Meinung 10.07.2019 | 22:06von chess24 staff

Garry Kasparov – Kein Schach-Monopol auf Scheinheiligkeit

In diesem exklusivem Statement bewertet Garry Kasparov Magnus Carlsens Kampagne gegen den norwegischen Schachverband. Es ging darum, dass der Verband das Angebot eines Glücksspielunternehmens vorliegen hatte, für die Summe von nahezu 6 Millionen Dollar im Gegenzug Lobbyarbeit zu betreiben, um das staatliche Glücksspielmonopol in Norwegen aufzubrechen. Am gleichen Tag, als Magnus in Zagreb triumphierte, ging die Abstimmung in Norwegen mit 132:44 gegen ihn aus. Aber Garry beschreibt sich selbst als "gezwungen, als Veteran dieser Konflikte darüber zu sprechen." 


Kein Schach-Monopol auf Scheinheiligkeit

von Garry Kasparov

Garry Kasparov war in Zagreb und schaute sich die Grand Chess Tour an | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Schachweltmeister Magnus Carlsen ist in einen Kampf mit seinem nationalen Verband verwickelt, ein Zustand, der mir nur allzu bekannt ist. Ich will den Norwegern nicht sagen, wie sie ihren Schachverband, ihr Geschäft oder ihr Land führen sollen, nur um meine Auffassung nach Gesprächen mit verschiedenen Beteiligten zu vermitteln. Ich fühle mich gezwungen, als Veteran dieser Konflikte mich hierzu zu äußern. Die Schlachtlinien sind die üblichen zwischen Spielern und Bürokraten und am Ende geht es immer um Kontrolle. Wenn es ums Sponsoring geht, ist es für einen Verband immer wichtiger, wer es kontrolliert, und nicht, wie viel es ist und wer davon profitiert.

Carlsen wollte ein großes Schachsponsoring der Kindred Group, einem Online-Glücksspielunternehmen auf Malta, ermöglichen. Der norwegische Verband lehnte den Vorschlag des Unternehmens ab und versucht, dies als eine Haltung gegen schmutziges Geld darzustellen. Eine Abstimmung im Verband ging 132-44 gegen den Kindred-Deal aus, obwohl Carlsen versuchte, durch die Gründung eines neuen Schachclubs mehr Stimmen für den Vorschlag zu gewinnen. Meiner Meinung nach war dies innerhalb der Regularien und ohne ein persönliches Interesse an Gewinn, mal abgesehen davon, dass dann der Kuchen, der verteilt werden kann, größer werden würde. Ich erinnere mich gut daran, dass ich Jahre damit verbracht habe, ständig daran zu arbeiten, Sponsoren und Organisatoren einzubinden, und daher oft mehr Zeit hiermit verbrachte habe als damit, Schach zu spielen. Und ich hörte doch immer Vorwürfe von Spielern und Bürokraten, dass ich nur darauf aus war, einen Dollar zu verdienen.

Wie verbittert der Kampf war, wird durch das Ausmaß der Berichterstattung über den Weltmeister in den norwegischen Medien klar | Quelle: Dagbladet.no (und Google Translate)

Es scheint ironisch, wenn man anmerkt, dass der Weltmeister oft der einzige professionelle Schachspieler ist, der über ein verlässliches Einkommen verfügt! Das zu ändern, sollte unser Ziel sein, und um es zu erreichen, müssen wir die Anzahl der Spieler erhöhen und zur gleichen Zeit denen, die ihr Leben dem Schach widmen, ein würdiges Leben ermöglichen - und Sponsoring durch Unternehmen ist ein Schlüssel dazu. Kindreds potenzielle Investition von fast sechs Millionen Dollar (50 Millionen NOK) hätte ein großer Segen für das norwegische Schach sein können.

Die Ironie der Verbandsposition liegt darin, dass einige norwegische Vereine Geld vom norwegischen Glücksspielunternehmen bekommen und der Verband selbst hofft, Geld von (dem norwegischen) Glücksspielunternehmen zu bekommen - nur nicht von der Kindred Group. Sie streben nach Einnahmen aus der norwegischen Lotterie, also Geld, das derzeit nicht dem Schach zu Gute kommt. In der Hoffnung, vom staatlichen Glücksspielmonopol zu profitieren, stellen sie die Förderung durch private Glücksspielunternehmen als schmutzig oder teils sogar illegal dar.

Diese Heuchelei dient dem Wunsch nach Kontrolle. Sie würden lieber weniger Geld für Schach bekommen, aber dafür aus einer Quelle, die wie sie die gleiche bürokratische Sprache spricht, als aus einer anderen Quelle - vor allem, wenn sie mit einem eigensinnigen, geradlinigem Weltmeister verbunden ist. Der Verband würde lieber mit dem Staat zusammenarbeiten, hält Außenstehende fern und behält sich ein Monopol darüber, auf welche Art und Weise Gelder investiert werden. Ich vertrete übrigens nicht die Position, dass alles Geld gleich ist. So wäre beispielsweise das Sponsoring der Alkohol- und Tabakindustrie für einen nationalen Sportverband, der sich mit körperlicher und geistiger Leistung, Jugend und Bildung beschäftigt, unangemessen. Aber trotz der Behauptungen des Verbandes wird keine echte Debatte um Glücksspiel an sich geführt, sondern nur, welchen Anbieter man gegenüber einem anderen bevorzugen würde. (Und Kindred hat bereits gesagt, dass es kein Glücksspiel über dieses Sponsoring bewerben würde. Sie wollen Zugang zum reglementierten norwegischen Markt und die Verbindung zum Schach und seinem jungen, gut zu vermarktendem norwegischen Weltmeister.)

Online-Glücksspielunternehmen wachsen, was die alten Monopole bedroht. Die rumänische Firma SuperBet sponsert in diesem Jahr ein Event der Grand Chess Tour und die zukünftigen Beziehungen versprechen viel Positives. Aber, wie bei Uber und den Ridesharing-Apps, die neue Technologien auf alte Märkte bringen und diese effizienter gestalten, verschwinden die alten Unternehmen, Regulierungsbehörden und die Bürokratien, die finanziell auf sie angewiesen sind, nicht lautlos und ohne Widerstand. Die "Belohnung", die das norwegische Schachspiel erhält, wenn man Kindred draußen hält, ist Geld vom Staat zu erhalten - auch wenn es weniger ist.

Der 13. und der 16. Weltmeister - beides Anwärter für den Titel des besten Schachspielers aller Zeiten - konnten in Zagreb über mehr als nur Schach reden | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Dieser Kampf in Norwegen ist Teil einer größeren, älteren Schlacht. Meine eigener Versuch, Firmen für Sponsoring in der Schachwelt zu begeistern, begann schon zu der Zeit, als ich Weltmeister werden wollte - und ich hatte bedeutend schlechtere Ergebnisse darin. Aus der Sowjetunion kommend, wo alles von Wodka bis Schach "staatlich gesponsert" wurde und Turnierpreise meist in Form von Vergünstigungen und Prestige vergeben wurden, sah der Westen aus wie eine Schatzkiste, die darauf wartete, mit den richtigen Zauberworten geöffnet zu werden. Während Schach im Westen nicht als eine wichtige Sportart angesehen wurde, war die Besessenheit vom Spiel als Symbol für Intelligenz und strategisches Denken schon lange vorhanden. Von James Bond und Harry-Potter-Filmen bis hin zu Anzeigen für Banken, Versicherungen und Luxusautos war und ist das Schach und das, was man damit assoziiert, überall.

Doch von diesem enormen Vermarktungspotential profitieren die Top-Spieler überhaupt nicht. Das Schach der Weltspitze ist weitgehend von wohlhabenden und wichtigen Personen abhängig, die das Spiel lieben, zum Beispiel großzügigen Schachliebhabern wie unter anderem Luis Rentero, Bessel Kok, Joop van Oosterom und William Wirth, denen die Schachwelt so viel verdankt. Diese Tradition des Mäzenatentums geht auf die Sultane und Könige von einst zurück, aber diese modernen Gönner erkannten alle, dass ihre persönliche Fürsprache und ihr Sponsoring kein nachhaltiges Geschäftsmodell war. Einige von ihnen verbrachten Jahrzehnte zusammen mit mir damit, eines zu schaffen.

Als das Internet während meiner Zeit als Weltmeister so richtig groß wurde, schien es das letzte notwendige Puzzle-Stück zu sein. Schach würde nie Stadien füllen oder Millionen von Zuschauern im Kabelfernsehen anziehen, aber die niedrigen Kosten und die globale interaktive Reichweite des Webs würden die Schachfans der Welt zu einer profitablen Menge zusammenfassen. Zuschauen, Spielen, Lernen - alles in sehr hoher Qualität. Smartphones erweiterten die Basis noch einmal; man konnte gegen jeden, überall und jederzeit spielen und das interaktive Erlebnis konnte mit den großen Sportarten auf dem winzigen Bildschirm konkurrieren, wenn nicht sogar mit der großen Bildschirmen zu Hause.

Am Schachbrett ein Tag des Triumphs für Magnus, aber ein Rückschlag anderweitig | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Diese Vision ist weitgehend verwirklicht worden, wenn auch Jahrzehnte später als notwendig. Der weltweit agierende Schachverband FIDE verbrachte zwanzig Jahre damit, an seinem Monopol festzuhalten, während Führungskräfte und Bürokraten versuchten, das Geld abzugreifen. Gleichzeitig sagten sie den Spielern, sie hätten Glück, sogar dieses wenige, verbliebene Geld zu bekommen. Anstatt Geld ins Spiel zu bringen, konzentrierten sich die FIDE und die vielen nationalen Verbände darauf, wie man Geld aus dem Schachspiel und den Schachspielern herauspresst.

Aber wenn sie so gierig waren, warum haben sie dann nicht mehr getan, um Großsponsoren aus dem Westen anzulocken? Sponsoren von Unternehmen aus der freien Welt erwarten einen Gegenwert für ihre Investition. Sie werden in gewissem Maße transparent und vorhersehbar eingesetzt, wobei Veranstaltungen und Kampagnen Jahre im Voraus geplant sind. Dieses Maß an Verantwortung war nicht das, was die meisten Verbände suchten, und sie hatten Angst vor Veränderungen. Sie wollten leichtes Geld, auch wenn es nicht viel war, ohne Aufsicht oder Ergebnisse. Ihr Traum war die Unterstützung der Regierung, von Olympischen Komitees und Sportministerien sowie nationalen Lotterien.

Sponsoring durch Unternehmen garantiert keine Transparenz in einem Sportverband, wie der jüngste Korruptionsskandal der FIFA gezeigt hat. Das ist kaum ein Argument gegen die Suche nach Investoren und die Professionalisierung und Modernisierung unseres alten Spiels. Die Kontrolle der Spieler über Monopole und ihre Abhängigkeit von Krümeln, die von Verbänden verteilt werden, muss beendet werden. Auch wenn der Weltmeister diese Runde nicht gewonnen hat, ist es ein guter und ein notwendiger Kampf.

Weiß inzwischen jemand, wo ich eine Wette auf "Carlsen gegen den norwegischen Verband" abschließen kann?


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