Berichte 16.01.2020 | 07:22von Colin McGourty

Frauen-WM zieht beim Stand von 3:3 weiter nach Vladivostok

Der WM-Kampf zwischen Ju Wenjun und Aleksandra Goryachkina steht zur Halbzeit bei 3:3. Nun zieht die Frauenweltmeisterschaft weiter ins russische Vladivostok. Goryachkina geriet in der vierten Partie in Rückstand, glich das Ergebnis mit einem Sieg in der fünften Partie aber direkt wieder aus. Damit erzielte sie den ersten Sieg ihrer Karriere gegen Ju Wenjun! Die Chinesin musste sich dann in Partie 6 bis Zug 105 verteidigen und hofft darauf, dass sich der Wind des Wettkampfs in Russland zu drehen beginnt. Unterdessen steht Oberrichterin Shohreh Bayat im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, nachdem sie sich nach einem Streit über das Tragen des Kopftuches entschlossen hat, nicht in den Iran zurückzukehren.

Nicht nur die Partien des WM-Matchs zwischen Ju Wenjun und Aleksandra Goryachkina sind ein Thema, auch die Entscheidung von Oberschiedsrichterin Shohreh Bayat, auf das Tragen eines Kopftuchs zu verzichten, entwickelt sich zur Geschichte dieser WM. Für sie gilt nun die Rückkehr in den Iran als gefährlich | Foto: Lewis Liu, Turnierseite 

Alle Partien der Frauen-WM kannst du dir hier anschauen:

Game 5: Goryachkina schlägt umgehend zurück

Aleksandra Goryachkina und die Medien in Vladivostok | photo: Eteri Kublashvili, official website 

Wenn man in ein Weltmeisterschaftsmatch geht und den Gegner nie geschlagen hat und dann wie Aleksandra Goryachkina mit Partie 4 in Rückstand gerät, kann das ein schwerer Schlag sein. Aber stattdessen war es Ju Wenjun, die in der fünften Partie keinen überzeugenden Eindruck ablieferte. Goryachkinas Wechsel von 1. d4 auf 1.c4 sah Ju Wenjun im Zug 1 fast eine Minute nachdenken. Und ein späteres langes Grübeln im 16. Zug führte nur zu einem zweifelhaften Zug (16...Qd7?!), wonach Weiß bald mit 22.Ld7+ die Qualität einstreichen konnte:


Es lag an Schwarz, ausreichende Kompensation nachzuweisen. Aber nicht zum ersten Mal im Match begann Ju Wenjun dann, ausgezeichnete Defensivfähigkeiten zu demonstrieren, indem sie ihren Freibauern bis nach d2 treiben konnte:


Es sah so aus, als würde die chinesische Spielerin wieder entkommen, aber hier spielte sie, nachdem sie über die Hälfte ihrer verbleibenden 9 Minuten verbraucht hatte, nicht das starke 34...Sc4! sondern 34...Sc6?, was sich nach 35.Kf1! nur als Verschwendung von zwei Tempi erwies, da Ju Wenjun den Springer sowieso verspätet über a5 nach c4 beorderte.

Als wäre sie hypnotisiert, spielte Ju Wenjun das unbegreifliche 34...Sc6?? (statt 34...Sc4!) und gab Aleksandra Goryachkina damit die Chance, ins WM-Match zurückzufinden.

Doch dann war es zu spät, weil Goryachkina erst den d-Bauern unter Kontrolle brachte und dann ihre eigenen Freibauern in Szene setzte:


49.f6! und drei Züge später gab Ju Wenjun auf.

Ju Wenjun gibt auf, wonach ihre Führung nur für einen Tag Bestand hatte | Foto: Eteri Kublashvili, Turnierseite 

Partie 6: Nach halber Strecke alles im Lot

Vielleicht wollte sich Ju Wenjun nach diesem Schock wieder mittels 1.e4 stabilisieren, wie sie es in Partie 2 bereits getan hatte. Aber dieses Mal entwickelte sich das folgende Berliner Endspiel bald zu Gunsten von Schwarz. Vielleicht war es nur Goryachkinas Neigung im Match, auf die trockensten technischen Stellungen zu setzen, die sie zurückhielt, da sie in aussichtsreichen Situationen Figuren abtauschte, um in ein reines "guter Springer gegen schlechter Läufer"-Szenario zu gelangen. Dieses endete nach 105 Zügen schließlich friedlich:


Den Spielern kann zumindest keiner vorwerfen, dass sie nicht alles geben würden. Die Partien dauerten 97, 40, 85, 63, 51 und 105 Züge, was einem Durchschnitt von 73,5 entspricht!

Von hier an hatten die Spieler eine Pause von drei Tagen. Doch das Wort "Pause" fasst vielleicht nicht richtig zusammen, was den Spielern bevorstand, nämlich ein Flug von Shanghai nach Vladivostok, wo dasd WM-Match in der Far Eastern Federal University fortgesetzt wird. Zwei Zeitzonen weiter östlich und wortwörtlich eiskalt zu dieser Jahreszeit:

Es ist Vladifrierend in Vladivostok (-23 Grad Celsius bei Ankunft heute Morgen)

Es bleibt abzuwarten, ob sich die neue Umgebung auf das Match auswirken wird. Einerseits könnte der Wechsel nach Russland ein Vorteil für Goryachkina sein, andererseits kann der Heimvorteil, wie wir bei Vishy Anand und Magnus Carlsen gesehen haben, im Schach, wo niemand in der Halle jubelt und die lokalen Fans und Medien nur zusätzlichen Druck bedeuten, auch ein Nachteil sein.

Sowohl der russische als auch englische Kommentar von Sergey Shipov und Nigel Short wird in  Vladivostok mit am Start sein. Die Nr. 1 der Frauen, Hou Yifan, wird als Gast im englischen Kommentar Shorts erwartet | Foto: Eteri Kublashvili, Turnierseite

Hier folgt, wie Nigel die bisherigen Partien zu Beginn eines Interviews mit Eteri Kublashvili für die Website des Russischen Schachbundes zusammenfasste:

Nigel, die erste Hälfte des FIDE-WM-Matchs der Frauen ist vorbei. Wie beurteilst du das Spiel der beiden Spielerinnen?

Es ist eigentlich ein sehr hartes Match. Mein Eindruck von den Partien ist, dass Goryachkina Vorteile für sich verbuchen kann. Ich habe das Gefühl, wenn es so weitergeht, wird sie gewinnen. Aber die Dynamik ändert sich in den Partien sehr schnell, so dass es nur ein Kommentar zu den sechs Partien ist, die wir bisher gesehen haben. Auf jeden Fall hat Goryachkina mehr Chancen geschaffen - das ist es. Es steht 3:3, und es wird ein enges Match werden. Das passiert, wenn beide Spieler praktisch gleichstark sind.

Ist es einfacher, um die Krone zu kämpfen oder sie zu verteidigen?

Es ist definitiv einfacher, um die Krone zu kämpfen. Aleksandra sieht sehr entschlossen aus, während Ju meiner Meinung nach nervös wirkt. Jeder weiß, dass sie vor dem Match gegen Goryachkina immer sehr gut ausgesehen hat, obwohl es vor allem im Schnell- und Blitzschach war. Selbst in den klassischen Partien gewann Ju Wenjun manche Partie auf ganz triviale Art und Weise. Sie hatte in den vorangegangenen Begegnungen eindeutig die Oberhand, aber das ist nicht ganz überraschend, denn Aleksandra hat sich in den letzten ein bis zwei Jahren stark verbessert.

Ich glaube nicht, dass der Heimvorteil so wichtig ist, aber da wir von "einem engen Match" sprechen, ist es ein Vorteil, so etwas zu haben. Ich bin mir sicher, dass ihr Hunderte von Menschen zujubeln werden. Ich habe das Gefühl, dass es bei diesem Match hier eine gute Resonanz geben wird. Die Moskauer sind ein bisschen verwöhnt, weil sie so viele Veranstaltungen haben (lacht). Aber Vladivostok ist eine große Stadt, aber sie ist ziemlich isoliert, so dass es eine echte Chance ist, eine wirklich hochkarätige Veranstaltung zu haben. Das ist also mein Eindruck. Wenn ich gefragt würde, würde ich meinen Einsatz auf die Russin setzen.


Kontroverse abseits des Brettes

Die Frauen-Weltmeisterschaft hat es geschafft, globale Medienaufmerksamkeit zu erlangen, aber nicht wegen der Spielerinnen. Schiedsrichterin Shohreh Bayat erwachte eines Tages während des WM-Matchs zu einem besonders iranischen Albtraum, wie sie der BBC sagte:

Ich schaltete mein Handy ein und sah, dass mein Bild überall zu sehen war. Sie behaupteten, dass ich kein Kopftuch trage und dass ich gegen den Hidschab protestieren wollte.

Einfach traurig, solche Geschichten in 2020 zu sehen

Die Fotos in den iranischen Medien sahen lediglich so aus, als ob Shohreh den Hidschab nicht tragen würde. Nachdem sie keine Garantien für ihre Sicherheit bei einer Rückkehr in den Iran erhalten hatte, entschied sie, dass es nichts mehr zu verlieren gab. Sie hörte auf, den Hidschab zu tragen, was sie immer abgelehnt hatte, und wird nicht mehr in ihr Heimatland zurückkehren.

Der Hidschab ist nicht - und wird es niemals - sein eine obligatorische Kopfbedeckung unter dieser FIDE-Führung

Sie verlässt den Iran zusammen mit Dorsa und Borna Derakhshani und zuletzt natürlich Alireza Firouzja, um eine freie Karriere beginnen zu können.

Wenn die Partien wieder beginnen, wird sich der Fokus jedoch auf die Spielerinnen verlagern und das Match auf die Zielgerade einbiegen. Mit nur noch sechs verbleibenden Partien wird der Druck noch zunehmen - wie im gesamten WM-Match würde ein Unentschieden im Stechen mit Schnell-, Blitz- und sogar potenziell Armageddon-Partien münden.

Verfolge alle Partien hier auf chess24. Sie beginnen nun aber bereits ab 6:30 Uhr MEZ! 

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