchi an der Spitze des Feldes. Er gewann gegen Shakhriyar Mamedyarov, der sicher zu den Spielern zählt, die Aronian und Caruana meinten, als sie von Formschwäche sprachen. Seine -2 beschönigen angesichts der Stellungen, die er gegen Carlsen und Aronian auf dem Brett hatte, sogar noch seine Leistungen.

Wesley So steht wie Carlsen bei +2 | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Gegen So spielte Shak das extrem scharfe Bauernopfer 4…e5!?, das Daniil Dubov beim Moskauer Grand Prix gegen Anish Giri gebracht hatte. So kannte die Idee, verbrauchte aber dennoch 20 Minuten für seine beiden nächsten Züge. Hinterher erklärte er den Grund:

Man hat zwei Stunden und zehn Minuten, daher habe ich ein wenig Zeit in Anspruch genommen, um in den Rhythmus zu kommen und Kampfgeist zu entwickeln.

Und dann spielte So die Neuerung 7.Ld3!?:


Im Gegensatz zu 7.d3, was Giri gegen Dubov und Aronian gegen Grischuk gespielt hatten, gab dies Mamedyarov die Möglichkeit, statt des bisher gespielten 7…d5 den neuen Zug 7…Sxe4  zu spielen. Schwarz stand danach aber immer schlechter und nach 19…g5?! ging es bereits ans Eingemachte:


20.c6! war ein hübscher Trick, und nach 20…Lxc6 21.Sd4 Lb7 22.Sb5 kann Schwarz die beiden Bauern a7 und c7 nicht gleichzeitig verteidigen. Wesley So meinte, er sei “sehr stolz” auf den Zug, den er zudem als “mutige Entscheidung” bezeichnete.

Es läuft wieder nicht gut für Shakhriyar Mamedyarov | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Auch sein Zug nach 25…d4 gefiel ihm:


Bei 26.De7! musste er sicher sein, dass er nach 26…dxc3 27.Dxd7 cxb2 nicht mit 28.Db5 das Remis anstreben musste, sondern mit 28.Dd8+! mattsetzen konnte. In der Partie spielte Mamedyarov 26…Df7, gab aber drei Züge später angesichts weiterer Materialverluste auf.

MVL 0-1 Caruana

Aronian verfolgte die aufregenden Partie MVL-Caruana | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Die vielleicht beeindruckendste Gewinnpartie gelang Fabiano Caruana, der hinterher meinte:

Nach einem Schwarzsieg hat man immer das Gefühl, dass das Turnier gut läuft, aber vor dieser Runde hatte ich gedacht, dass ich wirklich schlecht spiele. Gestern spielte ich eine grausame Partie, aber heute habe ich gut gerechnet und einen wirklich starken Gegner mit Schwarz geschlagen.

Die Spanischpartie beschrieb Fabi so:

Aus irgendeinem Grund spielte ich eine Variante, die sehr scharf und riskant ist und die ich sonst nicht spiele. Vishy hat sie kürzlich gegen Maxime gespielt. Sie gilt als riskant und dubios, aber sie ist nicht generell schlecht!

Es gab mehrere Stellen, an denen MVL vermutlich fehlgriff (Caruana etwa gefiel das Läuferopfer 19.Lxf7+ nicht, wobei der Computer es bei niedriger Rechentiefe gutheißt), aber der Zug 27.Dd3?, den Fabi  als “großen Fehler” brandmarkte, dürfte der Anfang vom weißen Ende gewesen sein:


Caruana empfahl stattdessen 27.h4, um die schwarze Stellung zu öffnen, während Schwarz in der Partie zu 27…e4! 28.Dc3 Se5! 29.f4 Sd5! kam und Weiß´plötzlich vor riesigen Problemen stand. Der Computer verweist einige Male darauf, dass MVL mit einem Figurenopfer mehr Widerstand leisten konnte, doch am Ende gewann Caruana recht sicher:

Aronian 1-0 Karjakin

Levon Aronian, der Zauberer| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Sergey Karjakin hatte am Vortag noch gesagt, dass man beim Sport bestraft werde, wenn man seine Chancen verpasse, und nach zwei Runden, in denen er gegen Nepomniachtchi und Carlsen aus besseren Stellungen nichts herausholen konnte, ging gegen Levon Aronian alles schief. Karjakin entschied sich trotz seiner Niederlage gegen Aronian beim letztjährigen Sinquefield Cup wieder für die Berliner Mauer, und nach 11 Zügen hatten die Spieler eine bekannte Stellung erreicht:


Wie man sieht, hat Laurent Fressinet seinen Teil der chess24-Videoserie über die Berliner Mauer mit “MVL gegen unser Berliner Mauer” betitelt, und man kann leicht erkennen, warum. Maxime Vachier-Lagrave hatte diese Stellung exakt sieben Mal auf dem Brett und holte damit fünf Remis und Siege gegen Mickey Adams und Levon Aronian (mit 12.Te1 in einer Schnellschachpartie beim Finale der Grand Chess Tour in London im Vorjahr). In 23 Meisterpartien hatte noch nie jemand Aronians 12.f4 gespielt. Sein Kommentar:

Eine alte Vorbereitung, die sich ausgezahlt hat! Ab und zu kann ich mein begrenztes Wissen ausnutzen, zumindest in einigen Eröffnungen weiß ich etwas.

Sergey verbrauchte für seine nächsten Züge 40 Minuten, konnte aber den typischen Vorstoß e6 nicht verhindern, ehe Aronian nach 26…Lf6 zuschlagen konnte!


Er ergriff seine Chance mit 27.Txf6!, und nach 27…gxf6 hätte die Partie früher beendet werden können, wenn der Armenier.e7! gespielt hätte. Stattdessen kam der Bauer nach 28.Sf4 erst 32 Zügen später nach e7 und die Sache wurde unklar. Klar war aber, dass Karjakin wenig Zeit hatte und sich daher nicht so präzise wie sonst verteidigen konnte. Die schwarzen Türme waren hilflos gegen den weißen e-Bauern und die weißen Figuren:

Ein frisch rasierter Levon Aronian kann in der zweiten Turnierhälfte in den Kampf um den Turniersieg eingreifen!

"Ich zahle dir 300 Pfund, wenn du dir diesen Bart abrasierst"

"Einverstanden."

Wie in Runde 5, in der Anish Giri durch eine Niederlage gegen Ding Liren verhinderte, dass alle Partien gleich endeten, verhinderte er in Runde 6 mit einem Remis gegen Vishy Anand, dass alle Partien einen Sieger fanden. Besonders viel war nicht los…

Hier verdarb Vishy alles mit 34…Txe3+, aber obwohl er in den nächsten 25 Zügen ein wenig leiden musste, hat ihm sein Karma verziehen. 

Es gibt nur einen Vishy Anand | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Und hier der Zwischenstand nach sechs Runden:


Nach dem Ruhetag steht mit Nepomniachtchi-Carlsen ein echter Knaller auf dem Programm. Karjakin-So ist die andere Spitzenpartie mit dem dritten Führenden. 

Alle Partien könnt ihr täglich ab 16:30 Uhr auf chess24 live verfolgen!

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