Berichte 25.09.2019 | 09:14von Colin McGourty

FIDE World Cup VF: Ding & Radjabov stehen im Halbfinale

Die Nummer 1 der Setzliste Ding Liren hat beim FIDE World Cup das Halbfinale erreicht. Sein Gegner Alexander Grischuk war nach der Partie ratlos, wo er fehlgegriffen hatte. Ebenfalls eine Runde weiter ist Teimour Radjabov, der gegen Jeffery Xiong eine Stellung weiterspielte, deren Kontrolle ihm entglitten war, und dafür belohnt wurde. MVL-Aronian und Yu Yangyi-Vitiugov werden in Stichkämpfen entschieden, die dann wieder von Jan Gustafsson und Laurent Fressinet kommentiert werden.

Ding Liren demonstrierte Anna Rudolf nach der Partie, wie er Grischuk besiegt hatte | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Alle Partien des FIDE World Cup 2019 in Khanty-Mansiysk könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Bilder von der Live-Übertragung mit Evgeny Miroshnichenko und Anna Rudolf:

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Kommt es zwischen Levon Aronian und Maxime Vachier-Lagrave wie vor zwei Jahren zum Armageddon? | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Das mit Spannung erwartete Duell MVL-Aronian hat bislang noch nicht das geboten, was man sich erhofft hatte, denn auch die zweite Partie endete nach 31 Zügen und nur 45 Minuten remis:

“Es war eine perfekte Partie!”, meinte Levon Aronian hinterher im Hinblick auf das materielle Gleichgewicht am Ende und ließ dabei die vollkommene Symmetrie unerwähnt. MVL hatte sich für die von Giri und Jorden van Foreest eingeführte Italienisch-Variante entschieden, mit der er in Runde 3 Dmitry Jakovenko geschlagen hatte, spielte dieses Mal aber 15.Se4 statt dem Damentauschangebot 15.De4. Laut seinen Angaben war die Partie im höheren Sinne nach 19.Lg5?! vorbei:


Das ist sehr einfach. Ich spielte zu schnell 19.Lg5 und stellte nach19…h6 fest, dass ich nichts mehr machen konnte. Ich weiß nicht recht, ich muss noch einmal herausfinden, was ich eigentlich vorhatte.

Eventuell hätte er Lg5 statt des seltsamen 18.Kf1!? einen Zug vorher spielen sollen, doch stimmt es, dass es nach h6 nichts Besseres gab, als auf e7 zu schlagen (20.Lh4? g5! und Schwarz steht besser), und mit 20.Lxe7 Sxe7 21.Sf6+ wickelte Maxime mit tatkräftiger Unterstützung von Levon zügig ins Remis ab. Hier die Analyse der beiden:

Beim anderen Remis passierte deutlich mehr, denn Nikita Vitiugov gab einen Bauern, um Yu Yangyis unsicheren König und nicht entwickelten Läufer auszunutzen:


Hier war Präzision gefragt, und 21…Dh2! war dabei ein wichtiger Zug. Welche Dynamik in der Stellung steckt, sieht man, wenn Weiß den Bauern h4 mit 22.g3? decken würde. Dann stellt 22…Lb3! plötzlich die tödliche Drohung Td1+ auf. In der Partie schnappten sich beide Seiten Bauern, ehe nach 40 Zügen das Remis vereinbart wurde.

Yu Yangyi oder Vitiugov heißt der nächste Gegner von Ding Liren | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Diese vier Spieler müssen in den Stichkampf, während die anderen beiden Semifinalisten bereits feststehen. Ding Liren schlug einmal mehr Kapital daraus, dass er sich um die Qualifikation für das Kandidatenturnier keine Gedanken mehr machen muss. Schon in der ersten Viertelfinalpartie gegen Alexander Grischuk war es nach 14.Df3!? zu einem wilden Gemetzel gekommen:   

"Grischuk scheint gegen Ding Liren in der Eröffnung ein Qualitätsopfer bringen zu wollen, das bei Giri gegen Carlsen in Zagreb ganz schön in die Hose ging."

Der Vergleich mit der Partie Giri-Carlsen war vielleicht ein wenig bemüht, wenngleich Schwarz in beiden Partien starken Angriff bekam, indem er den h-Bauern mit Unterstützung des Turms auf h8 nach vorne trieb. Wie sich zeigte, gab es in der zweiten Partie aber mehr Ähnlichkeiten mit einer Partie zwischen Carlsen und Giri, wie Giri selbst anmerkte!

"Es könnten in puncto Bauernstruktur und Materialverteilung einige Ähnlichkeiten mit der Partie Carlsen-Giri in Shamkir bestehen."

Ding Liren meinte nach der Partie, er habe die Struktur so einfach wie möglich behandelt, und während Carlsen mit 17.f4! exf4 18.gxf4!? und dem Opfer des Bauern auf e3 zum Königsangriff schritt, setzte Ding Liren d4 durch.Die Feinheiten erklärte er nach der Partie Anna Rudolf…

…doch trotz Dings diversen Vermutungen, wo Grischuk fehlgegriffen haben könnte, gab es zwei klare Antworten. Die erste lautete, dass der schwarze Schlamassel mit zwei Zügen nach 28.Ld5! zu tun hatte: 


Ausgleich erzielt Schwarz hier mit 28…Td8!, was nicht nur dem Turmtausch ausweicht, sondern auch den Läufer auf d5 oder jede andere Figur, die auf der d-Linie auftaucht, aufs Korn nimmt – zum Beispiel nach 29.Ld2 Lc6 30.Dxc4? Lxd5 31.Dxd5 und dann ist 31…Lb4! der beste Abzug. Stattdessen spielte Grischuk 28…Txe1+?!, was mit einem schlechten Plan verbunden ist, den Bauern c4 zu decken: 29.Lxe1 Le6?. Nach 30.Lxe6 fxe6 31.De4! steckte Schwarz bereits in großen Problemen. Das zeigte sich spätestens beim letzten Zug vor der Zeitkontrolle:


Materiell ist die Stellung noch ausgeglichen, doch da Schwarz nicht gleichzeitig den Läufer auf f8 und den Bauern c4 verteidigen kann, folgte 40…Dd6 41.Dxc4. Grischuks Aufgabe nach 41…Dg6 42.Ld4 wirkt angesichts der Matchsituation ein wenig verfrüht, aber laut Ding Liren ist die Stellung für ihn leicht gewonnen. Weiß kann seine Stellung mit b3, Kg2, Dc6 und h5 verstärken, während Schwarz nichts tun kann.

Alexander Grischuk ist nicht mehr beim FIDE World Cup 2019 dabei | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Der andere Fehler von Grischuk jedoch war ein altbekannter: Er spielte Txe1+ mit nur noch vier Minuten auf der Uhr und nach 29…Le6 hatte er weniger als eine Minute übrig. Dings Fazit:

Natürlich bin ich mit dem Ergebnis zufrieden, auch wenn er nicht besonders gut gespielt und in Zeitnot viele Fehler gemacht hat. Davor spielte er gut, und die Stellung ist vermutlich ausgeglichen, aber ich war derjenige, der auf Vorteil spielen konnte, und er war es letztlich, der in Zeitnot zu passiv gespielt hat.

Ding trifft nun im Halbfinale auf den Sieger des Duells Yu Yangyi-Vitiugov, wobei Anish Giri der Spieler mit der nächstbesten Durchschnitts-Elo im Jahr 2019 ist und daher sicher darauf hofft, dass die chinesische Nummer 1 durch den Finaleinzug die Qualifikation für das Kandidatenturnier schafft und der Elo-Freiplatz an jemand anderen geht. Optimal für Giri wäre, wenn auch MVL den Sprung ins Finale schafft, da er sein schärfster Elo-Konkurrent ist.

Radjabov-Xiong war ein Thriller, in dem beide Spieler voll auf Sieg spielten | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Damit kommen wir noch zu Radjabov-Xiong, wo es bis zu einem bestimmten Punkt perfekt für Teimour Radjabov lief. Offenbar war der 18-jährige Amerikaner Jeffery Xiong schlecht auf die Grünfeld-Nebenvariante mit 7.Lb5+ vorbereitet (mit 9…e5 wich er von Peter Svidlers Empfehlung 9…c5 ab) und tappte in die gegnerische Falle, als er das naheliegende, aber fehlerhafte 14…Td8? spielte:


Die offensichtliche Drohung ist unter Ausnutzung der Fesselung in der d-Linie 15…c5, doch Radjabov konterte mit 15.f5!, worauf auf 15…c5 das starke 16.f6! folgt. Es ging weiter mit 15…Lxd4+ 16.cxd4 c5, und dann griff erstmals Radjabov mit 17.Dd2!? fehl:


Er meinte hinterher:

Das ist die Bakuer Schachschule – wir sehen den schwarzen König, der Läufer steht nicht mehr auf g7 und es kommt f6 und Dh6. Daher habe ich wie in meinen Anfangsjahren 17.Dd2 gespielt, um Dh6, Sg3-h5 und f6 mit Matt zu spielen.

Um es vorwegzunehmen: Fast genauso kam es auch, aber der Weg dahin war steinig und verworren. Zunächst kam 17…Sc4!, was Rdajbov übersehen hatte. Auf das direkte 18.Dh6 folgt das spektakuläre 18…Lxf5!?, daher spielte Radjabov 18.Dd3, worauf Jeffery Xiong mit 18…Se5!? 19.Da3 Sc4 eine Zugwiederholung anbot. Radjabovs Erklärung, warum er weiterspielte, hat es in sich:

Ich hatte die Möglichkeit, das Remis mitzunehmen, was mehr oder weniger auf dasselbe hinausgelaufen wäre – ob man sein Glück beim Schnellschach oder in den Turnierpartien sucht, macht keinen großen Unterschied. Irgendwann verliert man oder gewinnt man, warum also nicht heute? Außerdem sind Stichkämpfe gegen jüngere Spieler nicht so einfach. Ich bin zwar auch noch nicht alt, aber im Vergleich mit 18-Jährigen, die hochmotiviert und ziemlich trickreich sind, hielt ich es für besser, diese Stellung weiterzuspielen, zumal ich vermutlich etwas besser stand.

Xiong zeigte in schwieriger Stellung einen großen Kampf, musste sich aber geschlagen geben | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Tatsächlich schätzten die beiden Spieler die Stellung unterschiedlich ein und hatten auf ihre Art jeweils recht, da der Vorteil zunächst kurz zu Xiong überging, ehe Radjabov einige starke Manöver fand und wieder die Oberhand gewann. Im Interview nach der Partie wiederholte er mehrfach, dass er sich nicht traue, seine eigenen Gedanken wiederzugeben, da der Computer ihm vermutlich widersprechen würde. Er erklärte sogar, dass es ihm als Fan von Schachseiten wie chess24 Spaß mache, beim Schach zuzuschauen. 

Es war eine tolle Erfahrung und die schönste Zeit meines Lebens, als ich kein Schach gespielt habe, da ich völlig entspannt Kaffee trinken und Snacks zu mir nehmen konnte, während ich auf dem Bildschirm eine Schachpartie verfolgte und sagte: “Warum stellt der Typ was ein?”

Vermutlich schätzte Radjabov die Stellung genau richtig ein, etwa nach 30…La6!?


Am Brett ist es etwas völlig anderes mit einer Gewinnstellung, nach La6 kann ich vermutlich 31.Dxa6 spielen, aber ich konnte das nicht bis zum Ende berechnen. Nach 31.Dxa6 wollte er den Trick 31…Th3! auspacken, wonach Weiß eigentlich auf Gewinn stehen muss, aber ich weiß nicht recht, denn nach 32.Dc4 Dh2+ 33.Kf2 Tb8 hatte ich so meine Zweifel. Es gehen viele  Schachs und alles hängt, daher spielte ich 31.Df4, was vielleicht eine gute praktische Entscheidung war.

In der von Radjabov angegebenen Variante scheint 34.Lb5! zu gewinnen, doch das starke 31.Df4! war tatsächlich eine gute praktische Entscheidung, auf die nach 31…Td8 32.Tce1 Dc5+ 33.Tf2 Tc3 34.Te7!? (eine Ungenauigkeit, die aber zu einem schnellen Sieg führte!) der letzte kritische Moment erreicht war:


Weiß hat der schwarzen Dame den Rückweg nach f8 versperrt, wodurch Dh6 eine tödliche Drohung ist, doch Ding Liren sah sofort die Rettung 34…Tc2!, womit die weißen Figuren im Zaum gehalten werden. Beide Spieler waren an dieser Stelle bereits in horrender Zeitnot und Xiong spielte den Verlustzug 34…Tc1+ mit lediglich 8 Sekunden auf der Uhr. Nach 35.Kh2 Tc3 (es gab keine Rettung mehr) 36.Dh6! gab Schwarz auf.  

Radjabov und Xiong analysierten ihre Partie hinterher gemeinsam | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Hier das Interview mit Teimour Radjabov nach der Partie:

Damit wird es vorläufig keine weiteren Wundertaten von Jeffery Xiong in einem Stichkampf geben, aber der junge Amerikaner hat in Khanty-Mansiysk viele neue Fans dazugewonnen. Teimour Radjabov derweil hat noch einen Ruhetag, ehe er im Kampf um einen Platz beim Kandidatenturnier auf Levon Aronian oder Maxime Vachier-Lagrave trifft.

Am heutigen Mittwoch finden die Stichkämpfe Aronian-MVL und Vitiugov-Yu Yangyi statt. Jan Gustafsson und Laurent Fressinet werden live auf chess24 kommentieren und vermutlich Unterstützung von ein oder zwei Überraschungsgästen bekommen. Ab 12 Uhr könnt ihr wieder live auf chess24 dabei sein.

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