Berichte 08.07.2019 | 03:08von Colin McGourty

GCT Zagreb, R10: Keine Spannung auf dem Brettern

Magnus Carlsen führt immer noch vor der letzten Runde mit einem halben Punkt Vorsprung vor Wesley So bei der Grand Chess Tour in Zagreb, nachdem das direkte Aufeinandertreffen auf eine Weise Remis endete, welche die Partie schnell in Vergessenheit geraten lässt. Es scheint ein wenig so, als ob sich die anderen Spieler ein wenig von dieser Partie abgeschaut hätten, denn auch Ding-Aronian, MVL-Nepomniachtchi, Giri-Nakamura als auch Anand-Karjakin endeten allesamt ohne große Aufregung mit der Punkteteilung. Lediglich Fabiano Caruana und Shakhriyar Mamedyarov machten zumindest den wackeren Versuch, der Partie ein wenig Leben einzuhauchen. Aber davon abgesehen, dass mit dem Skandinavier eine für solches Niveau unübliche Eröffnung auf dem Brett stand, gibt es nichts, was diese Partie zum Klassiker werden lassen sollte.

Wesley So war nicht in der Stimmung dafür, mit fliegenden Fahnen unterzugehen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien der Grand Chess Tour 2019 aus Zagreb kannst du hier nachspielen:

Alle Augen waren natürlich auf So-Carlsen gerichtet, eine Partie, die den Ausgang des Turniers maßgeblich beeinflussen konnte. Mit einem Sieg hätte Magnus das Turnier eine Runde vor Schluss bereits gewinnen können, während ein Sieg für Wesley bedeutet hätte, dass dieser plötzlich zum Favoriten auf den Sieg in einem der stärksten Superturniere aller Zeiten aufzusteigen. Vielleicht war es daher unvermeidlich, dass die Partie dann einem Anti-Klimax glich.

Die Eröffnung war zumindest amüsant, denn in unserem letztjährigen Bericht zur 11. Runde im Tata Steel Turnier in Wijk aan Zee berichteten wir über einen Eröffnungsfauxpaus von Magnus gegen den seinerzeit Co-Führenden Shakhriyar Mamedyarov berichtet. Er gab an, dass sein Team die 4.Dc2-Variante gegen Nimzoindisch "gelöst" hätte: 

Ich wusste, dass wir diese Variante neutralisiert hatten - ‌15.Se5 undsoweiter - aber warum auch immer hatte ich mir das heute nicht angeschaut und konnte mich einfach nicht erinnern. Ich verwendete etwa 17 Minuten beim Versuch zu rekonstruieren, was man hier machen soll. Dann musste ich einfach akzeptieren, dass ich mich nicht erinnere und nun etwas schlechter stehe.

18 Monate später gab es nun das déjà vu!

Ich war nicht unbedingt begeistert über die Eröffnung, weii ich diese exakte Variante schon einmal gegen Mamedyarov in Wijk aan Zee im letzten Jahr hatte. Damals wusste ich, dass mein Team die Variante "gelöst" hatte, aber ich erinnerte mich nicht mehr an die Analysen und spielte etwas anderes. Ich bekam leichte Schwierigkeiten, erreichte aber dennoch ein Remis. Nach der Partie prüfte ich die Analysen und dann habe ich es für eine lange Zeit nicht mehr angeschaut, sodass ich mich auch heute nicht mehr daran erinnern konnte. Von daher war ich auf mich allein gestellt.



In Wijk aan Zee entschied sich Magnus für 14…Sd5 15.Se5 Ld7 (und wie wir damals schon anmerkten, gibt Jan in seiner Video-Serie den Zug 14...Sdb4 an. Dieses Mal dachte Magnus vier Minuten nach und entschied sich dann für das sofortige 14...Ld7. Danach kam die Partie Stück für Stück dem Remis sukzessive näher. Die Spieler waren bereits so fixiert auf das Ergebnis, dass sie einen kleinen Trick kurz vor Schluss verpassten:


29.b4 signalisiert bereits die Bereitwilligkeit, nach 29...Txd5 die Partie zu beenden, aber Magnus hatte das Gefühl, hier ein wenig unachtsam gewesen zu sein. In der Tat hätte er nach 29.d6! "zumindest ein wenig leiden" müssen. Doch am Ende bekamen beide Spieler das Resultat, das sie wollten. Unsere Kreativ-Abteilung musste hart arbeiten, um die Partie zusammenzufassen:


Wesley lag eigentlich in der Pflicht, etwas zu unternehmen in der Partie, weil er mit einem halben Punkt zurück lag und er mit den weißen Steinen auf Gewinn hätte spielen können. Genau das wurde dann zum Thema der ersten Interviews nach den Partien. Vishy Anand brach zuerst eine Lanze für Wesley:

Natürlich hatte Wesley Weiß und sicherlich hätte er mehr Druck machen können, aber er hat auch gleichzeitig ein schwere Jahr und hier steuert er einem sehr guten Resultat entgegen. Er holt Tour-Punkte, Preisgeld, alles. Von daher kann ich verstehen, dass er nicht unglaubliche Risiken in Kauf nehmen wollte.

Dann gab es auch noch Magnus:            

Es schien, dass Wesley nicht alles riskieren wollte. So spielt er nicht, von daher versuchte er ein wenig. Und ich kann das verstehen. Es ist nicht so, dass hier nur der erste Platz zählen würde oder so ähnlich. Es ist ein Qualifikationsturnier für das Finale und er hat ein fantastisches Turnier gespielt. Er dachte, er probiert in der Variante ein wenig und wenn ich mich gut verteidige, ist es remis. Und das ist das, was mehr oder weniger dann auch passierte.

Im Prinzip gab es nicht mehr, was man dazu hätte sagen müssen, aber Wesley selbst musste auch noch einige Gründe anführen... viel zu viele Gründe! In einem kurzen Interview brachte er einen Schwall von Gründen für warum er nicht volles Risiko in der vorletzten Runde gegangen ist:

1. Schlechte Stimmung nach der schlechten Partie am Vortag (das knappe Remis gegen Nepo)
2. Das Niveau seines Spiels nimmt ab.
3. Er spielt gegen die Nr. 1 der Welt, die knapp 100 Elo mehr hat als er
4. Er war sich unsicher, welche Eröffnung Magnus anstreben würde
5. Er wollte nichts verrücktes spielen (Bauernopfer!) gegen den besten Spieler der Welt
6. Er war sehr erschöpft: "Wie Levon bereits anmerkte, ist ein Ruhetag bei 11 Runden einfach nicht genug." 11 Runden gegen die besten der Welt - "das sind keine Patzer und es ist kein offenes Turnier."
7. Magnus gewinnt viele Schwarzpartien
8. Ein Remis mit Weiß ist nie ein schlechtes Ergebnis, wenn man bedenkt, wie Magnus derzeit spielt
9. "Ich wollte kämpfen, aber mein Einkommen basiert auf Punkten, nicht auf entschiedenen Partien."
10. Ding und Nepo wollte Magnus schlagen und bereuen das nun
11. Es ist derzeit ziemlich egal, mit welcher Farbe man gegen Magnus antreten muss.
12. Carlsen Gewinnchancen würden auch größer werden, wenn er mehr Risiko geht
13. Ein schnelles Ende der Partie würde die Chance ermöglichen, sich vor der letzten Partie ein wenig vor der Schlüsselpartie gegen Aronian zu erholen.

Schau dir das gesamte Interview nach der Partie mit Magnus und Wesley hier an:

Während eines nicht unbedingt ein weltmeisterliches Interview war, hat Wesley dennoch ein herausragendes Turnier gespielt und eine Erklärung geliefert, vor allem an einem Tag, indem das Rauchen von Friedenspfeifen nahezu jedes Brett infizierte. Anand-Karjakin und Giri-Nakamura endeten in mehr oder weniger der selben Stellung in ungleichfarbigen Läuferendspielen:

Hikarus Gedanken waren jedoch woanders

Hikaru Nakamura: Zwischen dem Erdbeben in Ridgecrest, wo ich die ersten Jahre meines Lebens verbrachte und der Gasexplosion in dem Einkaufszentrum, das ich von Zeit zu Zeit besuche, ist es wichtig sich daran zu erinnern, was wirklich wichtig ist.

Ding-Aronian als auch MVL-Nepomniachtchi waren Partien, in denen die Spieler es nicht schafften, ungleichfarbige Läuferendspiele aufs Brett zu stellen, aber sie dennoch mit geringstem Aufwand es schafften, das Remis dennoch unter Dach und Fach zu bringen. Damit verbleibt nur noch Caruana-Mamedyarov, wo Shakhriyar Mamedyarov das Brett von Beginn an rockte, indem er 1.e4 mit 1...d5!?, der Skandinavischen Verteidigung, beantwortete. Fabiano sah dadurch eine Chance auf den dritten Platz und spielte weiter und weiter, auch wenn es gelungene Versuche gab, ihn davon abzubringen:

Jan Gustafsson: Schwieriges Remis, dem sich Fabi heute gegenübersieht!

chess24: Botvinnik trainierte für Weltmeisterschaften auch, mit Ablenkungen klarzukommen, wie zum Beispiel, dass einem Rauch ins Gesicht geblasen wird, während Musik aus dem Radio im Hintergrund dröhnt. Die Zeiten haben sich verändern, und Fabiano Caruana sieht sich mit einem seltsamen Typen konfrontiert, der Eis ist, während er ihm auf Deutsch eine Moralpredigt hält.

Fabianos Siegeswille ging beinahe ins Auge, als Mamedyarov 31…Ld3! spielte und es zu einer seltsamen, komplexen Stellung kam:


Die Computer sagen, dass Weiß hier einen kleinen Vorteil hat, aber den gibt es nur, wenn man 32.Sc5! Lxf1 33.Sxd7 Lc4 (33…Lg2!? ist möglich, aber erlaubt das gefährliche 34.Tc7!) 34.Sxf6 Se2+ 35.Kh2 Sxc1 36.Sh5+ Kh7 und nun den einzigen Zug 37.d5! findet.


Die Fesselung entlang der c-Linie erzwingt 37…exd5 und plötzlich drohen die weißen Figuren, nach 38.Ld8 Mattbilder aufs Brett zu zaubern. Doch an diesem Tag hatte man das Gefühl, dass kein Spieler solche Feinheiten finden sollte und nach 32.Td1 Lxf1 mag sogar Schwarz ein wenig besser stehen. Aber die Partie verflachte bald zum Remis.

Caruana und Mamedyarov haben es zumindest versucht, die Zuschauer zu unterhalten | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Damit sieht die Tabelle eine Runde vor Schluss wie folgt aus:


Für den ersten Platz sind morgen nur noch die Partien zwischen Carlsen und MVL als auch von Aronian gegen So von Belang. Aber natürlich geht es um viel Geld und Punkte in der Grand Chess Tour in den verbliebenen Partien.

Verpasse also auf keinen Fall die Action! Die Partien werden ab 16:30 Uhr MEZ übertragen.

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