Berichte 01.03.2017 | 08:59von Colin McGourty

FIDE Grand Prix: Was in Schardscha schief lief

Der FIDE Grand Prix in Schardscha endete standesgemäß mit einem schnellen Remis zwischen Alexander Grischuk und Maxime Vachier-Lagrave, die sich am Spitzenbrett den geteilten Turniersieg sicherten. Zu den beiden gesellte sich Shakhriyar Mamedyarov, der dem Geburtskind Hou Yifan die erste Turnierniederlage zufügte. Zudem gewann Ding Liren gegen Levon Aronian, doch das änderte nichts daran, dass man sich an die erste Etappe des Grand Prix schon bald nicht mehr erinnern wird. Was lief schief?

Obwohl Magnus Carlsen, eher schlecht als recht getroffen, auf der Eröffnungsfeier präsentiert wurde, fehlte dem Turnier sein Kampfgeist! | Foto: FIDE

Alle Partien der letzten Runde und des gesamten Turniers könnt ihr hier nachspielen:

Laut Turnierveranstalter sah der Endstand so aus, (die Punkte für den Grand Prix wurden jeweils geteilt):

Während des Verfassens dieses Artikels bestehen noch widersprüchliche Ansichten, ob Grischuk doch mehr Geld als seine “Co-Sieger" bekommt, es war aber auf jeden Fall ein verheißungsvoller Start für den Spieler, der über sein Abschneiden beim letzten Grand Prix noch bitter geklagt hatte:

Die ganze Turnierserie verlief für mich katastrophal und alle drei Turniere waren schlecht. Ich konnte in keinem der Turniere vorne mitspielen.

Alexander Grischuk fiel in der Weltrangliste zuletzt zurück, beim Grand Prix hat er nun aber alle Chancen | Foto: FIDE

Mickey Adams hat sich mit seiner höchsten Elo aller Zeiten von 2761 mit 45 Jahren auf Platz 12 in der Weltrangliste verbessert, aber viel mehr gute Nachrichten gibt es nicht. Selbst Co-Sieger Maxime Vachier-Lagrave hielt fest, dass er mit seinen beiden Erstrundensiegen und anschließenden neun Remis kein Feuerwerk abbrannte:

"Geteilter Erster in Schardscha! Ein gutes und wichtiges Ergebnis, aber ich hätte gern etwas inhaltsreichere und spannendere Partien gespielt."

Was lief schief in Schardscha? Schauen wir uns die Probleme in loser Reihenfolge an:

1. Zu viele Kurzremis

Von den 81 Partien endeten 60, also 74 Prozent, mit einem Remis, mehr als die Hälfte sogar in weniger als 30 Zügen. Fünf Spieler spielten fünfmal remis, drei Spieler sechsmal, vier Spieler siebenmal und fünf Spieler achtmal, wobei Hou Yifan und Levon Aronian in der letzten Runde ihre weiße Weste versauten. Zum Teil fragten sich die Zuschauer im Chat, ob Levon Aronian von Anish Giri angesteckt worden war, aber letztlich war es nur Paco Vallejo, der die neun Remis schaffte:

"An Anish Giri: Schauen wir mal, ob du dieses Ergebnis beim nächsten Grand Prix verbessern kannst."

Nur selten ist klar, warum ein Turnier vor allem aus kurzen und inhaltsleeren Remis besteht, doch als Erstes könnte man das Problem zumindest damit angehen, dass man Remisangebote vor dem 40.Zug verbietet. Dadurch wird die Sache nicht zwangsläufig bessere, aber die letzten zehn Jahre haben gezeigt, dass ein frühes Remisverbot zu mehr entschiedenen Partien führt. Auch die Spieler äußerten sich zu diesem Thema:

"Ich war in Schardscha in sehr schlechter Form, schaffte aber mit zwei Siegen zum Schluss noch akzeptable 50 Prozent. Das Turnier war gut organisiert – die Einheimischen und die Leute von World Chess (Agon?) sind sehr freundlich und taten alles, um gute Gastgeber zu sein!

Bezogen auf Schach, war es mit den vielen schnellen Remis eines der langweiligsten Turniere, an denen ich je teilgenommen habe. Das Thema ist kompliziert, doch sollte man zur Steigerung der Attraktivität vermutlich in jedem Turnier ein Remisverbot einführen.

Wie immer bin ich euch sehr dankbar für die Unterstützung vor und während des Turniers! Die nächsten Male versuche ich besser zu spielen.“

2. Schweizer System mit nur 18 Spielern

Offene Turniere mit Schweizer System sind in den letzten Jahren immer populärer geworden, das liegt an den Live-Kommentaren und den gestiegenen Preisgeldern, die die besten Spieler anlocken. Gepaart mit abwechslungsreichen Begegnungen und mehr entschiedenen Partien, war dies eine Erfolgsformel. Die Spitzenspieler sind in den ersten Runden wegen der großen Elo-Unterschiede gezwungen, auf Sieg zu spielen, und gleichzeitig kann man nach einer Niederlage in der nächsten Runde gegen einen schwächeren Gegner direkt zurückschlagen.

Beim Grand Prix fehlen diese Tugenden leider völlig. Es gab zwar Außenseiter, aber keine klaren, und Spieler wie Hou Yifan und Jon Ludvig Hammer kämpften erbittert um ihre Remis. Letztlich gewann Hammer sogar mit -2 als Vorletzter noch Elo-Punkte dazu…

"Gut gemacht Hammer! Er schnitt besser ab, als es die Setzliste vorgab. Das hat lange kein Norweger im WM-Zyklus geschafft." 

Spieler, die eine oder zwei Partien gewonnen hatten und damit eine positive Bilanz vorweisen konnten, hatten meist nichts gegen ein Remis im direkten Duell in der nächsten Runde einzuwenden. Die umkämpftesten Partien lieferten die Spieler im Bereich von 50 Prozent, wie Pavel Eljanov, Li Chao und Richard Rapport, die jeweils zwei Siege und zwei Niederlagen erzielten.

Rapport zählte wieder zu den Aktivposten | Foto: FIDE

Unterm Strich kam ein Ergebnis heraus, das nach einem Rundenturnier aussah – mit 5,5 aus 9 gewinnt man nicht viele Open! – aber mit für das Schweizer System typischen Nachteilen. Mickey Adams etwa musste die letzten drei Partien mit Schwarz bestreiten.


3. Fehlen der besten Spieler

Das Turnier erzielte nie die Aufmerksamkeit eines absoluten Top-Turniers, da zwar Spieler wie MVL, Nakamura und Aronian dabei waren, einige Spitzenspieler aber auf eine Teilnahme am Grand Prix verzichteten. Magnus Carlsen, Wesley So, Vladimir Kramnik, Vishy Anand, Sergey Karjakin und Veselin Topalov schlugen die Einladung der FIDE aus, womit wir zum nächsten Punkt kommen:  

4. Das Preisgeld

Das Preisgeld für den ersten Platz in Schardscha betrug €20.000, was kein Vergleich ist zu den $75.000, die es etwa für einen Sieg bei den normalen Turnieren der Grand Chess Tour zu gewinnen gibt. Obwohl das Preisgeld im Vergleich zu 2014/15 um €10.000 erhöht wurde, wirkt sich das kaum aus, denn die Erhöhung kommt nur den Spielern von Platz 12 bis 18 zugute.

Fabiano Caruana gewann den letzten Grand Prix vor Hikaru Nakamura und verlässt sich dieses Mal auf seine Elozahl | Foto: Kirill Merkurev, Offizielle Turnierseite

Das war nicht immer so – 2012/13 gab es für den Sieger €25.000 und wie bei der Grand Chess Tour gab es einen finanziellen Anreiz für den Gesamtsieg. Der Sieger Veselin Topalov gewann hübsche €100.000 von insgesamt zusätzlichen €420.000. 

Damit besteht der Anreiz für die Stammspieler von Supergroßmeisterturnieren fast nur darin, sich eins der beiden Tickets für das nächste Kandidatenturnier zu sichern. Wer keins braucht oder die Bedingungen nicht akzeptieren will, bleibt einfach zu Hause. Die Situation ist dieselbe wie bei der Europameisterschaft, bei der die Spieler sich einen Platz im Weltcup sichern wollen. Das Turnierziel erklärt teilweise auch, warum die Spieler weniger riskant spielen – es zählt nur das Resultat.

5. Der Auswahlprozess

Der Grand Prix ist für alle Spieler, die nicht ganz zu den Top 10-15 zählen und deshalb keine Einladungen zu Supergroßmeisterturnieren erhalten, von großer Bedeutung. Die Erhöhung der Spielerzahl von 16 auf 24 (und damit von 12 auf 18 pro Turnier) schien ihre Chancen auf eine Teilnahme zu erhöhen, doch ganz so einfach war es nicht. Wer sich nicht direkt durch die Elo qualifizierte (und dabei wurde die durchschnittliche Elo von 2015 herangezogen, weil der Grand Prix bereits im Vorjahr hätte beginnen sollen), war auf die Gnade des Veranstalters Agon angewiesen, der eine Neuerung einführte: 

Der andere große Unterschied besteht darin, wie die Turniere gesponsert werden. Statt eines Gesamtsponsors oder Sponsoren für jedes Turnier gibt es nun individuelle Sponsoren für jeden Spieler. Die Kosten pro Spieler betragen €100.000, davon bekommt jeder Spieler €20.000, €15.000 gehen an den jeweiligen Verband und der Rest wird für das Preisgeld und die Veranstaltungskosten aufgewendet.

Die Spieler müssen während des Turniers das Logo ihres Sponsors tragen, außerdem taucht es auf der Spielerseite auf World Chess.com auf.

Diese Neuerung brachte herzlich wenig, da Spieler wie Radek Wojtaszek niemanden fanden, der das Geld bezahlte. 

Saleh Salem hatte zu Beginn Probleme, landete am Ende aber bei respektablen 50 Prozent | Foto: FIDE

Am Ende waren eher Spieler dabei, die eine Art Veranstalterfreiplatz bekamen, etwa Salem Saleh aus Schardscha, Paco Vallejo aus Mallorca und einige Russen wie Inarkiev, Nepomniachtchi oder Riazantsev (nur Genf verzichtete auf einen Veranstalterfreiplatz). Hammer blieb im Rennen, obwohl die Verhandlungen über ein Turnier in Norwegen scheiterten.

Die beiden öffentlichkeitswirksamsten Einladungen waren Richard Rapport und Hou Yifan, allerdings ersetzte die Weltmeisterin Wei Yi. Am Ende belegten die Spieler, die einen Freiplatz erhielten, vier der fünf letzten Plätze. 

6. Das System mit vier Turnieren

Dieses Problem ist nicht so einfach zu lösen, da es nun mal in der Natur liegt, dass es erst am Ende richtig hoch her geht, wenn die Spieler wissen, was für die Qualifikation nötig ist. Auf jeden Fall kann man noch einiges verbessern… 

7. Keine richtigen Turniersieger

Zumindest gemäß den Regeln gibt es beim Grand Prix keine Stichkämpfe oder Wertungen, und alle Preisgelder werden geteilt. In Schardscha herrschte am Ende Verwirrung, weil die Veranstalter vor Ort eine spezielle Methode zur Medaillenvergabe anwandten:

Grischuk erhielt bei der Abschlussfeier die Goldmedaille | Quelle: YouTube/World Chess

Die herrschende Unsicherheit war das Schlimmste überhaupt, und am besten wäre sicher gewesen, Stichkämpfe um das Preisgeld und die Grand-Prix-Punkte auszutragen. Bei der Grand Chess Tour gibt es unterschiedlich viele Punkte für den direkten Sieg bzw. den Sieg im Stechen. Damit hätte man zumindest dafür gesorgt, dass der Schlusstag nicht gähnend langweilig gewesen wäre.

8. Die Frauen-WM

Ungeachtet aller Probleme, die mit der Frauen-WM in Teheran einhergingen, war dieses Turnier ganz nach dem Geschmack aller Schachfans auf der ganzen Welt.

Remis waren sogar im Halbfinale Mangelware!

9. Übertragungskosten

chess24 hat überhaupt kein Problem damit, dass Agon bei einer Turnierübertragung für jeden einzelnen Zuschauer Geld will. In diesem Fall ist dies aber ein offensichtlicher und leicht erkennbarer Fehler. Der Grand Prix weckt einfach kein so großes Interesse, und das bedeutete, dass kaum jemand die Videos anschaute. An den ersten Tagen, als jeder das Video anschauen konnte, lagen die Zuschauerzahlen immer bei 150-300. Wie es danach aussah, ist schwer zu sagen, doch hatte es wenig Sinn, vier Moderatoren und einige Mitarbeiter für diese niedrige Zuschauerzahl abzustellen. Zudem wurden keine neuen Interessenten für Schach gewonnen oder Sponsoren angelockt. 

10. Bekämpfung der Schachmedien

Selbst wenn ein Turnier nicht zur höchsten Kategorie zählt, kann man sich in der Regel darauf verlassen, dass die Schachmedien zur Popularität beitragen, da alle daran interessiert sind, möglichst viele Leute zu begeistern. Es gibt aber Grenzen. Wenn Agon, das Ende letzten Jahres einen wegweisenden Prozess in Moskau verloren hat, sich weiterhin querstellt und die Züge nicht normal weitergibt, ist es kein Wunder, dass einige Webseiten das Interesse verlieren, Werbung für dieses Turnier zu machen. Die bekannteste russische Website, ChessPro.ru, etwa ignorierte dieses Turnier mit fünf russischen Spielern komplett. 

"Was für ein langweiliges Schachturnier. So langweilig, dass keiner etwas davon mitbekam."

Ein großer Rückschritt.

11. Eine Turnierseite, die nichts taugt

Wenig hilfreich war auch, dass die offizielle Turnierseite nicht ansatzweise dem Standard entsprach. Wenn der Name Wei Yi in der Teilnehmerliste auftaucht, obwohl er gar nicht vor Ort war, oder man die Partien nicht nachspielen kann, läuft einiges schief. Natürlich gibt es auch keine Ergebnisse, keinen Zwischenstand im Grand Prix oder gar eine Info, wo das nächste Turnier stattfindet. Unterm Strich spiegelt dies das ganze Turnier wider.

In gewissem Sinne handelte es sich wirklich um eine "ganz neue Form der Übertragung" | Screenshot: World Chess

Der nächste Grand Prix findet vom 11. bis 22. Mai in Moskau statt, und dann werden Peter Svidler, Anish Giri und Harikrishna dabei sein. Man kann nur hoffen, dass der Russische Schachverband dann die Veranstalter dazu bringt, möglichst viel öffentliche Aufmerksamkeit zu wecken.

Davor gibt es die US-Meisterschaft im März, die Zürich Chess Challenge und die GRENKE Chess Classic im April! Alle wie immer live auf chess24.  

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