Berichte 12.05.2019 | 13:58von Colin McGourty

Elfenbeinküste, Tag 4: MVL schlägt Carlsen und verkürzt den Rückstand

Maxime Vachier-Lagrave übernahm die Führung in der Blitz-Weltrangliste und wurde der erste Spieler seit Langem, der es schaffte, Magnus in einer offiziellen Partie zu schlagen. Das letzte Mal gelang das Alexander Zubov in der siebten Runde der Schnellschach-WM am 27. Dezember 2018. Der Sieg in Abidjan kam im Angesicht von 8 Siegen in Folge, Nakamura und So kiebitzen hier voller Ehrfurcht über seine Schulter. Am Ende sagte der Weltmeister nur: "Ich bin froh, dass es vorbei ist". In den finalen Tag des Schnellschach- und Blitzevents an der Elfenbeinküste geht er damit mit einem Vorsprung von 2,5 Punkten.

Nakamura und So sollten den historischen Moment nicht verpassen - MVL wurde der erste Spieler, der Carlsen in 2019 schlägt! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Alle Partien aus Abidjan kannst du hier nachspielen:

Und hier gibts den Live-Kommentar von Jan und Steve:

Maxime startet eine Siegesserie

Nach den letzten Monaten ist es eine Erleichterung, dass man auch mal über einen anderen als Magnus Carlsen berichten kann, der ansonsten eine Menge von Partien in den Turnieren dominierte. Und die Ereignisse des ersten Tages beim Blitzturnier an der Elfenküste können mit einem Blick auf die Live-Blitz-Elo-Liste zusammengefasst werden:


Maxime Vachier-Lagrave war der Held des Tages und führt derzeit die Blitzweltrangliste an. Mit seinen 6,5/9 eroberte er den klaren zweiten Platz im Gesamtturnier. Er begann mit einem Rückstand von 4 Punkten, der jetzt aber auf 2,5 Punkte zusammengeschmolzen ist, da Magnus nicht über einen Score von +1 (5/9) hinauskam. Hikaru Nakamura war zu Tagesbeginn Zweiter des Gesamtklassements, holte allerdings noch einen halben Punkt weniger und befindet sich nun mit 3,5 Punkten Rückstand nahezu hoffnungslos zurück. Aber lasst uns nun Maxime genauer unter die Lupe nehmen!


Die Nummer 1 Frankreichs hatte alle Partien im Schnellschach tags zuvor gewonnen und nahm dieses Momentum auch mit hinüber ins Blitzturnier. Er schlug Wesley So zum Auftakt, aber Illusionen über die Partie hatte Maxime dennoch nicht:

Heute lief wirklich alles zu meinen Gunsten, insbesondere in der ersten Runde gegen Wesley. Ich stand vermutlich komplett auf Verlust und dank viel Glück vergaß er offenbar, meinen Springer zu nehmen. Danach stehe ich vermutlich schon auf Gewinn, so komisch es klingt.


Um diesen Moment ging es, und 43...Lxb5! gewinnt in der Tat für Wesley. Weiß kann einfach die entstehenden Freibauern auf beiden Flügeln nicht in den Griff kriegen. Nach 43…Lg1? 44.Sc3! Lxh2?! 45.e3 war Weiß obenauf und es brauchte nur eine Ungenauigkeit von Wesley, und Maxime gewann die Partie.

Die französischen Sponsoren des Events hätten sich nicht mehr wünschen können! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Danach war er noch 3,5 Punkte hinter dem Führenden, bevor sie in Runde 2 aufeinandertrafen. In dieser Partie sollte nur der Mut eines Spielers belohnt werden. Im 20. Zug konnte es Maxim nicht sein lassen und entschied sich für das bekannte sizilianische Qualitätsopfer auf c3:


20…Txc3!? 21.bxc3 Txc3 und Schwarz spielte gegen Magnus mit dem Feuer, der ohne, dass das jemanden allzu sehr überraschen würde, nah dran war, seinen materiellen Vorteil zu konsolidieren. Aber kurz bevor die Partie endgültig für Carlsen entschieden aussah, erlaubte der Weltmeister ein Springerschach, welches ein sofortiges Remis durch Dauerschach zur Folge hätte haben können:

Er hätte natürlich kurz vor dem Ende die Züge wiederholen können. Er tat es nicht -  und sein Kampfgeist kostete ihm ausnahmsweise den halben Punkt!

Magnus lehnte die Zugwiederholung ab und platzierte seinen König in der Mitte des Bretts, nahm dann einen Bauern am Rand und überzog dann schlussendlich mit 43.a6? die Stellung:


43…Lh4! und nun kann die latente Drohung Dh1+ und Dxe1+ in die Tat umgesetzt werden. Es gibt keine Verteidigung mehr. 44.Dd2 (44.Ke2 Sf4+) wurde mit 44…Sf4! beantwortet und Magnus gab auf, denn entweder wird er matt gesetzt oder er verliert die Dame.

Grand Chess Tour: Schau dir die finalen Momente der Partie zwischen Magnus Carlsen und MVL an. Was für eine Partie!

Damit musste Magnus nach 70 Niederlagen in offiziellen Partien (in allen Formaten) erstmals wieder eine Niederlage quittieren. Diese Serie begann nach einer Niederlage in der siebten Runde der Schnellschach-WM am 27. Dezember 2018 in Sankt Petersburg gegen Alexander Zubov.

Für Maxim war das allerdings erst der Anfang, denn in der nächsten Partie festigte er seinen zweiten Platz durch einen Sieg gegen Hikaru Nakamura. Der US Star hatte das Pech, in eine tiefe Vorbereitung im Berliner Endspiel zu laufen. Wo endete die Vorbereitung?

Im Prinzip, als ich eine Figur mehr hatte. Aber ich denke, das ist ein ganz guter Moment!


Eine Angewohnheit, die wir später auch noch sehen werden: Mit seinem ersten eigenen Zug beginnt Maxime sogleich mit einer Ungenauigkeit. Er hätte hier 26.Td7! spielen können, weil 29...Lf5 mit 30.e6! beantwortet wird. Und das positionelle Bauernopfer wird mit totaler positioneller Dominanz zurückgezahlt. Maxime entschied sich für 29.Td8+, aber gab mit gewisser Untertreibung zu, dass "die Vorteilsverwertung nicht gerade leicht" war. Hikaru schien an diversen Punkten dem Ausgleich nahe gewesen zu sein und falls der Franzose die Partie nicht gewonnen hätte, wäre das definitiv ein Moment zum Bereuen gewesen!


Anstatt den Läufer mit 78.Sf8+ einzusammeln, spielte er methodisch weiter mit 78.Sd4?, gewann schlussendlich aber dennoch nach 98 Zügen. Danach hatte er nur noch zwei Punkte Rückstand auf Magnus.

Für Maxime war das aber nur die Aufwärmphase (die Spieler starteten drei Stunden früher als in den Tagen zuvor, was einige der unberechenbaren Ergebnisse erklären mag) und er setzte seine Serie mit starken Siegen gegen Bassem Amin und Wei Yi fort.

Maxime krempelt seine Ärmel gegen Bassem Amin um | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Magnus gewann in diesen beiden Runden ebenfalls und blieb damit mit zwei Punkten in Führung. Maximes Siegesserie sollte allerdings nach acht Siegen in Folge zu Ende gehen.

Ding Liren war der Spieler, der schlussendlich Maxime nach 8 Siegen in Folge stoppte | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Ding Liren remisierte gegen ihn in Runde 6 und in Runde 7 verrechnete sich Maxime gegen Veselin Topalov in einer trickreichen Stellung:


23…Txe4? war der logische Zug, nachdem der Franzose zuvor 22...Dc6 gespielt hatte. Veselin nutzte die Selbstfesselung clever mit dem ruhigen 24.Kg2! aus. Topalov gewann alsbald den Bauern auf a7 und danach waren die weißen Damenflügelbauern zu stark.

chess24: Topalov schlägt den Mann des Tages!

Das war der einzige wirkliche Ausrutscher, den Maxime hatte. Er beendete den Tag mit Remisen gegen Karjakin und Nepomniachtchi.

“Einer dieser Tage” für Magnus

Lasst mich raus! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Nachdem er in Wijk an Zee 7/9, in Shamkir 7,5/9, beim GRENKE-Turnier 7,5/9 und beim Rapid in Abidjan ebenfalls 7,5/9 holte, wurde Magnus am ersten Tag des Blitzturniers wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Er konnte aus neun Runden fünf Punkte holen:


Das war nicht das Resultat, mit der er sein gesundes Polster hätte aufrecht erhalten können. Dabei war nicht das Resultat, sondern vielmehr sein generelles Spiel besorgniserregend, wie er im Anschluss Maurice Ashley mitteilte:

Ich hatte schon früh das Gefühl, dass es einer dieser Tage werden sollte. Von daher bin ich einfach glücklich, dass es nicht noch schlechter lief!

Weiter sagte er:

Da ist einfach kein Flow. Ich würde nicht sagen wollen, dass meine Partien nach der Niederlage gegen Maxime solide waren. Die Ergebnisse waren ok, denke ich. Aber in den meisten Remispartien spielte ich schlicht schrecklich, deshalb bin ich froh, dass es vorbei ist und ich versuchen kann, mich für morgen noch einmal zu sammeln. Für mich steht nicht der Gewinn des Turniers im Vordergrund, es ist einfach ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn du viel schlechter spielst als das, was du könntest. Ich werde versuchen, morgen besser zu spielen. Und wenn ich das schaffe, wird es hoffentlich gut ausgehen.

Olimpiu G. Urcan: Magnus Carlsen (mit einer Führung von 2,5 Punkten vor dem letzten Tag im Rücken): "Da ist einfach kein Flow."

Die Warnzeichen waren bereits früh für den Weltmeister abzusehen, als er in der ersten Runde im neunten Zug gegen Bassem Amin bereits für 1 Minute und 17 Minuten nachdachte - eine Seltenheit für einen Spieler, der bekannt dafür ist, nahezu ohne Zeitverzug eine Stellung bewerten zu können. Das wiederum hätte man vergessen können, wenn die zweite Partie anders gelaufen wäre...

Olimpiu G. Urcan: Das einzige Mal, dass Magnus Carlsens König in Gefahr war.

…aber wie wir bereits sahen, endete das überambitionierte Spiel des Weltmeister am Ende im Desaster gegen MVL. In der nächsten Partie gegen Ding Liren ging es vor allem darum, sich zu konsolidieren. Dann sah es so aus, als ob sich das Blatt für Magnus wieder wenden und er zu sich finden würde, als er Veselin Topalov niederrang:

chess24: Nach zwei Remis und einer Niederlage schnappt sich Magnus seinen ersten Sieg des Tages!

Sergey Karjakin wurde dann in der nächsten Runde geschlagen, aber das positive Narrativ verschweigt die Tatsache, dass der Russe zwischendurch eine Möglichkeit zum Sieg hatte:


40.d5! Dc7 41.Sd4! nutzt das Potential der Gabel auf e6, wonach der weiße Springer zu einer Krake auf e6 wird! Schwarz würde dann bereits ein Wunder brauchen, wollte er überleben. In der Partie entschied sich Karjakin für eine andere verlockende Option: 40.h6+, aber er verlor im Anschluss schnell den Faden und kurz darauf auch endgültig die Partie:


Drastische Maßnahmen waren noch gar nicht nötig, zum Beispiel 45. Kg2 oder 45.Dxb7, beides ist ok für Weiß. Aber Sergey spielte das impulsive 45.Txf8+? Kxf8 46.Dxf6+, nur um dann schnell zu entdecken, dass nach 46…Kg8 es der weiße König ist, der in Gefahr schwebt. Magnus gewann nach 66 Zügen, wobei beide Spieler am Ende der Partie geschockt wirkten:

chess24: Karjakin verpasst einen Sieg in Zeitnot, womit Carlsen seinen zweiten Sieg in Folge holt!

Das war auch sein letzter Sieg des Tages und, wie er schon erwähnte, waren die Remis alles andere als locker. Wir hatten bereits vorhin erwähnt, dass Maxime eine Stellung nach langer Vorbereitung schlecht weiterspielte. Und in der nächsten Runde gegen Ian Nepomniachtchi spielten die beiden die gleichen 16 Zügen wie Giri gegen Magnus, als dieser innerhalb von 24 Zügen gegen Magnus am Finaltag der Blitz-WM verlor. Magnus wich ab mit dem möglicherweise genaueren Zug (17.Tb1), dachte dann aber unglaublich lange nach (2 Minuten und 56 Sekunden), bevor er einen fragwürdigen Zug spielte, wonach sich sein Vorteil verflüchtigte.


Das Pendel hätte in der Folge in beide Richtungen ausschlagen können. Wesley So hatte Gewinnchancen, hätte er seinen Freibauern aggressiver nach vorne geschoben, während Wei Yi bereits nach 13 Zügen einen Bauern weniger hatte und, auch wenn er einen guten Kampf lieferte, eigentlich hätte verlieren müssen:

chess24: Eine weitere zittrige Partie von Magnus, der einen klaren Gewinn gegen Wei Yi verpasste, nachdem er fast in der gesamten Partie einen Bauern mehr hatte.

Man kann nachvollziehen, dass bloße Sterbliche sich nicht trauen würden, 35...Td1! zu spielen, aber man sollte ebenfalls bedenken, dass die korrekte Einschätzung, dass die weißen Drohungen gegenüber dem schwarzen König pariert werden können, für einen Magnus Carlsen in Bestform etwas ist, was er im Schlaf tun kann.

Niemand sagte, dass es einfach für Magnus werden würde | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Lediglich in der letzten Partie gegen Hikaru Nakamura war nicht viel los. Es war eine Partie, die einen noch schlechteren Tag für Nakamura beendete, der 3,5 Punkte hinter dem Führenden ins Ziel kam.

Geschichten des Kummers

Die Vorzeichen, dass es auch für Nakamura nicht nach Plan laufen würde, konnte man schon in den ersten Blitzpartien des Tages erkennen. Dort hätte er ein Endspiel gegen den Chinesen Wei Yi verlieren müssen, hätte dieser den korrekten Plan gefunden. Hikaru überzog dann gegen Bassem Amin (der ihn nun zweimal geschlagen hat) bevor er auch noch gegen MVL verlor, wie wir bereits gesehen haben.

Von diesem Punkt an holte er zwei Siege und vier Remis, aber er hatte auch einige Horrormomente zu überstehen. Zum Beispiel, als Nepomniachtchi gerade seine Dame mit 48.Lc5 angegriffen hatte:


48…Da4! war der Zug, der das Feld e8 lange genug deckt, um selbst einen Bauern zur Dame umzuwandeln. Stattdessen sah Nakamura eine taktische "Lösung" mit: 48…a2?? 49.Lxa7 a1=Q+, aber als er das spielte, musste er 50.Lg1 übersehen haben und Schwarz gewinnt eben keine Figuren mehr.

Kein Sieg, dazu ein verpasstes Matt in einem Zug. Wesley bleibt auf dem fünften Platz weiterhin weit entfernt im Kampf um den Sieg | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Überall Geschichten des Kummers, wohin man schaute! Nachdem er einen relativ leichten Gewinn gegen MVL in der ersten Runde aus den Händen gab, sollte es Wesley So nicht vergönnt sein, überhaupt eine Partie an diesem Tag zu gewinnen. Der tragi-komischste Moment entstand in der Partie gegen Nepomniachtchi:


Klar, Wesley hatte wenig Zeit und war angefressen vom Verlauf der Partie, aber nach Nepos 51.Kd3?? übersah Wesley, dass 51...Td2# ein matt in einem Zug ist! Stattdessen spielte er 51...Sc5+?? und die Partie ging weiter- Später verpasste Nepo die Chance, Wesleys Turm und König zu gabeln (63.Sc4+), bevor der Irrsinn mit dem 74. Zug unentschieden endete.

Natürlich gab es auch noch weitere interessante Momente, die es zu erwähnen verdient hätten. Aber lass uns nun einfach auf die Tabelle vor dem letzten Tag der Grand Chess Tour in Abidjan schauen:


Abgesehen von einem kompletten Zusammenbruch des Weltmeisters - und man kann jede Wette annehmen, dass es wieder besser laufen wird - können lediglich MVL und Nakamura sich noch Chancen ausrechnen, den Führenden noch einzuholen. Aber es gibt auch immer noch Geld und Punkte für die Grand Chess Tour für die Spieler zu gewinnen.

Verpass die Action nicht - der Live-Kommentar beginnt in vier Sprachen ab 16:00 Uhr MEZ hier auf chess24!

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