Berichte 21.11.2017 | 10:27von Colin McGourty

Fedoseev glänzt beim Eliseev Memorial

Einen überlegenen Sieg feierte Vladimir Fedoseev beim Eliseev Memorial. Der Aufsteiger des Jahres gab nur ein Remis gegen Maxim Matlakov ab und siegte überlegen mit 4,5 aus 5. Daniil Dubov hatte dieses ungewöhnliche Turnier im Gedenken an seinen Freund Yuri Eliseev organisiert, der letztes Jahr im Alter von nur 20 Jahren verunglückt war. Dubov dürfte mit dem Verlauf des Turniers zufrieden sein – nur vier der 15 Partien endeten remis und er selbst konnte mit einem Sieg gegen Maxim Matlakov in der letzten Runde noch auf den zweiten Platz vorstoßen.  

Vladimir Fedoseev war in überragender Form und gewann mit 4,5 aus 5 überlegen das Turnier in Gedenken an Yuri Eliseev | Foto: Eteri Kublashvili, Offizielle Turnierseite

Yuri Eliseev war außerhalb Russlands nicht sonderlich bekannt, hatte aber mehrere außerordentliche Erfolge vorzuweisen. Er wurde U16-Weltmeister, bekam mit 17 Jahren den GM-Titel verliehen und gewann 2016 das Moskau Open (die berühmteste Partie dieses Turniers ist seine einzige Niederlage!). Mit gerade einmal 20 Jahren starb er am 26.November 2016 unter tragischen Umständen, als er von einem Fenster im 12.Stock auf einen Balkon springen wollte und in den Tod stürzte.

Großmeister Yuri Eliseev (1996-2016) | Foto: Russischer Schachverband

Es zeugt von dem großen Einfluss Eliseevs auf sein Umfeld, dass Daniil Dubov ein Jahr nach seinem Tod ein Turnier mit sechs Top-Spielern organisierte, die alle nur antraten, um schöne Partien zu spielen. In einem Artikel auf der Website des Russischen Schachverbandes gedachten die Teilnehmer ihrem Freund, und wir haben die wichtigsten Passagen übersetzt:

Daniil Dubov erzählte, dass er und Eliseev sich 2013 anfreundeten und danach fast unzertrennlich waren:

Er war vermutlich der begabteste Mensch, den ich kenne: er war ein guter Sänger, schrieb Gedichte, liebte die russische Literatur und hatte ein unfassbar gutes Gedächtnis – ich erinnere mich noch an eine Zugfahrt, während der er mir aus dem Gedächtnis den halben Eugen Onegin vortrug. Hätte sie länger gedauert, hätte er mir die zweite Hälfte sicher auch noch rezitiert.

Bei Turnieren halfen wir uns immer gegenseitig bei der Vorbereitung; natürlich war er auch ein brillanter Analytiker. Es kam häufig vor, dass ich in der Nacht vor Partie eine interessante Idee entdeckte, einige Varianten notierte und sie ihm schickte – und am nächsten Morgen hatte er daraus einen Variantenbaum erstellt, der (ich habe es mehrmals überprüft) keine Fehler aufwies. Das machte großen Eindruck auf mich: er hörte nie da auf, wo andere ihre Analysen abbrachen. Generell strebte er immer nach Perfektion: in der Literatur, beim Schach und bei der Musik – er wiederholte stets, dass es noch besser gehe.

Das zeigen auch seine besten Partien: kraftvolles Spiel in der Eröffnung, genaue Berechnung und chirurgische Präzision bei der Verwertung.

Das wäre alles gar nicht so wichtig, wenn er nicht auch ein toller Mensch und ein wunderbarer Freund gewesen wäre: jeder wusste, dass man immer auf ihn zählen konnte. Für seine Freunde tat er alles; ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem er jemandem seine Hilfe verweigerte. Wir hatten ein lustiges Ritual: Jedes Mal, wenn er in der Nacht etwas analysierte, was in meiner nächsten Partie vorkommen konnte, bedankte ich mich am nächsten Morgen und als Reaktion kam immer eine neue Antwort.

Wie viele hochtalentierte Menschen konnte er im Alltag bisweilen unerträglich sein: er wollte immer spielen, reden, denken. Er hielt es einfach nicht aus, nichts zu tun – keine Reise, Wartezeit und kein Abendessen verging ohne intellektuelle Spielchen. Bei einem Spaziergang während der Higher League in Kaliningrad machten wir ein Sprachspiel, doch irgendwann blickte ich aufs Meer und meinte: „Lass uns einen Moment den Blick genießen.“ Er meinte „okay“, doch schon zehn Sekunden später fragte er mich. „Hat es dir gefallen? Wollen wir weiterspielen?”

Bisweilen übertrug sich seine fanatische Begeisterung für das Schachspiel auch auf mich – zumindest teilweise. Wir konnten tagelang analysieren oder blitzen und dabei alles vergessen: Essen, Telefon, unsere Familien – ab einem bestimmten Punkt spielte das alles keinerlei Rolle mehr.

Yuri war ein sehr lebendiger Mensch – im Schach wie im Leben. Ich hoffe, dass unser Turnier sich seinem Gedenken würdig erweist.

Dubov organisierte das Turnier nicht nur, er nimmt daran auch teil  | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Vladimir Fedoseev erläuterte, warum Yuris größte Stärken mit seinem frühen Tod zusammenhängen:

Als ich Yuri persönlich kennenlernte, war mir sofort klar, dass er ein einzigartiger Mensch ist. Er sprach und benahm sich so ungewöhnlich und hatte derart eigenwillige Interessen, dass es so wirkte, als wollte er in allem anders sein. Das zeigte sich auch in seinem Schach, er war zu einzigartigen – unmenschlichen! – Dingen fähig. Die Erklärung dafür ist sehr simpel: Yuri trainierte anders als alle anderen. Seine Theoriekenntnisse bewegten sich teilweise im Bereich eines Schachspielers mit 2500 Elo oder sogar darunter, und er spielte viel gegen den Computer.  Er vernachlässigte das klassische Wissen im Schach und die Normalität im Leben und suchte stets seinen eigenen Weg.  

Natürlich versuchten seine Freunde und sein Trainer ihn von seinen gefährlichen Hobbys abzuhalten, aber er war eben auch bereit, seine Ideen unabhängig von der Meinung anderer gnadenlos durchzuziehen – und dabei begegnete ihm oft Spott, Unverständnis oder Widerstand. Das schürte aus meiner Sicht seinen enormen Mut und seine Ausdauer, wovor man nur Respekt haben kann. Diese Qualitäten verlor er nie, und leider wurden sie die Ursache seines plötzlichen Todes. Als er ein elementares Kunststück zeigte, das er schon viele Male vorgeführt hatte, rutschte er aus… Wir haben einen der unglaublichsten Schachspieler seiner Generation verloren. Obwohl ich, vor allem weil ich seine Ablehnung von Normen und Lebensweisheiten für hypertrophisch hielt, oft in Streit mit Yuri geriet, war mir immer klar, welch einzigartige Gabe und Ideen er besaß. Ich hoffe, dass Yuri dort, wo er nun ist, all das gefunden hat, was ihm auf der Erde fehlte. Ruhe in Frieden, Yuri!

Fedoseev & Eliseev standen 2011 im russischen Team, das die U16-Olympiade gewann | Foto: Russischer Schachverband

Maxim Matlakov begegnete Eliseev nur am Schachbrett, aber das hinterließ Eindruck:

An eine Partie zwischen uns werde ich mich den Rest meines Lebens erinnern. Sie fand in der letzten Runde der Higher League 2016 statt, und uns beiden half nur ein Sieg, wenn wir uns noch für das Superfinale qualifizieren wollten. Nachdem er mich in der Eröffnung auspräpariert hatte (darauf war ich vor der Partie mental vorbereitet, da er sich in manchen Systemen extrem gut auskannte; die Partie Eliseev-Sjugirov ist samt der letztlichen Vollstreckung in dieser Hinsicht ein Meisterwerk des modernen Schachs!) und riesigen Vorteil hatte, machte Yuri kurz vor der Zeitkontrolle einen bösen Fehler und ich stand auf einmal auf Gewinn … Wie wir alle wissen, kommt ein Fehler meist nicht allein, und im 42.Zug stellte Yuri einen Turm ein…


Nachdem ich die Varianten mehrmals überprüft hatte und letztlich von einem normalen Einsteller ausging (was in der Praxis oft vorkommt, wenn eine Partie komplett gekippt ist), tappte ich in eine brillante Falle. Nach einer schnell gespielten Serie von Zügen merkte ich plötzlich, dass ich in der „Gewinnvariante“ am Ende durch eine Springerumwandlung mattgesetzt werde! Zum Glück fand ich noch eine Rettung, die mir wenigstens das Remis sicherte.


Nachdem ich mir diese Partie mehrmals angesehen und sie genau analysiert habe, ist mir klar geworden, dass man eine phänomenale Fantasie haben muss, um eine solche Idee zu entdecken. Ich weiß nicht, wie lange ein anderer Spieler dafür gebraucht hätte, aber Yuri benötigte für seine genaue Berechnung gerade einmal fünf Minuten, was sein enormes Talent deutlich unterstreicht.

Bei der Analyse dieser spannenden und dramatischen Partie kam ich zu der Erkenntnis, dass Yuri ein sehr interessanter und gebildeter Mensch mit einem ungewöhnlichen Blick auf die Welt ist.

Man bezeichnete ihn als Schachromantiker, und ich denke, er war einer der Menschen, die von einer Idee so begeistert sind, dass sie sie unbedingt in die Realität umsetzen wollen. Zeitweise wirkte sich das negativ auf seine Ergebnisse aus, aber dadurch kamen auch Meisterwerke zustande.

Zu den Qualitäten von Yuri Elissev gehörten die Liebe zum Schach und die Fähigkeit, hart daran zu arbeiten, und das verschaffte ihm die Möglichkeit, große Erfolge zu erringen. Er war ein wunderbarer Schachspieler, wie traurig, dass er nicht mehr unter uns weilt…

Das Turnier zum Gedenken von Yury Eliseev wurde im Moskauer Tigran-Petrosian-Club ausgetragen. Die ehemalige sowjetrussische Meisterin Liudmila Belavenets fungierte als Schiedsrichterin, Alexander Morozevich kommentierte vor Ort und die sechs Spieler der ersten Turnierhälfte sorgten für ein tolles Spektakel. 

Auch ein Star gab sich die Ehre | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Alle Partien, von denen nur vier remis endeten, könnt ihr hier nachspielen:

Vladimir Fedoseev hat in diesem Jahr trotz eines verkorksten Europacups seinen Druchbruch geschafft - leider wurde das Turnier nicht Elo-ausgewertet. 

Er gewann das Turnier in seinem typischen Stil, indem er Chaos auf dem Brett anrichtete und mehrfach schlechte Stellungen überlebte (wie etwa gegen Dubov in Runde 2), die er anschließend sogar noch gewann. 

Fedoseev ließ Matlakov & den Rest hinter sich | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

So lief es auch in der letzten Runde, in der er den Juniorenweltmeister von 2015 Mikhail Antipov in einem spektakulären Finale zerlegte:


30.Tfxf5!? (die aus ästhetischen Gründen konsequente Wahl, auch wenn 30.Sxf5! sogar stärker war) 30…Tf8? (30…exf5 erlaubt 31.e6! mit der Drohung Le5+, aber nach 31…Df6 geht die Partie weiter) 31.Tf6! S6d5 32.Df2 Sxf6 33.exf6 Dd8 34.Lc2! (eine hübsche Feinheit – dem Springer wird das Feld d3 verwehrt) 34…Ld3:


Nun war die Zeit für 35.Le5! gekommen, und Antipov gab auf. 35...Sc6 funktioniert nicht, da die Dame nach 36.Sb7 keinen Zug hat. Geht sie weg, folgt f7+ nebst Eindringen der Dame auf f6.

Freundschaftliche Atmosphäre | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband 

Die Vergabe des 2.Platzes wurde in der Partie Dubov-Matlakov entschieden, die Eliseev gut gefallen hätte. Dubov opferte gegen Matlakovs Caro-Kann einen Bauern für Initiative, setzte den gegnerischen König in der Mitte fest und ließ eine erbarmungslose Jagd folgen. Der schwarze Monarch kam nicht mehr lebend davon:


Das Eliseev Memorial ist aber noch nicht beendet, denn Dubov, Predke und Antipov treten nun zu fünf weiteren Runden gegen Vladislav Kovalev, Dmitry Gordievsky udd Klementy Sychev an. Alle Partien könnt ihr live auf unserer Turnierseite verfolgen.

Weitere Links:


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