Berichte 04.12.2019 | 08:24von Colin McGourty

GCT Finale Tag 1: Verrückte Komplikationen

Magnus Carlsen und Maxime Vachier-Lagrave starteten ins Londoner Finale der Grand Chess Tour mit einem fantastisch komplizierten Kampf im Najdorf-Sizilianer. Aronian hatte vorhergesagt, dass "dort die Fetzen fliegen werden!" Er lag damit zwar nicht völlig falsch, da Maxime im Mittelspiel seine Chancen hatte. Doch dann verpasste er die beste Fortsetzung im Mittelspiel und Magnus fand eine brillante Ressource... nur um dann festzustellen, dass diese für ihn gar nicht gewinnt. Weniger Drama gab es zwischen Aronian und Ding. Der Armenier verwies auf seinen Jet Lag und meinte, dass er damit erst klarkommen müsse, bevor er schachlich richtig loslegen könne.

Wenn Magnus sagt, dass er "die Partie sehr verwirrend" fand, was soll dann der Rest von uns denken! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Alle Partien des Finals der Grand Chess Tour in London kannst du hier nachspielen:

Und hier findest du den Live-Kommentar des Tages:

Levon Aronian ½ - ½ Ding Liren

Levon gab zu, dass seine Energie nur ausreichte, um sich eine halbe Stunde vorzubereiten vor der Partie | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Levon Aronian wählte gegen Ding Lirens Semi-Tarrasch Verteidigung den Zug 6.g3, womit die Bühne für die Partie bereitet war:


Die chinesische Nr. 1 merkte an, dass dies eine "solide" Nebenvariante im Vergleich zu 6.e4 und 6.e3 sei und Levon damit bereits Wang Hao beim Grand Swiss auf der Isle of Man besiegte - und er damit Wang Hao dessen einzige Niederlage zufügte.

Levon bestritt gar nicht, dass er mit angezogener Handbremse spielte und verwies auf den Zeitunterschied von 4,5 Stunden zwischen London und Kalkutta, der ihm schwer zu schaffen machte:

Ich hatte einen wirklich schlechten Schlaf, also fühlte ich, dass ich einfach nur auf Nummer sicher gehen musste. Es passiert, wegen des Jetlags und dem Gefühl, ein wenig krank zu sein.... Wenn man genug Energie hat, um sich nur für eine halbe Stunde vorzubereiten, dann ist es eines dieser Dinge. Du musst es nur durchgehen lassen. Wie man so schön sagt, es ist wie ein Nebel. Es muss vorbei sein, und dann kämpfst du!

Das Schönste an der Partie war vielleicht die Abwicklung ins Remis:


24.Dxa7! Txc3! 25.Dxf7+ Kh7 26.Dg6+ mit Remis durch Dauerschach.

Levon Aronian und Ding Liren starten in ihr Halbfinale der Grand Chess Tour mit einem Unentschieden

Peter Svidler merkte an, dass Aronians "Hoffnung auf einen guten Schlaf heute Abend" nicht das allerunwichtigste Ziel sei, während Ding mit seinem Start sehr zufrieden war:

Natürlich bin ich mit dem Ergebnis heute zufrieden - ein Remis mit Schwarz.

Ding Liren kommt mittlerweile auch mit Interviews anscheinend ganz gut zurecht | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

An einem anderen Brett gab es jedoch viel mehr zu sehen und Levon fasste Magnus' Konzept in der Eröffnung wie folgt zusammen:

Seine Idee ist, Maxime zu verwirrten, indem er etwas spielt, dass er vermutlich analysiert hat. Aber es sieht sehr ungewöhnlich aus, von daher denke ich, dass es bald ein richtiger Kampf sein wird. Da werden die Fetzen fliegen!

Magnus Carlsen ½ - ½ Maxime Vachier-Lagrave

Zak brachte die Spieler in gute Stimmung, bevor die Partien losgingen! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Im Vorspiel zur Partie eröffnete der junge Zak Middlehurst mit 1.Sc3 für Magnus und bemerkte dann aber seinen Fehler. Sein zweiter Versuch: 1.Sf3!

Das Kind war urkomisch

Die Nr. 1 und 4 der Welt waren nicht so lustig gestimmt, aber sie unterhielten uns gut mit der gewählten Eröffnung. Maximes Najdorf war nicht schwer vorherzusagen, doch den siebten weißen Zug konnte Maxime kaum vorausahnen - 7.f3 ist nur der neuntmeistgespielte Zug an dieser Stelle (7.f4 ist die klare Hauptvariante) und weder Magnus noch Maxime hatten die Stellung jemals zuvor auf dem Brett.


Magnus erläuterte nach der Partie seine Gründe:

Ich wollte etwas Neues probieren, eine Stellung kriegen, in der wir uns beide nicht auskennen. Und das klappte ganz gut.

Maxime stimmte zu, doch auch, wenn er gegen 1.e4 immer die gleiche Eröffnung spielt, kann das manchmal auch ein Nach- und nicht nur ein Vorteil, sein, wie er erklärte:

Ich dachte, meine Stellung sei immer gesund gewesen. Ich glaube daher nicht, dass jemand, der Najdorf ein Leben lang spielt, von dieser Variante Angst haben wird, aber natürlich war Magnus bereit für das Duell.

Ein Selfie mit Mr. Najdorf | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Er nutzte seine Erfahrung, um die Partie in eine ihm vertraute Richtung zu lenken, indem er 7...h6 spielte, so dass er nach 8.Le3 wieder ein Stellung auf dem Brett hatte, die er gut kannte, nur mit dem h-Bauern auf h6 statt h7. Ein Faktor, der für beide Spieler nicht eindeutig von Vorteil war. Magnus versank in Gedanken, als er eine Stunde für die Züge 14-16 verbrauchte, wobei ein kritischer Moment nach 15.g3 entstand:


Magnus erklärte sein Nachdenken:

Im Allgemeinen ist die Stellung nicht leicht zu spielen und es ist klar, dass ich g4 nicht nicht bald werde spielen kann. Von daher dreht sich die Partie so ein bisschen darum, ob Schwarz ...d5 vorteilhaft durchsetzen kann oder nicht.

Eine verwirrende Partie | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Es scheint, dass 15...d5! sofort stark war, aber nach den "verrückten Komplikationen" (ein Beschreibung, die Magnus mehrmals benutzte), die sich nach 16.Lf4 e5 17.exd5 Sxd5 18.Sxd5 Lxd5 19.Lh3 ergeben, gab er zu: "Eer weiß schon, was hier los ist!" Stattdessen spielte Maxime zuerst 15...Se5 16.Tg2 0-0 17.h3 und erst jetzt 17...d5, obwohl sich das letztendlich als sehr effektiv hätte erweisen können, da es für beide Spieler eine komplizierte Stellung war, in der man viele Fallstricke übersehen konnte. Magnus dachte, dass er nach 22.Te2 gut stände:


Maxime kommentierte: "Hier dachte ich an 22...b4, aber ich dachte einfach, es sei zu langsam", also entschied er sich für 22...Bd5!?, "eine viel sicherere Art, Gegenspiel zu bekommen". 22...b4 hätte allerdings funktionieren können, da sich ein verwirrter Magnus nach der Partie fragte: "Ich verstehe immer noch überhaupt nicht, warum der Computer einen so großen Vorteil für Schwarz zeigt". Er offenbarte die Variante 23.axb4 Lxb4 24.Lg2 Tfd8 26.Lxe4 Lxe4 27.Dxe4 und fragte: "Was ist das Problem?" Dann entdeckte er, dass dieses in 26....Qb6! zu liegen schien!


Der Springer auf d4 ist gefesselt und ...Tc4 wird ihn einfach abholen!

Magnus hätte das im Vorfeld zu 22...b4 durchaus finden können, doch auch Maxime fand es nicht. Maxime übersah seinerseits nach 26...Tfd8 Magnus' Konter 27.c4!!

Carlsen findet das exzellente 27.c4! Der Weltmeister auf voller Höhe seines Könnens. Kann er den Angriff überleben?

Der Weltmeister erklärte, dass der Zug alles andere als defensiv gedacht war: "Offen gesagt dachte ich, nach c4 auf Gewinn zu stehen." Maxime befürchtete das Gleiche und wähnte sich glücklich, dass er eine Ausrede fand: 27…bxc4 28.Ted2!? (nur mit 28.Sa4 konnte man auf Vorteil spielen) 28…Da1+! (28…Txc5!! 29.Dxc5 Tb8! war ebenfalls Remis, aber das sah keiner der Spieler) 29.Kc2 Da2 und die Drohungen ...c3 und ...Lb3+ erzwangen 30.Kc1 mit Friedensschluss durch Zugwiederholung.

Carlsen gegen MVL endet nach 32 Zügen Remis. Eine von beiden Seiten brillant gespielte Partie!

Eine fantastische Partie der beiden, in der keine es verdiente, zu verlieren. Magnus sagte im Anschluss:

Das hing wohl von der Eröffnungswahl ab. Wenn man eine Variante ohne forcierte Züge spielt und auf entgegengesetzte Flügel rochiert, dann wird es sehr kompliziert. Natürlich wollten wir das beide und in solchen Fällen machen wir auch alle Fehler.

Falls das Theater des Olympischen Pressezentrums normalerweise nicht so voll ist, liegt das daran, dass es ansonsten spannendere Dinge dort zu sehen gibt | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Maxime versprach weiter:

Wir sind bereit zu kämpfen! Das war ein guter Kampf und es nicht so, dass wir dafür prinzipiell unvorbereitet wären. Ich bin bereit, morgen wieder den Kampf zu suchen.

Ein großer Kampf endete dann an diesem Tag aber doch noch mit Blut, da Gawain Jones gegen David Howell in der Britischen KO-Meisterschaft unterlag. Howell stand nach 16 Zügen auf Verlust, nachdem er das typischerweise unkluge ...f6 gespielt hatte. Aber Gawain verpasste es, die Partie alsbald zu beenden, obwohl der schwarze König in der Mitte des Bretts gefangen war:


21…Dxd6!? war vielleicht schon Verzweiflung, aber nach 22.exd6 Lxd4+ triumphierte er dennoch, nachdem er mehrere Kugeln überlebte und schlussendlich dank der d- und e-Bauern gewann:

David Howell geht gegen Gawain Jones bei der Britischen KO-Meisterschaft in Führung dank einer Partie, die sich komplett gedreht hatte

Was für eine Partie. Und die sechs Punkte für den Sieg helfen David sicherlich, sich bis ins Finale zu qualifizieren, wo  er auf Mickey Adams oder Luke McShane treffen würde, die ihre Partie remisierten.

Am zweiten Tag der Grand Chess Tour kannst du die Partien hier auf chess24 verfolgen!

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