Berichte 07.12.2019 | 20:18von Colin McGourty

GCT Finale Tag 4: MVLs Wunderrettung im 4-Damen-Endspiel

Ding Liren kreierte erst eine großartige Chance, sich nach Partie 1 des Grand Chess Tour Finals mit 6 Punkten in Front zu spielen, verspielte sie im Anschluss aber auch sogleich. Maxime erhielt so die Möglichkeit, wie durch ein Wunder ein Damenendspiel mit vier Damen Remis zu halten. Daher war es an Magnus Carlsen, der durch seinen ersten Sieg im klassischen Schach im Grand Chess Tour Finale gegen Levon Aronian im Spiel um Platz drei davon zog - und das, obwohl Levon Aronian einige brillante Verteidigungszüge fand, nur um dann in Zeitnot die Partie dennoch aus der Hand zu geben.

Ding Liren und Maxime Vachier-Lagrave hatten schon am Donnerstag beim Pro-Biz Cup ihre Kräfte gemessen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Alle Partien des Grand Chess Tour Finals kannst du hier nachspielen:

Und hier findest du den Live-Kommentar zur ersten Runde:

Maxime Vachier-Lagrave 3:3 Ding Liren

Ein Handschlag unter Gentleman | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Maxime Vachier-Lagrave meinte später zur Partie: 

Die Partie war einfach so schlecht und ich stand nach der Eröffnung einfach grottenschlecht und hatte nichts dafür. Und danach war es einfach nur ein großes Kuddelmuddel.

Auch wenn Maxime, der mit Weiß spielte, eine etwas komprimierte Bauernstruktur als auch einen Springer auf a1 hatte, war die Wahrscheinlichkeit, dass die Partie mit Remis enden sollte, hoch... bis die chinesische Nummer 1 mit Zug 34 in die Vollen ging:


34...g5! war ein Zug, von dem Ding Liren später sagte, er sei "sehr zufrieden" mit ihm und insgesamt fühlte er sich berechtigterweise "in einem sehr gut gespielten Mittelspiel." Die beste Option für Weiß war hier 35.hxg5!, ein Zug, den Maxime fast sofort gemacht hätte. Doch als es richtig scharf wurde, dachte er für fast 30 Minuten nach, bevor er sich schließlich für 35.Dd2?! entschied. Nach 35...gxh4 36.c5 Lxc5 37.Dg5+ Kf8 38.Dxh4 hatte er jedoch einen Bauern weniger und stand vor einer großen Verteidigungsaufgabe. Es war eine schwierige Stellung, wie man gut nach 38...Ke8 39.Da4 sehen konnte:


Der glänzende Zug 30.Dh3!! hätte die Partie auf der Stelle nahezu ausgeglichen, denn 40...Dxb3 41.Dc8+ ist nichts Anderes als ein Dauerschach. Stattdessen ging es normal weiter mit 40.Sxc5 dxc5 41.Sxh5 Sxe4 und Maxime gab zu, dass er hier überlegte, ob er nicht aufgeben sollte. Doch dann sah er ein paar Chancen, mit dem g-Bauern im Trüben zu Fischen.

Zeit, um das Jacket auszuziehen! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Das alles hätte zwar nicht reichen sollen, aber als der Bauer bereits g6 erreichte, hatte Weiß realistisches Gegenspiel aufgezogen.


Der einzige Gewinnzug hier war 66...fxg6!, doch beide Spieler waren sich einig, dass Schwarz seine Hoffnungen nicht darauf gesetzt hatte. Ding Liren:

Ich hatte dieses 66.g6 gar nicht auf dem Schirm. Ich spielte 65...Kd3 zu schnell, zumindest hätte ich es berechnen sollen. Ich dachte, ich stünde so oder so auf Gewinn, aber g6 habe ich völlig übersehen. Und es scheint die beste Möglichkeit zu sein, auf g6 zu schlagen. Aber genau diese Stellung wollte ich nicht, weil es keinen klaren Weg zum Sieg gibt. Er hatte keinen offensichtlichen Weg zum Remis, aber ich glaube, das ist meine beste Chance. Insbesondere in Zeitnot ist es für SChwarz gar nicht leicht zu spielen.

Maximte meinte, dass das Schlagen auf g6 "sehr remislich" aussieht und auch nach 66…c2, wie Ding nach 9 Minuten spielte, “sieht das in meinen Augen völlig gewonnen aus”. Bald standen vier Damen auf dem Brett nach 67.gxf7 c1=D 68.f8=D, doch obwohl Ding das erste Schach mit 68…Dh1+ geben konnte, gibt es überraschenderweise nach 69.Kg3 De5+ 70.Dgf4! einfach keinen Gewinn mehr:


Maximes Erklärung, warum Weiß hier nicht völlig auf Verlust steht, basiert auf verborgenem, quasi arkanem Wissen über Damenendspiele!

Der Bauer auf f3 ist entscheidend für mein Vorhaben - und auch meine Damen sind sehr gut platziert, besonders die Dame auf f4. In Damenendspielen sind f4, f5, c4 und c5 die besten Felder für die Dame im Allgemeinen, und hier hat sie mich vor vielen Schachs geschützt. Natürlich ist auch die Stellung des Königs auf d3 unglücklich, denn oft hatte ich etwas wie Df5+, um Schachs mit Gegenschach zu beantworten, oder eben Dd6+.

Ding gab zu, dass er nicht gesehen hatte, wie er nach 76...Da2+ den weißen König ins Grab befördern sollte:


Ding ging davon aus, dass der König auf die d-Linie flieht, wonach Schwarz tatsächlich mattsetzen kann. Aber MVL spielte den einzigen Zug 77.Kf6! und es stellt sich heraus, dass der schwarze König absolut sicher ist, solange er zwischen f6 und e6 pendelt. Ein bemerkenswertes Endspiel endete schlussendlich nach 90 Zügen mit der Punkteteilung.

Ding Liren konnte es nicht fassen, dass ihm Maxime in einer bemerkenswerten Partie von der Schippe springen konnte.

Es war schwer, im Anschluss die Partie zu analysieren!

MVL und Ding analysieren ihre Partie

Maxime war natürlich froh, entkommen zu sein. Aber über die Qualität seines Spiels machte er sich keine Illusionen:

Natürlich ist es super, nicht verloren zu haben. Das ist aber auch das einzig Positive, das ich von der Partie mitnehmen kann. So wie ich heute gespielt habe, ist das eines Finals unwürdig. Von daher muss ich morgen einen Gang hoch schalten.

Ding zeigte sich mit seinem Spiel im MIttelspiel zufrieden, aber natürlich war er enttäuscht über die verpasste Chance, sich einen Vorsprung von 6 Punkten im Finale zu sichern:

Irgendwie werfe ich Gewinnstellungen zuletzt häufiger weg. Ich weiß nicht, warum, aber ok. Morgen ist eine andere Partie!


Magnus Carlsen 6:0 Levon Aronian

Levon Aronian machte mit seinem Hemd bereits klar, dass er Blut sehen wollte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Magnus Carlsen hingegen hat nun eine 6-Punkte-Führung im Kampf um Platz 3 und das, obwohl die Geschwindigkeit, mit der Levon die Eröffnung spielte, einem den Eindruck geben konnte, dass Levon wusste, wie er gegen Magnus' Londoner System mit 3.Lf4 spielen sollte. Doch Weiß hatte ausgangs der Eröffnung Vorteil und Magnus verwandelte diesen später in einem materiellen Vorteil von Leichtfigur und zwei Bauern gegen einen Turm. Dank dieses Materialverhältnisses dominierte er das Brett. Levon spielte zwar ebenfalls scharf, aber dennoch...:


43…Tb7! und Magnus hatte viele gute, aber auch einige schlechte Fortsetzungen zur Hand. 44.Dxd6?? Dxf2+ ist ein matt in vier Zügen, während das Einsammeln der Qualität mit 44.Lxb7 Dxb7+ wohl zum Ausgleich führt, bspw. nach 45.Kg1 Lxg3! 46.fxg3 Df3. Stattdessen entscheid sich der Weltmeister für das Endspiel nach 44.Dxa7 Txa7 45.b4. Levon hatte bereits nur noch drei Minuten ohne Inkrement und konnte im Anschluss sich nicht mehr präzise verteidigen.


Hier war 45...Tb8 statt 45...Tc8 wohl ein Fehler. Doch auch wenn Schwarz noch Chancen auf Rettung nach 46.c4 besaß, meinte Peter Svidler, dass die Stellung aus praktischer Sicht gegen Magnus in Zeitnot einfach verloren sei. Der Weltmeister gewann dann auch in 66 Zügen. Damit schaffte er es vielleicht, sich der Frustration zu erledigen, im Halbfinale gegen MVL ausgeschieden zu sein und nun nur noch um Platz 3 zu spielen - falls es überhaupt Frustration gegeben haben sollte! 

Doch dies war sicherlich Frustration! Magnus Carlsen und der DeepMind-Gründer Demis Hassabis konnten das Patt gegen Levon Aronian und den Managing Director von Insight Strategic Associates, Justin Baptie, während ihrer Partie beim ProBiz Cup nicht verhindern| Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Magnus fand nach der Niederlage im Halbfinale sogar noch Zeit, ein wenig Fußball zu spielen:

Wir spielten ein Match 5 gegen 5 und hatten einen illustren Gast. Kein Geringerer als Magnus Carlsen zeigte uns, was er drauf hat.

Sollte Levon mit diesem Rückstand am Sonntag ins Schnellschach und ins Blithzen gehen, hat er eine schier unmögliche Aufgabe vor sich, aber am Samstag könnte er mit den weißen Steinen im klassischen Schach zurückschlagen. Natürlich klingt es einfacher, Carlsens Serie von 106 ungeschlagenen Partien in Folge zu beenden, als es dann ist.

Das FIDE Open bei den London Chess Classic ist derweil zu Ende gegangen. Der 14 Jahre indische Superstar GM Praggnanandhaa teilte das Preisgeld von £3,500 mit dem 18 Jahre alten Australier GM Anton Smirnov, nachdem sie sich in der letzten Runde im direkten Vergleich mit Remis tretten. Damit klettert Pragg über die 2600 Elo in der Live-Rangliste, auch wenn er in ein paar Tagen noch beim Sunway Sitges International Chess Festival teilnehmen wird.

Der 14 Jahre alte Praggnanandhaa ist der zweitjüngste Spieler aller Zeiten, der die 2600 überschreiten konnte | Foto: Lennart Ootes, London Chess Classic

Bei der Britischen KO-Meisterschaft hatte ein verwirrendes Format, das gefühlt täglich oder gar stündlich wechselte. Zuerst gab es keine klassischen Partien im Finale und dann wurde das dritte Stechen zwischen Gawain Jones und Luke McShane zu einem legendären Aufeinandertreffen:


Hier in der ersten Partie könnte man annehmen, dass beide Spieler noch auf beide Seiten rochieren können. Tatsächlich wurden die Partien aber nach den von Vladimir Kramnik vorgeschlagenen Regeln gespielt - also ohne die Möglichkeit, die Rochade auszuführen!

"Hey Leute, kurze Regeländerung vor der Partie: Rochieren ist nicht erlaubt!" | Foto: Lennart Ootes, London Chess Classic

Den Computerbewertungen kann man also nicht trauen und Lukes 13.Kf2!? ist zumindest erklärbar, auch wenn nach 13…Sg4+ 14.Ke2 Db4 der weiße König offenbar ins Feuer des Gefechts geraten ist. In der Folge war die Partie alles andere als locker und Gawain Jones konnte diese erste Partie sogar gewinnen. Dann doch schlug Howell in Partie Nummer 2 zurück:

Hier ein wenig solide Anti-Schach Propaganda.

Insgesamt kann man jedoch sagen, dass die Beweislast für das Anti-Schach nicht so herausragend war. Denn Mickey Adams gewann noch drei weitere Partie zum Stand von 12:4 im Finale der Britischen KO-Meisterschaft. Lediglich ein totaler Kollaps beim sonntäglichen Blitz kann Mickey nun noch davon stoppen, die 10.000 Pfund für den ersten Preis zu verspielen.

Zuletzt wurde es verdammt knapp, aber noch ist Mickey Englands Nummer 1! | Foto: Lennart Ootes, London Chess Classic

Am Wochenende beginnt das Schach dort zwei Stünden früher als sonst, also ab 15:00 Uhr MEZ. Die Partien kannst du natürlich wie immer live hier bei chess24 verfolgen!

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