Berichte 15.10.2018 | 14:02von Colin McGourty

Europacup, R2-3: Team Magnus beeindruckt

Nach drei Runden des Europacups für Vereinsteams haben noch sechs Teams einen perfekten Score, aber im Mittelpunkt dieses Berichts steht der derzeit neuntplatzierte Valerenga Sjakklubb. In Runde 2 gewannen sie erstaunlich locker 4,5-1,5 gegen ein starkes russisches Team, der Beitrag von Magnus Carlsen war ein für ihn typischer Sieg aus ausgeglichen-vereinfachter Stellung heraus gegen Vladimir Potkin. In Runde 3 sorgten die zuvor bei der Olympiade erfolgreichen Nils Grandelius und David Howell dafür, dass das norwegische Team gegen das an zwei gesetzte AVE Novy Bor ein 3-3 erzielte. Howell besiegte Harikrishna in 85 Zügen, obwohl er oft nur noch Sekunden auf der Uhr hatte.

Magnus Carlsen, David Howell und Nils Grandelius mit wichtigen Siegen für Valerenga in Runde 2-3 - die Atmosphäre im Team stimmt offenbar! | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Du kannst alle Partien des Europacups (offenes Turnier) im Viewer unten nachspielen:

Magnus steht im Mittelpunkt

Die letzten Partien von Weltmeister Magnus Carlsen vor dem WM-Match gegen Fabiano Caruana in London wären ohnehin ein Höhepunkt des Europacups, aber in Runde 2-3 spielte sein Team auch die bei weitem interessantesten Matches. Während die anderen Spitzenteams bisher relativ leichte Gegner hatten, führte Valerengas leicht holpriger Start dazu, dass sie bereits in der zweiten Runde ein relativ schweres Match hatten. Sie trafen auf ein junges russisches Team angeführt vom ehemaligen Europameister  Vladimir Potkin:


Vladimir Potkin ist der Coach einer neuen Generation russischer Spieler | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Wie Du siehst, lief es am Ende wunderbar für das norwegische Team, aber etwa bei Halbzeit im Match hatten Carlsen-Fans Grund zu etwas Sorge:


Zuvor hatte Magnus einmal 55 Minuten nachgedacht - ein Zeichen dafür, dass er mit dem Ausgang der Eröfnung (Italienisch) wohl nicht zufrieden war. Potkin hatte Carlsen 2014 im Match gegen Vishy Anand geholfen, danach in New York war er allerdings Teil von Team Karjakin. Potkin hatte Vorteil auf der Uhr und offenbar alle Probleme gelöst, mit 23…Dc6 deutete er einen Angriff mit Dame und Springern auf den weissen König an. Im Falle einer Niederlage würde Carlsen zum ersten Mal seit 7 Jahren Platz 1 auf der Live-Eloliste verlieren.

Für seinen nächsten Zug brauchte er ein Drittel seiner Restbedenkzeit, aber die Investition lohnte sich: 24.c4! Sdf4 25.Txe8+ Txe8 26.Lxf4 Sxf4 27.Se3:


Es geht gerade so – nach 27…Txe3?? 28.fxe3 deckt die weisse Dame natürlich g2 und verhindert so ein Matt - aber nun muss Schwarz einen Plan finden gegen positionelle Drohungen wie Vertreibung des Sf4 nebst weissem Springer auf d5, oder Angriff auf den rückständigen b-Bauern. Für Potkin war es offensichtlich nicht einfach, und nach 27…Td8 28.Tb1 h5 29.a5 h4 30.Tb6 Dd7 31.Db2 Sd3 32.Db1 war die Situation bereits kritisch:


Schwarz musste hier mit 32…Da4! aktiv spielen, denn nach 32…Sb4?! 33.De4! Dd4 (33…Sc6? 34.a6!) 34.Dxd4 cxd4 35.Txb4 dxe3 36.fxe3 hatte Magnus einen Mehrbauern im Turmendspiel.

Dresscode beim Europacup. Zum Glück ist dieser Bursche kein Kanadier, und Zurab nicht vor Ort.

Potkin's beste Chance zu diesem Zeitpunkt war, sich über den Dresscode zu beschweren! 

Schon bei anderen Turnieren dieses Jahr hatten wir gesehen, dass Carlsens Endspieltechnik wieder so ist wie als er sich an der Weltspitze etablierte, die technische Phase war kurz und sauber vorgetragen.


Evgeny Romanov und Borki Predojevic gewannen ebenfalls, damit ein glatter Sieg für Valerenga und zur Belohnung ein noch schwereres Match in Runde 3 gegen das an zwei gesetzte AVE Novy Bor:


Es begann gut für den Außenseiter Valerenga, da Nils Grandelius gegen David Navara nach 21.Sxe6? Sxf1! eine Qualität gewann:


Navara überlegte hier 23 Minuten - offenbar hatte er 22.Dg4 oder 22.Dg6 geplant, beides gute Züge nach allen gegnerischen Antworten bis auf 22…Dxe6! 23.Lxe6 Txc1 mit schwarzer Gewinnstellung. Die tschechische Nummer 1 spielte dann das traurige 22.Te1 und kämpfte mit einer Qualität weniger weiter. Dabei war er dann noch nahe an einem Remis, aber am Ende fehlte ein Tempo:


Es folgte noch 78…Txe8+! 79.Kxe8 Kxh5 Weiß gab auf, da der schwarze h-Bauer einen Zug eher als der weisse a-Bauer sein Umwandlungsfeld erreicht und Schwarz nach ...h1D das Feld a8 kontrolliert. 

Magnus kibitzt - Romanov und Tari sollten beide später verlieren | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Dieser Sieg von Grandelius kam nach einer hervorragenden Olympiade der schwedischen Nummer eins, er konnte seine Elozahl weiter verbessern:

Aus Mannschaftssicht schien die Lage allerdings kritisch. Zuvor hatte Wojtaszek gegen Carlsen viermal verloren und einmal gewonnen:

‌Carlsen und Wojtaszek trafen fünfmal aufeinander: bisher gewann Weiß immer! Rate mal, wer heute Weiß hat?

Resultate aus der Vergangenheit spielten dann aber keine Rolle, diesmal spielte Wojtaszek (mit Weiß) solide und die Partie endete remis.

Radek Wojtaszek konnte in Runde 3 gegen Magnus Carlsen Remis halten | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Derweil stand Viktor Laznicka gegen das London-System von Evgeny Romanov früh besser und gewann. Vidit konnte Aryan Tari aus einer Stellung heraus besiegen, die laut Tablebases remis war. Zumindest ein Großmeister dachte, dass es auf einfache Art Remis war!

Hier sollte Tb6-b5 oder jeder andere Angriff auf den Bauern von der Seite elementar Remis sein. Aber mit tickender Uhr natürlich immer schwierig, es sei denn man ist sich sicher.

Laut Erwin l'Ami wäre es nicht das erste Mal, dass Vidit ein Endspiel mit zwei Mehrbauern nicht gewinnt.


Ende gut, alles gut für Vidit | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Damit musste David Howell das Match aus norwegischer Sicht retten.

Einfach war es nie, aber am Ende wurde David Howell der Held des Tages! | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Auch der Engländer hatte eine sehr gute Olympiade, aber mit weniger als 10 Sekunden auf der Uhr gegen die indische Nummer 2 Harikrishna schienen die Chancen in einer Stellung, die Computer penetrant mit 0.00 beurteilten, nicht allzu gut. Howell hatte zwar Raumvorteil und das Läuferpaar, aber scheinbar auch eigene Schwächen, wobei die Bauern am Königsflügel dann doch nicht schwach waren!


36.Kf2! erzwang einen Rückzug des Läufers, der nach 36…Lxh3? 37.Kg3 gefangen wäre. Dieses Motiv gab es später nochmals, aber nach 61.h4! statt des Läufers für den schwarzen Springer.


61…Sxg4 kann man hier kaum kritisieren, da Schwarz wenig andere Optionen hatte, aber nach 62.Kd3! sass der Springer in der Falle, später musste er sich auf f4 gegen den weissen Springer abtauschen. Übrig blieb eine Stellung, in der der weisse Läufer und entfernte a-Freibauer den anderen schwarzen Springer komplett dominierten, nach 85 Zügen gab Harikrishna auf.

‌Nummer 5 Valerenga hält ein Mannschaftsremis gegen das an zwei gesetzte tschechische Novy Bor, nachdem Howell mit Sieg gegen Harikrishna zum Held des Tages wurde.

Mit diesem Sieg erscheint Howell auch wieder auf 2700chess, Nummer 46 mit 2701,6.

In Runde 4 bekommt Valerenga nun eine einfachere Paarung gegen DJK Aufwärts Aachen. Der junge Deutsche Alexander Donchenko ist ihr einziger Spieler mit Elo 2600+, er hat Schwarz gegen Magnus Carlsen.

Leichtes Spiel für die anderen Favoriten, wobei Svidler leidet

Ding Liren hat wohl vergessen, wie man sich nach einer Niederlage mit klassischer Bedenkzeit fühlt | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Anderswo hatten die meisten Spitzenteams in Runde 2 und 3 kaum Probleme. Odlar Yurdu verzichtete zweimal auf Shakhriyar Mamedyarov und gewann dennoch 5,5-0,5 und 6-0, ähnlich war es für Teams wie Obiettivo Risarcimento Paddova (Wang Hao, Leko, Vallejo, Granda…) und das an eins gesetzte Alkaloid. Ihr Spitzenbrett Ding Liren ist nun seit 89 oder 90 Partien ungeschlagen (die Schachwelt ist sich da unsicher), und am dritten Brett spielt der russische Meister Dmitry Andreikin. 

Andreikin hat momentan 3/3 und gewann in Runde 3 hübsch (sein Gegner hatte das wohl gesehen, aber zu diesem Zeitpunkt keine guten Alternativen):

‌Ein ungewöhnlicher Damenfang des russischen Meisters

22…Dxh3 (oder 22…Dg4) 23.Se7# ist das grösste Problem, aber es ist auch amüsant, dass nach 22...Df7 oder 22...De8 jeweils die Springergabel 23.Sd6+ folgt.

Mednyi Vsadnik (=Bronzener Reiter) aus St. Petersburg gewannen ihre Matches ebenfalls klar, aber ihr Spitzenbrett Peter Svidler will diese beiden Tage wohl schnell vergessen.

Peter Svidlers Motor lief bisher in Griechenland nicht, direkt danach wird er ein Match gegen Sam Shankland spielen | Foto: Niki Riga, Turnierseite

In Runde 2 schien er auf dem Weg zu einem schönen Sieg gegen den Serben Aleksandar Indjic, nachdem dieser das brilliante aber inkorrekte 34…Lc3?!? spielte (objektiv gesehen war 34…Ld8! die einzige Verteidigung):


35.bxc3?? verliert nach 35…Tfb8 sofort, und Lxb2+ ist eine konkrete Drohung. Aber nach 35.Dg5! Lxb2+ 36.Kb1 (natürlich nicht 36.Ka2 Sc3#) hat Schwwarz überraschenderweise kein effizientes Abzugsschach, und daher entscheiden weisse Mattdrohungen am (anderen) Königsflügel. Svidler hatte hier noch 3 Minuten bei 1 1/2 Minuten für seinen Gegner, und wählte einen anderen Zug - kein forcierter Gewinn, aber im Prinzip gut genug: 35.Sa4! Im anschliessenden Chaos hatten beide Spieler nur noch Sekunden auf der Uhr, und nach 35…gxf6 36.bxc3 Td8 37.Dxf6 Td7 38.Dxa6? Tdb7! 39.Ka2 Kg7? hatte Svidler "Pech", dass er vor der Zeitkontrolle noch einen Zug ausführen musste:


40.c4! war der einzige Gewinnzug, aber praktisch ohne Bedenkzeit muss man sich völlig sicher sein, dass z.B. 40…Tb1 mit der Drohung 41…Sc3+ 42.Sxc3 T7b2# nicht für Schwarz gewinnt. Nun ist 41.Da5! der einzige Zug, der diese Drohung pariert und damit die Partie gewinnt. Stattdessen kam 40.Qc6 und plötzlich muss Weiß im Remissinne genau spielen. Das gelang Svidler nicht, die letzte überraschende Chance im 42. Zug:

‌Ein verrücktes Detail, aber 42.g3!! statt 42.g4 hätte Svidler hier gerettet, da er dann später Dauerschach hat

Nach 42.g4 Sb2! 43.Kxb1 Sxa4+ 44.Db4 Sxc3+! hatte Schwarz eine Mehrfigur und gewann letztendlich.

Paco Vallejo kann sich das nicht anschauen... | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Erstaunlicherweise lief es in Runde 3 ähnlich: im 32. Zug hatte Peter in trickreicher Stellung gegen Romain Edouard immer noch Remis, aber ging stattdessen nach 32.Df3? Dxh2+ 33.Kf1 f4! mit fliegenden Fahnen unter:

‌Offenbar wieder ein harter Arbeitstag für Svidler nach Edouards 33...f4!

Auf 34.gxf4 ist 34…Tg8 am stärksten, wenn der Bauer überlebt entscheidet 34…Dh3 oder 34…Te3. Weiß gab auf.

Wie bereits erwähnt scheinen die Chancen von St. Petersburg als Team trotz dieser Desaster intakt, in Runde 4 die nächste Herausforderung für Svidler: Schwarz gegen Ding Liren im Match das Tages:


Die deutschen Teams (Werder Bremen, Schachfreunde Berlin, SG Solingen, DJK Aufwärts Aachen) spielen alle nicht in Bestbesetzung und fast ohne ausländische Großmeister. Neben Bremen (1-5 gegen Alkaloid in Runde 3) trafen auch SF Berlin bereits auf ein Spitzenteam und verloren in Runde 2 ebenfalls 1-5 gegen Obiettivo Risarcimento Padova. In Runde 4 trifft Aachen auf Valerenga (bereits erwähnt) und Berlin auf Molodezhda (diesmal ohne Potkin). Bremen und Solingen trafen in Runde 2 aufeinander, mit anderen Aufstellungen als im Februar beim dramatischen 4-4 in der Bundesliga. Diesmal gewann Bremen 3,5-2,5 dank späten Siegen in Turmendspielen an den hinteren Brettern (Grigorian-Berg 1-0, 68 Züge und Gupta-Milon 0-1, 134 Züge) - jeweils der entscheidende Solinger Fehler erst kurz vor Partieende in Tablebase-Stellungen.

Bisher haben wir das Damenturnier ignoriert, in den letzten beiden Runden (KO-Format der vier zuvor führenden Teams) werden wir ausführlich berichten. Es gab allerdings bereits dramatische Partien. Zum Beispiel überlebte Valentina Gunina in Runde 1 eine Verluststellung gegen Anastasia Bodnaruk, ein Dutzend Züge lang betrug das Computerurteil etwa +10 zugunsten von Bodnaruk. Tags darauf verlor Gunina gegen Teodora Injac.

Nach einer miserablen Olympiade nun Glück für Natalija Pogonina in Griechenland! | Foto: Niki Riga, Turnierseite

In einem wichtigen Match in Runde 2 gewann Ugra überraschend klar 3,5-0,5 gegen Kyiv Chess Federation, die Partie Zhukova-Pogonina kippte auf dramatische Weise:

‌Eine Tragikomödie im Damenturnier: 16.Lxh7+! gewann einen Bauern (16...Kxh7 17.Db1+!), aber nach 16...Kh8 spielte Zhukova statt einem Läuferrückzug nach 22 Minuten 17.Le5? Sxe5 18.Dh5 Sg4!! und Weiß verliert Material!

Fairerweise Natalia (Zhukova, Vorname ohne j) gegenüber: 18…Sg4! kann man leicht übersehen, aber es war eine besonders schmerzhafte Niederlage, da Weiß statt des versuchten direkten Mattangriffs einen simplen Gewinnzug hatte.

Anna Muzychuks Sieg gegen die 18-jährige Gunay Mammadzada hatte ein hübsches Finish, gerade als die Teenagerin scheinbar das Gröbste überstanden hatte: 

30.Rf6!! war der Anfang vom Ende für Schwarz.

Der 62-jährige Jon Speelman hat beim Europacup bisher 2,5/3 | Foto: Niki Riga, Turnierseite

Verfolge alles live hier auf chess24! Offenes Turnier | Damen

Siehe auch:


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