Berichte 08.12.2019 | 17:37von Colin McGourty

GCT Finale Tag 5: Carlsens Wunderrettung von London

Magnus Carlsens Serie ungeschlagener Partien in Folge steht nun bei 107, doch gab er freimütig zu, gegen Levon Aronian in der letzten klassischen Partie diesen Jahres vollkommen auf Verlust gestanden zu haben und dass er nur noch auf Tricks gespielt hatte. Am Ende des Tages entkam er der Niederlage "haarscharf". Damit geht er in das Schnell- und Blitzschach am Sonntag mit einer 6-Punkte-Führung. Genauso wie Ding Liren, der seinen gestrigen Fauxpas vergessen ließ und Maxime Vachier-Lagrave ein zweites Mal überspielte. Mit diesem Sieg hat er eine Hand an der Grand Chess Tour Trophäe und dem Preisgeld von 150.000 US Dollar.

Eine traumatische Partie für beide | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

You can replay all the Grand Chess Tour Finals games using the selector below:

Und hier kannst du dir den Live-Kommentar von Peter Svidler, Jennifer Shahade, Alejandro Ramirez und Maurice Ashley noch einmal anhören:

Magnus Carlsen 9:3 Levon Aronian

Die Serie hat gehalten! Seitdem Weltmeister Magnus Carlsen vor 16 Monaten und 8 Tagen beim Schachturnier in Biel gegen Shakriyar Mamedyarov den Kürzeren zog, hat er keine klassische Partie mehr verloren. Seitdem sind nun 107 Partien ins Land gegangen oder 105, wenn man Magnus' Rechnung als Ausgangspunkt nimmt (er zählt die beiden Siege gegen deutlich schwächere Gegner in der norwegischen Liga nicht mit):

Ich persönlich zähle die Partien aus der Liga nicht mit für meine Serie - wäre für meinen Geschmack ein bisschen zu reißerisch. Hoffe, viele von euch morgen zu sehen!

Einige haarige Momente gab es zu überstehen, insbesondere während des WM-Matchs, aber selten musste Magnus so direkt in den Abgrund schauen wie in der Partie am Samstag gegen Levon Aronian in London. Magnus wurde gefragt, ob er Gedanken an seine Serie hatte:

Nicht wirklich. Ich habe wirklich nicht so gespielt wie jemand, der auf keinen Fall verlieren wollte. Ich habe sehr risikofreudig gespielt und ein wenig rücksichtslos und schlecht... Es ist passend, dass ich das Jahr mit einem so knappen Rettungskunststück beende, denn ich hatte zuletzt Einige davon. Und das brauchst du, damit eine solche Serie weiterhin Bestand hat.

Die Chancen auf eine weitere spannungsgeladene Partien schienen groß, da Levon sich für 3.f3 gegen Magnus' Grünfeldindisch entschied. Der Norweger antwortete mit 3…Sc6. Wie Peter live vor der Kamera erklärte, war das nicht seine Empfehlung in seiner chess24 Videoserie. Er selbst denkt, dass 3...d5 in typischem Grünfeld-Stil eher das ist, was man tun sollte. Doch würde 3...Sc6 zu einer "interessanten und unausgeglichenen Stellungen führen, in der man viel Spaß haben kann."


Doch zu Beginn schien Levon den Kampf in der Eröffnung gewonnen zu haben. Mit dem raren 8.Le3 und später 11.h4 ließ er erkennen, dass er offensichtlich aggressive Absichten hatte. Magnus entschied sich, mit 11...b5!? gegenzuhalten. Das Bauernopfer scheint eine Neuerung zu sein - und vermutlich ebenso ein halber Bluff:

Du weißt, dass es eine spannungsreiche Partie wird, wenn du ein Zugpaar wie 11.h4 b5 siehst.

Magnus hatte das Gefühl, dass er die Grenzen des Akzeptablen noch nicht überschritten hatte, bis 23.Th3! auf dem Brett erschien:


Er kommentierte später:

Den Zug hatte ich völlig übersehen. Ich dachte, ich würde immer noch ok stehen, zumindest aus praktischer Sicht. Aber nach dem Zug realisierte ich erst, dass ich vollkommen pleite bin und ich auf Tricks spielen muss. Daher opferte ich einen weiteren Bauern, doch das funktionierte nicht wirklich. Jeder konnte im Anschluss sehen, dass Levon klar auf Gewinn stand.

Nicht zum ersten Mal hätte Levon Magnus' Serie beenden können | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Magnus gab mit 23...d5!? einen zweiten Bauern auf und stand bald objektiv auf Verlust, bis er dann einige Fallen aufs Brett brachte. Das simple 35.Tf5! hätte den weißen Vorteil am Leben erhalten, aber 35.Lc5?! schien ebenfalls auf der Stelle zu gewinnen:


Hätte es auch, wäre da nicht der einzige Zug 35...Td4!, der plötzlich die Partie auf den Kopf stellt. Levons Vorteil ist verfolgen, doch nach 36.Lxd4 Lxf3 37.gxf3 exd4 38.Txd4 bekam er eine zweite Chance:


Nur 38...Dxf6 führt hier zu Ausgleich, da es den gefährlichen weißen Bauern vom Tisch nimmt. Es gab schachliche und psychologische Gründe, warum Magnus genau das nicht wollte. Aus rein schachlicher Sicht macht er sich Sorgen wegen 39.Txd8 Dxd8 40.Kf1 Le7 41.De2, doch wie er im Anschluss bemerkte, ist nach 40…Lg7! und zum Beispiel 41.Se4 Dd3+! alles in bester Ordnung für Schwarz. Stattdessen entschied er sich für das "völlig verrückte" 38...Tb8!?. Doch hatte die Auswahl des Zugs Methode, wenn auch eine wirre:

Ich hätte die Variante etwas länger berechnen sollen, aber zu dem Zeitpunkt dachte ich, dass es keine schlechte Entscheidung sei, die Türme auf dem Brett zu belassen. Immerhin fühlte ich, dass er rumeiert. Und da es für uns beide um praktisch nichts mehr geht, dachte ich, schauen wir einfach mal, was passiert und ob ich ihn überrumpeln kann!

Maurice Ashley fragte nach, ob Magnus auf Sieg gespielt hatte:

Not wirklich auf Sieg, aber zumindest sind nach ...Dxf6 die Gewinnchancen gleich null und ich muss immer noch ein wenig leiden. Daher dachte ich, ...Tb8 ist vermutlich klar schlechter, aber zumindest spielen wir auf drei Ergebnisse.

Wäre das schief gegangen, hätte sich Magnus an die eigene Nase fassen müssen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Wieder einmal brachte Levon Magnus an den Rand der Niederlage, bis Levon dann der Verlockung nicht widerstehen konnte, selbst einen Trick anzubringen:


Rettet Weiß die Dame bspw. mit 43.Dh2, sollte er immer noch auf Gewinn stehen, aber Levon entschid sich für 43.f7?!. Magnus meinte dazu:

43.f7 ist ein hübscher Trick, aber ganz offensichtlich auch völlig unnötig. Und realistisch betrachtet, bringt er mich zurück in die Partie. Das hatte ich wirklich nicht verdient!

Nach dem forcierten 43…Dxf7 44.Tf4 scheint es zunächst so, als ob Schwarz ein trauriges Endspiel akzeptieren müsste. Doch verfügt der Nachziehende über 44…Dg6!! 45.Tf8+ Kg7 46.Dd1 Kxf8 47.Sf4 De8 48.Sxe6+ Dxe6 und das Endspiel ist laut den Computern eben nur ein Remis:


Magnus selbst war diesbezüglich nicht völlig überzeugt, aber er schaffte es, bis Zug 81 zu überleben.

Die letzten Momente in Aronian-Carlsen mit Analyse der Partie im Anschluss. Beide scheinen unglücklich dreinzuschauen!

Er fasste das Geschehene wie folgt zusammen:

Zuallererst war die Partie objektiv gesprochen ganz schreckliche, was die Qualität anging. Ich machte so viele Fehler und er machte auch Einige. Natürlich stand ich völlig platt, völlig auf Verlust, aber ich konnte mich in dieses Damenendspiel retten. Das hatte ich zwar nicht vor, weil ich dachte, dass es für ihn einen Weg zum Sieg geben müsste. Aber ich versuchte, einfach nicht forciert zu verlieren und ich dachte, das wäre der einzige Weg. Wie sich herausstellte, war es nicht so einfach und als wir endlich wieder gleich viel Zeit hatten, war es nicht mehr so schwer.

Jeder will ein Autogramm des Weltmeisters... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

...selbst David Howell, der bei der Britischen Knockout-Meisterschaft Zweiter wurde! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Magnus ist dank des 6-Punkte-Vorsprungs der große Favorit auf Platz 3 der diesjährigen Grand Chess Tour. Das Gleiche gilt für Ding Liren, der das Event gewinnen könnte, auch wenn Maxime Vachier-Lagrave mit verkürzter Bedenkzeit ein brandgefährlicher Gegner ist:

Ding Liren 9:3 Maxime Vachier-Lagrave

Ein glücklicher Ding Liren nach einer weiteren hervorragenden Partie | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Ein weiterer Spieler hatte allen Grund, es schwer zu finden, nach Partie 1 wieder vernünftig ins Match zurückzufinden. Denn Ding Liren verspielte einen großen Vorteil tags zuvor, musste nun auch wieder zur Normalität zurückfinden. Er war in der Eröffnung gut vorbereitet und hatte nicht nur konkrete Züge, sondern auch strategische Ideen im Köcher. 17.Se4! nannte er "eine sehr hübsche Idee."


Er wollte den Zug 17…Sxd5 provozieren (Sf6+ war natürlich eine üble Drohung) 18.cxd5 und nun den anderen Springer via d2 nach c4 bringen, nachdem a3-a4 das Feld c4 schwächen würde. Die Partie war von langfristigen Plänen geprägt, deren Früchte erst mit Zug 44 eingefahren werden konnten. 

Ding ließ es ruhig angehen und zeigte beeindruckende Flexibilität. Im 27. Zug brachte er seinen Turm von e1 nach a1, nur um nach 27...Lh6 ...


…den Turm mit 28.Te1 wieder zurückzubeordern:

Dieser Zug (27.Tea1) schaut so natürlich aus, einen Turm auf die offene a-Linie spielen, aber nach 27...Lh6 ist es nicht so leicht, wenn ich ihn auf e3 schlagen lasse. Da ich den Druck aufrecht erhalten wollte, musste ich zurückgehen und eine andere Idee finden. Zumindest kann ich abwarten und schauen, welche Idee am besten funktioniert.

Ding Liren wird immer besser und besser | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Schlussendlich wurden die entscheidenden Operationen mit 33.g4! am Königsflügel gestartet. Die Spannung kulminierte nach 47...a2:


Es war nicht der einzige Gewinnzug, aber Ding brachte das fantastische 48.Txg7! aufs Brett.

Wieder eine harte Partie für Maxime | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Nach 48…Kxg7 49.Dg1+ Kf8 spielte er den einzigen Gewinnzug 50.Tf5+! Ein glorreiches Ende eines langen Turmmanövers:


50…Sxf5 wird mit 51.Dg8+ Ke7 52.Df7# beantwortet.

Ding Liren war dieses Mal sehr präzise und sachte, als es ums Einfahren des vollen Punkts ging:

Ich habe es mehrfach geprüft! Ich erinnerte mich an gestern und da spielte ich viel zu schnell. Daher habe ich Txg7 mehrmals gegengeprüft.

Boom, Txg7 wurde gespielt! Mit diesem Sieg geht Ding Liren mit 6 Punkten Vorsprung auf MVL ins Finale.

In dieser Form ist Ding sicher der große Favorit auf den ersten Preis von 150.000 US Dollar, aber natürlich kann am Sonntag noch viel passieren. Zwei Schnell- und vier Blitzpartien stehen auf dem Programm. Garry Kasparov wird in der ersten Stunde ebenfalls anwesend sein! Von daher verpasse nichts ab 15 Uhr MEZ hier auf chess24!

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