Berichte 01.07.2019 | 16:35von Colin McGourty

GCT Zagreb, R5: Aronian beschwert sich über den Spielplan

Levon Aronian hat gestern mehr gute Züge gemacht und mehr Chancen gehabt als alle anderen Spieler zusammen, doch sie reichten nicht, um eine Glanzpartie gegen Shakhriyar Mamedyarov zu einem siegreichen Ende zu bringen. Stattdessen errang Ding Liren den einzigen Sieg bei der Grand Chess Tour Zagreb, nachdem er zuvor Anish Giri sukzessive in einer scheinbar unschuldigen Stellung überspielt hatte. Sergey Karjakin scherzte, dass “Nepomniachtchi und Magnus sich in den Eröffnungen nicht besonders gut auskennen”, doch kaum hatte er den Weltmeister am Haken, ließ er ihn auch schon wieder entwischen.

Eine unvollendete Sinfonie von Levon Aronian | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien der Grand Chess Tour Zagreb 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Mamedyarov ½-½ Aronian: Habt ihr euch gut unterhalten?

Bis zu einem gewissen Punkt sah es so aus, als könnte Levon Aronian in der Ragosin-Verteidigung eine Modellpartie gewinnen, denn Mamedyarovs Zug 13.Lg2 taucht in unserer Datenbank nur einmal auf: die Partie Alexander Budo and Ragozin von der Leningrader Meisterschaft 1930:


Hier rochierte Ragozin lang, wehrte den Opferangriff seines Gegners ab und feierte einen mühelosen Sieg, während Levon Aronian mit 13…Sb3 einen anderen plausiblen Zug spielte. Mamedyarovs 14.Td1?! war bereits ein Fehler, den er mit dem Zug Tb1 drei Züge später nachträglich korrigierte, wobei er hier schon einen Bauern weniger und eine kritische Stellung hatte.

Shakhriyar Mamedyarov hat zwei Eröffnungsdebakel in Folge überlebt | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Mamedyarov hatte nicht nur Material eingebüßt, sondern kaum noch aktive Züge. Garry Kasparov meinte dazu:

Man braucht keinen Computer, um zu verstehen, dass Weiß völlig auf Verlust stand und Aronian sich sehr anstrengen musste, um diese Partie nicht zu gewinnen.

Shak suchte seine einzige Chance, die für ihn in 19.Sd2?! bestand:


Aronian hatte hier noch eine Menge Spaß und opferte zunächst einen Springer mit 19…Sxd4! 20.cxd4 Txd4, wonach Schwarz vier verbundene Freibauern für die Figur hat. Die weißen Leiden gingen weiter mit 21.Ta1 Db2 22.Tab1 c3 (kein Damenopfer), 23.Df3 Txd2! (jetzt schon):


Weiß musste das Opfer mit 24.Txb2 cxb2 annehmen und nach 25.Lf1 hätte die Partie schnell zu Ende sein können:


Das relativ einfache 25…Le2! gewinnt sofort, da Weiß nach 26.Dxf6 Lxd1! 27.Dxh8 Kd7 keine Schachs hat und der b-Bauer zur Dame läuft. Mit 28.Dc3 kann Weiß einen Turm zurückgewinnen, aber die schwarzen Bauern entscheiden dann die Partie. Warum hat Aronian das nicht gespielt? Er erklärte hinterher, er habe die Variante 25.Tb1 Thd8 26.Lf1 erwartet und den verfrühten Läuferzug nur als Zugumstellung betrachtet. Das war nicht nur eine verständliche Nachlässigkeit, sondern auch der Auftakt für weitere merkwürdige Ereignisse. Nach 26.Tb1 nahm das Unglück seinen Lauf!

Auf 26…Lxf1 27.Kxf1 musste Aronian nur 27…T8d3 (28.Dxf6? verliert wegen 28…Td1+) spielen, den a-Bauern nach vorn schieben und gewinnen. Stattdessen ermöglichte 27…Tc2? Shak, sich mit 28.Kg2 Tdd2 29.Dxf6 a4 30.Kh3! zu befreien. Plötzlich steht Weiß gut, doch Shak ließ zu, dass Levon nach 30…Txf2 mit 31.Dh8+?! (31.De7!) 31…Kc7 32.Dd4 wieder in Oberhand kommen konnte:


32…b5!, wie von Kasparov, Mamedyarov und eurem Computer angemerkt, hätte den Weißen erneut vor große Probleme gestellt. Shak meinte, “Ich glaube, dass Schwarz wieder auf Gewinn steht”, aber stattdessen folgte 32…f6? 33.Dxa4 und nachdem sich herausgestellt hatte, dass Schwarz über kein Mattnetz verfügte, endete die Partie remis.

GM Pepe Cuenca hat sich die Partie für euch angesehen (auf Englisch):

Was war mit Levon Aronian passiert? Garry Kasparov hatte als Erklärung nur Erschöpfung parat:

Das passiert in diesen Turnieren oft, aber meist am Ende. Und wenn solche Fehler schon am Anfang eines Turniers passieren, liegt es vielleicht daran, dass die besten Spieler der Welt einfach zu viel spielen und der Druck zu groß ist. Eine andere Erklärung finde ich nicht, da manche Partien und die dort gemachten Fehler vom Schachlichen her einfach nicht zu erklären sind und sie einfach nicht zeigen, wozu diese Spieler fähig sind.

Über Aronians Partie gab es viel zu reden | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Garry wurde gefragt, wie viele Partien er normal gespielt habe:

Dafür gibt es kein ideales Rezept – alle Spieler sind anders. Ich habe weniger gespielt als andere Spitzenspieler, aber das hatte mit dem Einfluss von Botvinnik zu tun, und ich habe einfach mehr Zeit für die Vorbereitung, für meinen Ehrgeiz und für meinen Adrenalinspiegel gebraucht. Ich denke, ich habe etwa 60 bis 70 Partien pro Jahr gespielt, doch heute kann man diese Zahl geradezu verdoppeln. Vor allem dieses Jahr ist es verrückt, weil die FIDE auch noch vier Grand-Prix-Turniere in den Terminplan aufgenommen hat.

Ist das gut für die Schachfans?

Da bin ich mir nicht sicher, denn die Fans sind nicht einfach nur hier, um Magnus und Aronian und MVL und Caruana spielen zu sehen, sondern weil sie gutes Schach sehen wollen… Ich begrüße ihren Kampfgeist, und wir haben auch schon über Magnus’ Versuch gesprochen, das Glück zu erzwingen, doch am Ende wollen wir ausgeruhte Spieler sehen, die brillante Partien spielen. Darum schauen wir bei diesem Turnier zu.

Nach den Fehlern befragt, antwortete Aronian, “es gibt keine Entschuldigung für so schlechtes Schach”, aber als er mit Kasparovs Äußerungen konfrontiert wurde, meinte er:      

Ich denke, dass man bei einem Supergroßmeisterturnier auf jeden Fall nach drei, spätestens vier Runden einen Ruhetag einlegen sollte. Hier spielen wir sechs Partien ohne Ruhetag, was sich natürlich auswirkt, aber die Fans mögen es vermutlich, wenn wir Fehler machen!

Maurice wiederholte an dieser Stelle Kasparovs Äußerung, dass die Fans auch das bestmögliche Schach sehen wollen.

Leider ist das unter den gegebenen Bedingungen nicht möglich. Andererseits sind wir natürlich bereit, immer anzutreten und gegeneinander zu spielen. Und das solange wir leben! 

Eine Diskussion, über die sicher noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Doch kommen wir nun zu den übrigen Partien.  

Man hat Fabiano Caruana schon in überzeugenderer Form als gestern erlebt | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Hier die Zusammenfassung der 5.Runde. Bei Anand-MVL wurde erst nach 27 Zügen der erste Bauer getauscht, aber die anderen Partien verliefen etwas wilder. Fabiano Caruana ging gegen Wesley So ein strategisches Risiko ein, um eine unausgewogene Stellung zu erreichen (indem er einen isolierten Doppelbauern zuließ), wurde aber nicht bestraft.

Hikaru Nakamuras frühes 5.Sa4!? im Grünfeld brachte den Führenden Ian Nepomniachtchi dazu, früh nachzudenken…

…doch ein paar Züge später wurde Nakamura selbst vom natürlichen 10…0-0 überrascht. Hätte Schwarz nicht einige Ungenauigkeiten begangen, wäre die Partie wohl früher remis ausgegangen – oder wie Nepo es ausdrückte, “natürlich wäre die Partie ohne ein paar idiotische Züge nicht vollständig gewesen!”

Karjakin übte gegen Carlsen gewissen Druck aus, aber nicht lang! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Karjakin-Carlsen war die Neuauflage des WM-Kampfes von 2016, wobei Magnus zwei Züge nach a6 auch nach das wenig lehrbuchhafte 5…h6 folgen ließ:

Ich muss mich bei Anish Giri bedanken, denn ich hätte nie gewusst, dass es diesen Zug überhaupt gibt, aber er hat ihn auf Twitter erwähnt, als er von Magnus‘ Sekundanten gespielt wurde. Daher kannte ich die Variante immerhin und hatte sie mir vor der Partie kurz angeschaut, und so kam ich auch auf [6.Lf4 Sf6 7.e3 Ld68.Le5. Zumindest wusste ich, dass ich Le5 spielen musste. Weiter wusste ich nicht, aber immerhin Le5…

Das bezog sich auf diesen Tweet (und diese Bundesliga-Partie):

"Großzügig von Carlsen, dass er seinen Sekundanten seine kostbare WM-Vorbereitung spielen lässt."

Da Magnus dieses Jahr schon 5…h6 gegen Sam Shankland in Wijk aan Zee gespielt hatte, wären Karjakins Helfer aber womöglich auch so darauf gekommen.

Karjakin zeigte sich im Interview in guter Form:

Ich glaube, dass Nepomniachtchi und Magnus sich in den Eröffnungen nicht besonders gut auskennen und sie einfach sehr schlechte Stellungen bekommen.

Karjakin machte zumindest teilweise Witze, aber in der Partie war nach 13…c5 auf jeden Fall der kritische Moment erreicht:


Kasparov meinte, er habe Karjakins 14.f5!? nicht einmal in Betracht gezogen, da Weiß nach 14…c4 15.Da3 cxd3 16.fxe6 fxe6 17.Sxd3 einfach nur einen guten Läufer gegen einen schlechten getauscht hat. Vor allem der letzte Weiß sorgte dafür, dass ein Remis unausweichlich erschien, wobei Karjakin auf einige reizvolle Varianten mit 17.Sg6 Tf7 18.Sb5?! hinwies...


…in denen Schwarz aber nach dem Qualitätsopfer 18…axb5! 19.Dxa7 und 19…Sg4! einfach nur gut steht!

Anish Giri hat in Zagreb bereits zwei Partien verloren| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Diese Partie endete nach 42 Zügen mit Zugwiederholung, aber immerhin gab es bei Giri-Ding Liren einen Sieger. Es war eine der Partien, in der Weiß erst gut stand, und dann auf einmal nicht mehr. Der Wendepunkt war für den Betrachter kam auszumachen, aber der Chinese wies auf die Stellung nach 21.Td2 hin:


Eine der weißen Drohungen ist Sd6, da man den Springer wegen Lxh7+ nicht nehmen kann. Ding Liren fand aber den kritischen Zug:

Ich glaube, er hat 21…f6! übersehen – das ist ein sehr guter Zug. Ansonsten stünde ich einfach schlechter, aber nach f6 muss er vorsichtig sein.

Der Zug engt die weißen Springer ein und deckt das Feld e5, und 22.Sd6? scheitert nun an 22…Sde5! 23.Sxb7 Txd3!. Nach 22.Lb1 Sde5 bekam Ding gute Felder für seine Figuren, und die weiße Struktur wirkte fragil. Giri hielt den Laden lange zusammen, aber 41.Sd6!? ging nicht gut:


Der Zug implizierte ein Bauernopfer (41…Sxd6 42.exd6 Tc6 43.Se4 Txd6) und war objektiv vermutlich auch gut, aber ohne zusätzliche Bedenkzeit erwies sich die Stellung als schwer zu verteidigen. Ding Liren zeigte in der Folge, dass nicht alle Turmendspiele remis sind!

Ding Liren hatte bei der Analyse seinen Spaß | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Hier der Zwischenstand nach fünf Runden:


Vor dem verdienten Ruhetag könnt ihr wie gewohnt ab 16:30 Uhr die 6.Runde auf chess24 verfolgen! , 

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