Berichte 19.06.2016 | 09:46von Colin McGourty

GCT Leuven, Tag 2: 100% Magnus

Magnus Carlsen zermalmte drei Ex-Weltmeister und überlistete Anish Giri in der Eröffnung, womit er am zweiten Tag der Your Next Move Grand Chess Tour alle vier Begegnungen für sich entschieden hatte. Dieser spektakuläre Lauf machte den Schaden vom Tag zuvor wieder gut und den aktuellen Weltmeister nach dem Schnellschach zum alleinigen Führenden in Leuven. Wesley So liegt aber nur einen Punkt zurück, und nachdem kein Spieler eingebrochen ist, ist im Turnier bei nicht weniger als 18 Blitzschach-Runden noch alles möglich.

Magnus Carlsen war am zweiten Tag der Grand Chess Tour Leuven in Bestform | Foto: Lennart Ootes

Hier könnt ihr alle bislang in Belgien gespielten Partien nachspielen...

... und die Live-Berichterstattung mit Jan Gustafsson und Anna Rudolf, darunter auch Interviews mit vielen Spielern, noch einmal sehen:

Alles dreht sich um Magnus

Wie viele Schachspieler sind nötig, um eine Schachuhr einzustellen? | Foto: Lennart Ootes

Zuerst war nichts besonders außergewöhnlich. Carlsen überspielte Veselin Topalov in einem Endspiel schrittweise, und obwohl es ein guter Anfang war, konnte Vishy Anand mit ihm mithalten, der seine Führung mit einem scharfen Sieg über Anish Giri ausbauen konnte. 26. e6! war ein schöner Schlusszug:


Anish gab auf, weil 26. ... Txe6 mit 27. Txe6 Dxe6 28. Te1! beantwortet wird, und die Mattdrohung auf e8 kostet Schwarz die Dame.

Kramnik gelang sein einziger Tagessieg gegen den Mann, der ihm den Weltmeistertitel entrissen hatte | Foto: Lennart Ootes

In der zweiten Runde errang Vladimir Kramnik allerdings einen Sieg über Anand, während Giri die Eröffnung falsch behandelte und nach 23 Zügen gegen Carlsen aufgab. Der Norweger lag nun nur einen Punkt zurück und hatte etwas Zeit zum Verschnaufen, kam aber zuerst zu Jan und Anna, um zu erklären, wie er das schreckliche Ende des Vortages verdaut hatte:

Nun, ich war rund eine Stunde lang richtig angefressen, aber dann dachte ich nicht mehr daran, ein bisschen zumindest. Heute denke ich auch nicht mehr daran, und es scheint mein Spiel bislang nicht zu beeinflussen! Manchmal braucht man eben genau das - etwas lockerer werden.

Hier ist das Interview in ganzer Länge:

Die folgende Begegnung gegen Magnus' alten Rivalen Vishy Anand wurde ein Meisterwerk. In einem Anti-Berliner Aufbau hatte Carlsen bereits sehr langfristige Hoffnungen, als er einen Bauern auf a5 stellte, später kam er zur Einschätzung, dass er nach dem Tausch der Damen weiter Druck ausüben konnte:


Anand hatte vor seinen Matches mit Carlsen viel Zeit aufgewendet, um genau solche - etwas schlechtere Stellungen - halten zu können, aber er wurde einmal mehr überspielt. Magnus wusste nach 30. ... Kh7?, dass er auf Gewinn stand:


Nach 31. Td8! war Schwarz beinahe völlig in Zugzwang, und Carlsen spielte die letzten acht Züge mit der Präzision eines Computers.

Erneut vereint... | Foto: Lennart Ootes

Das Sahnehäubchen war der Sieg über einen weiteren Ex-Weltmeister und großen Rivalen, Vladimir Kramnik, in der letzten Runde des Tages. Carlsen hielt die Stellung unausgeglichen und hatte damit Erfolg, da Kramnik Feinheiten übersah, bis er sich in einem klar verlorenen Endspiel wiederfand:


Kramnik musste hier 47. Se4! spielen, ließ sich jedoch zur "Festung" nach 47. Sxd5? Lxd5 48. g5 verleiten. Er hatte dabei jedoch etwas übersehen und musste bald aufgeben.

Kein großartiger Arbeitstag für Vlad, aber modemäßig eine starke Ansage... | Foto: Lennart Ootes

Das längste Schnellschach

Das war der letzte Schnellschach-Tag auf der Grand Chess Tour 2016, und die Spieler hatten ihre Schlüsse daraus gezogen. Obwohl wir keine direkten Einsteller wie am ersten Tag erlebten, waren sich die Spieler darin einig, dass es schwer ist, mit diesem Zeitplan von vier oder fünf Partien zu 25 Minuten + 30 Sekunden umzugehen.

Carlsen: 

Gestern begann ich mit zwei hart umkämpften Remisen. Ich verbrauchte in meinen Partien viel Energie und gegen Ende war ich ziemlich müde. Natürlich ist das keine Entschuldigung dafür, Figuren hie und da einzustellen, aber ich denke, fünf Schnellschachpartien für jeden - das ist hart! Ich würde sagen, viel härter als ein Tag klassischen Schachs

Aronian:

Aronian liegt nach Siegen über Caruana und Nakamura hintereinander in Lauerstellung | Foto: Lennart Ootes

Es ist schwieriger, sich von Niederlagen, oder verpassten Möglichkeiten, zu erholen, daher wird man gefühlsmäßig müde, nicht körperlich, und ich schätze, dass die niedrige Qualität bestimmter Partien - inklusiver vieler von mir - gezeigt hat, dass sich die Spieler nicht so gut erholen.

[Im Blitzschach] ist dir viel mehr egal. Du weißt, dass es Blitzen ist - du wirst was einstellen! Schnellschach liegt irgendwo dazwischen. Du bist immer noch aufgeregt, wie es nach dem Verlust einer langen Partie wäre, hast aber wie im Blitzschach nur sehr wenig Zeit zur Erholung.

MVL:

Maxime gelang am zweiten Tag kein Sieg, hat aber im Blitzschach-Teil noch Außenseiter-Chancen | Foto: Lennart Ootes

Fünf Schnellschachpartien zu spielen, vor allem mit dieser Bedenkzeit, verbraucht viel mehr Energie. Es gibt viel mehr kritische Momente, viel mehr Aufregung, was nicht gut für deinen Körper ist... Es geht schon, aber mir wären entweder drei Tage für den Schnellschach-Teil oder eine kürzere Bedenkzeit wie 15+10 oder sogar 15+5 lieber.

Den Kommentatoren und Berichterstattern geht es da natürlich gleich , aber wie denkt ihr als Schachfans darüber? Ist euch ein beschleunigtes Format lieber als die 6 - 7,5 Stunden, die wir in den letzten beiden Wochen hatten? Lasst es uns doch über einen Kommentar wissen.

Doch kommen wir nun zurück zum Schach!

Für jeden etwas

Es war ein eigenartiger Tag in Leuven, da jeder Spieler (bis auf einen) einen Sieg zu Buche stehen hatte. MVL zählte als einziger nicht dazu, aber er kam einem Sieg unglaublich nahe:


Nakamura hatte soeben den Bauern auf d6 genommen, der jedoch vergiftet war, da 26. ... Td8! mit der Drohung Txd3 tödlich ist. Maxime spielte stattdessen 26. ... Tfc8, und nach 27. Tae1 Txa2 28. hxg6 hxg6 wurde er von 29. Dd7! (und der Drohung 30. Th7+) unangenehm überrascht.

Maxime räumte ein, etwas Glück gehabt zu haben, nach dem Übersehen dieses Zuges nicht noch zu verlieren

MVL hielt diese und zwei weitere Partien remis, aber dann half er Giri, dessen Stimmung und Gesundheit mit dem Verlust eines Turmendspiels in der letzten Runde zu verbessern:

Täglich eine gute Partie, den Doktor siehst so nie.

Wesley So kann mit seiner Arbeit in Leuven bislang zufrieden sein, da er nun der einzige ungeschlagene Spieler und mit nur einem Punkt Rückstand auf Magnus Zweiter ist. Er hatte mit drei Remisen und einem Sieg über Veselin Topalov einen weiteren ruhigen Tag. 

Ruhe bewahren, Grand Chess Tour gewinnen | Foto: Lennart Ootes

Als er mit Jan und Anna sprach, erläuterte er seinen auf Sicherheit bedachten Ansatz, was jedoch ein überraschendes Eingeständnis war:

Wesley So: "Ich versuche nicht [der neue Anish Giri] zu sein, aber ich versuche, Niederlagen zu vermeiden, da ich im Schnellschach die niedrigste Wertungszahl habe"

@chess24.com hat noch nie ein zukünftiger Weltmeister gesagt

Vielleicht ist das aber auch nur Ehrgeiz, der sich hinter Bescheidenheit versteckt, oder denken wir etwa wirklich, dass Wesley in der Eröffnung nicht viele Ideen hat?

Wesley So: "Ich verstecke keine Ideen, da ich nicht so viele habe!"

Jedenfalls wird er sich nach seiner Schnellschach-Leistung in Paris und Leuven weniger Sorgen machen müssen, dass ihn die Gegner wegen seiner niedrigen Wertungszahl als Zielscheibe sehen:

So kletterte 107 Wertungspunkte und 89 Plätze nach oben und liegt nun vor Caruana und Giri | Quelle: 2700chess

Vor den 18 Runden Blitzschach sieht der Zwischenstand nun so aus:


Wie ihr sehen könnt, liegt das Feld ziemlich geschlossen, und selbst Kramnik und Nakamura können noch vorne mitmischen, wenn sie eine Siegesserie starten können - etwas, was man nach Hikarus Leistung in Paris keinesfalls ausschließen kann.

Carlsen wurde daran erinnert, dass er im Blitzschach in Paris einen schlechten Tag gehabt hatte:

Ich hoffe wirklich, dass ich meinen schlechten Tag in Leuven bereits hinter mir habe!

Lasst euch den ganzen Rummel nicht entgehen - am Sonntag, 19. Juni, geht es ab 14:00 Uhr weiter, Jan Gustafsson und Anna Rudolf werden wieder live berichten. Ihr könnt alle Turniere bei chess24 auch über unsere kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


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