Interviews 04.10.2013 | 09:09von IM Georgios Souleidis

Ein Sekundant sein

Was ist eigentlich ein Sekundant im Schach? Die allmächtige Wikipedia gibt folgendes zum Besten:

"Ein Sekundant im Schach ist Helfer eines Spielers während eines Turniers oder Wettkampfes. Er leistet Unterstützung bei der Vorbereitung, analysiert bereits gespielte Partien und macht Verbesserungsvorschläge. Während der Partien darf er jedoch nicht eingreifen."

Das hört sich gar nicht schlecht an.

Flashback: Es ist der 12. Mai 2010. Ich befinde mich im Hilton Sofia Hotel, habe gerade den alten und neuen Weltmeister Viswanathan Anand interviewt, jetzt möchte ich mir einen der Sekundanten vorknöpfen. Das Team Anand - neben den Sekundanten und Aruna Anand aus verschiedenen Leuten der ChessTigers bestehend - hatte für die Weltmeisterschaft die gesamte 9. Etage gemietet. Am Ende des Ganges führt eine Tür zu zwei zusammengelegten großen Räumen. Ich trete ein, sehe rechts den Arbeitsraum der Sekundanten - kein Fenster und viele Computer - und rechts einen Aufenthalts-/Essraum für das gesamte Team. Dort sitzen sie, die vier Großmeister. Offensichtlich ziemlich fertig, aber happy.

Wen soll ich befragen? Ich rechne schnell alle Varianten durch: Den unrasierten Dänen Peter Heine Nielsen? Mein Gott nee, der sieht einfach zu müde aus. Den Polen Radoslav Wojtaszek? Kaum habe ich es gedacht und schon haut er ab. Den Inder Surya Shekhar Ganguly? Nee, diesen Englisch-Dialekt kann ich mir heute nicht nochmal antun. Es bleibt nur der Usbeke Rustam Kasimdzhanov. Den hätte ich aber wahrscheinlich eh gewählt, den Rustam spricht fließend
Deutsch, was die Sache am Ende des Tages einfacher macht. Also los.

vlnr.: Rustam Kasimdzhanov, Radoslav Wojtaszek, Peter-Heine Nielsen und mit dem Rücken zur Kamera Hans-Walter Schmitt (Delegationsleiter) und Aruna Anand (Vishys Gattin und Managerin) | Foto: Georgios Souleidis


"Schach ist kein Fußball"


Georgios Souleidis: Rustam, kommen wir gleich zur Sache. Warum hat Vishy die WM gewonnen?

Rustam Kasimdzhanov: Das war natürlich eine sehr knappe Sache und vor der 12. Partie wussten wir auch nicht, dass Vishy Favorit ist. Er spielte mit Schwarz und damit hatten wir während des Matches Schwierigkeiten. Und offen gesagt, wir wollten nur überleben mit Schwarz, und Topalov ist mit Weiß normalerweise gut vorbereitet. Und wahrscheinlich war er auch in der letzten Partie gut vorbereitet gegen die Eröffnungen, die wir bis dahin angewandt hatten, gegen Grünfeld und gegen dieses Slawisch-Endspiel. Dass es so schnell und so plötzlich zu Ende ging, das kam sehr überraschend. Ich habe danach gehört, dass Topalov unbedingt den Tiebreak vermeiden wollte. Das finde ich sehr überraschend, weil – obwohl Vishy ein besserer Schnellschachspieler ist – das in so einem Kampf keine große Rolle spielt. Ein Tiebreak ist eine reine Nervensache und es wäre eine knappe Sache geworden. Deswegen musste Topalov nicht zu Grunde gehen. Das kam sehr überraschend.

Am Ende waren Topalovs Nerven nicht so stark. Er spielte hier zu Hause und das ist kein Fußball. Im Schach zu Hause zu spielen, ist immer schlimm. Der Druck ist enorm hoch. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, weil ich in Taschkent wie jemand mit Elo 2400 spiele. Besser kann ich dort nicht spielen, ich weiß nicht warum. Das war auch offensichtlich, als Topalov gegen Kamsky spielte. Er hat zwar gewonnen, aber dort war er nicht der Topalov, den wir kannten. Wir spürten den Druck, schon vor zwei Jahren. Und der Druck, der wirkt manchmal überraschend. Und dass ein Schachspieler von seiner Klasse einfach diese Diagonale öffnet und mit dem König nach h4 läuft, das ist unbeschreiblich, das ist unbegreiflich, das kann gar nicht sein eigentlich. 

Veselin Topalov und Viswanathan Anand während der 12. und entscheidenden Partie der WM 2010 | Foto: Georgios Souleidis

G. S.: Man kann sagen, dass Vishy bei der WM in Bonn 2008 auch deswegen gewonnen hat, weil er dank einem tollen neuen Zug in der dritten und fünften Partie mit den schwarzen Steinen gegen Vladimir Kramnik siegreich blieb. Hier in Sofia gab es aber keine matchentscheidende Neuerung. Es wurde einfach viel Schach gespielt. Hat Anand gewonnen, weil er einfach der bessere Spieler ist?

R. K.: Klar, er ist der bessere Spieler. Daran habe ich persönlich keinen Zweifel und viele meiner Kollegen glauben das auch. Jetzt könnte man natürlich fragen, warum hat Topalov in den letzten Jahren die Schachszene dominiert, wenn Anand der bessere Spieler ist? Anand will das nicht immer. Das ist der Grund. Wenn er ein Turnier spielt, das nicht so wichtig ist, dann gibt er nicht 100%. Er gibt 100%, wenn es wirklich wichtig ist. Spieler wie Carlsen, Aronian usw. haben viele Turniere gewonnen, aber die letzten drei Weltmeisterschaften hat Anand dominiert. Das ist der Unterschied. Er ist der bessere Spieler, aber er zeigt das nicht immer. Mir persönlich ist das wichtig, dass er das hier gezeigt hat und in Bonn und auch in Mexiko (Bei der in einem Rundenturnier ausgetragenen Schachweltmeisterschaft 2007, Anm. d. Red.).

"Man muss die Augen offen halten"

G. S.: Wie lange arbeitest du für Anand als Sekundant?

R. K.: Seit Bonn. Wir haben im Sommer 2008 angefangen, also kurz vor Bonn.

G. S.: In den letzten sechs, sieben Monaten hast du so gut wie keine Schachpartie gespielt.

R. K.: Ich habe nur ein paar Partien in Frankreich und Spanien gespielt, aber praktisch gar nichts. Das kann man einfach schlecht kombinieren. Erstens hat man praktisch keine Zeit zu spielen und zweitens hat man keine Energie und auch keine Lust. Alle Gedanken richten sich auf das Match und auf die Vorbereitung. Man kann ja auch nicht alle Neuerungen spielen. Das wäre verrückt. Aber jetzt, jetzt ist das alles anders. Jetzt hat man diese Freiheit und man hat diese Energie gesammelt. Jetzt kann ich wieder langsam anfangen zu spielen.

G. S.: Wie darf man sich das vorstellen? Du bist ein Topspieler, Ex FIDE-Weltmeister und arbeitest in den letzten sechs Monaten nur für deinen Chef Anand fast komplett durch. Du bereitest alles vor, versuchst Neuerungen zu finden, Varianten zu checken. Sechs Monate ohne Pause, stimmt das?

R. K.: Das klingt ein bißchen drastisch. Das ist nicht ganz so einseitig. Die Sache ist, ich habe Vishy nie als Chef betrachtet. Wir arbeiten zusammen wie Freunde. Vishy ist auch nicht so einer, der sagt, mach dies oder mach das. Wir arbeiten zusammen als Kollegen und Freunde. Und ich hatte nie das Gefühl, dass ich ihm untergeordnet bin. Ich tue meine Arbeit, ich bekomme dafür Respekt und ich weiß das zu schätzen. Das ist an sich eine sehr lohnende Arbeit. Und für mein Schach ist es außerordentlich wichtig, dass ich mit so einem Spieler zusammenarbeiten kann.

G. S.: Dahin geht auch meine nächste Frage. Wie ist das bei Sekundanten – ich habe das z.B. bei Laurent Fressinet bemerkt, dass er, als er Kramniks Sekundant war, danach sehr stark gespielt hat. Ist es wirklich so, dass man als Spieler reift und nochmal besser wird?

R. K.: Klar, klar. Ich habe es immer gemerkt. Wenn man mit Leuten arbeitet, die stärker sind, wird man auch stärker, aber das geht nicht automatisch. Am wichtigsten ist es, die Augen offen zu halten. Man kann immer weiter lernen. Und ich weiß es noch, als ich 2006 mit Alexander Morozevich gearbeitet habe. Ich habe es bemerkt, dass man an einigem zweifeln kann, was Morozevich macht, aber das bringt einen nicht weiter. Wenn man die Augen offen hält, wenn man zuhört, wenn man versucht, das zu lernen, dann hilft das auch. Und Vishy ist noch eine Klasse besser.

Daran können wir nicht zweifeln. Die Elo sagt nicht alles. Und von Vishy das zu lernen, was er anbieten kann, ist sehr viel. Es ist auch leicht, weil Vishy als Person sehr offen ist und er hält sich nicht zurück, wenn es um Schachanalysen oder ums Schachspielen geht. Er ist sehr großzügig mit Ideen und Analysen. Wenn z.B. Journalisten mit ihm reden, gibt er viele Varianten. Er sagt auch, was er gesehen und nicht gesehen hat. Und wenn man richtig zuhört und die Augen offen hält, dann bringt das einen weiter. Ich habe das auch nach dem Match in Bonn gespürt. Ich hatte plötzlich diese neue Lust und Energie, Schach zu spielen. Schach ist nicht nur reine Klasse, Lust gehört auch dazu.

Rustam Kasimdzhanov mitten im Blitzlichtgewitter nach Anands WM-Sieg| Foto: Georgios Souleidis


"Schach spielen ist nicht das, was man sieht. Schach spielen ist das, was man zieht"


G. S.: Ich bin mit Vishy ein wenig die Partien der WM durchgegangen und war stark beeindruckt, wie unglaublich schnell und viel er rechnet. Ist das seine größte Stärke, natürlich neben der Tatsache, dass er sehr universell spielt?

R. K.: Klar, er sieht viel mehr als alle anderen, aber das ist nicht unbedingt eine Stärke. In Partien, die er verloren hat, hat er auch mehr gesehen als der Gegner. Schach spielen ist nicht das, was man sieht. Schach spielen ist das, was man zieht. Das kann manchmal auch zur Last werden. Wenn man so viele Varianten sieht, dass man sie nicht mehr kontrolliert. Aber das hilft natürlich auch. Die Sache mit Vishy ist auch: er hat alles unter Kontrolle, wenn es gut läuft. Dann wird er perfekt, wie hier in der 4. oder 12. Partie. Wenn er auf Gewinn steht, dann hat er die Partie unter Kontrolle und dann spielt alles Andere keine Rolle mehr. Die Nerven, die letzte Partie, der enorme Druck, er spielt dann einfach Schach. Für mich war er immer wie z.B. Roger Federer (begnadeter Tennisspieler) oder Ronnie O´Sullivan (begnadeter Snookerspieler). Die beiden machen, wenn es gut läuft, keine Fehler mehr. Vishy ist auch so einer. Wenn es dagegen nicht gut läuft, dann...

Wir haben das bei Federer erlebt, als er gegen Nadal nicht mehr spielen konnte vor
ein paar Jahren, es ging einfach nichts mehr und plötzlich kann er so schwach erscheinen. Aber wenn es gut läuft, dann ist er einfach perfekt. Und Vishy ist auch so einer. Wenn er irgendwann die Kontrolle gewinnt in einer Partie, dann sieht er alles, kontrolliert alles und macht keine Fehler mehr. Das ist wahrscheinlich auch seine größte Stärke.

G. S.: Du hast die vierte Partie angesprochen. Es gab Gerüchte, dass das alles vorbereitet war. Wie weit ging eure Vorbereitung tatsächlich?

R. K.: Das war natürlich nicht bis zum Matt vorbereitet. Das ist nie so. Den Zug 23. Sxh6 usw., das musste er alles am Brett finden. Es war vorbereitet, bis er einigermaßen eine angenehme Stellung hat. Aber Vishy ist ein Spieler, wenn er eine gute Stellung hat, dann reicht ihm das. Ich meine, viele andere Spieler versuchen das bis zum Matt zu polieren. Ich bin auch so einer. Aber Vishy braucht das nicht. Wenn er gut steht, dann reicht das, dann kann er weiter Schach spielen. Er ist ein guter Schachspieler, wahrscheinlich einer der besten, oder der beste, der je gelebt hat.

Rustam, vielen Dank für das Gespräch!


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