Berichte 12.06.2016 | 12:23von Colin McGourty

GCT Paris, Tag 3: Carlsen verdirbt Nakamura die Party

Hikaru Nakamura stand im Blitzschach-Abschnitt der Paris Grand Chess Tour achteinhalb Runden lang unangefochten an der Spitze. Ein Sieg über Magnus Carlsen in der letzten Begegnung des Tages hätte ihm beinahe uneinholbare 2,5-Punkte Vorsprung gesichert; doch gerade dann, als das in den Bereich des Möglichen zu rücken schien, konnte der Weltmeister noch die Partie für sich entscheiden. Jan Gustafsson hat diese Partie analysiert, während wir uns um die denkwürdigsten Fehler des Tages gekümmert haben.

Carlsen war der erste Spieler, der Nakamura auf der Grand Chess Tour 2016 bezwingen konnte - seine Mission lautet, in Paris und Leuven zu gewinnen und damit gute Chancen zu haben, die ganze Serie ohne Antreten in St. Louis und London zu gewinnen | Foto: Lennart Ootes

Der Samstag wurde zu einem echten Zweikampf. Sowohl Nakamura als auch Carlsen waren bis zu ihrem Aufeinandertreffen in der letzten Runde ohne Niederlage geblieben, der einzige Unterschied lag ihn ihren unterschiedlichen Ergebnissen aus verlorenen Stellungen gegen Topalov. Magnus remisierte, Hikaru gewann hingegen auf außergewöhnliche Weise (mehr davon später), womit Nakamura seine Führung vom Spielbeginn von 1 auf 1,5 Punkte ausbaute:


Die übrigen Spieler, die um den Sieg mitspielen hätten können, konnten kaum brillieren: MVL und Kramnik erzielten 50 %, und Wesley Sos schleichender Fortschritt kam mit sechs Remisen und drei Niederlagen - zwei davon in den letzten beiden Runden gegen Nakamura und Kramnik - gehörig ins Stocken. Die beste Leistung nach den Top 2 gelang tatsächlich Fabiano Caruana (5,5 aus 9), der damit den Beweis erbracht hatte, dass er die Schachfiguren doch schnell und gut ziehen kann, und das mit einer Serie von vier Siegen in Folge zum Abschluss. Das war ein großartiger Lauf, aber Caruana ist nach seinem schlechten Abschneiden im Schnellschach natürlich schon aus dem Rennen um die vordersten Plätze.

In den vollen Zuschauerrängen befinden sich einige bekannte Spieler... | Foto: Lennart Ootes

Alles lief daher auf eine Partie hinaus, und diese stand im Mittelpunkt der Analyse von Jan Gustafsson, nachdem er zuerst zeigt, wie Topalov Nakamura mit einem Anfängerfehler den Sieg geschenkt hatte:


Wir werden hier nicht versuchen, den Rest des Tagesgeschehens in umfangreicher Form zusammenzufassen, sondern widmen uns jenem Element des Schachs, das Spieler jeglicher Stärke am besten verbindet: Fehler! Es stand viel zur Auswahl, daher möchten wir uns entschuldigen, falls es eure Favoriten nicht unter die letzten sieben geschafft haben…

1. Topalov und "Ein Bauer ist ein Bauer"

In St. Louis entschuldigte Nakamura noch einen offensichtlich unmöglichen Zug Kasparovs, aber in Paris zeigte er kein Erbarmen | Foto: Lennart Ootes

Jan hat diesen Moment bereits in seinem Video gezeigt, aber er darf auf keiner Liste der "Fehler des Tages" fehlen.


Als Veselin in dieser Stellung seinen Bauern nach e1 zog, ließ er ihn einfach dort stehen und drückte die Uhr. Im 19. Jahrhundert hatte der erste Weltmeister Wilhelm Steinitz diese Möglichkeit gut geheißen, in Veselins Fall ging es allerdings eher darum, sich unnötigen Streit zu ersparen. Nakamuras einziger legale Zug wäre gewesen, die neue Schwerfigur zu schlagen, und gegen viele Gegner wäre dieser Moment in einem Gewusel an Handbewegungen vermutlich auch nicht weiter aufgefallen. 

Möglich, dass Magnus am Ende der Partie der Versuchung widerstehen musste, Topalov mit seiner Wasserflasche einen Schlag auf den Kopf zu versetzen...

Hikaru war voll im Recht, den Gewinn für sich zu beanspruchen - für ihn war es mit Abstand die beste Möglichkeit, die Partie noch gut abschließen zu können. Ihr könnt diesen Moment unterhalb noch einmal Revue passieren lassen.

Der "Rex Sinquefield-Fehler".

2. Kramnik begeht Haragiri

Wir widmen uns nun Big Vlad, der für den folgenden Versuch in der ersten Blitz-Runde davon ausgegangen sein musste, damit den "Fehler des Tages"-Preis zu gewinnen:


Die Frage schien nur zu lauten, ob Kramnik seinen Mehrbauern verwerten können würde, und nach 32. ... Tf4? hat er jetzt sogar das vernichtende 33. Le5!, aber auch jeder andere vernünftige Zug hätte gereicht. Stattdessen folgte nun 33. Tg8+?? Lxg8. Der Fluch der übersehenen langen Rückwärtszüge hat wieder einmal zugeschlagen.

3. Da war der Turm drin

Zwei Runden später profitierte Giri erneut von einem Fehler seines Gegners (Veselin Topalov), der so schlecht war, dass Topalov nach dessen Ausführung einfach aufgab: 60. ... Te5+??


Die Freude über das Schachgebot hält nach 61. Kf4 nicht lange, da Tb8 Matt nur eine der Drohungen ist, die umfangreiche Materialeinbußen bedeuten.

Welchen Reim soll man sich darauf machen? | Foto: Lennart Ootes

4. Karma

Um nicht den Eindruck zu vermitteln, Giri wären sämtliche Fehler zugute gekommen, liefern wir nun seinen eigenen Beitrag zu dieser Sammlung. Nakamura ist auch so schon gefährlich genug im Angreifen, selbst wenn man ihm nicht den Weg zum eigenen König mit einem Zug wie 38. d5?? öffnet:


In einer anderen Welt hätte dieses Unterfangen mit Figurenabtausch und einem Remis auch gut ausgehen können, aber hier brauchte Nakamura nur acht Sekunden für 38. ... Sg4!, und die Partie ist vorbei. Die Drohung lautet Matt mit Dh2-h1, und nach 39. Lxb6 Dh2+ 40. Kf1 Dh1+ 41. Lg1 Sh2+! 42. Kf2 Txg2+! hat Weiß bald ausgelitten.

Anish fasste den Rummel des Tages zusammen:

So sieht Blitzschach aus! :)

5. Springeropfer

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Hikaru dieses Springerendspiel gegen Laurent Fressinet auch so gewonnen hätte, aber der Franzose fand eine elegante Fortsetzung, um ganz sicher zu sein: 50. Se8+??


Ein weiteres Beispiel für einen Verlustzug mit Schachgebot. Wie Topalov ließ auch Fressinet seinem Gegner keine Zeit, um 50. ... Ke7 zu antworten, womit die Tage des Springers gezählt sind.

6. Ein natürlicher Fehler

Diese Partie zeigt, dass man Kramnik vor Spielbeginn besser keine Witze erzählen sollte | Foto: Lennart Ootes

Fressinet spielt wieder in der Hauptrolle. 


Kramnik hat mit 37. Lxh5 gerade einen Springer genommen. Laurent schlug hier ganz natürlich mit 37. ... gxh5?? zurück, aber nach 38. Tg2+! hatte er nur doch die Wahl, wie er verlieren wollte - über 38. ... Kh7 39. Tg7+ oder 38. ... Kf7 39. Ld6+. Er wählte mit der Aufgabe die dritte Möglichkeit. Der Fehler war, dass 37. ... Txe6! zwei weiße Figuren angreift und die Partie weitergeht.

7. Ein Fehler entscheidet

Magnus Carlsen drückte gegen Vladimir Kramnik auf einen weiteren Endspielsieg und erkannte nach Vlads 53. Le3?, dass dieser Zug sofort verliert:


55. ... Tc3! greift nicht nur den Le3 an, sondern droht auch Txf3+ nebst Schlagen auf e4. Kramnik gab lieber auf, als mit einer Minusqualität gegen den Weltmeister weiterzuspielen.

Am Ende des Tages hatte Carlsen guten Grund zu Lachen | Foto: Lennart Ootes

Ein Tag - und neun weitere Blitzpartien - sind noch zu spielen; Hikaru Nakamura liegt immer noch in Führung, Magnus Carlsen liegt aber nur einen halben Punkt zurück und wird in der letzten Runde des Turniers im direkten Duell Weiß haben.

Nach den Wirren des Tages sieht es im Turnier (und -saal) so aus | Foto: Lennart Ootes

Das Kommentatoren-Dream Team Peter Svidler und Jan Gustafsson berichtet am Sonntag ab 14:00 Uhr live. Hier könnt ihr die Berichterstattung des dritten Tages noch einmal erleben:

Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

Weitere Links:


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