Berichte 16.10.2018 | 12:39von Colin McGourty

Europacup, R4: Ding Liren auf den Spuren Tals

Ding Liren ist auf dem besten Weg, Mikhail Tals Rekord von 95 Partien ohne Niederlage in den Jahren 1973 und 1974 zu brechen. Der Chinese fügte beim Sieg von Alkaloid gegen Mednyi Vsadnik in Runde 4 des Europacups 2018 nicht nur Peter Svidler dessen dritte Niederlage in Folge zu, sondern baute seine Serie auf nunmehr 91 Partien und über 430 Tage ohne Niederlage aus. Shakhriyar Mamedyarovs Team Odlar Yurdu dagegen erreichte gestern überraschend nur ein Unentschieden und trifft nun auf Magnus Carlsens Team Valerenga Oslo. Der Weltmeister hat nach einer aufregenden Remispartie gegen den deutschen GM Alexander Donchenko nur noch 4,3 Elo-Punkte Vorsprung auf Fabiano Caruana.

Ding Liren neue Elo-Bestleistung beträgt 2813,3 | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Nach vier Runden haben nur noch Turnierfavorit Alkaloid und die Nummer 6 der Setzliste, Obiettivo Risarcimento Padova, eine weiße Weste beim Europacup:


Alle Partien könnt ihr hier mit Computeranalyse nachspielen. Die Live-Übertragung mit den Kommentaren von FM Sotirios Logothetis und GM Ioannis Papaioannou und tollen Videos von den Spielern gibt es hier:

Ding Liren bleibt ungeschlagen

Lange ist es her, aber mittlerweile ein fast schon historischer Moment:

Der 25-jährige Ding Liren wäre bereits ein würdiger WM-Herausforderer, aber dafür muss er sich erst noch qualifizieren | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Die Rede ist vom 9.August 2017, an dem Ding Liren in der zweiten Partie seines Matches gegen Anish Giri aufgab. Obwohl die chinesische Nummer 1 seitdem mehrere hochklassige Turniere wie den Weltcup oder das Kandidatenturnier bestritten hat, war dies Lirens bisher letzte Niederlage.

Nach seinem Sieg gegen Peter Svidler beim Europacup ist er nun 91 Partien bzw. ein Jahr, zwei Monate und sechs Tage ungeschlagen. Kann er die Serie um weitere vier Partien ausbauen, die er unter anderem in der Chinesischen Liga oder den Shenzhen Masters bestreiten muss, wo er vom 4.-14. November auf Maxime Vachier-Lagrave, Anish Giri, Yu Yangyi, Radek Wojtaszek und Nikita Vitiugov trifft, hat er mit dem legendären Mikhail Tal gleichgezogen. Sergey Tiviakov verweist darauf, dass er 2004 und 2005 sogar 110 Partien unbesiegt blieb, doch Ding Liren hatte es mit ganz anderen Gegnern zu tun und steht nun bei einer neuen Live-Elo-Bestleistung von 2813,3.

Sein gestriger Gegner Peter Svidler, der seine beiden ersten Partien als Weißer in taktischen Stellungen verloren hatte, kam da gerade recht. Bei ihm schien ohnehin etwas nicht zu stimmen, und Schwarz gegen Ding Liren ist sowieso kein Vergnügen. Svidler blieb seinem kämpferischen Stil treu und überließ dem Weißen das Zentrum mit der Absicht, dieses anzugreifen, doch im Endeffekt operierte er immer am Abgrund. Der Bauernraub 38…Sxa2? (38…Kf7!) mit nur noch zwei Minuten auf der Uhr bedeutete schließlich das Ende:


39.Ld2! b5 (39...a5!? war vielleicht einen Versuch wert, aber nach 40.Lxa5 Sc1 dürfte der Springer langfristig auch gefangen werden) 40.b4! Kf7 (stünde der schwarze König auf e6, wäre alles in Ordnung, aber so fehlt ein Tempo) 41.Td3! und Schwarz gab auf:

Für Peter Svidler kann es nur noch aufwärts gehen | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Svidlers abermalige Niederlage wurde dieses Mal nicht von den Teamkollegen wettgemacht, da Pavel Eljanov gegen Maxim Rodshtein eine schöne Partie spielte und von den Kommentatoren für 39.Sd3!! zu Recht großes Lob erhielt. Auf den ersten Blick scheint der Zug nichts Besonderes zu sein:


Ist er aber, da man gesehen haben muss, dass 39…Sb8 40.Da8! Txd3 41.Ta7! Dc8 42.Txh7 Kg8 43.Tb7! Td8 44.Da7! mit völliger Dominanz auf der siebten und achten Reihe sehr gut für Weiß ist. Maxim Rodshtein spielte stattdessen 39…Tb8, gab aber drei Züge später auf. Kirill Alekseenko gelang der Ehrentreffer für St. Petersburg, auch er konnte den wichtigen Sieg von Alkaloid aber nicht verhindern.

Mit drei Siegen in vier Partien konnte Pavel Eljanov seinen persönlichen Abwärtstrend beim Europacup bisher stoppen | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Überraschend nur unentschieden spielte das starke aserbaidschanische Team von Odlar Yurdu. Selbst ein schneller Sieg von Nijat Abasov gegen Alon Greenfeld reichte nicht aus, um den Beer Sheva Chess Club aus Israel zu besiegen. Stars wie Shakhriyar Mamedyarov, Arkadij Naiditsch und Rauf Mamedov kamen über ein Remis nicht hinaus, und Eltaj Safarli erlitt gegen den 56-jährigen Alexander Huzman eine bittere Niederlage:


41…Sxf2! stellte dem Weißen einige Probleme. 42.Dxe4 oder 42.Txd2 hätten dem Weißen weiter Remischancen geboten, doch Safarli wollte den Zug mit 42.Kxf2? widerlegen und verlor nach 42…Dd4+! 43.Kg2 Te3! 44.Df2? De4+ 45.Kg1 Te2 seine Dame.

Die Aseris müssen in der nächsten Runde gegen "Team Magnus" ran | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Durch dieses Unentschieden liegt Odlar Yurdu nun mit 7:1 Punkten gleichauf mit Magnus Carlsens Team Valerenga Sjakklubb Oslo.

Magnus riskiert viel

Magnus Carlsen und Alexander Donchenko geben sich vor der Partie die Hände | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Nach zwei schweren Gegnern in den beiden letzten Runden hatte Valerenga dieses Mal mit DJK Aufwärts Aachen eine etwas leichtere Aufgabe und löste diese souverän mit einem 5:1. Evgeny Romanov sorgte früh für die Führung, als er Christian Braun schon nach 19 Zug besiegte:


19…Se2+! war ein hübscher Gewinnzug. Weiß gab auf, da Schwarz nach 20.Txe2 Dxf4! 21.Lxf4 Txe2 Bauer und Qualität mehr hat. Remis spielten bei den Norwegern nur Nils Grandelius, der sich nach 49 Zügen von Dr. Florian Handke friedlich trennte, und Magnus Carlsen, der im Streben nach dem ganzen Punkt einige Risiken einging.

"So fühlt sich das für uns Zuschauer an, wenn Magnus Carlsen beim Europacup seinen Status als elostärkster Spieler der Welt behalten will."

Nach einer ruhigen Eröffnung, die Magnus schnell eine gut spielbare Stellung einbrachte, folgte der typische Durchbruch a5, nach dem der Weltmeister augenscheinlich „nur noch auf zwei Ergebnisse spielte“. Im 17. Zug aber wurde es interessant:


Weiß kann 17.Da4+ spielen, bevor Schwarz rochiert, und nach 17…Db5 ein Endspiel erzwingen, doch stattdessen spielte Carlsen 17.Lxf6!? Alexander Donchenko nahm die Herausforderung mit 17…gxf6! an, was zwar seine Königsstellung schwächt, ihm seinerseits aber auch Gegenspiel auf der g-Linie verschafft. Womöglich wäre der Vorteil sogar auf Schwarz übergegangen, wenn er anschließend lang rochiert hätte, doch nach 24.d5! hatte Magnus die erhoffte Chance bekommen, Jagd auf den schwarzen König zu machen:


Donchenko ließ das aggressive 24…f3!? folgen, hätte dafür aber mit dem hässlichen, aber starken 25.g4! bestraft werden können.

"25.g4! wäre stark gewesen, aber dafür hätte man in einer Variante 31.Sc8+ sehen müssen."

Auch Carlsens 25.g3 schien zu funktionieren, da er seinen Vorteil in den nächsten Zügen ausbaute, doch nach 29.Tf4 konnte Donchenko verdient das Remis erringen:


29…Dh3! 30.Txf3 Lxe1 31.Dxe1 h4! 32.De4 hxg3 und die Zeit war gekommen, mit 33.Da4+ Kf8 34.Db4+ Ke8 etc. das Remis zu forcieren.

Der letzte Handschlag | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Zweifellos ein etwas frustrierendes Ende für den Weltmeister, aber eine gute Partie beider Spieler, die für Carlsen eine gute Vorbereitung auf sein Match gegen Caruana war. Wie Donchenko ist der Herausforderer bereit, sich auf komplizierte und taktische Mittelspiele einzulassen, in denen man zumindest die Chance hat, weiter als die Nummer 1 zu rechnen.

Mittlerweile liegt Carlsen nur noch 4,3 Punkte vor Caruana, und in Runde 5 muss er mit Schwarz gegen Shakhriyar Mamedyarov antreten, der ihn in Biel besiegt hat. Ein Remis wäre hier nicht so schlimm, da er gegen einen anderen 2800er nicht so viele Punkte verliert. Es gibt also keinen Grund, die Brücken abzubrechen, sofern die Mannschaftssituation das nicht erzwingt.

Für die anderen deutschen Teams außer Aachen verlief der Montag kaum besser. Die Schachfreunde Berlin unterlagen Molodezhka 0,5 zu 5,5, Werder Bremen verlor gegen Nordstrand aus Schweden mit 2,5 zu 3,5 und einzig Solingen konnte mit einem 3 zu 3 gegen Wood Green einen Punkt holen.

Pia Cramling schlug Elisabeth Pähtz und qualifizierte sich mit ihrem Team Cercle d'Echecs de Monte-Carlo vorzeitig für die K.O.-Runde. Nona gelang in der anderen Gruppe das gleiche  Kunststück | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Drei Runden sind noch zu absolvieren, und alle Partien könnt ihr live auf chess24 verfolgen! Offenes Turnier | Damen

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 0

Guest
Guest 5671364262
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.