Berichte 12.05.2019 | 11:24von Colin McGourty

Elfenbeinküste, Tag 3: Carlsen überschreitet 2900

Magnus Carlsen beschrieb die Qualität seines Spiels zuletzt als "besser, aber noch nicht perfekt". als er am dritten Tag wie zuvor auch 2,5 Punkte aus 3 Partien holte. Damit übersprang er die 2900er Hürde in der Schnellschach-Elo-Weltrangliste und nahm eine Führung von 3 Punkten mit in die 18 Runden Blitz, die dieses Wochenende noch gespielt werden. Hikaru Nakamura sagte, er spielte "sehr gutes Schach" und blieb Carlsens ärgster Verfolger. Ansonsten war es ein Tag großer Gewinner und großer Verlierer. MVL holte 3/3 und Wesley So 2,5/3, womit sie nun wiederum 4 Punkte hinter Magnus liegen. Demgegenüber war es ein rabenschwarzer Tag für Sergey Karjakin und Ian Nepomniachtchi: Sie holten 0,5/3 bzw. 0/3.

Weltmeister Magnus Carlsen hatte einen weiteren dominanten Tag und hielt sich auch nicht lange mit Bassem Amin auf | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Alle Partien aus Abidjan kannst du hier nachspielen:

Und hier findest du den Live-Kommentar von GM Jan Gustafsson sowie IM Steve Berger:

Magnus tut es schon wieder

Magnus Carlsen hatte Jan Gustafsson in ihrem kürzlich geführten Interview noch gesagt: 

Das Problem ist, dass ich die Messlette für mich nun immer höher lege. Ich holte in Shamkir 7/9 und ich hatte das Gefühl, dass ich bei GRENKE versuchen sollte, nun 7,5 zu holen.

Magnus hätte die Messlatte am letzten Tag des Schnellschach-Events mit 8/9 sogar noch höher legen können, aber musste sich schlussendlich wieder mit 7,5/9 begnügen. Das entspricht einer Elo-Leistung von 3042 und bringt sein Live-Schnellschach-Rating auf beeindruckende 2903:


Alles begann mit Schwarz gegen die Nummer 35 der Welt, Bassem Amin. der gegen den Weltmeister wie ein gewissenhafter, aber unerfahrener Schüler wirkte. Die Ägypter hatte seine Hausaufgaben gemacht, aber in einem weiteren Sizilianer spielte Magnus die Nebenvariante 6...e5 statt der Hauptvariante mit 6...Sf6, die er bereits in einem halben Dutzend Partien zuvor gewählt hatte.

chess24: Der größte Test bisher für GM Bassem Amin!

Bassem gab zu, hier aus dem Buch gewesen zu sein. In der Folge spielte er einen Mischung verschiedenster Ideen aus diesen Varianten. Das brachte ihm aber nur den Verlust eines Bauern und praktisch eine verlorene Stellung nach 13 Zügen ein. "Danach war es nicht mehr so schwer", sollte Magnus später sagen. Das gibt der Theorie Nahrung, dass Spieler einfach schlechter spielen, wenn sie gegen jemanden antreten, der gerade einen Lauf hat:

Vidit Gujrathi: Zu verlieren ist eine Sache, aber das ist ein kompletter Kollaps. Was machen Magnus' Gegner nur? 19 Züge sind gespielt und man kann mit den weißen Steinen nicht viel mehr falsch machen.

Der eine, der von der Klinge sprang, war Ding Liren. In ihrer Partie spielte Magnus aufgrund seines Raumvorteils, der besseren Figurenkoordination und des aktiven Königs auf zwei Ergebnisse. Ding sollte schlussendlich nach 49 Zügen das Remis halten. Dazu später Magnus:

Ich habe gegen Ding denke ich eine sehr, sehr gute Stellung bekommen. Aber ich forcierte das Geschehen etwas zu früh und hatte dann keine Chancen mehr. Er hat sich sehr gut verteidigt, was ein klein wenig traurig ist. Denn andererseits hätte ich sehr reele Chancen gehabt, die Partie zu gewinnen.

Es war nicht alles schlecht, auch weil Nakamura gegen Wesley So nicht über ein Remis hinaus kam. Damit hatte Carlsen den Sieg im Rapid-Teil schon vor der letzten Runde sicher. Die beeindruckende Serie des Weltmeisters gab sogar Anlass zu Verschwörungstheorien...

chess24: Glückwünsche an Magnus Carlsen, der den Rapid-Teil an der Elfenbeinküste bereits eine Runde vor Schluss gewinnt.

Dan: Mein Zirkel französischer Spione hat eure Organisation unterwandert und WIR WISSEN, WAS WIRKLICH ABGEHT! WIR WERDEN NICHT SCHWEIGEN. Die Verdammnis schlummert nicht.

Es gibt keine separaten Preise für Schnellschach- und Blitz. Dennoch hatte Carlsen das Ziel, den größtmöglichen Vorsprung mit ins Blitzen zu nehmen. Sein nächster Gegner war der 19 Jahre alte chinesische Star Wei Yi.

Wo ging alles schief? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Bei diesem Aufeinandertreffen lief einem das Wasser im Munde zusammen, denn Wei Yi ist damit bekannt geworden, den Sizilianer zu zerlegen, während Magnus auf der anderen Seite erstaunlicherweise dem Sveshnikov-Sizilianer, den er im WM-Match in London spielte, gewissenhaft die Treue hält. Er enttäuschte auch nicht, aber die erste Überraschung hatte Wei Yi parat, als er sich für das überraschende 3.c3 entschied - ein Zug, den er in den 26 Partien, in denen er zuvor diese Stellung auf dem Brett hatte, noch nie gespielt hatte. Magnus überlegte kurz und spielte dann die Gegenüberraschung 3...Da5!?

David Llada: 3...Da5?

Grand Chess Tour: Warum nicht?

Dan: Magnus sollte auf seine Amigos hören.

Diese Nebenvariante hatte den Vorzug, dass Wei Yi begann, viel zu Zeit investieren - eine bekannte Schwäche des Chinesen. Lange Zeit hatte Weiß eine gute Stellung und Magnus gab zu, dass "ich defintiv ein wenig schlechter stand", aber dann versandete der Vorteil und der Weltmeister löste alle seine Probleme mit dem cleveren 23...a6!


Nun wäre es womöglich an der Zeit für Wei Yi gewesen, solide zu spielen und das Remis unter Dach und Fach zu bringen. Aber er entschied sich, den "Bluff seines Gegners" mit 24.Txa6?! Txa6 25.Txa6 anzunehmen. Daraufhin wurde er aber mittels 25…Sf4! kalt erwischt, denn der Zug nutzt die schwache weiße Grundreihe aus.


Magnus kommentierte:

Ich hatte definitiv das Gefühl, dass ich hier gar kein Risiko gegangen bin. Deshalb war es ziemlich sinnlos von ihm, sich darauf einzulassen.

26.Df3 wurde mit 26…Qf5! beantwortet, ein Zug, bei dem er das Gefühl hatte, dass sein Gegner ihn übersehen haben könnte. Und plötzlich hatte der Norweger wieder aus einem Sizilianer heraus einen Angriff entfacht. Nach 27.Ta1 (27.h4! wäre vielleicht am besten gewesen, aber Magnus wies darauf hin, dass wenn man solche Züge spielen muss, dann "ist es bereits ein Zeichen dafür, dass die Dinge schief laufen") 27...Se2+ 28.Kf1 Dc2 erreichen wir die vielleicht letzte kritische Stellung:


Hätte Wei Yi hier 29.Le3 gespielt, verliert er die Bauern auf b3 und c3 und hat eine Menge Leid vor sich, aber zumindest auch reale Remischancen. Stattdessen gab er seine Dame mit 29.Dxe2!? Txe2 30.Lxe2. Magnus nahm "die Herausforderung an", denn der Weltmeister glaubt ja nicht an Festungen. Und das zeigte er im Folgenden auch:


Magnus fasste sein Spiel zusammen:

Es ist besser, aber immer noch nicht perfekt. Es gibt ein paar Höhen und Tiefen, um ehrlich zu sein. Ich spiele ein wenig mehr praktisch-orientiert - das ist gut - aber ich muss noch ein wenig schneller werden für das Blitz... über die Führung denke ich derzeit gar nicht nach. Ich will einfach nur spielen und Spaß haben und falls ich gut spiele, werde ich gewinnen. Wenn nicht, dann werden wir sehen, was passiert!

Natürlich sind die Chancen von Magnus, das Turnier mit einer Führung von 3 Punkten zu gewinnen, alles andere als schlecht, selbst wenn er - für seine Standards - schlecht spielen würde. Aber der Rest des Feldes hat noch viel, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Die Kommentatoren mussten (vermutlich viel früher, als sie das wollten) darauf hinweisen, dass es in diesem Jahr bei der Grand Chess Tour auch darum geht, sich für das Finalturnier der letzten vier Spieler in London zu qualifizieren. Daher spielt die Performance von Magnus keine wirklich Rolle - es gibt immerhin noch drei weitere Plätze zu erobern.

Das Feld der Verfolger

Wei Yi gegen Nakamura was war eine der Partien des Tages | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Hikaru Nakamura behielt seinen Nummer 2 Status sowohl im Turnier als auch in der Rapid-Weltrangliste mit einem weiteren guten Tag in Abidjan. Er remisierte gegen Wei Yi und Wesley So und konnte gegen den völlig von der Rolle befindlichen Ian Nepomniachtchi gewinnen. Mit dem Verlauf der Dinge war er glücklich:

Ich glaube, ich habe heute wirklich gutes Schach gezeigt. Ich habe einige gute Stellungen bekommen. Im Gegensatz zu den anderen Tagen fühlte es sich so als, als ob ich gute Stellungen bekomme und meine Gegner sich gut verteidigten. Zum Beispiel meine Partie gegen Wesley: Ich hatte ein wenig Druck die ganze Partie über, aber er verteidigte sich sehr gut.

Die Partie gegen Wei Yi können wir jedoch nicht einfach so überspringen, denn sie war ein Thriller! Hikaru kam vom rechten Weg ab und musste dann die allerletzte Verteidigung 27...f6! finden:


Auch diese Verteidigung hätte allerdings nicht gehalten, hätte sich Wei Yi zu 28.f5! durchgerungen. Aber das hätte uns der folgenden Partie beraubt: 28.Lxf6 Lf8 (absolut der einzige Zug, von Hikaru nach einer Minute Bedenkzeit gespielt währenddessen es so aussah, als ob er nahe dran war, aufzugeben) 29.Te8 Td1+! 30.Kf2 Td2+ 31.Ke1:


Schwarz müsste an sich aufgeben, verfügte er nicht noch über 31...Td1+!, weil Schwarz die Ressource Dd7+ besitzt und den Te8 aufsammeln würde. Nachdem Wei Yi einmal die Züge wiederholt hatte, entschied er sich, die Verteidigung seines Gegners mit Ld4 zu testen. Aber Nakamura war voll auf der Höhe und konnte ein Remis durch Dauerschach erzwingen.

Olimpiu G. Urcan: Es ist unmöglich, in Schnellschach und Blitz alles zu sehen. Hätte er Nakamuras feine Kombination mit 31...Td1+!! im Voraus gesehen, hätte Wei Yi statt 28.Lxf6 das schöne 28.f5!! zuerst gespielt, womit er die Kontrolle über d2 gewinnt und somit die Schachs verhindert.

Im Angesicht des nahenden Blitz-Teils spielten einige Stars groß auf. Maxime Vachier-Lagrave wurde in Abidjan von einer Filmcrew begleitet und scheint, einige stressige Tage zu haben.

Maxime wagte sich in die Stadt... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

...und machte einen Stop in einer Bar | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Ist der Bart komisch? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Es gab einige Spekulationen, dass dies möglicherweise sein Schach beeinflusst hätte, aber diese Bedenken wusch er beiseite, indem er am finalen Tag des Schnellschachs drei Siege einfuhr. Zuerst nahm er Topalovs Najdorf auseinander, dann bestrafte er eine Ungenauigkeit Nepomniachtchis und am Ende war es Bassem Amin, der eine Chance verpasste, seinen Turm nach f4 zu stellen. Stattdessen versuchte er, die zweite Reihe zu suchen - aber das scheiterte spektakulär!


34…Df2+! und der Läufer auf b2 wird schlussendlich mit Schach fallen.

Wesley So schickt sich in aller Ruhe an, eine Top-Platzierung zu belegen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Wesley So wachte ebenfalls aus seinem Dornröschenschlaf auf und scorte 2,5/3 mit Siegen gegen Nepo und Karjakin. 49...Td6 war ein schrecklicher Fehler von Sergey:


50.Dxc5! fesselte den Turm und droht, mit e4-e5 zu gewinnen, und nach dem Partiezug 50...Db6 folgte 51.Dg5+! Und nun gabelt im nächsten Zug c4-c5 Dame und Turm von Schwarz. Karjakin gab auf.

Tage zum Vergessen

Sergey Karjakin und Ian Nepomniachtchi haben, wie wir bereits oben gesehen haben, genug durchgemacht, um zu begreifen, dass sie derzeit schreckliche Tage verleben. Neben Karjakin wartet auch noch Veselin Topalov darauf, eine Partie in Abidjan zu gewinnen. Bassem Amin ist zwar vielleicht der Letzte der Setzliste, aber er hat viel Spaß und hat bis hierhin zwei der Partien gespielt, an die es sich zu erinnern lohnt. Zuerst schlug er Nakamura aus einer Verluststellung heraus und dann tat er das gleiche gegen Topalov. Dieser konnte sich allerdings nur selbst dafür verantwortlich machen, unzählige Gewinnmöglichkeiten ausgelassen zu haben. In der folgenden Stellung ging es dann endgültig schief:


Alles, was Veselin tun musste, war hier den Bauern mit 71.Lxe3 zu schlagen und selbst, wenn er es irgendwie nicht schaffen sollte, mit seinen drei Extrabauern zu gewinnen, erscheint es völlig unmöglich, dass er noch verliert. Stattdessen spielte er 71.Txe5+?? Kxe5 72.c6 Ke4 und hier verpasste er es, den Bauern ein letztes Mal zu schlagen und das Remis zu retten. Nach 73.Kg1? e2 fand er sich in einer Verluststellung wieder und gab 8 Züge später auf.

Vielleicht ahnte Topalov schon, was passieren sollte? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

"Ich sollte mich nicht so sehr auf mein Glück verlassen müssen, aber ich freue mich dennoch, in der Partie Glück gehabt zu haben!" war die Zusammenfassung Bassem Amins, der einerseits die Schachfans unterhalten hat und sicher ging, mit einigen schönen Erinnerungen das Turnier zu verlassen.

Die Tabelle vor dem Blitzturnier sieht damit wie folgt aus:


18 weitere Partien sind zu spielen und Hikaru wies auf den letzten Tag der Pariser Grand Chess Tour 2017 hin, als Carlsen bei nur noch 6 zu spielenden Runden mit 2,5 Punkten führte, aber drei Partien in Folge verlor. Damals nutzte Maxime Vachier-Lagrave seine Chance und erzwang einen Playoff. Werden wir ein ähnliches Drama erleben oder heißt es nur, Magnus gegen Magnus auf dem Weg zu Elo 3000?

Fer_ESP: Welches Ergebnis braucht Magnus, um im Blitz Elo 3000 zu erreichen?

Tarjei J. Svensen: Das wird hart. Er braucht 16/18.

Jirka Mohl: Ich glaube, er braucht "nur" 15,5/18. Gewinnt er jede Partie, gewinnt er 102,4 Elo und jedes Remis kostet 10 Punkte davon. Mit 5 Remis würde er also 52,4 Elo gewinnen.

Tarjei J. Svensen: Ja, das ist in der Tat korrekt. 15,5/18 ist ausreichend, um 3002,8 zu erreichen.

Eine andere Frage: Schaffen diejenigen beim Blitz ein Comeback, die es im Schnellschach so schwer hatten?

Anish Giri: Das gute bei all diesen Grand Chess Tour-Events ist, dass wenn das Schnellschach nicht so läuft, wie du es dir vorstellst, es immer noch die Illusion gibt, dass es beim Blitz besser laufen könnte.

Verpasse nicht die ganze Action. Sie beginnt ab jetzt 3 Stunden früher ab 16:00 Uhr MEZ für die letzten beiden Finaltage. Schalte ein und höre den Live-Kommentar in bis zu vier Sprachen hier auf chess24

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