Berichte 09.05.2019 | 19:09von Colin McGourty

Elfenbeinküste, Tag 1: Carlsen & Wei Yi führen

Magnus macht einfach dort weiter, wo er zuletzt in Baden-Baden aufgehört hat und schlägt seine Rivalen Wesley So und Ian Nepomniachtchi in den ersten beiden Runden des Schnell- und Blitzschachturniers in Abidjan an der Elfenbeinküste. In Runde 3 verpasste Hikaru Nakamura einen Trick und musste danach gegen den Weltmeister ins Remis einwilligen. Das erlaubte es dem 19-jährigen Chinesen Wei Yi, die geteilte Führung mit 5/6 zu erobern, indem er seinen Landsmann Ding Liren in einer langen, harten Partie niederrang.

Vor vier, fünf Jahren wurde Wei Yi als ein potentieller WM-Herausforderer Carlsens gehandelt... seitdem wurde es ruhig um das chinesische Wunderkind. Aber Zeit hat er immer noch | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour 

Die Grand Chess Tour 2019 hat jetzt begonnen und die Partien des Schnellschach- und Blitzturniers kannst du dir hier ansehen:

Und hier findest du den deutschen Kommentar:

Magnus kann einfach nicht aufhören, zu gewinnen

Die Tatsache, dass Magnus Carlsens klassisches Elo-Rating höher ist als seine Schnellschach-Elo war das Thema, das Jan Gustafsson in einem Interview mit Magnus ansprach, das er kürzlich mit ihm geführt hatte. Darauf antwortete Magnus:

Es ist offensichtlich, dass ich mir mit dem Schnellschach lange Zeit schwer getan habe und ich hoffe, dass geraderücken zu können. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass ich beim Norway Chess dazu gezwungen sein werde, Schnellschach-Tiebreaks zu spielen, falls die reguläre Partie remis enden sollte. Somit ist es zumindest Übung für mich.

Dass er sich mit Schnellschach "schwer getan" hat, bedeutet in diesem Fall allerdings immer noch, dass er der beste Spieler der Welt mit einem Rating von 2869 ist und bei der letzten Schnellschach-WM geteilter Zweiter wurde! So oder so, alles, was es brauchte, um diese Anomalie zu beenden, war eine Partie gegen Wesley So in Abidjan und seine Schnellschach-Elo war wieder bei 2877,2 - womit er seine klassische Elo von 2875 bereits wieder überflügelt hatte.

Die Grand Chess Tour 2019 hat begonnen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Jan ist nicht nur ein Interviewer, sondern auch ein Sekundant des Weltmeisters, und nachdem in der Partie gegen Wesley 11.Dd3 gespielt wurde, wurde dies auch plötzlich relevant:


Sie folgten einer Partie, die Jan Gustafsson an einem Sonntag Morgen in der Schachbundesliga sehenswert gewonnen hatte. Sein Gegner war der Deutsche FM Christoph Eichler, der hier für 27 Minuten nachdachte. Die Nummer 4 der Welt war hingegen nicht sonderlich beeindruckt!

Anish Giri: Sieht wie ein Aufbau aus, der gut genug ist, um ihn an einem Sonntag Morgen gegen einen Frischling zu spielen, aber für die Grand Chess Tour... dein Ernst?

Es war eine sehr spannungsgeladene Partie. Magnus folgte seinem kürzlichen Trend, Bauern zu opfern, auch wenn die Aufgabe des d4-Bauern riskant aussah. Insbesondere, als der Weltmeister die paradoxe Entscheidung traf, die Damen zu tauschen. Weiß hatte das Läuferpaar, offene Linien und vorgerückte Bauern, aber die Stellung drehte sich erst, als Wesley seine Chance zum Gegenschlag verpasste:


Hier war es Zeit für 30...f6!, aber in der Partie folgte 30…Ld7?! 31.Tc7 Txc7 32.Txc7 f6 und Wesley erreichte eine ähnliche Stellung, nur dass Carlsens Turm bereits bereit stand, auf der siebten Reihe Material einzusammeln. Mit präziser Verteidigung hätte sich Schwarz wohl noch retten können, aber Wesley brach schnell zusammen und in der Schlussstellung war sein Springer vollkommen dominiert:

chess24: Und Magnus holt einen Sieg aus dem Nichts gegen Wesley So!

Sobald der Springer sich bewegt, tauscht Weiß ihn gegen seinen Läufer und erreicht ein gewonnenes Bauernendspiel.

Maxime Vachier-Lagrave sollte später dazu sagen, dass Magnus "mit solchen Dingen durchkommt", aber in der nächsten Partie gab es wirklich einige geniale Momente, auch wenn beide Spieler in einer interessanten Stimmung waren!

Ein faszinierender, unausgeglichener Sizilianer explodierte im 29. Zug:


29…e3!! und Ian Nepomniachtchi hatte keine andere Wahl, als den Läufer zu schlagen, wobei er einen Zug vorher noch die Chance hatte, den lästigen e-Bauern von Schwarz vom Brett zu befördern. Magnus allerdings antwortete nach 30. hxg5 mit dem brillanten 30…Te8!!

Olimpiu G. Urcan: Wenn dich völlige Brillanz erwischt, fühlt es sich wie ein Aufwärtshaken an: 29...e3!! 30.hxg5 Te8!

Nach der Partie wurde Carlsen gefragt, ob er das in Voraus bereits geplant hatte:

Ja, ich habe 30...Te8 im Voraus gesehen. Als ich mit e4 begann war meine eigentliche Idee, mit 30...La6 fortzusetzen und ich berechnete 31.g6 und realisierte, dass das Endspiel gewonnen ist. Am Ende wusste ich aber, dass Te8 ebenfalls ordentlich war, vor allem, weil ich seine Verteidigung 31.Kh2 nicht gesehen hatte. Deshalb dachte ich, Te8 wäre sehr, sehr stark. Ich wollte mich dann für einen Zug entscheiden, wenn die Stellung auf dem Brett steht.

Die norwegische Nr. 2 Jon Ludvig Hammer erklärt uns mehr über diesen Schlüsselmoment der Partie:

PlayMagnus: Guter Start für Magnus Carlsen bei der Grand Chess Tour in Abidjan an der Elfenbeinküste. Nach dem ersten Tag liegt er in Führung nach zwei Siegen und einem Remis. Der Sieg gegen @lachesisq war spektakulär!

Magnus war zu Beginn allerdings gar nicht begeistert mit dem, was in der Partie folgte:

Ich wollte absolut vermeiden, was wir in der Partie hatten, also dass ich eine neue Dame bekomme, aber keine wirklichen Drohungen besitze. Aber glücklicherweise sieht es so aus, als ob es funktioniert und dass die zwei Damen sich und viele Felder verteidigen.

Es gab keinen Grund, sich vor den beiden Damen zu fürchten. Dennoch spielte Magnus die Partie fehlerfrei zu Ende und gewann die Partie:

chess24: Zu viele Damen! Nepo gibt auf und Magnus hat eine weiße Weste, bevor er nun gegen Nakamura in der letzten Partie des Tages antritt.

Seinen Start mit 4/4 (während des Schnellschachs gibt es 2 Punkte für einen Sieg) fasst er so zusammen:

Wie man sehen kann, habe ich in beiden Partien sehr viel Zeit verbraucht. Und in der ersten gegen Wesley hatte ich sogar ein paar Probleme. Die Ergebnisse sind definitiv besser als es den Anschein bisher hat. Aber offensichtlich kann ich mich nicht beschweren!

Die letzte Partie des Tages war der Showdown mit Hikaru Nakamura. Der amtierende US-Meister ist ebenfalls der amtierende Champion der Grand Chess Tour und die Nummer 2 sowohl der Schnellschach- als auch der Blitzweltrangliste. Er nahm den Zweikampf mit Magnus auf, nachdem er zuvor in beeindruckender Weise Maxime Vachier-Lagrave in der ersten Runde geschlagen hatte (das letzte Bauernopfer der französischen Nummer 1 war möglicherweise wohl unzureichend begründet, aber er hatte das Gefühl, in dieser Partie nicht allzu viel falsch gemacht zu haben), nur um dann kurz vor Toreschluss den Sieg gegen Sergey Karjakin in Runde 2 aus der Hand zu geben:


Mittlerweile sind wir im 100. Zug und hier zeigen die Tablebases #33 an nach 100.Kf5!. Stattdessen war Hikarus 100.h6 voreilig und nach Karjakins 100...Sh4 gab es keine Möglichkeit mehr zu verhindern, dass beide weiße Bauern vom Brett verschwinden.

Carlsen-Nakamura ist immer eine Schlüsselbegegnung im Blitz- und Schnellschach | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Hikaru spielte gut und obwohl er die Eröffnung etwas langsam behandelte, hätte er Magnus vor große Probleme stellen können, wenn er sich im 16. Zug anders entschieden hätte:


16…Nb4! ist der Zug, zu dem Nakamura meinte, dass er seine ganze Zeit hier verbrauchte, um ihn spielbar zu machen. Das wäre auch möglich gewesen, hätte er nach 17.axb4 axb4 18.Lxe5 Lxe5 19.Sxe5 Ta1+ 20.Kd2 den folgenden Schlüsselzug gesehen:


20…Ta5! macht hier den Unterschied, aber Nakamura übersah das in seiner Analyse. Er hatte das Gefühl, dass er in einer klassischen Partie 25 Minuten nachdenken und ihn dann auch finden würde, aber im Schnellschach entschied er sich für 16...Dxc5, weil das eine vernünftige Alternative war. Im Anschluss war es dann Magnus, der eine Idee des Computers verpasste, aber alles in allem war das Remis, das folgte, ein faires Resultat.

Wei Yi + Selbstvertrauen = Ein Starspieler?

Wei Yi ist die Nr. 1 der Juniorenweltrangliste, aber steht immer noch vor dem Sprung, in die absolute Weltklasse vorzustoßen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Dieses Remis machte die Tür für Wei Yi auf und er beendete den Tag als geteilter Führender. Der 19 Jahre alte Chinese begann mit einem ruhigen Remis gegen den Inhaber einer Wild Card, Veselin Topalov und schlug im Anschluss noch den Wild Card-Inhaber Bassem Amin in Runde 2. Wei Yi meinte zum Abschluss des Tages:

Mit meiner heutigen Leistung bin ich zufrieden und ich bin sehr glücklich! In der zweiten Partie war meine Stellung nicht so gut, aber mein Gegner machte einige Fehler.

Der Computer sieht das anders und meint, Wei Yi hätte eine nahezu perfekte Partie gespielt. Falls sich Afrikas Nr. 1 Bassem Amin irgendetwas in Bezug auf seine Resultate vorhalten lassen kann, dann dass er gegen Ding Liren in der ersten Runde verlor, obwohl er ihn in der Eröffnung kalt erwischt hatte:

Bassem Amin hatte zurecht darauf hingewiesen, dass hier Sxf7! sehr stark gewesen wäre

Ding Liren war ebenfalls Wei Yis Gegner in der letzten Runde des ersten Tages. Und das junge Talent schaffte es, seine verbundenen Damenflügelbauern zum Sieg zu schieben. Dazu meinte er:

Es war eine sehr schwierige Partie, eine sehr lange Partie. Ich war nervös, als ich nur noch eine Minute hatte weil es mit dem Delay (dem Verzögerungsmodus) nicht möglich ist, Zeit mithilfe von Zugwiederholungen zu gewinnen.

Am Ende war jedoch ein scheinbar schwacher Bauer ausreichend, um die Partie siegreich zu gestalten. Die Springerroute von h7 nach e2 wurde nur durch die Aufgabe Dings unterbrochen:

chess24: Der 10 Jahre alte Wei Yi schlägt seinen Landsmann Ding Liren und holt Magnus Carlsen bei der Grand Chess Tour in der Führung nach dem ersten Tag ein!

Die Tabelle sieht damit nach dem ersten Tag wie folgt aus:


Am zweiten Tag wird Maxime Vachier-Lagrave die Chance haben, das Turnier durcheinander zu wirbeln. Er beginnt mit Weiß gegen Wei Yi und spielt in der nächsten Runde mit Schwarz gegen Magnus Carlsen. Die französische Nummer 1 ist definitiv in heldenhafter Stimmung in Abidjan!

chess24: Das Siegtor bei der Grand Chess Tour ist sogar noch besser mit der Titelmusik von Titanic!

Der zweite Tag beginnt um 19:00 Uhr MEZ, verpasse also weder die Partien noch den Live-Kommentar in insgesamt 4 Sprachen hier bei chess24

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