Allgemein 09.09.2014 | 17:24von IM Georgios Souleidis

Garry Kasparov über die FIDE-Präsidentschaftswahl

Nach Beendigung des Sinquefield Cups sahen wir beim Showmatch, wie sehr sich Garry Kasparov über Siege am Brett noch freuen kann. Es ist eine Erfahrung, für die er besser bekannt ist, als jeder andere Mensch auf dieser Welt, aber bei der letzten Präsidentschaftswahl erlitt er mit 110:61 gegen den amtierenden Präsidenten Kirsan Ilyumzhinov eine bittere Niederlage. In seiner ersten tiefergehenden Analyse erklärt er exklusiv auf chess24, warum er zur Wahl antrat, was falsch lief und was passieren wird.

FIDE versus Schach

von Garry Kasparov

Kasparov war überall in Tromsø | Foto: Georgios Souleidis 

Die FIDE-Präsidentschaftswahl in Tromsø fand vor einem Monat statt und ich würde gerne einige Missverständnisse aus dem Weg räumen, nachdem die Emotionen abgekühlt aber die Erinnerungen noch frisch sind. Mein Ruf basiert auf der Wahrheit, für meine Erfolge und für meine Fehler. Wie Botvinnik mir beibrachte: Der Spieler, der sich vor der Wahrheit versteckt, wird nichts dazulernen.

Der Artikel ist keine Chronologie meiner Kampagne als FIDE-Präsident. Wie während der gesamten Kampagne selbst bin ich immer noch mehr an der Zukunft des Schachs als an ihrer Vergangenheit interessiert. Es gibt viele Lektionen nach dieser Erfahrung zu lernen, falls sich die politische Situation in der Schachwelt verbessern soll – auch wenn es unklar ist, dass das geschehen wird. Manchmal kann ein Fieber nicht mit den besten Antibiotika bekämpft werden, sondern man muss es wüten lassen mit der Hoffnung, dass der Patient nicht stirbt. Der Abscheu, den ein großer Teil der Schachwelt gegenüber Ilyumzhinovs FIDE empfindet, hat noch nicht den Punkt erreicht, an dem die FIDE verändert werden kann. Tatsächlich ist es die größte Leistung der aktuellen Führung, dass sie es in den letzten zwei Jahrzehnten geschafft hat, ihre Macht innerhalb der FIDE zu isolieren und zu beschützen unabhängig von der aktiven Schachwelt und dem Erfolg des Sports.

Schach wird auch ohne eine kompetente und transparente Führung in der FIDE weitergehen, natürlich, und ich werde weiter hart arbeiten, um ein Teil der realen globalen Entwicklung des Spiels zu sein: Kommerzielles Sponsoring, Bildung, Soziale Netzwerke und Technologie sind eine vielversprechende Zukunft, für die es sich zu kämpfen lohnt.

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An einen bestimmten Punkt stellte ich fest, dass diese Ziele besser realisiert werden können, wenn die FIDE nicht ein Hindernis, sondern ein Motor dieser Agenda wäre. Die privaten Sponsoren meiner Bildungsstiftungen auf der ganzen Welt und meiner Kampagne wären in der Lage die Schatullen der Unternehmen für kommerzielle Unterstützung durch die FIDE zu öffnen, anstatt nur ihr eigenes Geld in meine nicht auf Gewinn ausgerichtete Stiftungen wandern zu lassen. Als klar wurde, dass ich ausreichende finanzielle Unterstützung haben würde, um in der ganzen Welt zu reisen und Schach zu fördern - ich glaubte, das ist notwendig, um gegen den 19 Jahre im Amt herrschenden Präsidenten bei den Wahlen anzutreten – fing ich an, mein Team zusammenzustellen.

Ilyumzhinovs Herausforderer im Jahr 2010, Anatoly Karpov, begleitet den amtierenden Präsidenten zur Eröffnungsfeier der Schacholympiade in Tromsø | Foto: Georgios Souleidis 

Einige unserer Vermutungen im Sommer 2013 stellten sich als erheblich falsch heraus, was aber nur ein Jahr später deutlich wurde. Die erste und schädlichste falsche Hypothese war, dass wir die Unterstützung der gesamten anti-Kirsan, pro-Schach, pro-Reform-Koalition, hauptsächlich ansässig in Europa, hinter uns haben würden wie Bessel Kok 2006 und Anatoly Karpov 2010. Das würde mir, so glaubte ich, eine anfängliche Basis von ungefähr 35 Stimmen geben, auf die ich aufbauen kann – und ich hatte ein Team und Geld, auf das sie nicht aufbauen konnten. Ich wusste aus meinen Erfahrungen in Afrika, dass viele Verbände müde von Ilyumzhinovs gebrochenen Versprechen waren und dass Schach dort große öffentliche Unterstützung genießt und bereit ist, um Fortschritte zu erzielen. Wir waren nicht sicher, ob wir eine Mehrheit in Afrika erzielen können, aber eine Teilung war möglich. Ignatious Leong hat eine lange Geschichte als unermüdlicher Förderer des Schachs in Ostasien  und mit ihm in meinem Team könnten wir zumindest eine Teilung der asiatischen Stimmen erreichen. 

Diese Berechnungen bedeuteten, dass sogar mit nur sieben Stimmen aus dem gesamten amerikanischen Raum, wo die meisten Verbände von der FIDE und dem Vierteljahrhundert-Präsident Jorge Vega dominiert werden und schon so lange leiden, dass sie keinen Ausweg sehen, es möglich ist, die für den Sieg nötigen 89 Stimmen zu erreichen – z.B. 35-38 von 54 in Europa, 20-22 von 40 in Afrika, 23-25 von 48 in Asien, 7-9 in Amerika.

Es gibt zahllose Faktoren im Spiel während einer einjährigen globalen Kampagne, ohne dass man weiß welche die größte Bedeutung haben. Mein Gefühl nach dem Start der Kampagne im Oktober in Tallinn war, dass viele Verbände eine Abwartehaltung bevorzugen, sozusagen als Zaungäste ohne sofort sich festzulegen, und schauen, ob meine Kampagne wirklich finanziell so gut unterstützt wird und ich meine Versprechen halten kann. Das konnte man erwarten, insbesondere nachdem Ilyumzhinov bei der letzten Wahl unbesiegbar erschien, aber es war enttäuschend, dass diese nervöse Haltung sogar von einigen der großen europäischen Verbände, die den größten Nutzen von einer FIDE-Reform hätten, kam. Es war ein Zeichen für die Dinge, die kommen sollten.

Kasparov am Spielort in Tromso | Foto: Anastasiya Karlovich 

Ich habe Karpovs Kampagne 2010 aktiv unterstützt und wusste, dass ich geringe Erfahrung mit den Verbänden weltweit hatte, deswegen war es ein vorrangiges Ziel das zu ändern. Der einzige Weg, um den Job angemessen durchzuführen, war aus erster Hand zu lernen und das bedeutete, dass ich viel reisen muss. Ich besuchte dutzende Verbände, von Island bis Südafrika, von Australien bis El Salvador. Es wurde sehr deutlich in welch traurigem Zustand sich die Schachwelt befand, politisch. Verbände suchten verzweifelt nach Unterstützung und hatten keine Idee, wie sie sie erhalten sollen. Sie sahen die FIDE als autoritäre Erziehungsperson, die sie bestrafte oder belohnte, anstatt sie zu repräsentieren oder zu unterstützen. In der Tat, Ilyumzhinovs Slogan lautete während der Kampagne “FIDE first” und meine Antwort war, das das genau das Problem ist. Es muss „Verbände zuerst“ heißen, mit Umkehrung des Flusses von Autorität und Geld.

Diese Unterhaltungen illustrierten auch, dass es verwirrend und diskriminierend ist, wenn die FIDE nur auf Englisch geführt wird. Dementsprechend erweiterte ich meine Pläne, um alle offiziellen FIDE-Materialien in jeder Hauptsprache anzubieten und je nach Mittelbeschaffung neue FIDE-Sprachkommissionen einzuführen – zu Beginn Spanisch, Französisch, Arabisch, Russisch, Portugiesisch, Südslawisch und Mandarin.

Diese Reisen bestärkten die Pläne und Strategien, die ich im Sommer 2013 entwickelt hatte und die die Vergrößerung der Schachaktivitäten als Top-Priorität vorsahen. Die FIDE sollte die Verbände stabilisieren, sie stärken und Anreize schaffen, um das zu tun, wofür sie vorgesehen sind: Teilnahme vergrößern. Mit mehr Spielern hätten wir mehr Energie, neue Ideen, und natürlich neue Sponsoren. Es ist nicht genug für Schach ein positives Image als Spiel oder als pädagogisches Instrument zu haben. Um große Sponsoren zu locken, brauchen wir größere Zahlen. Wir müssen die Millionen Gelegenheitsspieler und Fans in das System integrieren, um wahrgenommen zu werden. Wir müssen die Basis vergrößern, indem wir Millionen von Schachspielen und Uhren verteilen und die neuen Spieler in das globale Wertungssystem eingliedern.

Meine Reisen zeigten mir auch überdeutlich, dass Schach groß und universell ist, aber die FIDE ist klein und isoliert durch ihre Korruption und der vermehrten Abhängigkeit durch Putins Russland. Wie der kürzlich veröffentlichte Brief des Präsidenten des norwegischen Schachverbands, Jøran Aulin-Jansson, aufzeigt, gibt es viele Sportarten mit einer viel kleineren Spielerbasis, die sehr erfolgreich darin sind privatwirtschaftliche Sponsoren anzulocken und für ihre Veranstaltungen Angebote zu erhalten. Dagegen hat die FIDE noch nicht einmal einen angemessenen Sponsor für das WM-Match zwischen dem charismatischen neuen Champion Magnus Carlsen und dem in Indien geliebten Veteran Vishy Anand gefunden. 

Größere Aktivitäten zu fördern, wurde zu einem der zentralen Pfeiler unserer Strategie. Die Schritte um das zu erreichen, beinhalteten: Schuldenerlass für alle Verbände (bedingungslos, nicht als politisches Druckmittel), Reduzierung und Eliminierung der Verbandsgebühren an die FIDE, Verteilung von Entwicklungshilfe, so dass die Verbände ihre Aktivitäten vergrößern können. Auch…Anreize schaffen, damit die Verbände mit mehr Spielern und mehr Veranstaltungen belohnt werden. Es ist kein Geheimnis, warum Ilyumzhinovs FIDE gegen solche Maßnahmen ist, obwohl sie sagen, dass diese Schulden trivial und die Gebühren gering sind. Sie sorgen für ein Druckmittel, das die FIDE nutzt, um die Verbände einzuschüchtern und zu kontrollieren – z.B. haben der spanische und serbische Schachverband zehntausende von Euros an Schulden, so dass sie sehr anfällig sind gegenüber Ilyumzhinovs Versprechen diese im Gegenzug für eine Stimme zu erlassen. FIDEs Message lautet: „Tut, was wir sagen, bleibt loyal, und wir helfen euch eine Weile zu überleben.“ Das ist ein furchtbarer Weg einen Verband zu führen, oder Schach zu fördern – Verbände werden aktuell für mehr Aktivität durch mehr Gebühren bestraft – aber es ist ein guter Weg die Kontrolle zu behalten.

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Garry Kasparov kurz nachdem das Ergebnis der Präsidentschaftswahl verkündet wird | Foto: Georgios Souleidis

Das Ergebnis der Wahl, eine katastrophale Niederlage mit 61-110, sagt eine Menge aus, aber nicht alles. Wir wissen, was 110 Wähler ablehnten, wir wissen aber nicht warum. Wir wissen, was mein Team und ich angeboten haben, aber nicht was Ilyumzhinovs Seite anbot, das so attraktiv für sie sein kann. Die Zukunft des Schachs war anwesend während der Generalversammlung und wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Sogar Europa folgte dem Weg des Status Quo für weitere vier Jahre ohne Reform oder Fortschritt. Warum?

Die Furcht vor dem Ungewissen ist häufig schwierig zu überwinden. Sogar wenn Dinge nicht besonders gut laufen, kann ein radikaler Wechsel einschüchternd sein. Um die Ängste der Verbände und Delegierten so sehr wie möglich zu mindern, war ich bereit eine 10-Millionen-Dollar-Garantie einzureichen von einem meiner Mitglieder im Team, Rex Sinquefield, der viel mehr als diese Summe aus eigener Tasche in den letzten Jahren in Schach gesteckt hat. Eliminierung von Schulden und Gebühren, freie Verteilung von Millionen von Schachspielen und 50.000 Digitaluhren, ein prestigeträchtiges neues Zuhause für den WM-Kampf Carlsen-Anand mit vollem kommerziellen Sponsoring – alles stand bereit, um einen Tag nach Tromsø eingeleitet zu werden! Das wurde alles abgelehnt, ganz zu schweigen von einem kompetenten neuen Management und Team.

Kirsan Ilyumzhinov im Moment der spontanen Entscheidung alles zu verdoppeln, was Rex Sinquefield anbietet | foto: Georgios Souleidis

Anstatt die strahlende Zukunft zu umarmen, streckten die Delegierten ihre Hände aus und erwürgten sie. Sie lachten und jubelten, als Kirsan nach meiner Rede mit alberner Prahlerei 20 Millionen Dollar in den Raum warf, als ob man seine lange Geschichte durchtränkt von Lügen und gebrochenen Versprechen mit einer Garantie eines Rex Sinquefield vergleichen könnte. Der Vizepräsident, Georgios Makropoulos, gab später fröhlich zu, dass Ilyumzhinovs Versprechen Lügen seien. Das ist die Sprache der FIDE derzeit; sie verstehen nicht den Unterschied zwischen ehrlichen Versprechen ehrlicher Leute mit Reputation und der Routinelügen, die sie von Ilyumzhinov alle vier Jahre zu hören bekommen. Nach so vielen Jahren dieser Mentalität können sie nicht den Unterschied zwischen echtem Geld und Spaßgeld erkennen. Sie wählten weitere vier Jahre von dem Gleichen, ohne echten Online-Initiativen, nichts an Bildung, nichts außer einigen professionellen Elite-Veranstaltungen in der früheren Sowjetunion mit undurchsichtiger Finanzierung.

Am Tag vor der Wahl attackierten Ilyumzhinovs Unterstützer Makropoulos, Azmaiparashvili, Huba und Filatov einen Bericht von Silvio Danailov in der Versammlung der Europäischen Schachunion, der lose auf einigen Veranstaltungen mit geringer Relevanz basierte – und korrekterweise, um ehrlich zu sein. Aber Ilyumzhinovs FIDE-Bericht war noch viel schlechter, ohne jegliche Substanz, und keine Kritik war zu hören. Der Bericht erwähnte noch nicht einmal das Abkommen mit Agon – nach gewöhnlichen Maßstäben eine bedeutende Vereinbarung. Und wie üblich war jede FIDE-Erklärung über Schach und Bildung ein Schwindel. Z.B. erwähnte der Bericht einige Schulprogramme in Mexiko, die vor Ort noch nicht einmal angedacht worden sind – im Gegensatz zu Ilyumzhinov hatte ich mehrere Treffen mit Offiziellen von Bildungseinrichtungen. Ein Programm, das aktuell funktioniert, ist in Makropoulos´Griechenland, aber es wurde von der Kasparov Chess Foundation ins Leben gerufen! Und es breitet sich aus, nebenbei erwähnt.

Der Sieger und Verlierer werden von der Presse angefallen | Foto: Georgios Souleidis

Wie es sich für einen Mann aus Norwegen, der Heimat des Nobelpreises, geziemt, ist JJ in seinem Brief sehr großzügig, wenn er annimmt, dass manche der 110 in bestem Interesse für das Schach abstimmten. Natürlich kann ich nicht das Gegenteil beweisen, obwohl die Indizienlage für mich überzeugend genug für eine Verurteilung wäre, wäre ich ein Richter! Ich glaube auch nicht, dass die vielen Mythen und Verleumdungen, produziert von Ilyumzhinovs Propagandamaschine, einen entscheidenden Effekt hatten. Ich möchte mich aber über einige äußern, da ich, im Gegenteil zu Ilyumzhinov und seinem Team, auf meinen Ruf achten muss.

Für mich ging es in dieser Kampagne um die Zukunft des Schachs. Erstaunlicherweise interessierte es meinen Gegner überhaupt nicht über die Zukunft zu diskutieren, er machte nicht einmal seine üblichen leeren Versprechungen. Er konzentrierte sich nur auf die Vergangenheit – und nicht seine 19 Jahre im Amt, meine Vergangenheit! Es war eine Kampagne voller Verleumdungen und Panikmache basierend auf alten Mythen, die die Realität und meine Leistungen ignorierten.

Die erste Panikmache war, dass ich die Formel „Ein Land, eine Stimme“ eliminieren würde; eine Geschichte erzählt, um kleine Verbände zu erschrecken. Ich habe einen religiösen Glauben an die Demokratie und während verschiedene Verbände immer einen unterschiedlichen Einfluss haben werden, so ist die Abstimmung heilig und grundlegend. Mein Wunsch ist, dass jeder Verband seine Verantwortung fühlt und die Macht der Stimme erkennt. Die Stimme des kleinsten Verbands hat das gleiche Gewicht wie des größten Verbands, aber zu viele Verbände geben ihre Stimme und ihre damit verbundene Macht zu leichtfertig ab. 

Am einfachsten ist der Mythos, dass ich nur professionelles Schach fördern würde, zu widerlegen. Es ist offensichtlich, dass die Situation genau andersherum ist, dass ich hohe Summen an Zeit und Geld in den letzten Jahren an Basis- und Bildungsprogrammen investiert habe, während Ilyumzhinovs FIDE nichts getan hat. Fast alle Investitionen der FIDE flossen in professionelles Schach, dabei die Basis ignorierend, die wachsen muss, damit Schach blüht. Meine Stiftungen beinhalten fortgeschrittene Programme in der ganzen Welt – in unseren Basen in New York, Brüssel, Johannesburg, Mexico City und Singapur – und meine Kampagne beinhaltete das gleiche. 

Die ironischste Verleumdung war, dass „Kasparov Schach politisieren wird.“ Ich bin, wer ich bin und glaube, dass Vladimir Putins Regime in Russland kriminell und eine Gefahr für die Welt ist – ein Glaube, der von immer mehr Menschen jeden Tag geteilt wird, so nebenbei. Ich werde meine Ansichten nicht ändern oder verstecken. Aber, wie ich schon deutlich machte, und wie ich während meiner Kampagne demonstrierte, war meine Kandidatur nicht politisch motiviert. Ich beantwortete viele Fragen, die ich erhielt, aber meine Betonung war immer Schach, Sponsoring, und Förderung des Spiels überall, unabhängig von politischen Verstrickungen.

Garry Kasparov während der Olympiade 2014 | Foto: David Llada

In scharfem Kontrast, hat Ilyumzhinov sich und die FIDE an Russland gebunden. Er ließ sich mit Putin ablichten und verließ sich massiv auf russische Botschaften, die weltweit Druck auf Verbände ausübten, um gegen mich zu stimmen. Er zog mit der Weltmeisterschaft in Putins Lieblingsstadt Sotschi, wo der Gouverneur unter internationalen Sanktionen steht, so wie Russland für seine Invasion in der Ukraine. Es ist ziemlich deutlich, wer das Sagen hat. FIDE hängt jetzt total von einem Schurkenstaat ab, der aktuell seinen Nachbarn überfallen hat, eine Entwicklung, die Schach in der übrigen Welt weiter von angemessenen Sponsoren und staatlicher Unterstützung entfernen wird.

Während ich zurzeit keine hohe Meinung über die FIDE-Delegierten habe, glaube ich, dass viele von ihnen töricht genug sind, um die hysterische Propaganda gegen mich zu glauben. Das ist kaum ein Kompliment, weil es noch weniger plausible Rückschlüsse zulässt, warum sie für Ilyumzhinov gestimmt haben – eine Frage immer noch ohne eine zufriedenstellende Antwort. Nicht einmal Ilyumzhinovs Unterstützer haben versucht Argumente zu liefern, warum sie dank weiterer vier Jahre mit ihm besser dastehen würden, was die geringe Rechenschaftspflicht in der Schachpolitik aufzeigt. Sollten nicht ihre Mitglieder oder ihre übergeordneten Dienststellen oder irgendjemand nachfragen können, warum die Delegierten für Ilyumzhinov gestimmt haben? Kann es eine andere Antwort geben als diejenige, dass sie ihren persönlichen Nutzen und ihre Macht über das Wohl des Verbands und des Schachs gestellt haben? Solange diese Fragen auftauchen und solange diese Leute nicht von anderen Führern ersetzt werden, solange wird es keinen echten Wandel in der FIDE geben.

Wann wird das Fieber abkühlen? Sind sie zu weit gegangen, indem sie eine putinartige vertikale Machtstruktur aufgebaut haben, in der FIDE der Boss der Verbände und die einzige Währung Loyalität ist? Falls sie glauben, dass ich übertreibe, meine Niederlage war nur der Anfang in Tromsø. Jeder Posten, egal welchen Ranges, gewählt oder bestätigt, ging an einen Ilyumzhinov-Loyalisten, oft unabhängig vom Grad der Erfahrung oder Kompetenz. Die Kandidaten, die aktiv von Ilyumzhinovs Team unterstützt wurden, erhielten jeden Posten und in jedem Fall hatten sie Ilyumzhinov unterstützt.

(Eine bemerkenswerte Ausnahme zu dieser Regel, sie mag letztendlich überhaupt keine Ausnahme sein, kommt aus Europa. Das Präsidium des Deutschen Schachbunds entschied sich, mich zu unterstützen, mit der einzigen Gegenstimme vom Präsidenten selbst, Herbert Bastian, der später mit Erfolg, statt des deutschen Delegierten, die Stimme selbst in Tromsø abgab. Er bestand auch darauf, dass die „Deutsche Entscheidung“ mich zu unterstützen, nicht öffentlich gemacht wird. Bastian, ein relativ Unbekannter, erhielt einen Posten als FIDE-Vizepräsident in Tromsø mit voller Unterstützung von Makropoulos, während Bastians Vize, Michael Langer, einen Posten in der Kommission für Wirtschaftsprüfung erhielt. Es ist eigenartig, gelinde gesagt, dass Deutschland so eine wenig charakteristische und exklusive Großzügigkeit von Ilyumzhinovs Seite zuteil wurde.)

Kasparov versucht die Niederlage in Tromsø abzuwenden | Foto: Georgios Souleidis 

Na gut, könnte man sagen, FIDE ist letztendlich doch eine Demokratie. Aber solche Arroganz entfremdet weiter alle Verbände, zumindest 61 von ihnen, die nicht Ilyumzhinovs Weg der Isolation und Repression mitgehen wollen. Alle Gedanken, dass Ilyumzhinov meinen könnte, was er über Einigung sagt, können in die Tonne geworfen werden, zusammen mit seinen Versprechen über finanzielle Unterstützung. Vier weitere Jahre Kirsan Ilyumzhinov nebst seiner Gruppe in der Verantwortung der FIDE sind vier weitere Jahre Schach in die falsche Richtung. Das bedeutet weg von kommerziellen Sponsoren, weg von Bildung und weg von Demokratie und Transparenz. Wie wir jetzt in Norwegen sehen, dank Magnus Carlsen, hat Schach ein gewaltiges Potential für Wachstum und Sponsoring. Es ist eine große Schande, dass der Dachverband unseres Sports sich stattdessen von einem großen Teil der Welt isoliert und sich zunehmend auf fragwürdige Beziehungen mit Russland uns dessen Alliierten einlässt.

Eine große Möglichkeit Schach voranzubringen, ist verloren gegangen. Die großen privaten, öffentlichen und kommerziellen Sponsoren, die in Scharen zu Stars wie Carlsen strömen, werden niemals Geschäfte mit Ilyumzhinov machen und jetzt ist klar, dass Ilyumzhinov niemals Geschäfte mit ihnen machen wird. Eine zunehmende Beziehung mit dem Kreml passt dem früheren kalmykischen Präsidenten sehr gut, so wie die Ausrichtung des WM-Kampfs in Sotschi. Es ist sehr schwierig sich vorzustellen, dass diese Dinge den meisten Verbänden oder Spielern gefallen. Das Auseinanderlaufen der Interessen zwischen der FIDE und der Schachwelt wird weiter anwachsen.

***

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, insbesondere wenn es darum geht das Schachspiel zu fördern. Es gibt einige vielversprechende Zeichen von Leben weit weg von der FIDE-Politik. Letzte Woche, um meinen 5000sten Tweet mit meinen 109.000 Followern auf Twitter zu feiern, dachte ich, dass es Spaß machen würde, die Leute zu fragen, warum sie Schach lieben. Für die besten Tweets mit dem Hashtag WhyILoveChess lobte ich drei signierte Bücher als Preis aus. Ich hätte nicht vermutet, wie weit und schnell sich das rumsprechen würde und bald wurde klar, dass die meisten Teilnehmer gar nicht wussten, dass es als Wettbewerb begann. Der virale Tag wurde in über 20 Städten und mindestens ein Dutzend Ländern zu einem „Trendthema“, von Venezuela über Moskau, von New York über London, von Manila über Barcelona.

Kasparov freut sich über den Sieg gegen Magnus Carlsen (und Partner) in der ersten Blitzpartie des Showkampfs nach dem Sinquefield Cup! | Screenshot: St. Louis webcast

Noch viel inspirierender war der Inhalt vieler dieser 140-Zeichen-Beiträge. Es gab so viele interessante und leidenschaftliche Kommentare innerhalb der Tausende von Tweets, ich fühlte mich verpflichtet den Wettbewerb einige Tage auszudehnen und 13 Preise zu vergeben. Die Leute sprachen über ihre persönlichen Beziehungen wie Schach lernen von einem geliebten Familienmitglied und über die universellen Aspekte der Wahrheit und Logik, die dem Spiel innewohnen. Sie schrieben über mentale Entwicklung, über Adrenalinschübe, über Jung gegen Alt, über eine gemeinsame Sprache und einfach nur über den Spaß am Spiel. Es war wirklich das erste Mal, dass ich nach der Wahl wieder lachen konnte. Ich habe die Gewinner hier bekannt gegeben. Aber alle Tweets sind es wert überflogen zu werden für jeden, der ein gutes Gefühl über die Zukunft unseres Spiels vermittelt bekommen möchte!

Das Lesen dieser Zeugnisse aus aller Welt, und es gibt noch weitere Hunderte auf meiner Facebook-Seite, bestätigten, dass es ein Spiel ist, für das es sich lohnt zu kämpfen. Diese Leute verdienen Unterstützung und Schach verdient unsere Unterstützung, so dass es jede Ecke der Welt erreichen kann. Schach ist für Jedermann und wir müssen daran arbeiten es zu Jedermann zu bringen, mit FIDE oder ohne FIDE.

Übersetzung: Georgios Souleidis


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