Berichte 18.10.2018 | 11:58von Colin McGourty

Europacup, R6: Carlsen bleibt die Nummer 1 … aber knapp!

Magnus Carlsens siebenjährige Regentschaft als Nummer 1 der Welt wäre gestern um ein Haar beendet gewesen, denn dem Weltmeister unterlief gegen Ding Liren ein böser Schnitzer. Mit zäher Verteidigung konnte Carlsen aber am Ende das Remis retten und damit einen wertvollen Beitrag für sein Team Valerenga leisten, das Titelverteidiger Alkaloid letztlich dank eines Siegs von Nils Grandelius gegen Dmitry Andreikin niederringen konnte. Valerenga Oslo geht damit mit einem Punkt Vorsprung in die Schlussrunde und trifft dort auf Peter Svidlers Team Mednyi Vsadnik. Der achtmalige russische Meister feierte nach vier Niederlagen in Folge endlich seinen ersten Sieg und trifft nun auf den Weltmeister!

Magnus Carlsen gratuliert Nils Gradelius zum entscheidenden Sieg | Foto: Nikki Riga, Turnierseite

Nach einer dramatischen 6.Runde haben beim Europacup 2018 nur noch fünf Mannschaften eine Chance auf die Goldmedaille: AVE Novy Bor, Obiettivo Risarcimento Padova, Valerenga, Molodezhka und Mednyi Vsadnik.


Alle Partien könnt ihr hier mit Computeranalyse nachspielen. Und hier das Video mit der Live-Übertragung von gestern mit den Kommentaren von FM Sotirios Logothetis und GM Ioannis Papaioannou:

Carlsens grandiose Rettung

Ding Liren hatte Magnus am Rande der Niederlage! | Foto: Nikki Riga, Turnierseite

Carlsen-Ding Liren war natürlich die Partie, auf die sich alle Augen richteten, da hier zwei aktuelle und zentrale Themen der Schachszene auf dem Brett zur Diskussion standen. Zum einen die Frage, wer als Nummer 1 in den WM-Kampf geht – objektiv gesehen machen ein paar Elo-Punkte hin oder her zwar keinen großen Unterschied, aber Magnus war in diesem Punkt sehr ehrlich. Während der Schacholympiade meinte er zu Pepe Cuenca: 

Ich würde dir gern eine langweilige, politisch korrekte Antwort geben, aber die Wahrheit ist, dass es mich beschäftigt. Ich bin seit sieben Jahren immer die Nummer 1 gewesen, und es ist unangenehm, ihn und vermutlich auch Shakhriyar im Nacken sitzen zu haben. Daher hoffe ich definitiv, dass er mich nicht überholt. 

Eine starke Leistung:

Und das andere Thema war Ding Lirens mittlerweile 14 Monate und 92 Turnierpartien anhaltende Serie ohne Niederlage. Vor allem mit Schwarz gegen Magnus Carlsen ist eine solche Serie natürlich in Gefahr, zumal der Norweger hochmotiviert war – da sein Team an allen anderen Brettern Elo-Nachteile hatte, war sein Abschneiden umso wichtiger.

Zunächst sah es aber so aus, als wäre es eine der Partien, auf die alle gewartet haben und die dann enttäuschend verlaufen. Ding Liren verteidigte sich gut, tauschte die Damen und schien mit 22…c5! alle Probleme gelöst zu haben:


Dann jedoch ging auf einmal die Post ab. In Runde hatte Carlsen gegen Alexander Donchenko noch die Chance verpasst, das hässliche, aber starke 25.g4! spielen. Nun gegen Ding Liren lief es genau andersherum, denn 23.g4? war an dieser Stelle ein böser Fehler.

Der Zug ist schwer nachvollziehbar, da Schwarz mit dem einfachen 23…Txh3 24.Txh3 Lxg4 einfach einen Bauern gewinnt. Ding spielte quasi sofort 23…d4 24.Tf3 Sxg4!, und nun konnte man spekulieren, ob Magnus vielleicht 25.hxg4 Lc6! (und nicht 25…Lxg4? 26.Te1! mit weißer Gewinnstellung) übersehen hatte, aber das ergab auch keinen Sinn:

"In diesen Varianten gab es mehrere versteckte Nuancen, aber g4 war einfach nur ein hässlicher und schlechter Zug, der gleich mehrfach nicht funktionierte. Lässt sich nur durch übertriebenen Ehrgeiz erklären, oder?"

Als sich der Rauch nach 25.Te1!? Sf6 26.Sb6 Lc6 27.Tg3 g5 verzogen hatte, war aber klar …

... dass Carlsen ums Überleben kämpfte.

In der Folge entwickelte sich ein spannendes Ringen, bei dem Carlsen erfolgreich Verwirrung stiftete und die objektive Stellungsbewertung zwischen Remis und schwarzer Gewinnstellung hin- und hersprang. 44…Txc2! war womöglich die eine verpasste Chance auf den ganzen Punkt, doch nach Ding Lirens 50.Zug konnte sich der Weltmeister über ein Happy End freuen:


In dieser Phase war Ding Liren eventuell sogar schon beunruhigt, ob sein Gegner mit dem a-Bauern auf Gewinn spielen kann, aber nach 50…Tf4! hätte Schwarz offenbar immer noch gute Gewinnchancen gehabt. Stattdessen folgte 50…d3?! 51.a5! dxc2 52.Txc2 Ta4 53.a6 h5?! 54.Tc5 und Weiß hatte nicht nur einen starken Freibauern, sondern konnte gleichzeitig die schwarzen Bauern mit seinem Turm belästigen. Die Züge wurden wiederholt, ehe der Remisschluss erfolgte:

"Carlsen gelingt eine grandiose Rettung und er bleibt die Nummer 1, während Ding Liren seit 93 Partien ungeschlagen ist, aber eine große Chance verpasste." 

Der Ausgang der Partie wurde nicht nur im Turniersaal registriert …

… aber genau da erwies er sich als extrem wichtig. Obwohl Valerenga an den hinteren drei Brettern deutlichen Elo-Nachteil hatte, schaffte das Team drei schnelle Remis.

Die Entscheidung fiel an den drei Spitzenbrettern | Foto: Nikki Riga, Turnierseite

Damit musste an den vorderen Brettern die Entscheidung fallen, wo drei Spieler mit dem Rücken zur Wand standen. Carlsen konnte sich wie gesehen retten, und auch der extrem zähe Dmitry Andreikin kämpfte gegen Nils Grandelius ums Überleben. Schon früh in der Partie hatte er eine Qualität für einen gegnerischen Freibauern geben müssen, doch um den 60.Zug herum sah es so aus, als könnte er remis halten. Letztlich zahlten sich Grandelius‘ unermüdliche Bemühungen, das schwarze Läuferpaar zu belästigen, aber aus und wie am Vortag war der Weltmeister der erste Gratulant:

David Howell derweil konnte sich hinterher gemeinsam mit Carlsen freuen und darüber diskutieren, wer zwischenzeitlich die schlechtere Stellung hatte. Nach 54 Zügen jedenfalls sah es so aus, als würde Yu Yangyi mit Weiß demnächst Matt setzen:


55.Sf6+ hätte zu dreimaliger Stellungswiederholung geführt, daher wickelte die chinesische Nummer 2 mit 55.Dxg5 ins Endspiel ab. Er hatte eine Figur für zwei gegnerische Bauern, und da alle gegnerischen Bauern schwach waren, hatte er ausgezeichnete Gewinnchancen. Nach 93 Zügen jedoch waren alle Figuren vom Brett verschwunden, und der Sieg von Nils Grandelius hatte die Entscheidung gebracht.

Borki Predojevic war am Vortag der Held - dieses Mal war es David Howell! | Foto: Nikki Riga, Turnierseite

Titelverteidiger Alkaloid kann damit seinen Vorjahressieg nicht wiederholen, während Valerenga Oslo mit einem Punkt Vorsprung auf das Verfolgerfeld in die Schlussrunde geht. Da kann man schon einmal einen Höhenrausch bekommen...

Das Match zwischen AVE Novy Bor und Obiettivo Risarcimento Padua ging unentschieden aus, nachdem die Italiener einen 0:2-Rückstand durch Siege von Markus Ragger und David Navara wettmachten. David Navara beendete die Partie gegen Paco Vallejo mit einem hübschen taktischen Schlag:


34.Sxc6! scheint wegen des Gegenschlags 34…Sf4+ auf den ersten Blick ein Fehler zu sein, aber nach 35.Kd2 Txc6 hatte Weiß 36.Dg8! im Köcher, wonach Matt oder großer Materialverlust unausweichlich ist.

Den Ausgleich schafften Daniele Vocaturo, der nach seinem Sieg gegen Sasikiran 4 aus 4 hat, und der 51-jährige Julio Granda, der schon am Vortag Jakovenko fast besiegt hatte und gegen Vidit nun seinen 2700er-Skalp bekam! Die Schlussstellung nach Grandas 46.Lf4! gehörte zu den schönsten des Tages:


Wie erwartet, gelangen Molodezhka und Mednyi Vsadnik gegen schwächere Mannschaften Siege, wodurch beide Teams noch Europacupsieger werden können. Nach vier Niederlagen konnte Peter Svidler dieses Mal Erik Blomqvist besiegen:

Nach einem frühen Bauerngewinn rang Svidler seinen Gegner eindrucksvoll nieder, allerdings waren wir vermutlich nicht die Einzigen, die Peter nicht mit Gedanken wie „diese Stellung kann er nicht verlieren“ Unglück bringen wollten.

Die deutschen Teams erlebten einen gemischten Tag. Während Aufwärts Aachen verlor, gelang Solingen ein Unentschieden gegen Zürich und Werder Bremen bzw. die Schachfreunde Berlin konnten ihre Kämpfe gegen Reval bzw. Wirtzfeld mit 4,5 zu 1,5 bzw. 4 zu 2 gewinnen.

Damit sieht der Stand an der Spitze so aus:

Rk.SNo TeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3 
15Valerenga Sjakklubb651011168,024,0
26Obiettivo Risarcimento Padova642010183,526,0
32AVE Novy Bor642010168,026,0
44Mednyi Vsadnik St.Petersburg650110158,026,5
57Molodezhka650110156,028,0
63Odlar Yurdu64119165,028,5
71Alkaloid64119163,525,5
88Beer Sheva Chess Club64119143,525,0
921Eynatten64119102,520,0

Und hier die Spitzenpaarungen der letzten Runde:


Da auf jeden Fall eine Mannschaft mindestens 12 Punkte erreichen wird, können nur noch die Kontrahenten in den drei Spitzenpaarungen – ausgenommen Odlar Yurdu - den Turniersieg erreichen. Valerenga kann es aus eigener Kraft gegen Mednyi Vsadnik schaffen, aber das Team aus St. Petersburg ist auf dem Papier sogar Favorit. 

Peter Svidler beim Anblick der Schlussrundenpaarungen... | Foto: Nikki Riga, Turnierseite

Und wieder ist klar, auf welche Partie sich die Augen richten. Peter Svidler spielt bisher ein schwaches Turnier, ist aber einer der Spieler, die eine positive Bilanz gegen den Weltmeister haben. Zuletzt besiegte er ihn beim Kandidatenturnier 2013. Carlsen würde seinem Team sicher liebend gern mit einem Sieg helfen, er weiß aber auch, dass er bei einem Remis als Weltranglistenerster ins WM-Match geht. Zockt er, kann er auch viel verlieren!

Schafft Valerenga keinen Sieg, spricht vieles für eine Entscheidung nach Sonneborn-Berger-Wertung, die bereits bei der Olympiade in Batumi angewendet wurde und für viel Kritik gesorgt hatte. Alle Mannschaftskämpfe, die die vorderen Mannschaften bestritten haben, würden dann eine Rolle spielen.

Nona und Cercle d’Echecs de Monte Carlo stehen im Finale


Bei den Damen dagegen gibt es sicher keine Entscheidung nach Wertung, da die beiden letzten Runden im KO-Format ausgetragen werden und im Zweifelsfall der Sieger beim Blitzen ermittelt wird.  Bisher war das nicht nötig, da beide Favoriten das Finale auch so erreicht haben.   

Bela Khotenashvili schlug Elena Semenova in Runde 6 | Foto: Nikki Riga, Turnierseite

Nona schlug schlug SSHOR dank Siegen von Bela Khotenashvili und Lela Javakhishvili mit 3 zu 1, wobei letztere sogar ihre Dame opfern konnte!


Nichts spricht gegen 21…Dxh4!, da Schwarz nach 22.gxh4 mit 22…Ld5+ in drei Zügen mattsetzen kann. Doch auch 21…Da8+ war gut, und die Georgierin gewann sicher.

Spannender ging es im anderen Match zu, wo Olga Girya für Ugra ausglich, nachdem Deimante Cornette Cercle d’Echecs de Monte-Carlo in Führung gebracht hatte. Heldin des Tages war Pia Cramling, die Natalia Pogonina nach 77 Zügen im Turmendspiel niederrang.

Wie Julio Granda zeigt die Schwedin, dass man auch mit über 50 noch absolutes Spitzenschach zeigen kann!


Eine Runde ist also noch zu absolvieren, die erfreulicherweise wie diejenigen zuvor zur gleichen Zeit beginnt. Wie immer um 14:15 könnt ihr also die Entscheidung verfolgen: Offenes Turnier | Damen

Und wenn ihr die Spannung nicht mehr aushaltet, könnt ihr euch ein wenig bei unserem Banterthon abreagieren!

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