Berichte 19.10.2018 | 17:58von Colin McGourty

Europacup, R7: Bronzener Reiter schnappt sich Gold

Peter Svidlers Team Bronzener Reiter gewann den Europacup für Vereinsteams 2018 nach einem 4-2 gegen Valerenga in der letzten Runde. Peter hatte  über das gesamte Turnier mehr Grund für Selbstzerfleischung als sonst, aber spielte Remis gegen Magnus Carlsen. Der Weltmeister bleibt damit vor dem WM-Match gegen Fabiano Caruana Nummer 1 der Weltrangliste, sein Team ist jedoch eines von drei, die eine Medaille knapp nach Wertung verpassten. AVE Novy Bor (Wojtaszek) gewann Silber und Molodezhka (Potkin) Bronze. Im Damenturnier siegte Cercle d'Echecs de Monte-Carlo (Spitzenbrett Anna Muzychuk).

Team Svidler musste ihn unterstützen, aber am Ende war alles gut! | Foto: Nikki Riga, Turnierseite

Team Magnus stolpert am Ende

Magnus Carlsens letzte offizielle Partie vor dem WM-Match | Foto: Nikki Riga, Turnierseite

Nur eines war vor der letzten Runde des Europacups sicher: wenn Valerenga Sjakklubb gegen Bronzener Reiter (“Mednyi Vsadnik St. Petersburg”) gewinnt, sind sie Europameister und komplizierte Tiebreak-Berechnungen entfallen (für Platz 1). Bis zu einem gewissen Zeitpunkt im Match schien dies möglich, da Tari-Matlakov schnell Remis wurde und die anderen Partien alle recht ausgeglichen waren. Plötzlich brach Valerenga dann innerhalb weniger Minuten zusammen, beteiligt waren ihre Helden der beiden Runden zuvor.


Borki Predojevic hatte in Runde 5 den wichtigen Sieg gegen Gadir Guseinov in Round 5 erzielt und produzierte nun die Gurke des Turniers. Kontext ist, was zuvor geschah: Borki beantwortete 23.Lc3 mit 23…Dc7!


Diese clevere Fesslung verteidigt den eigenen Lb4 und greift den gegnerischen Läufer auf c3 an. Maxim Rodshtein spielte fast a tempo 24.Se1 und Borki dann das fatale 24…Se4?? “mit mehr Druck auf c3”. Aber die weisse Dame ist nun vom Springer gedeckt, daher konnte Maxim einfach 25.Lxb4 spielen - gratis Mehrfigur, Schwarz gab sofort auf.

Fedoseev besiegte Grandelius, aber der Schwede bekam dennoch die Bronzemedaille an Brett 3 - Silber für David Navara | Foto: Nikki Riga, Turnierseite 

Das norwegische Team konnte sich kaum von diesem Schlag erholen, bevor Nils Grandelius, Matchwinner in Runde 6, in einer schwierigen Stellung gegen Vladimir Fedoseev 31…c5? spielte:


Dieser Fehler ist bei weitem nicht so offensichtlich, aber auch das verlor forciert eine Figur: 32.Sdc4! Ta6 (alles andere kostet kurzzügig eine Qualität) 33.T1xa6 Sxa6 34.Sb6! cxd4 (es gibt Alternativen, aber nichts funktioniert) 35.Sxc8 Txc8


36.Lxa6 und Nils gab wenige Züge später auf.

Fedoseev war einer der Stars von Team St. Petersburg, 6/7 (TPR 2829) bedeutete individuell Gold an Brett 3. Nikita Vitiugov (5/6, 2814) bekam Gold an Brett 2, und Maxim Matlakov (5/6, 2791) Gold an Brett 4, damit erscheint Gold für das Team verdient. Peter Svidlers Kommentar:

‌Gratulation an das Team meiner Heimatstadt Bronzener Reiter (Vitiugov, Fedoseev, Matlakov, Rodshtein, Alekseenko, Goganov) für den zweiten Sieg beim Europacup, trotz Handicap an einem Brett.

Er hatte keinesfalls das Turnier seines Lebens (jedenfalls nicht im positiven Sinn) mit zunächst vier Niederlagen in Serie, drei davon mit Weiß gegen 2600-Spieler. Aber nur die Niederlage gegen Ding Liren kostete Mannschaftspunkte, und derzeit kann jeder gegen Ding Liren verlieren!

‌Einfach unglaublich. Ding hat die beste TPR 2018 mit 2847 (+16 =33 -0), und mit +28 =66 -0 in 94 Partien seit August 2017 ungeschlagen.

Bei seinem Sieg in der vorletzten Runde hatte Peter das nötige Glück, dann übernahm er gegen Magnus das Kommando. Carlsen wählte ein derzeit modisches Abspiel der Caro-Kann Verteidigung, das Jan Gustafsson in seiner neuesten Eröffnungsklinik (auf Englisch) besprochen hatte.


Diese Stellung mit 9.Se2 h5!? wurde von Carlsens Kollegen im Team Valerenga David Howell und Nils Grandelius gespielt, ebenso vom indischen Star Vidit. Peter vermied dieses spezielle Motiv mit dem auf hohem Niveau sehr seltenen 9.Le3. Magnus wählte nach 10 Minuten den bescheideneren Bauernzug 9…h6. Für seine Mannschaft hätte Carlsen sicher gerne gewonnen, aber stattdessen landete er in einem unangenehmen Endspiel mit Springer gegen Läufer. Der kritische Moment direkt vor der Zeitkontrolle:

‌Unangenehm wenn der Gegner dich zwingt, im 40. Zug ein Bauernendspiel zu berechnen! (der Computer sagt zu 40...Sxd5 0.00)

Magnus hatte richtig eingeschätzt, dass das Bauernendspiel nach 40…Sxd5! 41.Kxd5 h5!
tatsächlich remis ist. Beide mussten danach präzise spielen, und am Ende ein Patt auf dem Brett:

‌Remis! Svidler behält seinen Plusscore gegen Carlsen und sichert seinem Team den Mannschaftssieg - Magnus bleibt vor dem WM-Match die Nummer 1 der Weltrangliste

Peter sollte das Turnier schnell vergessen, aber die gute Nachricht: danach ein grosser goldener Pokal!

Magnus ist nun wohl etwas frustriert, aber ein ungeschlagener Plusscore am Spitzenbrett ist nie ein schlechtes Ergebnis, es konnte natürlich viel schlechter oder auch besser laufen. Mannschaftsturniere waren nie gut für Carlsens Elozahl:

‌Carlsen hat in seinen letzten 7 Mannschaftsturnieren insgesamt 56 Elopunkte verloren

Andererseits spielte Valerenga als Team über seinen nominellen Möglichkeiten, wie zuvor Polen bei der Olympiade, und hätte beinahe alles gewonnen.

‌Eine sehr schwere Woche ist vorbei. Wir verloren in der letzten Runde und belegten Platz 5. Wir haben gegen alle starken Teams gespielt und in jeder Runde gekämpft. Wir bekamen vier individuelle Medaillen, das sagt eine Menge über unseren gesamten Auftritt. Nächstes Jahr kommen wir zurück, noch besser!

Und aus Matchsicht: Vor der ersten Partie des WM-Matches gegen Caruana am 9. November in London ist Magnus Carlsen die weltweite Nummer 1.

Die Führung beträgt nur 2,4 Punkte, damit bleiben die Elozahlen beider Spieler nach Remisen unverändert. Das bedeutet natürlich auch, dass bei einer Entscheidung im WM-Match nach klassischen Partien (ohne Stichkampf) der Weltmeister auch Nummer 1 der Weltrangliste ist. 

AVE Novy Bor bekommt Silber

Silber für Laznicka, Sasikiran, Harikrishna, Bartel, Navara, Ragger, Wojtaszek und Vidit | Foto: Nikki Riga, Turnierseite 

Radek Wojtaszek verpasste bei der Olympiade eine Medaille mit Polen, aber beim Europacup mit Novy Bor erhielt er doppeltes Silber. An Brett 1 hatte er das zweitbeste Ergebnis nach Ding Liren und konnte dabei gegen Magnus Carlsen und Shakhriyar Mamedyarov Remis halten.


David Navara hatte ein starkes Finish, zunächst ein Sieg gegen Paco Vallejo in der vorletzten Runde und dann in der Schlussrunde ein wichtiger Sieg gegen Rauf Mamedov. In einer taktisch komplizierten Stellung verrechnete sich Rauf bei 26.Df4?!:


Nach 26…Lxg2! 27.Txe6 fxe6 28.Dxf8 hatte er sicher die Gefahren für Weiß nach dem Nadelstich 28…Bh3! unterschätzt. Noch vor der Zeitkontrolle musste er aufgeben.

Viktor Laznicka (Goldmedaille an Brett 7) verbesserte den Tiebreak seines Teams mit einem späten Sieg am letzten Brett, aber es sollte nicht reichen. Die Tiebreak-Lücke war dann 12 Punkte, genau die Differenz zwischen dem 4-2 von Novy Bor gegen das an drei gesetzte Odlar Yurdu und dem 4-2 von Team Svidler gegen das an fünf gesetzte Valerenga. Hier könnte man jedoch sagen, dass das Tiebreak-System seine Aufgabe erfüllte - das hochmotivierte Valerenga hatte ein besseres Turnier und war wohl schwerer zu schlagen. Das Vereinsteam aus Aserbaidschan kollabierte ähnlich wie die Nationalmannschaft bei der Olympiade, zwei Niederlagen und ein Mannschaftsremis in den letzten vier Runden.

Hätte, wenn und aber

Das junge russische Team Molodezhka spielte Schweizer Gambit: nach früher Niederlage diverse hohe Siege | Foto: Nikki Riga, Turnierseite  

Das Match, in dem am Ende die Bronzemedaille vergeben wurde, hätte zuvor über Gold entscheiden können - das an sechs gesetzte Obiettivo Risarcimento Padova konnte dies aus eigener Kraft erzielen.


Wang Hao begann am Spitzenbrett nach Vladimir Potkins 33…cxd6?:


34.Ta5! fesselte den Läufer und Schwarz war machtlos gegen das, was kam: 34…Tb8 35.Txd5! Dxd5 36.Lc4 Schwarz gibt auf.

An anderen Brettern Siege für beide Teams, dadurch insgesamt 5/5 für Daniele Vocaturo (auch Teamkapitän Danyyil Dvirnyy hatte 3/3 und damit eine mathematisch nicht definierte Turnierleistung!), Julio Granda verlor zum Schluss nach zuvor fantastischem Turnier, und Sabino Brunello verpasste eine vorübergehende Remischance gegen Semyon Lomasov:


39…Nxd6! war möglich - da die weisse Dame momentan ungedeckt ist verliert 40.exd6? wegen 40…Te2+! 41.Txe2 Dxd5. Die schmerzlichste verpasste Chance war allerdings wohl für Paco Vallejo im 40. Zug:


Nach 40.De8! müsste Schwarz wohl aufgeben. Er würde dann gerne 40…c4 spielen, um den Le7 zu verteidigen, aber das kostet den Turm auf a7. Stattdessen spielte Paco mit unter einer Minute auf der Uhr 40.d8=D? und die Partie verflachte zum Remis.

Dadurch erzielte das junge russische Team Molodezhka trotz einer herben Niederlage in Runde 2 gegen Valerenga Bronze, wie zuvor bei der russischen Mannschaftsmeisterschaft!

Rk.SNo TeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3 
14Mednyi Vsadnik St.Petersburg760112229,530,5
22AVE Novy Bor752012217,530,0
37Molodezhka751111231,031,0
46Obiettivo Risarcimento Padova743011228,029,0
55Valerenga Sjakklubb751111219,526,0
61Alkaloid751111219,030,0
79Itaka750210184,027,0
827CC Gambit Asseco SEE742110136,523,0
93Odlar Yurdu74129209,030,5
108Beer Sheva Chess Club74129176,526,5
1115Dunajska Streda74129157,522,5
1222Nordstrand Sjakklubb74129155,523,5
1324BSG73319151,024,0
1414Schachgesellschaft Solingen73319149,024,0
1512Schachfreunde Berlin 190374129135,022,5
1621Eynatten74129130,521,0

Die anderen Teams, die Platz 3 teilen, können sich alle quasi zurecht über fehlende Medaillen beklagen, aber selbst ein perfektes System könnte 61 Teams in 7 Runden kaum 'korrekt' sortieren.

Das siebte Gold für Cercle d'Echecs de Monte-Carlo

Almira Skripchenko, Deimante Cornette, Monika Socko, Pia Cramling und Anna Muzychuk mit Mannschaftsgold im Europacup der Damen | Foto: Nikki Riga, Turnierseite 

Anna Muzychuk war die Heldin beim 7. Titel für Monte-Carlo in 12 Jahren. Für 4.5/6 an Brett 1 (TPR 2627) bekam sie individuell Gold an Brett 1 und erzielte dabei den entscheidenden Sieg im letzten Match:


Natürlich kannst Du einwenden, dass das Match doch unentschieden endete, aber der Tiebreak in der KO-Phase des Damenturniers war "Sieg an einem höheren Brett". Der Schlüsselmoment war im 20. Zug: statt auf d5 zu schlagen spielte Nana Dzagnidze das verlockende 20…e4?!


Der Springer ist angegriffen und potentiell droht Dxh2#. Aber wie sich herausstellte hat Weiß nach 21.Se5! Sgxe5 22.dxe6 alles unter Kontrolle, später dominierten die weissen Läufer und Türme das gesamte Brett. Anna gewann sicher.

Das georgische Team Nona bekam Silber | Foto: Nikki Riga, Turnierseite 

Das Tiebreak-System war kurios, da ein Blitz-Stichkampf ebenfalls denkbar war. Das war laut Regelwerk nur vorgesehen, wenn alle vier Partien mit klassischer Bedenkzeit remis enden, wie im Match um Platz drei zwischen SSHOR and Ugra. Im 3+2 Blitzmatch gewann dann Ugra (Anna Ushenina, Natalia Pogonina, Olga Girya und Baira Kovanova) 2,5-1,5, nicht ohne einige Abenteuer. Ushenina und Kovanova siegten, Girya erzielte ein Remis aus totaler Verluststellung gegen Dina Belenkaya und Natalia Pogonina verlor diese Gewinnstellung:

‌Zum Glück spielte es am Ende keine Rolle, da Natalijas Ugra ohnehin gewann, sonst wäre diese verpasste Chance schmerzhaft - 35.Dxf3! ist hier Matt in sechs. Nach 35.Th1+ gewann später Schwarz!

Es war dann egal, und Ugra bekam die Bronzemedaillen.

Ende gut, alles gut! | Foto: Nikki Riga, Turnierseite 

Wie im Spitzenschach heutzutage üblich können wir vor den nächsten hochkarätigen Turnieren kaum durchatmen. Giri, Aronian, MVL, So, Anand, Grischuk, Nakamura und Karjakin führen die Teilnehmerliste des morgen beginnenden Chess.com Isle of Man International an, und am Sonntag beginnen in Hoogeveen die Matches Shankland-Svidler und Jorden van Foreest-Fedoseev über sechs Partien mit klassischer Bedenkzeit.

Derweil beginnen in Griechenland im Turniersaal des Europacups die Weltmeisterschaften der Altersklassen U14-18, wobei z.B. der 14-jährige Nobirbek Abdusattorov bei der U18 mitspielt

Siehe auch:


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