Berichte 24.09.2019 | 06:34von Colin McGourty

FIDE World Cup VF: Wer will eine Qualität gewinnen?

Ding Liren lehnte ein Qualitätsopfer von Alexander Grischuk ab, nur um dann eine der dramatischsten Partien der ersten Runde des Viertelfinals im FIDE World Cup 2019 zu spielen. Die computerbewaffneten Kiebitze bezichtigten das Spiel der beiden sofort als fehlerhaft, aber die Partie war unsagbar kompliziert. Ding schaffte es, mit einer Qualität weniger den halben Punkt festzuhalten. Kurios war, dass Yu Yangyi eine ähnliche Stellung gegen Nikita Vitiugov hielt, während Xiong-Radjabov und Aronian-MVL viel schneller unentschieden endeten.

Ding Liren-Grischuk war eine der am wenigstens vorherzusagenden Partien in letzter Zeit | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Alle Partien des World Cups kannst du hier nachspielen:

Und hier kannst du dir den Live-Kommentar von Evgeny Miroshnichenko und Anna Rudolf noch einmal anhören:

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Lasst uns die Remispartien eine nach der anderen anschauen, beginnend mit der Partie, die am schnellsten endete:

Xiong ½-½ Radjabov

Radjabov und Xiong waren die ersten Spieler, die sich einem Interview stellen mussten| Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Man konnte den Eindruck gewinnen, dass Jeffery Xiong durchaus glücklich darüber war, nach seinem dramatischen Tiebreaksieg gegen Jan-Krzysztof Duda einmal durchatmen zu können. Er wählte die gleiche Variante mit 7.Sa3 im Katalanen, mit der Le Quang Liem tags zuvor fast Levon Aronian aus dem Wettbewerb geworfen hatte. Radjabov wich aber nach 8.bxa3 von dieser Partie ab:


Levon hatte sich für 8...b5 entschieden und kam schnell in große Schwierigkeiten, doch Teimour Radjabov spielte stattdessen 8...Ld7, was nach Jefferys Aussage der "solideste Weg" ist. Mit Zug 13 waren bereits alle Leichtfiguren getauscht und Radjabov überraschte Xiong mit dem neuen Zug 15...Db2. Doch weil die Stellung sowieso bereits nah am Remis war, legten die beiden mit Zug 30 die Waffen nieder.

Im Anschluss wurden sie gemeinsam interviewt:

Aronian ½-½ MVL

MVL-Aronian ist die Neuauflage des Halbfinals des letzten World Cups. Damals ging es bis ins Armageddon! | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Oberflächlich betrachtet war Aronian-MVL sogar noch ruhiger. Doch das Endspiel, dass aus einem Grünfeldinder entstand, war alles andere als unschuldig nach19...Sc6:


Magnus Carlsen hatte hier bereits einmal 20.Lc7 gespielt, einen Bauern gewonnen und Alexander Grischuk 74 Züge beim Norway Chess 2014 gequält. Grischuk meinte damals, dass man der Stellung bei Twitter das Prädikat #SpannendesSchach geben könnte, auch wenn damals die Partie von einem achtstündigen Drama "überschattet" wurde, in dem Anish Giri versuchte, Sergey Karjakin zu schlagen (nur um dann im 131. Zug zu patzen und sogar noch zu verlieren).

Stattdessen spielte Aronian sofort 20.Lxc6. Maxime ging fälschlicherweise davon aus, dass Grischuk diese Vorgängerpartie gegen Carlsen verloren hatte, doch war er auf der Höhe der Stellung und fand im 25. Zug eine scharfe Fortsetzung, die seine Probleme löste:


25…f5!? Maximes Kommentar:

Mir waren potentielle Gefahren bewusst, von daher versuchte ich, sauber und akkurat zu spielen. Als ich diese ...f5-Idee fand, die ich dann auch spielte, opfert das einen Bauern, aber gibt mir ausreichend Aktivität, um in einem Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern das Remis zu halten - so wie es dann auch in der Partie geschah.

Die Partie ging weiter mit 26.Sg5+ Ke8 27.f4 Lh6 28.Sxh7 und der einzige Weg zurück für den Springer erlaubte es Maxime gleichzeitig, in ein ungleichfarbiges Läuferendspiel abzuwickeln. Die Partie endete dank einer Festung im 44. Zug mit der Punkteteilung, was Levon so zusammenfasste:

Ganz allgemein gesprochen war es eine solide Partie, so etwas konnte man im Viertelfinale erwarten. Ich wollte ein paar Probleme stellen und Maxime spielte sehr zurückhaltend. Dann endet die Partie unentschieden.

Grischuk ½-½ Ding Liren

Diese Partie war mt Abstand das Highlight der Runde. Alexander Grischuk erinnerte sich daran, wie er in Runde 2 des diesjährigen World Cups gegen Benjamin Bok 25 Minuten im 6. Zug nachdachte, als 4…dxc4 5.Bg2 c6 auf dem Brett stand. Dieses Mal hingegen spielte Ding 5…a6:

Es ist ein bisschen so wie in meiner Partie gegen Bok. Vielleicht sollte ich mir den Katalanen mit ...dxc4 noch mal intensiver anschauen. Denn Bok spielte ...c6 gegen mich und hatte bald eine Stunde mehr auf der Uhr und eine gute Stellung. Und heute spielte Herr Ding ...a6 gegen mich und hatte bald ebenfalls eine Stunde mehr auf der Uhr und eine gute Stellung. Vielleicht sollte ich mit dieses ...dxc4 wirklich anschauen!

Der Wendepunkt der Partie ereignete sich nach 14.Df3!?, was einen dramatischen Versuch darstellt, das Narrativ der Partie bis hierhin (Schwarz bekommt einen nahezu unaufhaltsamen Angriff am Königsflügel) auf den Kopf zu stellen:


Natürlich hatte Grischuk den Springer nicht eingestellt, da der Rückgewinn der Figur nach 14...Lxc4 15.Dxc6+ Ke7 bereits gut, aber 16.b3!, was La3+ vorbereitet, noch besser ist. Doch die objektiv beste Antwort wäre 14...Ld5! gewesen. Die einzige logische Antwort und das, was Grischuk geplant hatte, wäre dann das Qualitätsopfer 15.Txd5 cxd5 16.Dxd5 gewesen. Es stellt sich heraus, dass objektiv gesprochen beide Spieler während der Partie die weiße Kompensation überbewertet haben. Ding meinte: "vielleicht stehe ich bald positionell schlechter, von daher will ich nicht so eine passive Stellung spielen", während Grischuk das Gefühl hatte, dass nach 16...Df5 17.f3 Dc2 18.Dc6+ Weiß dank eines Dauerschachs mit einem Remis davonkommen könnte.

Es stellt sich aber heraus, dass die Partie weitergehen könnte - die Engine empfiehlt zum Beispiel als beste Variante 19.Sbd2 Dd1+ 20.Sf1:


Und hier hätte Schwarz bereits vorher den Schlag 20...Sxh2! 21.Kxh2 Th6! sehen müssen, was 22.Sd6 erzwingt. Doch nach 22…Lxd6 23.e4! Le7 24.Dd5+ Dxd5 25.exd5 ist es absolut nicht offensichtlich, dass Weiß nicht genug Kompensation für die Qualität haben sollte


In der Partie überraschte Ding jedoch alle mit 14…Rb6!?, was selbst ein Qualitätsopfer anbietet.

Alexander Grischuk bezeichnet 14...Tb6 von "Herrn Ding" als "exzellenten Zug".

Anish Giri: Und sie sagen, Menschen könnten dieser Tage nicht länger den Computer überstimmen. Exzellenter Zug!

Olimpiu G. Urcan: Während des Berechnens von 14...Ld5 15.Txd5 und dem verrückt anmutenden 14...Tb6 kann es sich sogar Ding Liren nicht verkneifen, ein wenig zu lächeln, obwohl er sonst sein Pokerface immer aufrecht erhält.

Grischuk nahm das Qualitätsopfer an und konsolidierte dann nach und nach seine Stellung. Aber Ding blieb seinem Stil treu und spielte weiterhin so aktiv wie möglich:


28…f5! war der Beginn einer Serie von Zügen, die in eine Stellung vereinfacht, in der Schwarz mit dem Läuferpaar und einem Bauern genug Kompensation für die Qualität hat. Grischuk meinte im Anschluss, dass er in der Lage war, ein "Remis aus der Position der Stärke heraus" zu machen, aber eben auch nicht mehr als das.

Vitiugov ½-½ Yu Yangyi

Grischuk stimmte der These zu, dass es besser sei, ein Mini-Match mit Schwarz zu beginnen. "Aber Vitiugov zum Beispiel startet mit Weiß und er gewinnt immer mit Weiß - und dann gewinnt er das Match!" So hatte Nikita zuvor schon Sergey Karjakin und Wesley So besiegt. Das gab ihm wohl das Vertrauen, gegen Yu Yangyi im 6.g3-Najdorf eine frühe Zugwiederholung abzulehnen und weiterzuspielen.

Zum ersten Mal konnte Vitiugov seine Weißpartie gegen einen höher bewerteten Spieler nicht gewinnen | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Yu Yangyi verschärfte ebenso wie sein Landsmann Ding Liren mit dem Bauernhebel ...f5 und bald stand wie im anderen russisch-chinesischen Match eine ähnliche Materialverteilung auf dem Brett:

chess24: Xiong-Radjabov und Aronian-MVL endeten remis, während in den anderen beiden Partien die chinesischen Spieler mit einer Qualität weniger, aber dem Läuferpaar gegen ihre russischen Gegner spielen!

Vitiugovs Chancen waren ein wenig besser, aber es war absolut verständlich, dass er im 43. Zug das Kriegsbeil begraben wollte:


Er kommentierte im Anschluss:

Er opferte die Qualität und ich bin mir nicht sicher, wie das einzuschätzen ist. Vermutlich stehe ich besser, aber wie ich genau spielen sollte, weiß ich nicht. Es sah immer etwas gefährlich für mich aus, von daher denke ich, ist das Remis das gerechte Resultat.

Werden wir mehr entschiedene Partien am heutigen Dienstag sehen können? Oder ist es wahrscheinlicher, dass die Partien wieder unentschieden enden und die Partien somit ins morgige Stechen gehen? Was sicher ist: Der Druck steigt, Partie für Partie! Genauso, wie die finanziellen Gewinne größer werden und die Chance besser wird, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren, je weiter man kommt.

Die Partien kannst du live bei uns verfolgen, ab 12:00 Uhr MEZ gehts los!

Weitere Links:


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