Berichte 11.06.2016 | 11:00von Colin McGourty

GCT Paris, Tag 2: Nakamura führt nach dem Schnellschach

Hikaru Nakamura hat bei der Grand Chess Tour in Paris nach einer dramatischen Schlussrunde den ersten Platz im Schnellschach belegt. Zunächst sah es aber nach einem weiteren Sieg von Magnus Carlsen aus, dem eine schöne Gewinnpartie gegen Vladimir Kramnik gelang, doch dann warf Fabiano Caruana eine bessere Stellung gegen Nakamura weg und „vollendete“ damit seine katastrophale Serie von sechs Niederlagen in sieben Partien. Sein amerikanischer Rivale kam so auf 14 aus 18 und musste dabei keine Niederlage einstecken. In unserem Bericht könnt ihr euch noch einmal alle Schnellpartien anschauen und mit Niclas Huschenbeth die Höhepunkte nachvollziehen.

Zumindest zwei Tage lang konnte Nakamura das Monster im Zaum halten | Foto: Lennart Ootes

Mit nur noch vier Runden, in denen es stets hoch herging, war der zweite Schnellschachtag eine kurzweilige Sache. Mit dem Selektor könnt ihr alle Partien nachspielen:

Eine kurze Tageszusammenfassung hat GM Niclas Huschenbeth für euch auf Englisch angefertigt:

Wenn ihr wollt, könnt ihr euch auch noch einmal den Originalkommentar von Peter Svidler und Jan Gustafsson anhören. Da DailyMotion das Turnier sponsert, sind die Videos dort eher zu finden als auf YouTube:

Schauen uns wir noch einmal etwas detaillierter das Geschehen des zweiten Turniertags an:

Runde 6: Carlsen übernimmt die alleinige Führung

Bei der Partie Topalov-Carlsen traf das Schlusslicht auf den Führenden, und obwohl der Bulgare Weiß hatte, konnte er den Trend nicht stoppen. Magnus gewann recht mühelos, nachdem er zunächst beide Flügel komplett unter seine Kontrolle gebracht hatte. Topalov gab auf, bevor er am Königsflügel zerstört wurde. Da Nakamura gegen Wesley So nicht über ein Remis hinauskam, hatte sich Carlsen komplett von seinem Desaster in Runde 1 erholt und die alleinige Führung übernommen.

Schlechter Start? Kein Problem! | Foto: Lennart Ootes

Anish Giri errang in einer hübschen Partie gegen Laurent Fressinet seinen ersten Sieg, und MVL zerschmetterte Fabiano Caruana. Der Zug 46.Rg1? des US-Meisters war eine Einladung, die der Franzose nicht ausschlagen konnte:  


46.Sh3!! droht nicht nur eine tödliche Springergabel auf h3, sondern auch noch Matt auf g1. Caruana wehrte sich nach 47.Txg4 noch fünf Züge lang, aber die Partie war gelaufen.

Runde 7: Nakamura schlägt zurück

Carlsens alleinige Führung hielt aber nicht lang. Obwohl Schnellschach und nicht klassisches Schach gespielt wurde, frustrierte Giri den Weltmeister einmal mehr und hielt in 28 Zügen locker remis. Das gab Nakamura die Chance, wieder zum Führenden aufzuschließen, und er tat dies mit Bravour, indem er MVL fast so mühelos besiegte wie Carlsen an Tag 1. Einmal mehr ging die Eröffnung für die Nummer 1 Frankreichs komplett in die Hose.

Vladimir Kramnik war taktisch gut drauf | Foto: Lennart Ootes

Dagegen hatte Vladimir Kramnik Spaß:


22…Sxh3! 23.gxh3 Txf3! brachte dem Schwarzen einen Mehrbauern plus weiterhin überwältigenden Angriff ein, da 24.Dxf3 wegen 24…e4+ die Dame verliert.

In Aronian-Caruana feierte der Armenier letztlich einen absolut überzeugenden Sieg, doch an einer Stelle hätte Caruana die Partie auf den Kopf stellen können. Der Amerikaner hatte einen Trick übersehen, der mit dem c5-Bauer zu tun hatte, doch zwei Züge später bekam er auf dem selben Feld eine gute Chance:


35…Txc5!! ging, da 36.Dxf7? zum Matt führt: 36…Tc1+ 37.Tg1+ Sf2+! 38.Kg2 Dg5+! 39.Kxf2 Dxg1# Fabiano zog zwar mit 35...Rf6? den Turm, aber es war einfach nicht sein Tag.

Runde 8: Nicht zu schwach, sondern zu langsam

Eine Runde vor Schluss holte sich Nakamura die alleinige Führung zurück, weil es ihm gegen Aronian eindrucksvoll gelang, ein Turmendspiel mit Mehrbauer zum Sieg zu führen. Carlsen musste daher seinen Sekundanten Laurent Fressinet schlagen, um gleichzuziehen, doch in einem verrückten Endspiel mit vielen Wendungen verfehlte er den Sieg. Die beste Möglichkeit zum Gewinn bot sich vermutlich im 61.Zug, wo 61…h5! tödlich gewesen wäre:


Weiß ist im Zugzwang – und gleichzeitig in einem Mattnetz gefangen! Nach 62.Sd6 Td2! zum Beispiel gewinnt Schwarz wegen der Mattdrohung 62…Td3 eine Figur. Etwas komplizierter wird die Angelegenheit nach 62.Ld7 Td2 63.Lb5 (deckt d3), aber die Vollstreckung wäre Carlsen sicher nicht schwergefallen. Stattdessen spielte er 61…e4, und nach 62.h5 hatte der weiße König wieder Luft zum Atmen. Zehn Züge später wurde Remis vereinbart.

MVL und die schwarzen Steine sind eine gefährliche Kombination! | Foto: Lennart Ootes

Kramnik demontierte Caruana in einer Positionspartie, die zum Schluss in einem taktischen Feuerwerk mündete, und den anderen Sieg der Runde feierte Maxime Vachier-Lagrave, der zum vierten Mal (!) mit Schwarz gewann. Gegen beide Führenden verlor er mit Weiß, womit sein Ergebnis komplett anders aussah als zuletzt bei den französischen Top 12, wo er in zehn Partien achtmal Weiß hatte und sieben Partien gewann. Sein Appell für die nächste Station der Grand Chess Tour lautete dann auch:

"Gebt mir in Brüssel bitte neunmal Schwarz!"

Runde 9: Nakamura mit dem besseren Ende

An Tag 1 endeten alle Partien in der letzten Runde remis, da die Spieler offensichtlich komplett ausgepowert waren. Da an Tag 2 eine Runde weniger anstand, durfte man mit mehr Entscheidungen rechnen, aber dass bis auf eine Partie alle einen Sieger fanden, war dann doch überraschend.

Wesley So kann man gerade noch erkennen | Foto: Lennart Ootes

Wesley So hat die niedrigste Schnellschach-Elo der zehn Teilnehmer, aber nach vier Remis in Serie schlug er in der letzten Runde Laurent Fressinet und kletterte auf den geteilten dritten Platz. Aronian schlug Topalov, der an Tag 2 nur gegen Caruana gewann und ansonsten 0,5 aus 4 holte. MVL – Giri war die besagte einzige Remispartie, dabei hatte MVL einen sensationellen Zug ausgepackt: 12.Rg1!!


Peter Svidler war schwer beeindruckt und merkte an, dass Weiß einfach g4-g5 und Matt plane – „und dies nicht so einfach zu verhindern sei!“ Giri war offenbar derselben Meinung und tauchte erst einmal 13 Minuten ab – eine Ewigkeit in einer Schnellpartie -, ehe er sich zu 12…Dd8!? 13.g4 Kh8 14.g5 g6 15.gxh6 entschloss und einen Bauern für Königssicherheit opferte. Seine Stellung wirkte ziemlich wacklig, aber letztlich kam sein Gegenspiel gegen den unrochierten gegnerischen König gerade noch rechtzeitig. Vielleicht stand er sogar besser, als er Dauerschach gab.

Anish, der mit sieben Remis und je einem Sieg und einer Niederlage 50 Prozent holte, war wieder einigermaßen versöhnt:

"Heute hat es definitiv mehr Spaß gemacht als gestern. Nun geht es darum, noch schneller zu werden!"

Der Kampf an der Spitze hätte kaum spannender verlaufen können. Carlsen drückte Kramnik in typischer Manier in eine unbequeme und passive Stellung. Der Russe wehrte sich aber nach Kräften und erreichte ein Endspiel mit Minusbauern, das sehr „haltbar“ aussah. Doch wer so dachte, hatte die Rechnung ohne Magnus‘ grandiose Technik gemacht. Er wickelte in ein Endspiel mit drei gegen zwei Bauern ab, in dem er einen Springer gegen Kramniks Läufer hatte, und gewann dann so scheinbar leicht, dass es wie ein Kinderspiel aussah.  

Der Spielsaal in Paris bietet die ideale Stimmung für Dramatik | Foto: Lennart Ootes

Danach sah es zunächst so aus, als hätten sich die Götter wieder zu Carlsens Gunsten entschieden, denn nach belangloser Eröffnung hatte Caruana einen soliden Mehrbauern gegen Nakamura. Allerdings hatte er fünf seiner letzten sechs Partien und damit offenbar sein Selbstvertrauen verloren und stellte mit 54.b5?, was 54…f4! zuließ, die Partie ein.


Plötzlich droht auf h1 Matt, und nach 55.Kh3 Lf3! gab es endgültig kein Entrinnen mehr. Da Weiß einen ganzen Turm geben müsste, um das Matt zu verhindern, gab Fabiano auf.

Hikaru Nakamura hatte allen Grund zur Freude! | Foto: Lennart Ootes

Nakamura hatte damit das Schnellturnier der Grand Chess Tour in Paris mit einem Punkt Vorsprung gewonnen.

Vor dem Weltmeister im Schnellschach zu landen, ist auf jeden Fall eine große Leistung, doch leider gibt es nur Preisgelder für das Gesamtergebnis. Jetzt folgen 18 Runden Blitzschach, in denen ein Punkt Vorsprung natürlich nicht viel bedeutet.

Wie bereitet man sich auf das Blitzturnier vor? Natürlich schaut man sich das Eröffnungspiel der EM an, und wenn ein Spieler von West Ham United – deinem englischen Lieblingsverein – das Siegtor schießt, singst du natürlich für das norwegische Fernsehen!

Alles ist also bereit für unsere Live-Übertragung vom Blitzschach mit einer Bedenkzeit von 5+2 Minuten, die wieder von Peter Svidler und Jan Gustafsson kommentiert wird. Das solltet ihr nicht verpassen!

Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:

  • Website der Grand Chess Tour Paris
  • Allgemeine Website der Grand Chess Tour
  • Alle Partien der Grand Chess Tour Paris auf chess24
  • GCT Paris, Tag 1: Carlsen überschreitet die Zeit ... und führt
  • Vorschau auf die Grand Chess Tour in Paris



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