Berichte 09.10.2017 | 10:31von Colin McGourty

Europacup, Runde 1: Wer braucht Kramnik?

Vladimir Kramnik und Peter Svidler pausierten am ersten Tag des Europacups 2017, doch ihre Mannschaften gewannen trotzdem souverän mit 6:0. Weltcup-Finalist Ding Liren kam gegen den 17-jährigen Italiener IM Lorenzo Lodici nicht über ein Remis hinaus, doch die einzige richtig große Überraschung gelang der türkischen Mannschaft aus Karaman, die auch dank eines kampflosen Sieges am letzten Brett gegen Oslo Schakselskap mit Jon Ludvig Hammer ein 3:3-Unentschieden erreichte. Bei den Damen gab es keine Sensationen, aber das favorisierte Team aus Batumi mühte sich zu einem 2,5:1,5 gegen das Team Anatolia.   

Hochbetrieb beim Europacup| Foto: David Llada, Offizielle Turnierseite

Das Europacup wird dieses Jahr vom 8. bis 14. Oktober im Avantgarde Resort Hotel in Göynük in der Nähe von Antalya ausgetragen:

  • Avantgarde Resort Hotel

"Einladung zur Ruhe"

Der Sieger wird in nur sieben Runden ermittelt, und jedes Land kann im Open zwei bis vier Mannschaften abstellen, allerdings ist kein einziges deutsches Team dabei. Sechs Spieler pro Mannschaft treten in einer Runde gegeneinander an, an Nummer 1 gesetzt ist das russische Team Globus mit einem beeindruckenden Elo-Schnitt von 2772 an den ersten sechs Brettern.

1. Globus (RtgAvg:2772 / TB1: 2 / TB2: 0) Captain: Maletin, Pavel
Bo.NameRtgFED
1GMKramnik Vladimir2794
2GMMamedyarov Shakhriyar2791
3GMGrischuk Alexander2785
4GMKarjakin Sergey2765
5GMGiri Anish2762
6GMNepomniachtchi Ian2733
7GMKorobov Anton2652
8GMKhismatullin Denis2628

Titelverteidiger Alkaloid ist mit einem Schnitt von "nur" 2724 die Nummer 2 der Setzliste:

2. Alkaloid (RtgAvg:2724 / TB1: 2 / TB2: 0) Captain: Jacimovic, Dragoljub
Bo.NameRtgFED
1GMDing Liren2772
2GMEljanov Pavel2720
3GMAndreikin Dmitry2705
4GMYu Yangyi2743
5GMJakovenko Dmitry2710
6GMKryvoruchko Yuriy2692
7IMPancevski Filip2489
8GMNedev Trajko2479

Peter Svidlers Mannschaft Mednyi Vsadnik ist das dritte Team mit einem Elo-Schnitt von über 2700 (2711), während Radek Wojtaszeks AVE Novy Bor mit 2698 knapp darunter liegt. 

Sergey Karjakin lächelt, als die Präsidentin des Türkischen Schachverbands Gülkız Tulay und ECU-Präsident Zurab Azmaiparashvili seinen ersten Zug ausführen | Foto: David Llada, Offizielle Turnierseite

Insgesamt sind dieses Jahr nicht so viele Top-Spieler mit über 2700 (19) wie in den beiden Vorjahren (2015: 33; 2016: 25) dabei, dafür sind aber auch deutlich weniger Teams am Start (36 im Vergleich zu 62 im Vorjahr und 50 im Jahr 2015). Deutlich anders tritt das Team aus Padua an, das dieses Jahr nur heimische Spieler aufgestellt hat, während im Vorjahr noch MVL, Levon Aronian, Boris Gelfand, Peter Leko und Etienne Bacrot im Team standen. Ein Grund könnte die Europäische Mannschaftsmeisterschaft sein, die in drei Wochen auf Kreta beginnt.

Auch bei den Frauen sind weniger Stars dabei, zudem fehlt der Titelverteidiger Cercle d’Echecs Monte-Carlo. Insgesamt gehen zwölf Mannschaften an den Start, davon allein vier aus der Türkei.

Nun aber zum Verlauf der ersten Runde, in der die Favoriten meist sicher gewannen (alle Partien könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis nachspielen):

Die Nummer 1 des Turniers, Globus, legte einen perfekten Start hin. Jon Arni Halldorssons 12…Sd6? wurde direkt bestraft:


Denis Khismatullin fand 13.Sxd5!, und nach 13…exd5 14.Dxd5 kann Schwarz den Turmverlust auf a8 nur noch auf Kosten einer Figur verhindern, etwa mit 14…Sd7 15.Dxd6. Der Computer empfiehlt 13…Sa6 und setzt die Partie trotz des verlorenen Zentrumsbauern fort, doch Jon hatte verständlicherweise keine Lust mehr und gab auf.  

Denis Khismatullin legte mit seinem Team einen souveränen Start hin | Foto: David Llada, Offizielle Turnierseite

Nepomniachtchi brauchte für seinen Sieg 20 Züge, Korobov 24 und Karjakin 25 – der Vize-Weltmeister musste nur auf einen Fehler von Oliver Johannesson zu warten, der mit weniger als einer Minute Restbedenkzeit schon früh in schwerer Zeitnot verkehrte. Giri fand in einer scharfen Najdorf-Variante den Schlüsselzug:


20…Th3! Die Fesselung auf der dritten Riehe ist extrem unangenehm, und obwohl Giri nicht immer die stärksten Züge fand, gewann er überzeugend.

Anish Giri vor der Ausführung von 20...Th3! | Foto: David Llada, Offizielle Turnierseite 

Am Spitzenbrett spielte Mamedyarov die Philidor-Verteidigung und nutzte ebenfalls eine Fesselung aus, um GM Hedinn Steingrimsson zu besiegen und 2,3 Elopunkte gutzumachen. Etws überraschend nicht dabei war Vladimir Kramnik, da er im Kampf um die Plätze beim Kandidatenturnier eigentlich dringend Elozugewinn braucht, doch wären seine Chancen sicher nicht größer, wenn er sieben Runden ohne Pause durchgespielt hätte.

Auch die anderen Topteams gewannen überzeugend, zum Teil mit perfekter Technik:

"Kein guter Tag? Versetz dich einfach in die Lage des schwarzen Turmes."

"Instruktive Technik von Khairullin, der mit seinem König von f8 nach a5 wanderte."

Natürlich gab es auch einige kleinere Tragödien. Der Este IM Olav Sepp hielt lange stark gegen Maxim Matlakov dagegen, doch dann deckte er im 40.Zug den Bauern h5 mit seiner Dame: 

Der Springer konnte zuvor wegen Matt in einem Zug nicht ziehen, doch nun entschied 40...Sd4+! mit Damengewinn sofort die Partie.

Ding Liren legte einen holprigen Start hin | Foto: David Llada, Offizielle Turnierseite

Überraschungen gelangen dem englischen FM Adam Ashton, der gegen Vladimir Malakhov ein Remis erreichte, dem titellosen Iren Kieran O’Driscoll, der GM Azer Mirzoev am Rand einer Niederlage hatte und vor allem dem 17-jährigen Italiener IM Lorenzo Lodici, der gegen Weltcup-Finalist Ding Liren ein Schwarzremis erreichte. Doch nicht nur das Ergebnis war beeindruckend, auch die Art und Weise, wie er das komplizierte damenlose Mittelspiel behandelte, war überzeugend:


Nach 23…Sb6 24.d6 c4 25.T1h6 La3+ wiederholten die Spieler die Züge, doch nach 23…Sa3!? hätte Schwarz vermutlich sogar besser gestanden.

Hier die Zusammenfassung der ersten Runde im Video:

Die wohl unterhaltsamste Partie lieferten IM Johan-Sebastian Christiansen und David Navara ab. Schon im 6.Zug betraten die Spieler Neuland, und es entwickelte sich eine wilde Partie, in der beide Könige exponiert waren. Hier die Stellung nach 22.Txf7+:


Zwischendurch sah es so aus, als wäre Navara die Stellung entglitten, doch bei knapper Bedenkzeit fand er sich in den Komplikationen besser zurecht und trug einen Punkt zum 6:0-Sieg seiner Mannschaft bei.

Harikrishna schlug am Spitzenbrett Aryan Tari  | Foto: David Llada, Offizielle Turnierseite 

Die norwegischen Teams hatten insgesamt wenig Grund zur Freude, denn Jon Ludvig Hammers Oslo Schakselskap kam gegen Karaman Belediyesi Spor Kulübü nicht über ein Unentschieden hinaus.

Jon Ludvig Hammer spielte gegen IM Ulvi Sadikhov remis | Foto: David Llada, Offizielle Turnierseite

Bei den Frauen gab es nur bei den Einzelergebnissen einige Überraschungen:

Olga Girya verlor zwar, aber Natalia Pogonina und ihre Teamkolleginnen sorgten für einen letztlich sicheren Sieg | Foto: David Llada, Offizielle Turnierseite

Für eine Überraschung sorgte Olga Girya, die nach dem Eindringen der schwarzen Dame von WFM Cecile Haussernot mit fehlerfreiem Spiel besiegt wurde:


46…Lf3+! 47.Txf3 Tg1+! 48.Kh3 Df6! und Girya gab wegen Matt im nächsten Zug auf. Ihr Team UGRA gewann dennoch sicher mit 3:1 gegen Mulhouse Philidor.

Die größte Überraschung der Runde war aber, wie schwer sich der Turnierfavorit Batumi NONA gegen das Team Anatolia tat. 

Nana Dzagnidze musste ein Endspiel mit drei gegen vier Bauern gegen Ekaterina Atalik verteidigen, Harika Dronavalli konnte die Remisabwicklung von Betul Cemre Yildiz nicht verhindern und nur Bela Khotenashvili gewann trotz Materialgleichstand ein Endspiel gegen Khayala Isgandarova. 

Salome Melia hatte keinen leichten Stand | Foto: David Llada, Offizielle Turnierseite

Die merkwürdigste Partie bestritten WFM Cagil Arda und Salome Melia. 31.Dxf7 ließ einen simplen taktischen Trick zu:


31…Td1+! gewann die Dame und hätte auch bald das Partieende bedeuten sollen, doch Melia hatte schon zehn Züge später den Sieg aus der Hand gegeben. Nach 43.Tgf7 ist die Stellung schon objektiv remis:


Wegen des g-Bauern und der gegnerischen Kontrolle der siebten Reihe blieb Schwarz nichts anderes übrig, als Dauerschach zu geben.

"Trotz eines Turmeinstellers hielt Cagil Arda gegen die um 400 Elopunkte stärkere Salome Melia remis!"

Die zweite Runde könnt ihr hier auf chess24 wieder ab 14:00 Uhr live verfolgen: OpenFrauen

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